Goethe: Wandrers Nachtlied – Analyse

Wandrers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist
Alle Freud und Schmerzen stillest,
Den der doppelt elend ist
Doppelt mit Erquickung füllest,
5  Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all die Qual und Lust.
Süßer Friede,
Komm ach komm in meine Brust!

Am Hang des Ettersberg
10                         d. 12. Febr. 76
G.

Spätere Fassung (1789 veröffentlicht):
V. 2: Alles Leid und Schmerzen stillest,
V. 6: Was soll all der Schmerz und Lust?

Rezitationen

http://www.rezitator.de/gdt/456/ (Lutz Görner)
Doris Wolters, Ulrich Matthes:
http://www.youtube.com/watch?v=OxpJFzJFpOU&feature=PlayList&p=33B87B90D661CC34&index=0
Aufgrund der Rezitation entscheide ich mich für die frühere Fassung.

http://www.youtube.com/watch?v=SFdCuobEUgw (D. Wolters, Otto Sander)

Den biografischen Hintergrund der frühen Weimarer Lyrik findet man unter  http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=804 dargestellt. Es wäre aber zu diskutieren, ob man viel gewinnt, wenn man das Gedicht primär aus dem Erleben Goethes versteht – Korff jedenfalls weist  darauf hin, dass hier elementar Menschliches in einfacher Form zur Sprache kommt (Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, Bd. 1 1958, S.  210 ff.). Auf dem bewaldeten Ettersberg, gleich neben Weimar, ging Goethe öfter spazieren. Er hat sich als „Wanderer“ verstanden, war auch viel zu Fuß unterwegs (vgl. Wanderes Sturmlied). Goethe hat das Gedicht an Frau von Stein geschickt; 1780 wurde es in einem christlichen Kontext veröffentlicht, 1789 dann von Goethe in der zweiten Fassung in seine „Schriften“ aufgenommen.
Wir haben ein Gebet vor uns, das sich an den Frieden wendet und ihn anruft zu kommen, „in meine Brust“ (V. 8) zu kommen. Es handelt sich also um den inneren Frieden, was bereits vorher gesagt ist: dass er „Freud und Schmerzen“ stillt (V. 2), dass er „Erquickung“ bietet (V. 4), dass „Qual und Lust“ überwunden werden sollen, da sie nur „Treiben“ darstellen.
Das Gedicht besteht aus einem Satz, der durch den klagenden Ausruf in V. 5 f. unterbrochen wird. Den Beginn macht ein Relativsatz aus, indem zunächst der (noch ungenannte) Friede näher bestimmt wird: „vom Himmel“ stammt er und stillt alle Qualen des Herzens (V. 1 f.); das wird in dem asyndetisch angehängten Relativsatz mit der Steigerung „doppelt“ bestätigt (V. 3 f.) Dann explodiert sozusagen der Sprecher und bringt sein eigenes Leiden („ich“, V. 5) zur Sprache: des Treibens müde sein (V. 5), was im nächsten Vers als Frage nach dem Sinn allen Erlebens expliziert wird (V. 6). Darauf folgt die Anrede „Süßer Friede“ und die Bitte um sein Kommen (V. 7 f.).
Das Ich spricht ganz regelmäßig (Trochäus), vier Hebungen pro Vers, wobei die männliche Kadenz in V. 1 und 3 jeweils eine kleine Pause nach sich ziehen. Im zweiten Teil ist die Abfolge männlicher und weiblicher Kadenzen umgekehrt – und in V. 7, als Anrede, nur ein Halbvers vorhanden, was ein sehr lange Pause mit sich bringt: die des süßen Friedens. Es liegt ein Kreuzreim vor, wobei im ersten Teil V. 2 und 4 als sinngleich aneinander gebunden sind; im zweiten Teil wird man eher Gegensätze erkennen, die im Gleichklang aufeinander bezogen werden: der Friede und das Ich als müde (V. 5 und 7, unsauber gereimt), die vorhandene Qual und Lust / der erhoffte Friede in der Brust (V. 6 und 8).
