Hebbel: Sommerbild – Analyse

Sommerbild

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
„So weit im Leben, ist zu nah am Tod!“

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.
(1848)

Zum Verständnis von Naturlyrik:
** Während im wissenschaftlichen Experiment der Beobachter hinter dem beobachteten Vorgang zurücktritt, umfasst beim lyrischen Gedicht das vom Beobachter Erlebte zwei Pole: die Natur  u n d  das erlebende Ich (also die Rose in einer bestimmten Perspektive). Die Frage ist, ob das lyrische Ich bei der reinen Betrachtung bleibt oder sich selber in das erlebte Geschehen einbezieht. Es ist also zu prüfen, ob man etwas vom lyrischen Ich erfährt.

Hebbels Gedicht „Sommerbild“ (1848) ist vom Motiv der letzten Rose bestimmt; ich vermute, dass Friedrich von Flotows Oper „Martha“ (1847) mit einer Rosenarie Hebbel inspiriert hat:
„Letzte Rose, wie magst du
So einsam hier blühn? (…)“
Flotow ist seinerseits vermutlich von einem Gedicht des irischen Lyrikers Thomas Moore angeregt worden:
„Des Sommers letzte Rose
Blüht hier noch, einsam rot…“ (1830, dt. von Wilhelm Riese).
Unter dem Eindruck dieses Motivs, das sich bei Hebbel auch noch in dem Gedicht „Verloren und gefunden“ findet, stehen heute zahlreiche Titel der Volksmusik: „Letzte Rose in meinem Garten“, „Auf der Heide blühn die letzten Rosen“ und ähnliche. [Zu diesen Erkenntnissen bin ich über das Stichwort „letzte Rose“ bei yahoo gekommen, das ich als ein festes Motiv vermutet hatte, weil ich „Auf der Heide blühn…“ als volkstümliches Lied kannte. yahoo hält z.Zt. gut 23.000 Links zum Stichwort bereit, darunter auch Filmtitel und Fotomotive.] Das Motiv von „des Sommers letzte[r] Rose“ (V. 1) straft den Titel „Sommerbild“ Lügen; diese Rose ist nämlich die Botin des Herbstes.

Das lyrische Ich berichtet, wie es des Sommers letzter Rose begegnet ist – das ist Inhalt oder Thema des Gedichtes. Diese Begegnung vermittelt dem Ich Todesahnungen; schon dass es die „letzte Rose“ (V. 1) ist, zeigt an, dass die vielen anderen bereits vergangen sind; auch wie das Ich das Rot der Rose erlebt, ausgesprochen in dem irrealen Vergleich „als ob sie bluten könne“ (V. 2), zeigt die Verwundbarkeit, die Todesnähe der Rose; diese wird im Blut-Vergleich in die Nähe der Menschen gerückt, sodass ihr Geschick das betrachtende Ich nicht nur berührt, sondern erschüttert („schaudernd“, V. 3). In der Personifizierung „empfand“ (V. 8) bestätigt das Ich die Nähe von Rose und Mensch. Vielleicht ist die Angabe „im Vorübergehn“ auch ein Hinweis auf das Ver-gängliche aller Lebewesen, letztlich die Vergänglichkeit des Ichs; denn das Ich kennt das Gesetz alles Lebendigen und wird dieses Gesetzes angesichts der Rose inne: „So weit im Leben, ist (…) nah am Tod.“ (V. 4) Das Ich als ein Wesen, das selber am Leben hängt, bewertet in einer Klage dieses Gesetz : „zu nah am Tod“. In der Begegnung mit der Rose verschmelzen also das Wissen des Ichs (Tod vieler Rosen, Gesetz des Lebens) mit dem Erleben der letzten Rose: Das Ich erschaudert in der Todesnähe des Lebendigen.
In der zweiten Strophe berichtet das Ich dann, dass die Rose aufgrund einer kleinsten Kleinigkeit vergangen ist: durch den Hauch des Flügelschlags eines Schmetterlings, dieses luftigsten aller Lebewesen (V. 5-8). Durch das Adverb „leise“ (V. 6), welches eher das gesamte Agieren des Schmetterlings als seine Fluggeräusche bezeichnet, wird die Winzigkeit der von ihm erzeugten Windstöße unterstrichen, weshalb ihre reale Wirkung in einem einschränkenden Nebensatz benannt werden kann (V. 7 f.).
Zu wem spricht das Ich? Berichtet es einer anderen Person von seinem Erlebnis? Eine solche Person ist nirgends zu entdecken; man wird also vermuten dürfen, dass das Ich in einer Erinnerung sich seines Erlebnisses bewusst wird; mit Sicherheit kann man einen klagenden Ton in seiner Stimme vernehmen.
Das Ich berichtet also von einer Erschütterung, die ihm in der Vergangenheit widerfahren ist. In seinem gegenwärtigen Sprechen zeigt es keine Gefühlsregung; doch wird man angesichts der Thematik annehmen dürfen, dass es ruhig und eindringlich spricht. Denn in der 1. Strophe sind die Wörter der Todesnähe betont: „letzte, bluten, schauern, nah/Tod“. In der zweiten Strophe werden durch Betonung die Wörter hervorgeheben, welche einerseits die Winzigkeit der Aktion betonen („kein Hauch, leise“ V. 5 f.), anderseits ihre Wirkung darstellen („empfand, verging“, V. 8), welche durch die außerhalb des Taktes betonte Partikel „doch“ (V. 7) eingeleitet wird. Auch dass jeder Vers eine syntaktische Einheit darstellt, also eine Pause mit sich bringt, trägt zur Ruhe des Sprechens bei; die einzige Ausnahme ist V. 7, wo der Nebensatz mit dem Prädikat in V. 8 hineinreicht – ein schönes Sinnbild dieses leichten Anstoßes, welchen der Flügelschlag des Schmetterlings ausübt. Durch den Kreuzreim „Tag/-schlag“ wird die Stimme jedoch auch hier einen kleinen Moment angehalten. Der Jambus als Takt sorgt dafür, dass die Stimme gleichwohl vorwärts drängt.
Im gerade genannten Kreuzreim sind die Verse sinnvoll aneinander gebunden: Die Rose steht, das Ich geht daran vorüber (V. 1/3); ihre Farbe ist das Rot, sie steht damit nahe am Tod (V. 2/4). Die Ruhe des heißen Tages wird nur von einem winzigen Flügelschlag erschüttert (V. 5/7); der Schmetterling ist es, der dieser schwachen Rose den Tod bringt (V. 6/8).
Der Doppelvers 7 f. ist die einzige Stelle, die ein Satzgefüge aufweist; die anderen Verse sind schlichte Hauptsätze (bis auf V. 2). Diese schlichte Sprache entspricht dem Typus der Erlebnislyrik, gerade auch der Betroffenheit von der Todesnähe aller Lebewesen; dem entspricht die Tatsache, dass das Motiv der letzten Rose heute in der volkstümlichen Musik weiterlebt, wie ich in der Einleitung gezeigt habe.

Zur Symbolik der Rose
(statt: des Sommers letzte Nelke… – man darf jedoch nicht das ganze Wörterbuch abschreiben, sondern muss aus dem dort umschriebenen Bedeutungsfeld das Passende heraussuchen!):
http://www.schockwellenreiter.de/gartengeschichten/rosen.html
http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rose

http://mpg-trier.de/d7/read/hebbel_sommerbild.pdf (große Interpretation)

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