Goethe: Vermächtnis – Analyse

Das Gedicht „Vermächtnis“ ist vermutlich Anfang Februar 1829 geschrieben worden; am 12. Februar ist es jedenfalls abgeschrieben worden. Goethe hat dieses Gedicht ausdrücklich im Anschluss an „Eins und Alles“ geschrieben: Er war darüber (fälschlich) verärgert, dass die „Versammlung deutscher Naturwissenschaftler und Ärzte“ vermeintlich die beiden isolierten Schlussverse von „Eins und Alles“ als Motto ihrer Versammlung gewählt hätten und diese deshalb missverständlich wären:
„Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.“
Zur Korrektur dieses „Missverständnisses“ schrieb er deshalb:
„Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!“ (V. 1 von „Vermächtnis“)
1829 wurde das Gedicht veröffentlicht; nach Goethes Tod wurde es (1836) in die Reihe der Gedichte „Gott und Welt“ aufgenommen, wo es auf „Eins und Alles“ folgte. Es berührt Motive dieses Gedichtkreises, etwa
Prooemion (Bedeutung des inneren Zentrums und Universums),
Dauer im Wechsel (Bedeutung des Augenblicks als Ewigkeit),
Eins und Alles (Bedeutung des Umschaffens, des Werdens),
aber auch Gedanken aus Goethes Briefen und naturwissenschaftlichen Studien. Es steht für eine Spielart didaktischer Poesie, ist aber doch primär Gedicht und nicht verkappte Philosophie (Hans Geulen in Goethe Handbuch Bd. 1, 1996, S. 501 ff.) Ein Widerspruch zu „Eins und Alles“ besteht nicht: Im älteren Gedicht steht nach Gundolf, was erkanntermaßen sein muss, im späteren das, was sittlich sein soll.

Ein ungenanntes Ich hinterlässt also aus der Einsicht und mit der Autorität des Alters sein „Vermächtnis“; es richtet sich an den „Erdensohn“ (V. 10), also an jeden Menschen, sofern er zu den edlen Geistern gehört oder gehören will (V. 8); dieser Erdensohn wird in Imperativen angesprochen:
Erhalte dich am Sein beglückt (V. 3)!
Fass das alte Wahre an (V. 9)!
Halte dich an dein Gewissen (3. Str.)!
Vertraue deinen Sinnen und dem Verstand (4. Str.)
Genieße mäßig Fülle und Segen (5. Str.)!
Bringe etwas hervor (6. Str.)!
Schaffe dein eigenes Werk (7. Str.)!
Freilich stehen die Imperative so nicht da – spätestens von der 5. Strophe an wird es schwierig, den Imperativ des Sprechers überhaupt angemessen zu formulieren – er löst sich in der Allgemeinheit der Worte und Anspielungen auf: Das Ewige ist in den Wesen – lebe demgemäß, lebe im erfüllten Augenblick, dort ist die Ewigkeit; jage nicht den Moden nach, sondern mache die Augen auf und halte dich an die wenigen, die von der Vernunft geleitet werden und etwas schaffen.
Die Siebenzahl der sechszeiligen Strophen mit vierhebigen Jamben deutet auf Weisheit und Lebensregel hin: Der Schweifreim im 3. und 6. Vers jeder Strophe (a-a-c-b-b-c) schließt mit männlicher Kadenz und bedeutet einen Einschnitt, weil zuerst der a-Reim nicht fortgesetzt wird, beim zweiten Mal jedoch das Reimwort da ist; das Sprechen ist ruhig, getragen. Bis auf die letzte Strophe ist nach dem 3. Vers immer auch ein Satz abgeschlossen.
Das Gedicht ist nicht schwer zu verstehen; nur dass in V. 10 auf Kopernikus angespielt wird, sollte ausdrücklich gesagt werden. Der Zusammenhang der beiden Vershälften ist einmal schwer nachzuvollziehen (5. Strophe). Vielleicht sollte man noch auf das Wirken des Philosophen und Dichters hinweisen (7. Strophe), die ein „Liebewerk“ schaffen und so edlen Seelen vorfühlen können.

Zum Verhältnis des Gedichts zu „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ vgl. den Kommentar Trunz‘ in der Hamburger Ausgabe, Bd. 8, S. 583 f.

http://www.youtube.com/watch?v=usGrYMOVLGE&eurl
(Rezitation durch Quadflieg, 1959, zu schnell)

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