Goethe: Warum gabst du uns die tiefen Blicke – Analyse

Warum gabst du uns die Tiefen Blicke
Unsre Zukunft ahnungsvoll zu schaun
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
5  Warum gabst uns Schicksal die Gefühle
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn.

Ach, so viele tausend Menschen kennen
10 Dumpf sich treibend kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz,
Jauchzen wieder wenn der schnellen Freuden
Unerwarte Morgenröte tagt.
15 Nur uns Armen liebevollen beiden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
20 Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich dem die Ahndung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
25 Sag was will das Schicksal uns bereiten?
Sag wie band es uns so rein genau?
Ach du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
30 Spähtest wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit Einem Blicke lesen
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt.
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
35 Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf,
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
40 Da er dankbar dir zu Füßen lag.
Fühlt sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut.

45 Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
50 Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich daß das Schicksal das uns quälet
Uns doch nicht verändern mag.

Wenn man sieht, was ein Schüler in Kl. 12 mit diesem Gedicht in einer Klausur macht (http://www.artikelpedia.com/artikel/deutsch/15/johann-olfgang-von-goethe23.php), sollte es klar sein, dass man solche Texte zumindest in einer Klausur Schülern nicht zur „Interpretation“ vorlegen soll – sie können dieses Gedicht kaum von sich aus verstehen, weil sie in ihrer Liebesgeschichte vermutlich noch in der Phase befangen sind, dass sie frisch auf Traumglück ausgehen.
Goethe hat das Gedicht am 14. April 1776 an Charlotte von Stein geschickt; er selber hat es nie veröffentlicht. Vermutlich ist es am besten, dieses Gedicht nicht einfach als Zeugnis der biografischen Situation Goethes und der Frau von Stein (die ja nach ihrer Sicht des Verhältnisses nicht gefragt wird!) zu lesen, sondern sich an den Text zu halten und die biografische Auswertung den Historikern zu überlassen: Es genügt zu wissen, dass Goethe der Frau von Stein in Liebe verbunden war, während jene nicht nur sieben Jahre älter war, sondern als Mutter vieler Kinder auch an ihrer Ehe fest- und Goethe wohl auf Distanz hielt. Pikante Details brauchen uns nicht zu interessieren.

