Goethe: Prooemion – Analyse

Das Gedicht diente als Einleitung des 1. Heftes von Goethes Zeitschrift „Zur Naturwissenschaft überhaupt“ (1817) und wurde 1827 das Einleitungsgedicht der Gedichtgruppe „Gott und Welt“. So ist dem Gedicht durch Goethe ein ausgesprochen programmatischer Charakter zugewiesen; der Sprecher ist als Dichter und Naturforscher zu verstehen. Zunächst legitimiert er sich als jemand, der im Namen Gottes spricht (V. 1-6); dann trägt er seine Lehre oder seine Erfahrung  von der Welt-Erfahrung vor (V. 7-14). Er spricht völlig gleichmäßig, im fünfhebigen Jambus; die Verse sind im Paarreim aneinander gebunden, und jedes Reimpaar ist eine kleine Sinneinheit.
Der Sprecher beginnt also damit, dass er sich auf einen anderen beruft:
„Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf!“ (V. 1)
Die Formel „im Namen …“ ist uralt; sie begegnet im AT da, wo jemand im vorgeblichen oder tatsächlichen Auftrag eines anderen redet oder handelt. Die Wendung „im Namen Gottes“ wird beim Segnen, Schwören und Fluchen gebraucht. In der Bedeutung „namens, im Auftrag Jahwes“ kommt die Formel in Dt 18,18-20 und Jer 14,14; 29,9 vor. (BHH, 1964, Art. „Name“) – Der Sprecher vermeidet jedoch den Namen „Gott“ und umschreibt diesen als den Erschaffenden schlechthin („der Sich selbst erschuf“: eine paradoxe Wendung, V. 1; „in schaffendem Beruf“: sein Wesen von Ewigkeit, V. 2; alle guten menschlichen Leistungen schaffend, V. 3 f.). Dann folgt ein Bekenntnis:
„In Jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:“ (V. 5 f.)
Hier wird dem Namen das Wesen gegenübergestellt – eine bedeutsame Wendung, mit der der Sprecher in seinem dreifachen Bezug auf jenen Namen auch seine eigene Rede sowohl legitimiert als auch relativiert und so ihren „Inhalt“ (V. 7 ff.) vorbereitet. Mit dieser Distanzierung vom Irrglauben, mit dem Namen oder der Nennung Gottes diesen selber schon im Griff zu haben, steht der Sprecher nicht nur in der besten religiösen Tradition, sondern auch in der Wortskepsis Fausts (gegenüber Wagners, des Schülers und Gretchens Bestreben, das wahre Wort zu finden, „Faust“ V. 522 ff.; V. 1868 ff.; V. 3414 ff.). Wie sehr Faust bzw. unser Sprecher damit Recht haben, sieht man, wenn man in einer Internet-Suchmaschine „im Namen Gottes“ eingibt. Die vielen Namen Allahs sind dazu gut, ihn anzurufen und zu preisen (vgl. „In tausend Formen magst du dich verstecken“), ohne damit Ihn selber so zu fassen.
Wie nun Erfahrung und Forschung den Forscher dem unbekannten Gott näher bringen, wird in den folgenden acht Versen entfaltet. Der Sprecher wendet sich jetzt an ein „du“, das alle Forscher und Erkennenden umfasst. Die erste Aussage ist wiederum paradox:
„So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,“ (V. 7 f.)
– eine Aussage, die streng genommen nicht zu verantworten ist, weil man über das Gleichen des Bekannten (V. 7) und des wesentlich Unbekannten (V.6) eigentlich nichts sagen kann.
In den beiden folgenden Versen wird auf die traditionelle Theorie von „Gleichnis“ und „Bild“ als Verhältnis des Irdischen zum Göttlichen zurückgegriffen (V. 9 f.). Paulus hat entsprechend von der Erkenntnis Gottes im Spiegel gesprochen – dabei waren in der Antike die Spiegel schlechter als heute: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ (1 Kor 13,12) Der Ich-Sprecher verzichtet auf die Hoffnung des Paulus, das Jetzt durch ein Dann oder Dereinst abzulösen: Du hast jetzt und immer an Bild und Gleichnis genug (V.9 f.).
Des Geistes „Feuerflug“ ist eine Metapher, die das Erkennen ans Licht und an die Sonne bindet, wie es bereits in Platons Höhlengleichnis der Fall ist; in Faust II ermuntert Faust sich selber: „Hinaufgeschaut!“ (V. 4695) Als dann die Sonne hervortritt, droht ihn das Feuermeer zu verschlingen,
„So daß wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.“ (V. 4713 f.)
So hat auch hier der Geist am „Gleichnis“ genug. Und so singt auch der Chorus mysticus am Ende von Faust II:
„Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis …“ (V. 12104 ff.)
Der Feuerflug kann und braucht nicht zur Sonne durchzudringen, der Geist sieht genug, wenn er die tausend Bilder der Sonne sieht.
Zwei Wirkungen dessen, dass man das Bild des Unbekannten schaut, werden noch vorgestellt: „Es zieht dich an,“ und der dadurch entstehende Weg ist geschmückt (kosmisch im wörtlichen Sinn). Die zweite Wirkung wird wiederum paradox formuliert:
„Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.“ (V. 13 f.)
Auf Zählen und Berechnen, elementare Tätigkeiten des Naturwissenschaftlers, verzichtest „du“ angesichts des Unermesslichen; hier greift Goethe den romantischen Gedanken des Novalis von 1800 auf:
„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen …“
Darauf folgt das Paradox, dass jeder begrenzte, abgemessene Schritt des Forschers „Unermeßlichkeit“ ist.

Das Gedicht entfaltet im Anschluss an die mystische Tradition eine welthafte Frömmigkeit; der Ich-Sprecher, eine Stimme Goethes, bekennt sich zu einer Forschung, deren Ideal nicht im Erfassen quantitativer Beziehungen liegt, sondern in der Begegnung des alles Umfassenden oder Umgreifenden, wie es später bei Jaspers heißt (http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Jaspers). Ich ginge noch gern auf Nietzsche: Menschliches Allzumenschliches I 637 ein, belasse es aber bei diesem Hinweis; der jüngere Nietzsche schwärmt noch vom Aufbruch, der alte Goethe begnügt sich mit dem Schauen der Bilder.

Vgl. noch den kleinen Aufsatz „Was heißt ‚Reden im Namen Gottes’?“ http://www2.uni-erfurt.de/slawistische_literaturwissenschaft/Konferenz/bader.pdf

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