Goethe: Nähe des Geliebten – Gedichtvergleich, Analyse

Friederike Sophie Christiane Brun

Ich denke dein (1795)

Ich denke dein, wenn sich im Blütenregen
Der Frühling malt
Und wenn des Sommers mildgereifter Segen
In Ähren strahlt.

5 Ich denke dein, wenn sich das Weltmeer tönend
Gen Himmel hebt
Und vor der Wogen Wut das Ufer stöhnend
Zurücke bebt.

Ich denke dein, wenn sich der Abend rötend
10 Im Hain verliert
Und Philomelens Klage leise flötend
Die Seele rührt.

Beim trüben Lampenschein in bittren Leiden
Gedacht ich dein;
15 Die bange Seele flehte nah am Scheiden:
Gedenke mein!

Ich denke dein, bis wehende Zypressen
Mein Grab umziehen;
Und auch in Tempes Hain soll unvergessen
20 Dein Name blühn.

Erläuterungen zu Vers
11 Philomele: die Nachtigall
19 Tempe: das steile Durchbruchstal des Flusses Peneios zwischen Olymp- und
Ossa-Gebirge [http://de.wikipedia.org/wiki/Tempe_(Griechenland)]

Das Gedicht der Friederike Brun enthält Motive, die Goethe aufgreift und klärt: Dreimal: „Ich denke dein, wenn …“ (Frühling, Sommer; Weltmeer, Wogen; Abend, Nachtigall); dann der Wechsel in die beiden zeitlichen Dimensionen: Ich dachte dein (mit dem Bericht von der Bitte: Gedenke mein) / Ich werde an dich denken.
Nach der 3. Strophe bricht also das Ordnungsschema ab, es kommen neue Aspekte – und auch der erste Vers der 4. Strophe bricht aus dem Schema des „Ich denke dein“ aus. Der Ausblick des liebenden Ich in die Zukunft endet – und das stört doch sehr – auf dem Friedhof, wenn auch auf dem erlesenen Friedhof von Tempe, den zu besuchen es im Gedicht keinen Anlass gibt: ein Schnitzer, der jedoch durch „Philomele“ als griechisch-mythologische Bezeichnung der Nachtigall vorbereitet wird.

J. W. Goethe 

Nähe des Geliebten (1796)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

5    Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
10     Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh‘ ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
15 Die Sonne sinkt; bald leuchten mir die Sterne.
O, wärst du da!

Was macht Goethe aus dem Gedicht der Friederike Brun? Er behält den formalen Aufbau der Strophen bei: Wechsel von fünfhebigem Jambus mit weiblicher Kadenz und zweihebigem Jambus mit männlicher Kadenz, die vier Verse im Kreuzreim gebunden – ein ruhiges, bewegtes Sprechen, auch wenn jeder Satz zwei Verse umfasst. Goethe macht deutlich, dass er eine Vorlage vor sich hat.
Auch den Anfang des ersten Verses übernimmt Goethe – aber dann kommen die Änderungen: Er behält das Dreierschema bei, wandelt es aber in die Folge
Ich denke dein …
Ich sehe dich …
Ich höre dich … ab, sodass die Sinne des Auges und des Ohrs in die Wahrnehmung der abwesenden geliebten Person einbezogen werden, also das lyrische Ich im Ganzen aktiver wird; und vor allem der Geliebte so per Wahrnehmung immer stärker in die Nähe kommt, dass das Ich sagen kann: „Ich bin  bei dir!“ Die drei Wahrnehmungen werden über die wahrgenommenen Gegensätze (Sonne – Mond; fern – nah; rauschen – schweigen) zum Resultat „immer und überall“ systematisch ausgeweitet.
In der letzten Strophe drückt das nun weibliche lyrische Ich in einem Paradox seine Sehnsucht nach der „Nähe des Geliebten“ aus (und Goethe verzichtet auf die zeitliche Dimension und den störenden Rückblick aufs Krankenlager): Ich bin bei dir (Versicherung, Erleben) / O, wärst du da! (Wunsch, Erleben). In der Sehnsucht ist die geliebte Person nicht da und zugleich doch da; am Ende steht der Wunsch: „ O, wärst du da!“ (V. 16) Hier wird sozusagen die Versicherung „Du bist mir nah“ (V. 14) ebenfalls zerlegt in Dasein und Erwartetwerden des Geliebten. Und auch die Rollenverteilung ist geklärt: Das weibliche Ich ist „zu Hause“ und sehnt sich nach ihm, der Geliebte streift durch die Welt und wird erwartet.
Ergebnis der Überarbeitung der Vorlage durch Goethe:
– Straffung des Aufbau, Klärung;
– Variation, Ausweitung auf die Sinne – dabei Steigerung des Nähe-Erlebens;
– Gestaltung des „immer und überall“ durch die Gegensätze;
– klares Fazit: Sehnsucht hofft auf Erfüllung, paradoxes Erleben des abwesend Anwesenden.
Insgesamt eine Fingerübung für Goethe, den es gereizt hat, die Möglichkeiten eines Motivs auszuschöpfen und zu gestalten.

