Goethe: Selige Sehnsucht – Analyse

Goethe hat das Gedicht am 31. Juli 1814 geschrieben, wenn Gert Ueding (Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996, S. 377) recht hat, und als Titel „Selbstopfer“ vorgesehen; beim ersten Druck (Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1817) stand es unter dem Titel „Vollendung“, und erst die letzte Fassung 1819 (im West-östlichen Divan) erhielt den uns geläufigen Titel „Selige Sehnsucht“.
Es ist eine elementare Forderung, den Aufbau eines Gedichtes zu beachten, wenn man es verstehen will. „Selige Sehnsucht“ besteht aus zwei Teilen, der ersten und den folgenden Strophen. In der 1. Strophe stellt der Ich-Sprecher seine Absicht vor, die folgenden Strophen sind der von ihm angekündigte (V. 3) Preisgesang des Lebendigen, das sich nach Flammentod sehnt. Untersuchen wir zuerst den Preisgesang (V. 5 ff.), um abschließend seinen Stellenwert zu diskutieren.

Was tut der Sprecher in seinem Preisgesang? Er beschreibt eine allgemeine Erfahrung bzw. er beansprucht, eine allgemeine Erfahrung zu beschreiben; das erkennt man am Plural „Liebesnächte“ wie am Präsens „überfällt“ (V. 5 f.) Diese Erfahrung wird jedoch so beschrieben, dass vieles daran unklar ist:
– der Relativsatz „die dich zeugte“ (V. 6), bezogen auf „der Liebesnächte Kühlung“ (als dem Abkühlen des Begehrens) – wie konnte die Kühlung dich zeugen?
– „Finsternis“ (V. 10) ist vermutlich in einer dualistisch-religiösen Bedeutung gebraucht; denn wenn die Kerze leuchtet, ist es ja nicht finster – es sei denn, man zündete die Kerze erst nach dem Beischlaf an; für das religiöse Verständnis spricht auch, dass die Finsternis ihren Schatten auf „dich“ wirft (Beschattung);
– was höhere Begattung (V. 12) bzw. Verlangen danach (V. 11) ist, ist unklar; es muss das Ergebnis der fremden Fühlung (V. 7) sein, vielleicht also des Gefühls einer Fremdheit gegenüber dem Liebespartner, einer Einsamkeit;
– „schwierig“ (V. 13) ist nach Adelung „unzufrieden mit etwas“; potenzieller Anlass dafür muss hier die Entfernung vom Licht sein – du machst dich im Bann des Lichtes auf den weiten Weg; „Licht“ ist im Kontrast zu Finsternis wieder eine religiöse Metapher des Guten oder des Göttlichen;
– sehr unklar ist die Aussage im Perfekt, dass „du“ zuletzt (wie ein Schmetterling) auf dem Weg ins Licht verbrannt bist (V. 15 f.); es fällt also auf, dass der Ich-Sprecher nicht von einer kommenden Verbrennung spricht, sondern von einer schon geschehenen – das könnte man wegen des Adverbials „zuletzt“ (V. 15) relativieren, aber die folgende Strophe bestätigt das Perfekt;
– unklar ist dort allerdings, was „stirb und werde“ heißt (V. 18, „werde“ ohne Prädikativ!), und wie man dieses „Stirb und werde!“ haben kann (V. 17);
– „dunkle Erde“ (V. 20) stellt wieder den Gegensatz zum Licht dar, auf der dunklen Erde sind wir nur „Gast“; denn unsere Heimat ist das Licht, wie auch Paulus weiß (ist im Himmel, Phil 3,20; Kirchenlied: „Wir sind nur Gast auf Erden“).
Fasst man den mehr oder weniger klaren Preisgesang zusammen, dann ergibt sich als Beschreibung einer Erfahrung: Im Ungenügen am sexuellen Liebesakt erhebt man sich zum Licht und strebt ihm unaufhaltsam zu, bis man im Licht verbrennt und neu wird – in dieser knappen Formulierung sind allerdings viele Unklarheiten des Preisgesangs übergangen. „Stirb und werde!“ scheint als Imperativ bekannt zu sein, etwa im Sinn „Stirb als alter Mensch, werde als neuer geboren“ (oder: den alten Menschen ausziehen, Eph 4,22, um mit dem Herrn Jesus Christus bekleidet zu werden); das hieße dann hier „Flammentod“, während es im Christentum „Wiedergeburt“ genannt wird. – Sehnsucht nach dem Flammentod wäre demnach nicht Todessehnsucht im Sinn Freuds und wäre zweitens nicht etwas, was erst „beim Sterben“ erfolgt, sondern eine im Leben mögliche und erwünschte Verwandlung, eine Art Erlösung; diese Verwandlung bewirkte überirdische Liebe zum Licht, die bis zur Hingabe (Aufgabe) des alten Ichs schritte.
Ich denke bei „Flammentod“ auch an den Schluss der beiden Balladen „Die Braut von Korinth“ sowie „Der Gott und die Bajadere“, wo die Rettung der Liebenden im Flammentod erfolgt.
Den Stellenwert des Preisgesangs bestimmt die 1. Strophe. Dort wendet sich der Ich-Sprecher an Wissende, die er von der Menge der Dummköpfe abgrenzt; er fordert sie (dazu gehört dann auch das später angesprochene „Du“) auf, ihr Erlösungswissen nicht vor der Menge auszubreiten, sondern nur vor den Weisen (V. 1 f.) – Perlen soll man eben nicht vor die Säue werfen, weiß wie Hafis auch Jesus zu sagen. Und als sein Vorhaben tut der Sprecher kund:
„Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.“
Wir finden hier den Kontrast „lebendig / Tod“, aber da dieser der erlösend-verwandelnde Flammentod ist, ist er ein Durchgang zum wahren Leben, zur erhöhten Liebe oder zum Licht und damit Steigerung, nicht Negation des Lebens.
Vielleicht sollte man hier noch kurz anführen, dass der Sprecher gleichmäßig im Trochäus spricht, vierhebig mit weiblicher Kadenz, was ein ziemlich flüssiges (lehrhaft: Geheimlehre der Weisen) Sprechen möglich macht. In der 4. Strophe sind die 2./4. Vers, in der 5. Strophe der 1./3. Vers vierhebig mit männlicher Kadenz (es fehlt also die Füllung des Taktes: kleine Pause), während der 2./4. der letzten Strophe nur dreihebig und so V. 18 (mit der großen Formel vom Stirb und Werde!) durch eine längere Pause hervorgehoben ist. Die im Kreuzreim aneinander gebundenen Verse passen mehr oder weniger zusammen, teilweise als Kontraste (V. 9/11 – aber hier sieht man auch, wie problematisch Aussagen über die Semantik der Reime hier sind, weil die Sinneinheit oft zwei und mehr Verse umfasst; die 2. und die 5. Strophe sind ein einziger Satz).
Hannelore Schlaffer weist in ihrem Kommentar zum Gedicht (in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, hrsg. von Wulf Segebrecht, 1984, S. 335 ff.) auf den Gestus des Sprechers in der 1. Strophe hin: Er fordere Nachfolge (S. 336). „Die Gebärde des Gedichts ist Verführung.“ (S. 337) Goethe spiele hier mit der Rolle der religiösen Propheten; dessen Idee folge persisch-indischen Lehren von Selbstvernichtung, Erlösung und Wiedergeburt (S. 338); die Dichte der bedeutungsschweren Begriffe mache ihre Abstraktheit vergessen (S. 339). „Verführung zum Glauben durch Verwirrung der Erfahrungen ist der Gestus des Gedichts, dem selbst die Interpreten verfallen sind.“ (S. 340)
Richtig an ihrem ungewöhnlichen Vorstoß ist zumindest, dass die Rolle der 1. Strophe im Aufbau des Gedichts sowie die Funktion des Sprechers genau bedacht werden müssen; dass zweitens eine Art religiöser Hingabe gepriesen wird, die aus einem Ungenügen an irdischer Liebe entsteht; dass man den religiös besetzten Kontrast „Licht / Finsternis“ als abstrakt ansehen kann. Ob man allerdings das Verlangen nach höherer Begattung, das aus der Erfahrung von Fremdheit nach dem Liebesakt erwachse, als allgemein sehen will, soll dem Urteil des Lesers anheimgestellt bleiben.
Das Gedicht wird von Laien im „Seniorentreff“ diskutiert: http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a459.html