Der Sprecher beginnt mit zwei Fragen an das mit „du“ angesprochene Schicksal, warum (V. 1, 5) es „uns“ bestimmte Einsichten geschenkt hat. Diese Einsichten sind so, dass die Beiden (V. 15) einmal ihrem Liebes-Erdenglück nicht trauen können, dass sie aber anderseits ihr wahres Verhältnis erkennen (1. Strophe). Die Spannung zwischen dem irdisch Möglichen und dem wahrhaft Gegebenen bestimmt das Erleben und die Gedanken des Sprechers. Der Blick der Beiden richtet sich in die Zukunft (V. 2), aber auch in eine mystische Vergangenheit (V. 25 ff.), wie sich später zeigen wird.
Bedeutsam ist das Wortfeld des Sehens, mit dem das Erkennen der Beiden umschrieben wird: Blicke (V. 1), schaun (V. 2), in das Herz sehn (V. 6), ausspähn (V. 8 – nur indirekt: sehen?). Die Blicke sind dadurch ausgezeichnet, dass ihr Attribut „tief“ heißt und außerdem noch großgeschrieben ist. Auch später behält das Sehen für den Sprecher seine Bedeutung (V. 23, 31, 42 – gegen das falsche Sehen der anderen abgegrenzt: V. 18).
Auch das Wort „Ahnung“ (hier in „ahnungsvoll“, V. 2) und der Hinweis auf die Seltenheit ihres Verhältnisses ist bedeutsam und deutet auf spätere Äußerungen vor: Die Ahnung der vielen ist eitel (V. 22, bezogen auf die 2. Strophe), wogegen sich die Liebe der Beiden abgrenzt (V. 15 ff.).
Der Sprecher spricht sehr regelmäßig und ruhig, in einem fünfhebigen Trochäus, von dem er nur selten abweicht (V. 23, 27, 39, 47, 52). Jeweils vier Verse sind im Kreuzreim aneinander gebunden, wobei sich weibliche und männliche Kadenzen abwechseln, was zu einer kleinen Pause in jedem zweiten Vers führt. Diese vier Verse bilden durchweg eine Sinneinheit (außer V. 13-16); die Einheit macht öfter einen einzigen Satz aus, jedenfalls wird sehr oft über das Versende hinweg durchgesprochen (V. 1, 3, 5, 7 usw., passend zu den weiblichen Kadenzen).
Sowohl die Fragen an das Schicksal wie die Klage „Ach“ (V. 9) zeigen, dass der Sprecher seine Situation bedenkt: eine Art innerer Monolog, auch wenn er von „uns“ spricht (V. 1) oder die Geliebte mit „du“ anspricht (V. 27 ff.) – sie muss dafür nicht anwesend gedacht werden [in ihrer Gegenwart wäre auch der Wechsel des Personalpronomens ab V. 37 auch kaum möglich]. In dieser Reflexion stellt er das Geschick der vielen tausend Menschen, also der anderen, dem des Paares gegenüber (2. Strophe): Die normalen Menschen kennen kaum ihr eigenes Herz (V. 10), geschweige denn den anderen (V. 18), schweben damit zwecklos hin und her in ihren Liebesgeschichten, gehen auf Traumglück aus und schweben nur in Traumgefahr (V. 19 f), wobei „Traum“ das Un-Wirkliche ihrer Verhältnisse bezeichnet, wogegen die Beiden ihr wahres Verhältnis kennen (V. 8). Das Glück der Menge wird, da es eigentlich problemlos ist, vom Sprecher halb mitleidig-quasiironisch als wechselseitiges Glück betrachtet (V. 16), sodass er klagen kann: „Nur uns Armen liebevollen beiden“ (V. 15) sei dieses Glück versagt – im strengen Sinn bedauern kann er das eigentlich nicht (und tut er auch nicht, siehe V. 51 f.!); aber er sehnt sich offensichtlich gelegentlich nach dieser Leichtigkeit des Liebens, wie sie heute nicht nur aus den vielen Promi-Geschichten hervorscheint. Dass er sehr wohl leidet, zeigt die Großschreibung von „Armen“ (V. 15). – Das Lieben der meisten lebt von der Projektion eigener Wünsche und Sehnsüchte auf den Partner; man sieht in ihm, was er nie war (V. 18), weshalb man ihm dann hinterher vorwerfen kann, er habe einen enttäuscht. Dieser Liebes-Betrieb ist ein dumpfes Treiben, so wertet der Sprecher.
Vielleicht sollte man kurz etwas zur Semantik der Reime sagen: lieben ohne zu verstehen, das heißt auf Traumglück ausgehen (V. 17/19), entsprechend V. 18/20. Das Herz nicht kennen, dem entspricht das zwecklose Rennen (V. 9/11); das unbekannte Herz wird von unversehenem Schmerz betroffen (V. 10/12) – wir sehen hier durchweg, dass Verse zueinander passenden Inhalts aneinander gebunden sind.
Im ersten Teil (Quartett) der dritten Strophe beginnt der Sprecher mit einer paradoxen Seligpreisung derer, die sich in der Liebe betrügen (vgl. auch V. 15 ff.), und greift damit das Wort „Traumglück“ (V. 19) auf: leerer Traum, eitle Ahnung. Zweimal wird „glücklich“ an den Versanfang gesetzt (Anapher, V. 21 f.). Die wahre Ahnung reklamiert er im Gegenzug für sich und seine Geliebte (V. 24 und bereits V. 2). Jeder Blick bekräftigt die wahre Ahnung (V. 23 f.) – erkenntnistheoretisch ein Zirkelschluss. Und indem er sich mit der wahren Ahnung von der eitlen, also nichtigen Ahnung absetzt, wendet er sich gedanklich an die Geliebte („du“) und fragt sie rhetorisch, was sie beide verbindet – das heißt, er fordert sie auf, es zu sagen, und leitet so zur Antwort über, die er selber gibt (V. 25 – 29).
Noch einmal wird das Schicksal als handelnde Größe benannt: das Schicksal über uns (V. 25, wie 1. Strophe), das unser Schicksal (V. 51) bestimmt. Es band uns rein genau, sagt der Sprecher, anders als die zwecklos hin und her Schwebenden (V. 11). Mit dem staunenden Ausruf „Ach“ leitet er zur entscheidenden Erkenntnis über: „du warst in abgelebten Zeiten / Meine Schwester oder meine Frau.“ (V. 27 f.) Damit umschreibt er das Gefühl, man habe sich schon immer gekannt, sei seit ewigen Zeiten innigst miteinander verbunden (und in dem Sinn füreinander bestimmt). Solche Bindung ist eine Wahlverwandtschaft, heißt es in Goethes Roman [auf die Vorstellung einer Seelenwanderung kann man problemlos verzichten!]; „oder“ gibt hier zwei mögliche gleichwertige Stellen für die wahlverwandte Geliebte frei: Schwester und Frau – in den folgenden Umschreibungen des uralten Verhältnisses tauchen eventuell noch die Mutter (V. 41 ff.) und die Geliebte (V. 37 ff.) auf, vielleicht auch die Freundin (V. 29 ff.). Die Betonung der ersten Wörter in V. 27 zeigt, dass mit der Identifizierung der Geliebten das Zentrum der Äußerung in den Blick kommt: „Ach du warst …“; ich würde jede dieser drei Silben betonen, „du“ ein wenig schwächer als „Ach“, jedoch genau so stark wie oder etwas stärker noch als „warst“.
In der folgenden Strophe wird in vier Vierzeilern, also insgesamt 16 Versen die erfahrene wohltätige Wirkung der Geliebten in der jüngeren Vergangenheit beschrieben, in einer dankbaren Anrede an sie selbst: Du kanntest mich ganz, du gabst meinem Leben Richtung, du verzaubertest mich – hier fällt der Wechsel des Pronomens auf, aus der 1. Person (mich) wird die 3. (ihn), als ob der Sprecher diese Verzauberung bereits nur aus der Ferne beobachtete. In den letzten vier Versen dieser Einheit wird noch einmal wiederholt, was bereits in V. 33-36 beschrieben war: Er fühlte sich einerseits beruhigt, anderseits gestärkt und aufgerichtet. Das ist also dem Sprecher besonders wichtig – er hätte auch nach V. 40 seinen Dankeshymnus beenden können: Mäßigung der Wildheit und Ruhe (V. 33 f. und V. 44 – ich denke an „Wandrers Nachtlied“), Aufrichtung des Verzweifelten oder Niedergeschlagenen (V. 35 f. und V. 41 ff.).
In der letzten Strophe wendet der Sprecher seinen Blick wieder in die Gegenwart des Paares: „Und von allem dem schwebt ein Erinnern / Nur noch um das ungewisse Herz“ (V. 45 f.). Damit wird die erfahrene Seelenverwandtschaft in die Ferne gerückt, in den Modus des Erinnerns; erinnert wird sie „nur noch“, das Herz ist jetzt im Zustand der Ungewissheit. Dass das Erinnern „schwebt“, rückt den Zustand des Paares vielleicht etwas an die vielen anderen heran, die zwecklos hin und her schweben (V. 11); vielleicht steht das Schwebende der Erinnerung aber auch in einem Gegensatz zu festem Wissen – ist sie wirklich meine Schwester oder meine Frau? In den beiden folgenden Versen wird dieser Zweifel jedoch zurückgenommen: Das Herz fühlt die alte Wahrheit „ewig gleich im Innern“; aber sie steht im Widerspruch zum äußeren (als dem „neuen“) Zustand, und das bereitet Schmerzen (V. 48). Worin der neue Zustand besteht, wird nicht gesagt – wenn man nicht in die Biografie des Paares Johann Wolfgang und Charlotte flüchten will, muss man sagen: Der neue Zustand ist durch die schwebende Erinnerung markiert. Jedenfalls steht die alte Wahrheit in Spannung oder Widerspruch zum neuen Zustand: Ein Riss geht durch das Leben.
In zwei Versen wird dann dieser Zwiespalt umschrieben: Halb beseelet erleben wir uns, sagt der Sprecher, indem er für beide spricht; es fehlt eine Hälfte, die Seele ist zerrissen (V. 49). Und der helle Tag wird nur als Dämmerung erlebt, als bekäme er nur das halbe Licht (V. 50). Dann folgen zwei überraschende Verse als Abschluss:
„Glücklich daß das Schicksal das uns quälet
Uns doch nicht verändern mag.“ (V. 51 f.)
Hier ist Schicksal das eigene Schicksal, das als qualvoll erlebt wird (vgl. V. 45 – 50). Dieses Schicksal mag (ich lese: vermag, also kann) uns nicht verändern, uns an unserem zwiespältigen Geschick Leidenden. Zu was es uns verändern könnte, wird nicht gesagt; ich lese: Es kann uns nicht zu Menschen des Traumglücks machen. Und darüber sind wir glücklich, sagt der Sprecher. Das ist seine Zustimmung zu einem Leben, das von Seelenverwandtschaft mit der Geliebten bestimmt ist, auch wenn diese Verwandtschaft als ganze nur im Modus der Erinnerung und nicht als erfüllte Gegenwart erlebt wird.
Der letzte Vers ist genauso pointiert zu lesen wie Vers 27: Die ersten drei Wörter sind betont; der Trochäus ist in der Formel aufgegeben worden. Vom Metrum weicht „doch“ ab, welches den Gegensatz des Glücks zum Leiden behauptet und in der Qual am Glück festhält.

