Goethe: Prometheus – Analyse

Worauf muss man achten, wenn man den Aufbau formal erfassen will?
        Pronomen           Verbform                               Satzform

1. Str. du/ich;       Imperative  (+ Verb „musst“);         Aufforderungen
2. Str. ihr (ich);            Präsens;                                   Aussagen
3. Str. ich;            Präteritum, Konjunktiv II;               Aussagen
4. Str. „du“ = ich;          Prät./Perfekt;                          Fragen
5. Str. ich/du;                Präs./Perfekt;                          Fragen
6. Str. du (ich);      Präteritum, Konjunktiv II;              Frage
7. Str. ich/du;                Präsens;                                  Aussagen

Aspekte bei der Beschreibung des Aufbaus:
1. Mit oder zu wem spricht das lyrische Ich?
2. Worauf läuft die ganze Rede des Prometheus hinaus?
3. Was tut er im Einzelnen sprachlich?

Es sind thematische Verbindungen zwischen den Strophen zu erkennen:
1 – 2  (Negation „nicht“ – Armut);
2 – 3  (Kinder, Toren – ich ein Kind, verirrtes Aug´)
3 – 4  (Not – Hilfe)
4 – 5  (Hilfe – Hilfe)
5 – 6  (Tränen gestillet – zum Manne geschmiedet); (zum Manne – Knaben)
6 – 7  (in Wüsten fliehn – hier sitz´ ich; Lebensverneinung – Lebensbejahung).
Prometheus spricht (eher monologisch) zu Zeus, verspottet ihn, wendet sich von ihm ab und behauptet sich selbst als ein Irdischer; er rechtfertigt sich im Hinblick auf seine Lebensgeschichte als Geschichte der Gottverlassenheit und der Bewährung.
Ich unterscheide drei Teile: die beiden ersten und die beiden letzten Strophen, in denen das Ich sich (Präsens) gegen Zeus behauptet, sowie den Mittelteil, in dem das Ich auf die eigene Geschichte zurückblickt. Im Mittelteil dominieren rhetorische Fragen nach der unterlassenen Hilfe des Zeus.
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Wenn man das Gedicht als ganzes dahin versteht, in seiner Äußerung insgesamt (d.i.  das Gedicht) sage Prometheus sich von Zeus los und entledige sich vermeintlicher religiöser Pflichten, dann kann man folgende Phasen dieses Vorgangs (hier „Abschnitte“ genannt) unterscheiden:
1. Prometheus beschimpft Zeus und die Götter als machtlos (1. und 2. Strophe), er spottet. Wie er das macht, dies zu zeigen wäre Aufgabe der Analyse dieser beiden Strophen.
2. Im Rückblick auf seine eigene Kindheit und Jugend rechtfertigt er, dass er sich von Zeus lossagt (3. bis 6. Strophe):
a) Er erzählt von seiner Not, seiner enttäuschten Hoffnung und davon, dass er sich selbst gerettet hat (3. und 4. Strophe) – teilweise erzählend, teilweise in rhetorischen Fragen.
b) Daraus zieht er die Konsequenzen: Es wäre unsinnig zu erwarten, dass er als der in Kämpfen und Leiden Gereifte dem Zeus Verehrung zukommen lassen solle (5. und 6. Strophe).
3. Gegen die unberechtigten Erwartungen des Zeus setzt er sich zur Wehr und berichtet von seinem Tun und Vorhaben: sich in der Gemeinschaft der von ihm Geschaffenen selbst zu behaupten.
Wie die einzelnen Abschnitte miteinander verbunden sind (durch das Stichwort „Kind“ der 1. und 2. Abschnitt, durch die rhetorischen Fragen 2 a) mit 2 b) usw., das kann dann jeweils im Einzelnen gezeigt werden.
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Viele Kontraste fallen auf: der Gegensatz zwischen deinem Himmel und meiner Erde; die Herabsetzung der Götter in der Verbindung von „kümmerlich / Majestät“; die Entwicklung des Prometheus vom betrogenen Kind zum wissenden Mann; die Spannungen in seinem jetzigen Leben (leiden / sich freuen). Der Irrtum des Zeus (Str. 6 und 7) scheint bestehen zu bleiben. Die Wiederholungen unterstreichen sowohl die Aufregung des Sprechers (ebenso der freie Rhythmus) wie die Vielzahl seiner guten Gründe, sich von Zeus abzuwenden. Das letzte Wort, das betonte „ich”, steht für die Selbstbehauptung des Ich. Neben den Neologismen, die in ihrer Bedeutung zu erschließen wären (Wolkendunst; Opfersteuern; Gebetshauch; Knabenmorgenblütenträume – ein auffälliges Wort), sticht vor allem der Sinnbereich „Glühen“ (Herd – Herz – Schmiedefeuer) hervor, was m.E. die Wahl des mythischen Hel-den Prometheus als Sprecher durch Goethe erklärt; dass der Mann mit dem „heilig” glühenden Herzen sich vom kalt unbeteiligten Schläfer abwendet, ist ein Akt wahrer Religion, Vollzug genialischen Lebens,  wobei das frevelhaft geraubte Feuer wahrhaft im Herzen erglüht.
Zeus darf vielleicht (?) als Stellvertreter des christlichen Gottes (oder der Obrigkeit?) gelten, Prometheus als Kulturschöpfer und Genie (vgl. Goethe: Zum Schäkespears-Tag, Lehrbuch TTS S. 216 f.) Mit der Weltflucht als Weg zur Gottesverehrung und dem Stichwort „Schöpfung nach dem eigenen Bild“ wird vermutlich auch auf christliche Themen kritisch angespielt (Mönchtum; Mensch als „Ebenbild Gottes“).