Die Form des Gebetes und der „Himmel“ (Hauptwort des V. 1) als Herkunftsort des Friedens lassen christliche Vorstellungen anklingen, ohne dass ein christliches Gebet vorläge: Der Friede ist eine weltliche Größe. Seine beiden Leistungen werden zu Beginn mit „stillen“ und „mit Erquickung füllen“ umschrieben. Was soll gestillt werden? „Alle Freud und Schmerzen“ (V. 2). Den Freuden und Schmerzen und erst recht ihrem Wechsel ist etwas eigen, woran das sprechende Ich leidet.
Was heißt stillen? was hieß damals „stillen“? Es hieß nach Adelungs Wörterbuch: eine Bewegung hemmen; im übertragenen Sinn: eine in figürlichem Verstande in Bewegung begriffene Sache hemmen, ihrer Bewegung ein Ende machen (mit vielen Belegen aus der Bibel, dabei als kaum nöch gebräuchlich: „die Seele stillen, Ps. 131, 2, sie ruhig machen. Das Herz stillen, 1 Joh. 3, 19“. Von den beiden engern Bedeutungen kommt für das Gedicht folgende in Frage: „Von Begierden, sie durch Befriedigung aufhören machen. Seinen Durst, seinen Hunger stillen, ihnen durch Speise und Trank ein Ende machen. So auch, die Begierde, die Brunst, seine Neugier, jemandes Verlangen stillen.“ Auf Erden gehen diese Bewegungen weiter, und sind sie zur Ruhe gekommen, heben die Begierden neu an, den Freuden folgen neue Schmerzen (V. 2); deshalb betet man für die Toten, Gott möge ihnen die ewige Ruhe schenken. Auf Erden ist jedes Ausruhen nur kurz, danach beginnt neue Unruhe. Der hier beschworene Friede soll aber mehr als nur Befriedigung der Begierden sein; er soll Frieden, vom Himmel her, sein: mit Erquickung füllen (V. 4). Friede ist dann das Ende des inneren Widerstreits, der Zerrissenheit zwischen Freud und Schmerzen.
Der ungestillte Mensch ist „elend“. Adelung führt als Bedeutung des Adjektivs an: „1) In einem hohen Grade schlecht, seiner Bestimmung und der Vollkommenheit in einem hohen Grade nicht gemäß. Das ist sehr elendes Brot. […] 2) Sehr arm, armselig. Ein armer elender Mensch. Ein elender Zustand. […] 6) Große Schmerzen, vielen Verdruß, vielen Kummer empfindend, sehr unglücklich, Mitleiden verdienend. Ein elendes Leben führen. Er mußte elend sterben.“ Einen solchen Menschen erquicken heißt: ihm „neues Leben, d.i. neue Kräfte, ertheilen. Frisches Wasser erquickt einen Durstigen, ein kühles Lüftchen einen Ermatteten, eine stärkende Arzeney einen Kranken, sanfter Trost einen Bekümmerten.“ (Adelung) „stillen“ (V. 2) und „mit Erquckung füllen“ müssen parallel gelesen und verstanden werden. Der Hinweis auf die Doppelung von Elend und Erquickung zeigt, dass des Friedens Fülle unermesslich ist und demnach auch vor dem doppelten Elend nicht versagt.
Das Wort von der Erquickung weckt biblische Assoziationen an das Wirken des HERRN, etwa an den Psalm vom guten Hirten (Ps. 23,1-3):
„Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“
In einer anderen Übersetzung (dort katholisch als Ps 22 gezählt):
„Der Herr ist mein Hirt, nichts kann mir fehlen;
Er lässt mich rasten auf grüner Au.
Er führt mich zur Ruh an lebendige Wasser,
gewährt meiner Seele Erquickung.“
Weniger bekannt, aber doch bedeutsam ist auch eine Stelle aus Jesaja, wo das Wort des Herrn der Rede falscher Profeten gegenübergestellt wird (Jes 28,12):
„Er hatte zu ihnen gesagt: ‚So findet ihr Ruhe; / gönnt doch den Müden die Rast, / hier ist der Ort der Erholung.‘ / Sie aber wollten nicht hören.“ (Einheitsübersetzung)
