Goethe: Talismane – Analyse

Goethes „West-östlicher Divan“ ist 1819 erschienen, 1827 wurde er um gut 40 Gedichte erweitert. Die Gedichtsammlung ist das Ergebnis eines neuen Aufbruchs des nach Schillers Tod quasi erstarrten Dichters; dieser Aufbruch wurde einmal durch die Begegnung mit orientalischen Dichtern 1814 ausgelöst, dann auch durch eine Reise an den Rhein im gleichen Jahr – schon während der Fahrt entstanden die ersten Gedichte des „Divan“, in denen der alternde Dichter sich auch auf eine neue Liebe einstellte. Er begegnete Marianne Jung, ein Jahr später als verheiratete Frau Marianne von Willemer, mit der ihn in zwei Begegnungen 1815 eine tiefe Liebe verband (gespiegelt in den Figuren Suleika und Hatem in den Gedichten). – Man sollte sich einen ersten Überblick über den „Divan“ verschaffen, um die einzelnen Gedichte in ihrer Umgebung und in ihrem Ton zu verstehen. – Links dazu:
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=809 (Abschnitt West-östlicher Divan)
http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/poetik/westdivan.htm
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/lit19/IVgoethe2.pdf
http://hahn-husum.homepage.t-online.de/divan.htm sowie Goethes eigene „Noten und Abhandlungen“ zum besseren Verständnis: http://www.wissen-im-netz.info/literatur/goethe/diwan/14.htm
Auch der Artikel im KLL ist lesenswert.
Text „West-östlicher Divan“ (u.a.): http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Gedichte/West-östlicher+Divan
OR http://www.kalliope.org/vaerktoc.pl?vid=goethe/1819

Talismane
Unter dieser Überschrift sind fünf kleine Gedichte miteinander verbunden (S. 10 –  ich zitiere hier nach der Hamburger Ausgabe, Bd. 2). Kurz vorher war unter der Vielzahl der „Segenspfänder“ auch der Talisman eingeführt worden (S. 8), ein Glücksstein:
„Alles Übel treibt er fort,
Schützet dich und schützt den Ort,
Wenn das eingegrabne Wort
Allahs Namen rein verkündet,
Dich zu Lieb’ und Tat entzündet.“ (V. 5-9)
Die Wirkung des Talismans ist also an eine Bedingung geknüpft: die reine Verkündigung, und die wiederum erweist sich an ihrer entzündenden Kraft.
Im ersten Gedicht wird die ganze Welt als die Welt Gottes gepriesen:
„Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident …“
Möglicherweise greift der Sprecher hier den Koran auf, den Vers 115 der 2. Sure:
„Allah gehört der Osten und der Westen. Wohin ihr euch (beim Gebet) wenden möget, da habt ihr Allahs Antlitz vor euch. Er umfaßt (alles) und weiß Bescheid.“ Was im Koran als Grundlage des zuversichtlichen Betens genannt wird, die Zuversicht in die Gegenwart Gottes in allen Landen, ist im „Divan“ die Grundlage des gesamten Lebens: ein Talisman.
In den beiden folgenden Gedichten klingt an, zu welcher Lieb’ und Tat die Menschen entzündet werden sollen: Allah „will für jedermann das Rechte“, nur er kann dem eigenen Weg „die Richte“ geben und vor dem menschlichen Irren bewahren.
Das vierte Gedicht ist dem Dichten gewidmet:
„Ob ich Ird’sches denk’ und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.“
Hier klingt die Konjunktion „ob“ fremd. Adelung gibt als deren Bedeutung u.a. an: „In der vertraulichen Sprechart dienet ‚ob’ sehr oft auch ohne ein vorher gehendes Zeitwort eine Muthmaßung zu begleiten.“ Ferner bezeichnet das Wort „Einen möglichen aber doch noch ungewissen, oder wenigstens noch künftigen Fall, wo es bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern sehr häufig für das ‚wenn überhaupt’ vorkommt.“ [Die Zeichen ‚’ sind von mir eingefügt. N.T.] Ich würde daher „ob“ im Sinn von „auch wenn“ lesen. – Im Gedicht folgt die Begründung, dass der im Gedicht präsente Geist mehr als Staub ist und „nach oben“ drängt.
Diese ersten vier Gedichte sind in einer ganz einfachen Sprache abgefasst, von Trochäen und einem Paarreim bestimmt, meist vier-, aber auch fünfhebig.
Das fünfte Gedicht spricht einen Grundgedanken Goethes aus:
„Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;“
diese einfache, alltäglichste Erfahrung wird zum Gleichnis für das Leben überhaupt: gepresst werden und befreit werden, das ist der Rhythmus des Atmens und Lebens, und für beides soll man deshalb danken, weil sie zum Leben gehören und weil das Eine nicht ohne das Andere zu haben ist. – Systole, der Rückgang ins Ich, und Diastole, die Ausweitung in die Welt, gehören für Goethe immer zusammen, wie man schön an der Figur Faust sehen kann; dieser will aus der Enge des Studierzimmers ins weite Land hinaus und freut sich dann, wenn er wieder im Zimmer studieren kann; er unternimmt  mit Mephisto eine Weltfahrt, ist aber in der Enge von Gretchens Zimmer zutiefst beglückt.
Das fünfte Gedicht ist in einem Knittelvers abgefasst: vier Hebungen mit unregelmäßiger Füllung. Der Rhythmus ist der ganz normalen Sprache, auch wenn die Verse im Paarreim aneinander gebunden sind. Die Paarverse sind echte Sinneinheiten, jeder Vers ist ein ganzer Satz. Die Gegensätze werden als Verben betont: „einziehn / entladen“, „bedrängt / erfrischt“, „preßt / entlässt“; dazu sind dann „zweierlei“ und „gemischt“ betont, ganz zwanglos: die sinntragenden Wörter. Zu Beginn noch das leitende Nomen: „Atemholen“, welches den beobachteten und verstandenen Vorgang bezeichnet; und im V. 4 die Bewertung „wunderbar“. – In der zwanglosen Natürlichkeit des Sprechens zeigt sich die Meisterschaft des Dichters.

Geborgenheit überall, rechtes Tun, frohes Dichten und gefasstes Ertragen, das sind die wahren Talismane, im Osten wie im Westen, sagt der Dichter.

[P.S. Seltsam, erst im Alter der Pensionierung komme ich dazu, die Gedichte des Divans schön zu finden.]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s