* Zur grafischen Gestalt des Textes: Conrady, Trunz und Klaus Weimar (Goethes Gedichte 1769-1775) grenzen V. 38-46 als eine Strophe und V. 47-51 als eine Strophe ab! Diese Strophenform entspricht auch der 1. Druckfassung, nur dass dort zusätzlich hinter V. 7 ein Einschnitt gemacht und die erste Strophe in zwei geteilt war. – Das mit Gottes und der NRW-Richtlinien Hilfe verbreitete Lehrbuch TTS hat eine eigenwillige andere Strophenabgrenzung gewählt…
* Inge Wild weist in ihrem Artikel im Metzler Goethe Lexikon darauf hin, dass Goethe auf „die ikonographische Darstellung des Töpfergottes Prometheus“ zurückgreift, der sitzend seine Geschöpfe aus Ton formt, wie sie ihm aus Hederichs „Mythologischem Lexikon“ (1770) bekannt war (1999, S. 390).

Ausbildung des Geniebegriffs und poetische Neuerungen um 1770

Ich möchte einige Gedanken von Erich Trunz referieren, die dieser in dem Exkurs „Die großen Hymnen“ in seinem Kommentar zu Goethes Gedichten in der Hamburger Ausgabe (Bd. 1, 13. Aufl. 1982, S. 463 ff.) vorgetragen hat:
Der Geniebegriff wurde in der Zeit um 1770 entschieden umgebildet. Grundlage dafür waren Gedanken englischer Philosophen (Shaftesbury u.a.), welche erstmals die Naturnachahmung und die Gelehrtheit eines Dichters nicht mehr als Voraussetzung großer Kunst ansahen, sondern seine impulsive, originelle Schöpferkraft. Diese Ideen griff Lessing auf (auch in der Dramentheorie wandte er sich von den Franzosen ab!), setzte sie aber noch in Beziehung zu den Regeln, nach denen vollkommene Kunstwerke zu bilden seien. Danach schlugen Hamann und Herder in ihren Theorien neue Töne an: dass nicht um Beziehung des Kunstwerks zu Regeln, sondern zur Seele seines Schöpfers gehe. Als Prototyp eines solchen Künstlers galt Shakespeare.
Goethe, der mit Herder befreundet war, verband diese neuen Genie-Theorien mit seiner Selbsterfahrung als Künstler; dies hat er in den großen Hymnen dichterisch gestaltet: Die Welt ist Symbol und für den Sehenden Offenbarung des Göttlichen, das Unendliche lebt im Endlichen. Vorstellung der Emanation: Das Ich geht in einem Vorgang der Verselbstung aus dem Göttlichen hervor (und grenzt sich vielleicht sogar dagegen ab: Prometheus), um danach im Prozess der Entselbstigung wieder in seinen Ursprung zurückzukehren (Ganymed; Mahomets-Gesang).
Die Elemente eines neuen dichterischen Stils drücken diese Erfahrungen aus und stehen in einem Strukturzusammenhang: Das erste Element ist der freie Rhythmus; dazu kommt eine freie Strophik (unregelmäßige Strophenlänge). In unkonventionell gebauten Sätzen erscheint unmittelbar die Folge der Vorstellungen, wie sie im Geiste auftauchen; was im Erleben eins ist, wird auch im Sprechen zusammengezogen, sei es in neuen Wörtern oder in eigenwilliger Satzkonstruktion: Das Wirkende ist das Subjekt, dessen Tun wird Prädikat, das Bewirkte Objekt.
Mein Vorschlag: Die entsprechenden Hymnen (etwa in der Freiburger Anthologie) selber lesen, den Exkurs Trunz‘ im Band 1 der Hamburger Ausgabe ebenfalls lesen:
Wandrers Sturmlied;
Der Wanderer;
Mahomets-Gesang;
Prometheus;