„er, der zu ihnen gesagt hat: »Das ist die Ruhe; schafft Ruhe den Müden, und das ist die Erquickung!« Aber sie wollten nicht hören.“ (Luther, 1984)
In der spontan vorgebrachten Klage bestätigt das Ich, dass es „des Treibens müde“ ist (V. 5). Eine Sache treiben: sie oft und viel ausüben, auch im negativen Sinn. „Der Übergang von dem Dringen, Befördern oder Beschleunigen der Bewegung, zur mehrmahligen Ausübung, ist sehr natürlich und faßlich; daher die Figur nichts ungewöhnliches hat, die sich schon in dem Lat. agere findet, welches so wohl treiben, als ausüben, und in noch weiterm Verstande thun bedeutet, und unstreitig mit unserm jagen verwandt ist. / So auch das Treiben, welches sehr häufig als ein Hauptwort gebraucht wird.“ (Adelung) Das Treiben, mit dem steten Wechsel von „Qual und Lust“ (V. 6), soll ein Ende finden, soll eben gestillt werden. Wem dies gegeben wird, der ist vom süßen Frieden (V. 7) erfüllt. Des Treibens müde sein: der Ruhe bedürfen; im Stichwort „müde“ klingt die Situation des Abends (Nachtlied) an.
Der süße Frieden ist also nicht einfach die Befriedigung, die sich nach der Erfüllung der Begierde oder mit dem Eintritt der Freude einstellt – die Freude (V. 2) und die Lust (V. 6) gehören im Wechsel des Erlebens noch zum Treiben (V. 5). Der Friede tritt ein, der süße Frieden, wenn dem Treiben ein Ende gesetzt wird. Das kann man also nicht selber bewerkstelligen, weil man aus seinemLeben nicht aussteigen kann – das kann nur als süßer Frieden geschenkt werden, „vom Himmel“ kommen, auch wenn es bloß irdisch ist. Irdisch kann es diesen Frieden eigentlich nicht geben – er kann nur ersehnt und erhofft und erbetet werden, wie hier. Er stellt Verzicht auf das Treiben dar und bewahrt damit einen Rest jener Weltverneinung, welche dem Christentum wie jeder Religion zu eigen ist: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil 4,7)
Dieser Frieden ist das, was als Hoffnung vom Christentum ererbt ist; aber auch dort war er nur im Modus der Verheißung gegeben – als Segenswunsch des Apostels an die Christen in Philippi. Man muss also nicht mit Terence J. Reed (Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996) an das höfische Treiben denken, das dem jungen Goethe zuwider gewesen sei; das mag so gewesen sein, aber davon ist hier nicht die Rede, wenn man sich an die durchaus sinnvolle erste Fassung des Gedichtes hält. „Leid und Schmerzen“ (späte Fassung) passt semantisch besser zusammen; aber vom Sinn her: vom Ende des Treibens, passt die erste Fassung besser: Freud und Schmerzen mögen gestillt werden. Es ist „Wanderers Nachtlied“, „gesungen“ in der Ruhe des Abends, wenn das Treiben der Welt zur Ruhe kommt (vgl. „Der Mond ist aufgegangen“ von M. Claudius: „Wie ist die Welt so stille …“).

Goethe selber bekräftigt die erste Fassung des Gedichtes in einem Vierzeiler, der in einem Brief (17. Juli 1777) an Auguste Gräfin Stolberg auftaucht und der zum Schluss zitert werden soll:
„Alles gaben die Götter, die unendlichen,
Ihren Lieblingen ganz,
Alle Freuden, die unendlichen,
Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“

„Interpretationen“
die eines Schülers (o Graus!!!)
http://de.wikipedia.org/wiki/Wandrers_Nachtlied (auch nicht viel besser)

http://mpg-trier.de/d7/read/goethe_ueberallengipfelnistruh.pdf (große Interpretation!)

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