Goethe: Trilogie der Leidenschaft – zur Interpretation

Was ist für Goethe eine Trilogie?
Goethe im Gespräch mit Eckermann, 30. November 1831: „Es kommt [bei der Trilogie] darauf an, daß man einen Stoff finde, der sich naturgemäß in drei Partien behandeln lasse, sodaß in der ersten eine Art Exposition, in der zweiten eine Art Katastrophe und in der dritten eine versöhnende Ausgleichung stattfinde.“ Die „Trilogie der Leidenschaft“ sei „erst nach und nach und gewissermaßen zufällig zur Trilogie geworden“.

Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe (= die gängige Deutung der Trilogie)
Im Sommer 1821 hatte er in dem aufstrebenden neuen böhmischen Kurort Marienbad die vierunddreißigjährige Witwe Amalie von Levetzow und deren siebzehnjährige Tochter Ulrike näher kennengelernt. Zu ihr faßte er eine väterliche Zuneigung, die zwei Jahre später bei einem neuen Kuraufenthalt in Marienbad in leidenschaftliche Liebe umschlug. Der vierundsiebzig Jahre alte Goethe trug sich allen Ernstes mit der Absicht, das junge Mädchen zu heiraten, ließ durch Herzog Carl August bei der Mutter um ihre Hand anhalten, erhielt aber höflich verbrämt einen Korb. Auf der langen Rückreise von Karlsbad, wohin Mutter und Tochter ausgewichen waren und Goethe ihnen nachgereist war, entstand die Elegie, eine der größten Liebesklagen der Weltliteratur. Zwei Jahre später hat Goethe sie mit den beiden Seitenstücken „An Werther“ und „Aussöhnung“ in die Trilogie der Leidenschaft integriert, welche die – jeden Trost verweigernde – Stimmung der Elegie in einer Kartharsis (sie ist mit dem Titel „Aussöhnung“ gemeint) aufzufangen sucht. Das in der Marienbader Elegie trotz der mäßigenden Stanzenform unverhüllt ausbrechende selbstverzehrende Gefühl der Verzweiflung, das allen Halt und Trost selbst in der Natur, der sich Goethes ganzes Denken und Gestalten im Alter zugewandt hat, von sich weist („Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren“), bezeugt bestürzend, welch dünne Brücke über Abgründen Goethes geläuterte Altershaltung geblieben ist.
http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=809

Vor meiner Deutung der „Trilogie“ ist kurz zu diskutieren, wie weit Bernd Witte (Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996, S. 4181 ff.) mit seiner Deutung der „Elegie“ Recht hat.
Witte bestreitet, dass Goethe 1823 wirklich ein so hoffnungslos Verliebter war, und was er dafür an biografischen Zeugnissen vorbringt, dass Goethe sich in Kur 1823 ausgesprochen wohlgefühlt hat, bedürfte der Prüfung (z.B. Goethe an seinen Sohn – was wird er dem schon auf die Nase binden?), leuchtet aber weithin ein. Eindrucksvoll ist jedenfalls Wilhelm von Humboldts Brief vom 19. 11. 1823 an seine Frau nach der Lektüre der „Elegie“, die Goethe nur ganz wenigen zeigte: „Es ist mir sehr klar geworden, daß Goethe noch sehr mit den Marienbader Bildern beschäftigt ist, allein mehr, wie ich ihn kenne, mit der Stimmung, die dadurch in ihm aufgegangen ist, und mit der Poesie, mit der er sie umsponnen hat, als mit dem Gegenstande selbst. Was man also vom Heiraten und selbst von Verliebtheit sagt, ist teils ganz falsch, teils auf die rechte Weise zu verstehen.“ Insofern leuchtet mir ein, dass Goethe nach der Deutung Friedrich Sengles sein Verhältnis zu Ulrike als „Minnedienst“ gesehen (und auch deren Mutter, die ja auch erst Mitte 30 war, ganz attraktiv gefunden) habe.
Was Witte jedoch sowohl zur Gestalt der Geliebten (eine Tote), zur Bedeutung der kleinen Variation im Tasso-Zitat (was ich leide > wie ich leide) und zum Zitat vieler Werke Goethes in der „Elegie“ sagt (um daraus dann eine Absage an Goethes gesamte bisherige Poetologie herauszulesen), halte ich für nicht plausibel. Gerade zum Minnedienst passt es, die Geliebte in den HIMMEL zu erheben, statt dort eine Tote zu finden!

Goethe hat also die drei Gedichte erst nachträglich zu einer „Trilogie“ (erstmals am 21. Januar 1825 erwähnt) zusammengestellt und zu diesem Zweck die Stelle aus dem „Tasso“, auf die in „An Werther“ angespielt war, ausdrücklich als Motto über das zentrale Gedicht „Elegie“ gestellt. Halten wir fest, dass es sich um eine Trilogie der Leidenschaft handelt – aus der Sicht des alten Herrn, 50 Jahre nach Werthers Leidenschaft und Leiden! Durch das Gedicht „An Werther“ erhalten auch die beiden anderen einen Bezug auf die Person Goethe. Insgesamt leuchtet mir ein, was Inge Wild im Metzler Lexikon Goethe (1999, S. 495-497) schreibt:
* Indem Goethe „An Werther“ voranstellt, motiviert er zur Lektüre der Trilogie als Rückblick auf sein Leben und Werk. Das Gedicht bewahrt die Tragik des frühen Gefühls, distanziert sich aber doch vom dazumal modischen Nachvollzug des Selbstmords.
* In der „Elegie“ akzeptiert Goethe den Beginn des hohen Alters: Die Liebe muss in eine weitere Stufe der Sublimierung überführt werden; als zweites Gedicht ist die „Elegie“ auch ein Zitat der Werther-Stimmung, eine große Inszenierung des Gefühls der Enttäuschung, verbunden mit einem Zweifel an der eigenen Identität und Kreativität, damit auch eine Krise der sinnstiftenden Kraft der Poesie. Diese Krise wird jedoch durch Literatur bewältigt. Weil „An Werther“ voraufgeht, geht es in „Elegie“ um die Überführung von persönlicher Erfahrung in Literatur.
* In „Aussöhnung“ wird die Musik als vergänglichste Kunst der Erfahrung von Tod und Trennung als Trost entgegengestellt; „in ihr allein wird die Utopie des erfüllten Augenblicks realisiert“ (S. 497). [Auch das ist wieder ein Gedicht – und nicht Musik, N.T.!]

Die „Trilogie der Leidenschaft“ könnte auch ein schöner Anstoß sein, um über die Frage nachzudenken, was der Dichter (uns) angeblich oder wirklich mit seinem Gedicht sagen will („Intention“): Es gibt die eine Intention Goethes [bei einem bestimmten Gedicht] nicht, wenn er später verschiedene Gedichte zu einer Trilogie zusammenstellt, womit eine neue „Intention“ sichtbar wird und Goethe neue Zusammenhänge stiftet.

Für die Deutung der drei Gedichte im Einzelnen verweise ich auf die folgenden Artikel hier in der Rubrik „Gedichte 19. Jahrhundert“.

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