Ganymed (parallel: Brief Werthers vom 10. Mai!);
An Schwager Kronos;
Seefahrt;
Harzreise im Winter.

Die großen Hymnen, das ist ein gewaltiger Aufbruch, sodass man sie ohne Kommentare kaum ganz versteht. Für „Prometheus“ nenne ich drei ältere:
Conrady, Karl Otto: J. W. von Goethe, Prometheus. In: Die deutsche Lyrik. Hrsg. von Benno von Wiese, Bd. I (viele Auflagen), S. 214 ff.
Weimar, Klaus: Goethes Gedichte 1769-1775. Interpretationen zu einem Anfang, Paderborn 1982, S. 87 ff.
Thomé, Horst: Tätigkeit und Reflexion in Goethes Gedicht ‚Prometheus‘. In: Gedichte und Interpretationen, Bd. 2. Hrsg. von Karl Richter. RUB 7891, 1983 = 1999, S. 427 ff.
Jüngeren Datums ist Brandmeyer, Rudolf: Die Gedichte des jungen Goethe, 1998, S. 113 ff.
Horst Thomé bestimmt das Gedicht als Ode. Nach dem Schülerduden Literatur ist die Ode eine Grundform des lyrischen Sprechens, welche mit dem Lied und der Hymne verwandt ist, wobei die Grenzen fließend sind. Als Merkmal der Ode gilt ein feierliches, schwungvolles Sprechen. In der deutschen Literatur erreichte die Ode einen ersten Höhepunkt in Klopstocks Dichtung, dessen Sammlung „Oden“ (1771) nachhaltig auf die Zeitgenossen einwirkte („Prometheus“ 1774).
Rudolf Brandmeyer hat sich intensiv mit den Formen der frühen Gedichte Goethes beschäftigt; er zählt „Prometheus“ zu den Hymnen. In der Antike waren die Hymnen Lob- und Preisgedichte auf die Götter oder Heroen (Übermenschen, Halbgötter). „Goethes Hymnen sind weder religiös noch heroisch. In der Geschichte der Form haben sie ihren herausragenden und innovativen Platz, weil sie eine neue, dritte Semantik einführen. Es ist die der Größe, die aus der Selbststeigerung des Subjekts kommt. Befreit von der Dienstfunktion,  vom Preis der Götter und von der Feier der heroischen Tat, erschließt sich die Form in diesen Jahren das Gebiet der extremen Lagen und Ansprüche des (modernen) Subjekts. Dabei bleibt sie, ihrer Tradition gemäß, auf ein großes, inkommensurables Gegenüber angewiesen.“ (Das kann „der Sturm“ sein, im Rollengedicht „Prometheus“ ist es der mythische „Zeus“). (R.B., a.a.O., S. 135)
Was Brandmeyer zur  Gedichtform des Hymnus sagt, wird inhaltlich im Gedicht „Prometheus“ bestätigt: Heilig glüht nur das eigene Herz (V. 34), es ist der neue Gott und „alles selbst vollendet“ (V. 34) – hier wird das Wort „erschaffen“ umgangen; ähnlich ist es in der letzten Strophe: „Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bilde“ (V. 52 f.) – deutlicher kann Prometheus die Attribute der Gottheit nicht für sich beanspruchen (Analogie zu Gen 1), auch wenn wieder nicht „erschaffen“ gesagt wird. Zeus wird noch als „Schlafender“ erwähnt; das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ort des Göttlichen nicht mehr „der Himmel“ ist. Auch Ganymeds Himmelfahrt und des Flusses Heimkehr zum ewigen Ozean („Mahomets-Gesang“) können deshalb nicht mehr im Sinn des alten Mythos verstanden werden.
Es gibt eine größere Analyse von Hartmut Reinhardt: Prometheus und die Folgen (1991), im Goethezeitportal: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/prometheus_reinhardt.pdf