Weil das Gedicht ziemlich unklar ist, wird bei seiner Auslegung viel gesponnen – ich weise nur auf die stille leuchtende Kerze hin. Da finden dann manche, dass die Kerze sich verzehrt (als ein Vor-Bild des Todes), aber das steht da nicht; manche sehen eine Parallele zum kleiner werdenden Phallus (für Nichtlateiner: Pimmelchen), aber auch das steht da nicht. Da steht, dass es eine stille Kerze ist – still im Gegensatz zum Liebesgestammel oder -gestöhne, und dass sie leuchtet, Licht ist – im Gegensatz zur Finsternis: dem Gefühl der Fremdheit. Als Licht entzündet sie selige Sehnsucht nach dem Flammentod … nicht mehr und nicht weniger gibt der Text her. Gerhard Vinnai: Jesus und Ödipus, schreibt (S. 92): „Nach einer genußreichen sexuellen Vereinigung kann man sich wie neugeboren fühlen. Die psychischen Spannungen und Erstarrungen, die das Selbst als tot und entleert erscheinen lassen, können durch den Geschlechtsakt überwunden werden. Durch den Orgasmus, der im Französischen als „kleiner Tod“ bezeichnet wird, kann neue Lebendigkeit entstehen. Goethe hatte dem Wunsch, durch den „Tod“ in einer erotischen Vereinigung neu geboren zu werden, in seinem Gedicht „Selige Sehnsucht“, das leider zum bürgerlichen Bildungsgut verkommen mußte, einen künstlerischen Ausdruck verliehen, der ihn freilich zur Weltanschauung sublimiert.“

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_seligesehnsucht.pdf (große Interpretation)

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