Goethe: Seefahrt – Analyse

Es werden verschiedene Phasen einer Seefahrt erzählt: das Warten auf den Wind, die Abreise, der Kampf mit den Wechselwinden, Widerstand gegen den Sturm. Erzähler ist zuerst der Seefahrer selbst als lyrisches Ich, danach ein allwissender neutraler Erzähler; der Wechsel vollzieht sich zwischen der 3. und 5. Strophe. Möglicherweise ist er dadurch bedingt, dass ein Ich-Erzähler nicht mitten im Sturm zu erzählen aufhören könnte, wie es jetzt geschieht (8. Strophe). Das Tempus wechselt in V. 13 ins Präsens, was normalerweise den Hörer näher ans Geschehen bringt. Der Erzähler spricht kraftvoll (Trochäus, durchweg fünf Hebungen, in vier Schlussversen aber nur zwei, wodurch diese Worte einen stärkeren Akzent und mehr Vers-Zeit bekommen).
Relativ viel Zeit nimmt der Erzähler sich für den Aufbruch und die Auseinandersetzung mit dem Sturm. Wie er mit seinen Freunden lange (V. 1) auf günstigen Wind wartet, wird nur angedeutet (zwei Partizipien, „harrend“und „erzechend“, dehnen die Zeit); die guten Wünsche der Freunde werden wörtlich berichtet (V. 6-10). Dabei fallen mir die G- und W-Alliterationen auf (V. 6-9); der Erzähler beginnt schon mit dem reihenden Erzählen („und“, V. 5 und dann 11 ff.: so wird schneller Wechsel der Ereignisse angedeutet).
Dem Aufbruch widmet der Erzähler fast zwei der unregelmäßig langen Strophen; er erzählt vom „Getümmel“ des Aufbruchs (V. 11) und preist die Gunst der Stunde: des lange erwarteten Fahrtwinds (Segenshauch, blühen, Sonne lockt, hohe Wolken, hohe Sternennächte); auch in den Worten der Freunde spiegelt sich seine Freude (Hoffnungslieder, Freudentaumel). Die Zeit zwischen Abreise und dem Aufkommen der Wechselwinde überbrückt der Erzähler mit dem Partizip „wähnend“ (V. 20), womit er zugleich den Umschwung des Wetters andeutet.
Durch die wiederholte Konjunktion „aber“ werden zwei neue Situationen vom Erzähler eingeführt: das Aufkommen der Wechselwinde und das des Sturms (V. 22 und 27); mit den Wechselwinden kann der Seefahrer sich klug, also vor dem Wind kreuzend auseinandersetzen, wodurch er seinem Ziel „treu“ bleibt (V. 26); beachtlich ist die Differenz zwischen scheinbarem Nachgeben und tatsächlichem sich Durchsetzen. Dass die Winde „gottgesandt“ genannt werden, muss nicht wörtlich verstanden werden, wie sich auch aus V. 40 und 46 ergibt; es bedeutet so viel wie vorgegeben oder schicksalhaft, also nicht erstrebt.
Die meiste Zeit widmet der Erzähler dem Schicksal des Seefahrers im Sturm: Der kommt, alles niederdrückend (V. 29 f.); diesem „nieder“ entspricht die als weise gepriesene Reaktion des Schiffers, die Segel einzuholen (V. 32 – Kontrast zu V. 15). Wind und Wellen (Alliteration) sind der Sturm; ihre Macht zeigt sich darin, dass sie mit dem Schiff spielen (V. 33 f.: Metapher „Ball“: ein Kinderspielzeug, aber von Menschen und ihrer Angst erfüllt). Die Bemerkung vom Spielen wird später wiederholt (V. 42) und dazu genutzt, den kraftvollen Widerstand des Seefahrers vor diesem Hintergrund zu zeigen („nicht mit seinem Herzen“; „männlich“; vgl. auch den Kontrast zu V. 30 und zu dem Jammern der Freunde, die – neuer Kontrast! – auf dem Festland stehen und beben, V. 35 ff.). Im Schlussvers wird die Kraftquelle des Seefahrers genannt: seine Götter (V. 46), das ist sein Herz (V. 43, vgl. „Prometheus“!).

Die Seefahrt ist ein alter Topos für die wechselhaften Geschicke des Lebens: http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=topos

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