PS
Andeutungsweise habe ich mich mit Thomés Aufsatz über das Gedicht in meinem Aufsatz „Erörtern – was heißt das, wie geht es?“ in der Rubrik „Schreiben – Aufsatz“ im Blog norberto42 bei kulando.de auseinandergesetzt.

Rezitation:
http://www.rezitator.de/gdt/239/ (Lutz Görner)
http://www.rezitator.de/gdt/312/ (Lutz Görner, besser)
http://www.deutschelyrik.de/clubs/Lyrik/prod/Prometheus%20(Goethe)jaa.mp3 (Fritz Stavenhagen, gut!)

Was es sonst noch im Netz gibt:
http://lyrik.antikoerperchen.de/johann-wolfgang-von-goethe-prometheus,textbearbeitung,162.html (Schüleranalyse)
http://www.artikelpedia.com/artikel/englisch/3/goethe–prometheus-interp88.php (noch eine Schülerarbeit, es gibt noch mehr …)

2. PS

Oft wird gefragt, was der Dichter als Person mit dem lyrischen Ich (bzw. dem Ich der Rollenfigur, hier Prometheus) zu tun hat. Abgesehen davon, dass Goethe neben dem „Prometheus“ auch mit gegensätzlicher Tendenz „Ganymed“ geschrieben hat, kann man folgende Äußerung Goethes über sich selbst zum Vergleich mit dem Rollen-Ich des Prometheus heranziehen:

„Die Stelle in deinem Brief die einen Winck enthält von möglicher Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gegangen. Ach es ist das schon so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde Dienste ginge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines Amts – und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder einmal wie’s draussen aussieht.

Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem Instinkt zu handlen, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und dann biss ich politische Subordination lernte – Es ist ein verfluchtes Volck, die Frankfurter, pflegt der Präsident v. Moser zu sagen, man kan ihre eigensinnige Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht wäre, unter allen meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. [136] Das bissgen Theorie, und Menschenverstand richtens nicht aus – Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand. ich lerne ieden Tag und haudere mich weiter. – Aber in einem Justiz Collegio – Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der unerfahrenste am Tisch war – Also – doch möcht ich wissen ob deine Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.“ (Brief an Kestner vom 25. 12. 1773: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1773)

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