Hilfreich ist der Aufsatz von Renate Böschenstein zum Gedicht (Goethe Handbuch, Bd. 1, 1996, S. 176-180). Korff bespricht als nächstes Gedicht „Rastlose Liebe“, das thematisch in den Paradoxien von Leiden und Glück mit unserem Gedicht verwandt ist.

Zwei Rezitationen habe ich gefunden:
https://www.youtube.com/watch?v=ODCWD4h7PQc (Fritz Stavenhagen)
https://www.youtube.com/watch?v=GcdCvycADPM (gesungen)
Zum biografischen Hintergrund von Goethes Liebesgedicht ist lesenswert Dieter Wellershoff: Der verstörte Eros, 2001 (als Taschenbuch 2004), 2. Kapitel.

P.S. Es gibt Leute, die das Gedicht auf ein Verhältnis Goethes zur Fürstenmutter Anna Amalia beziehen:

http://annaamalia-goethe.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/10/Trilse_Finkelstein.pdf

http://www.zeit.de/2010/11/L-Leithold-Boyle-Roman

anders: http://www.goethezeitportal.de/wissen/dichtung/schnellkurs-goethe/goethe-in-weimar.html

Aber welche Frau auch immer gemeint ist, an der Bedeutung des Gedichtes ändert das nichts.

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