Korff (Bildwandel Bd. 2, S. 35 f.) sieht in dem Gedicht eine bisher bei Goethe unbekannte Unbestimmtheit des Ausdrucks, die er als Vorzeichen der Alterslyrik Goethes ansieht. Thema sei „ein ganz weites und großes Allgemeingefühl“, „in dem alles einzelne nur symbolische Geltung hat“ (S. 36).
Aufschlussreich ist Inge Wilds kleiner Aufsatz im Goethe Handbuch Bd. 1 (1996), S. 272-274 (ich referiere im Indikativ der Inge Wild): Goethe hörte das von Zelter vertonte Gedicht der Brun beim Justizrat Hufeland im April 1795 in Jena und war von der Musik Zelters tief beeindruckt; dazu wollte er dann selbst ein Lied dichten. Das Gedicht der Brun (aus dem Musen-Almanach für das Jahr 1795) spielt auf Matthisons Gedicht „Andenken“ (1792/93) an, in dem ebenfalls dreimal „Ich denke dein“ steht. Die eigenwillige Strophenform und auch die Gestaltung des Sehnsuchtmotivs [Letzteres ist meine Entdeckung] geht auf Ewald von Kleists „Lied eines Lappländers“ (1757) zurück. Bruns Gedicht, eine Liebesklage, ist vom Erinnerungspathos bestimmt; sein Höhepunkt ist die 2. Strophe, wo das Todesthema der beiden letzten Strophen vorweggenommen wird; ein antikisierender Ton, der in ihrer neuen Fassung des Gedichts 1796 noch verstärkt wird.
Wild weist darauf hin, dass bei Goethe alle Verben im Präsens stehen und dass die beiden letzten Worte in der Alliteration aneinander gebunden sind. – Wild bezieht Goethes Überarbeitung eher auf die Sesenheimer Lyrik (Mir schlug das Herz). Sie sieht die von mir für die letzte Strophe erkannte Dialektik bereits in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben (problematisch, finde ich); das von ihr so benannte Erinnerungspathos macht allerdings den Vorgriff ausfs Grab im Tempetal sinnvoll (hatte ich nicht verstanden).

Ewald von Kleist: Lied eines Lappländers (http://www.gedichteportal.de/html/kleist_2.html#a31,1757)

 

„Nähe des Geliebten“ erscheint mir wie ein Vorspiel wie Goethes großem Gedicht
„In tausend Formen magst du dich verstecken,
Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich…“,
womit Goethe das Buch Suleika abschließt, auch wenn das Gedicht schon vor der Begegnung mit Marianne von Willemer entstanden ist. Dieses wieder, vielmehr dessen beiden ersten Verse, erinnern mich an ein Gedicht von Novalis:
„Ich sehe dich in tausend Bildern…“ http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=331 (1802)

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