Goethe: Um Mitternacht – Analyse

Das Gedicht „Um Mitternacht“ hat Goethe am 13. Februar 1818 geschrieben; gedruckt wurde es erstmals 1821 in „Neue Liedersammlung von Zelter“; Goethe berichtet, dass dieses Gedicht ihm einfach „bei hehrem Mondenschein“ zugeflogen ist; er hat es als „Lebenslied“ bezeichnet und es immer geschätzt. Wieso ist es ein Lebenslied?
Es werden von einem lyrischen Ich, das man klar von Goethe unterscheiden kann, weil dessen Vater nicht Pfarrer war (V. 3), drei Situationen seines Lebens um Mitternacht festgehalten: ich als kleiner Knabe (V. 1 f.), ich als Mann (V. 6 f.: „ferner“ sowie der Gang zur Liebsten), ich „dann zuletzt“ als alter Mann (V. 11 f.). Um die Mitternacht-Situation richtig einzuschätzen, muss man bedenken, dass es früher keine Straßenbeleuchtung und keine Reklame gab; nachts war es zappenduster, und wenn man auf holperigen Straßen gehen musste, brauchte man das Licht der Sterne und des Mondes bzw. eine Laterne. Um Mitternacht war zudem die Geisterstunde; es war also eine gefährliche Zeit.
Der kleine Knabe ging (einmal? regelmäßig?) um Mitternacht am Friedhof entlang, „nicht eben gerne“, erinnert das Ich sich, sieht dabei „Stern am Sterne / Sie leuchteten doch alle gar so schön“ (V. 3 f.); der Sternenschein half ihm über die schwierige Situation hinweg, denke ich – hier wie auch sonst wird die Beziehung der beiden Sätze vom Sprecher offen gelassen. Dass der Vater Pfarrer war, erklärt den Weg am Kirchhof entlang nach Hause (obwohl man fragen kann, was kleine Knaben nachts auf der Straße zu suchen hatten).
„Um Mitternacht“ dient zu Beginn zur Datierung des Ganges am Friedhof entlang, wird dann im 5. Vers wiederholt und nachgeschoben, um dem Sternenlicht einen Platz zuzuweisen. Durch diesen Nachtrag wird eine große Ruhe ins Sprechen gebracht; denn die vier Verse zuvor bestehen aus fünfhebigen Jamben, Kreuzreim, mit Wechsel weiblich-männlicher Kadenz, wobei die weibliche Kadenz in V. 1 und 3 jeder Strophe ihrerseits als nicht vollendeter Takt eine Pause mit sich bringt. Jeweils zwei Verse bilden zwar keinen vollständigen Satz, aber doch eine verständliche Sinneinheit. Der letzte Vers „Um Mitternacht“ mit seinen zwei Takten erzeugt dann eine lange Pause; in V. 5 strahlt er als Zeitangabe auch in die nächste Strophe über und wird am Ende dieser neuen Strophe wiederholt, sodass die drei erwähnten Situationen durch ihre Datierung verbunden sind.
Aber nicht nur durch ihre Datierung, sondern eben auch durch den Fortschritt des Alters (s. o.) und die Steigerung des Lichtes vom Sternen- zum Mondlicht (V. 3 f. – V. 11 f., wobei der mittlere Teil als Streit zwischen Gestirn [Mond] und Nordlicht etwas gekünstelt hergestellt wird, V. 8). Die Situation des Mannes ist durch vermutlich viele nächtliche Gänge bestimmt, die er machen musste (V. 7), wobei dieses Müssen nur in Grenzen eine Bedrängnis darstellte („sie zog“, V. 7), die durch die gewonnenen „Seligkeiten“ (V. 9) der Liebe mehr als aufgewogen wurden. Dem Mann bringt weniger das unstete Licht als die Liebesseligkeit mitternächtliche Erfüllung.
Als Situation des alten Mannes wird berichtet, dass des Vollmonds Helligkeit
„So klar und deutlich mir ins Finstre drang“ (V. 12);
es wird also kein nächtlicher Gang erwähnt, sondern einfach „das Finstre“ als Situation genannt – das kann das Finstere der Umgebung, eines Hauses (obwohl man dort Licht zu machen pflegt) oder auch das Finstere des Lebens sein. Für die dritte Möglichkeit spricht die Fortsetzung:
„Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelle
Sich ums Vergangne wie ums Künftige schlang“ (V. 13 f.).
Mit der Partikel „auch“ (V. 13) wird der helle Mondschein in Parallele zur Klarheit des Gedankens gesetzt, der sogar das ganze Leben erhellt, Vergangenes (die beiden erinnerten Situationen?) wie Künftiges: das Künftige des alten Mannes, sein Sterben und seine Fort-Existenz, die hier allerdings völlig offen bleibt – Klarheit hat der Alte, nicht der Leser gewonnen. „Um Mitternacht.“
Man könnte noch vieles zum Rhythmus sagen; die beiden ersten Wörter „Klein“ (V. 2) und „Ich“ (V. 9) sind, abweichend vom Metrum, betont; sonst sind häufig die letzten Worte eines Verses stärker betont (V. 1, 4, 6, 7, 9, 11 -14). Es ist jedenfalls ein ruhiges, bewegtes Sprechen, was dankbar der Lichtes gedenkt, welches das Ich mehrfach, eigentlich immer „um Mitternacht“ empfangen hat, am hellsten „zuletzt“ im Alter.

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