Heine: Karl I. – Analyse

Im Gegenzug gegen die Französische Revolution und die Kriege Napoleons waren in Europa die monarchistischen Kräfte wieder erstarkt. Aber seit 1830, seit der Julirevolution in Frankreich, waren in ganz Europa revolutionäre Bewegungen entstanden, teilweise mit sozialistischen Idealen (Blanc und Proudhon in Frankreich; Georg Büchner und Karl Marx in Deutschland…); im Februar 1848 brach in Frankreich eine neue Revolution aus, die in ganz Europa Folgen zeigte. In diese Situation hinein hat Heine sein Gedicht „Karl I.“ 1847 veröffentlicht (Epoche des „Vormärz“).
Wer ist hier mit Karl I. gemeint? Es ist der englische König, der 1600 geboren wurde und 1625-1649 König war; er regierte absolutistisch, musste dem Parlament aber Rechte einräumen; 1642 kam es zum Bürgerkrieg, den die Royalisten verloren. Karl floh nach Schottland, wurde aber nach England ausgeliefert und 1649 auf Betreiben Cromwells hingerichtet. Der in der Überschrift genannte Karl I. sichert die Identität des Königs, der im Gedicht nicht mehr namentlich genannt wird und der einfach „der König“ ist (V. 2). Von ihm wird erzählt, dass er „an der Wiege des Köhlerkinds“ sitzt (V. 3) und ein Lied singt. Dieses Lied wird im Folgenden wiedergegeben; es stellt den Hauptteil des Gedichtes dar – sieben Strophen gegenüber der einen mit der einleitenden Erzählung.

Zur Situation „im Wald“ (V. 1) gehören eine Köhlerhütte und ein Köhlerkind in der Wiege, beide durch den bestimmten Artikel als bekannt eingeführt, obwohl sie hier erstmals genannt werden. Vom König und seinem Tun wird volksliedhaft erzählt: Die vier Verse weisen abwechselnd vier und drei Hebungen auf, die Takte sind unregelmäßig gefüllt; der zweite und vierte Vers reimen sich, sodass fast zwei Langverse mit sieben Hebungen vorliegen, weil am Ende des ersten und dritten Verses keine (größere) Pause gemacht wird. Der „König“ singe „eintönig“ (V. 4 – im Reim sind die beiden Wörter verbunden), wird erzählt, und ebenso einfach und eintönig wird in der Volksliedstrophe von ihm erzählt; es fällt auf, dass der König allein ist und dass er „trübsinnig“ da sitzt; später wird klar, dass das furchtbare Lächeln seines künftigen Henkers (V. 8 mit V. 24) ihn bedrückt. Die Reime der jeweils 2. und 4. Verse sind in allen Strophen banal (etwa „kränker / Henker“, V. 22 und 24), ohne dass sie immer sinnlos wären; sie passen in ihrer Schlichtheit ins Wiegenlied des Königs.
Das Lied des Königs, das er dem Kind singt, stellt eine Montage dar; der König verbindet Verse eines Kinderliedes („Eiapopeia, was raschelt im Stroh…“, V. 5) mit einem Ausblick in die Zukunft, wobei er von sich sowohl als „der König“ wie als „ich“ spricht (V. 16 und V. 20); dabei erzählt er, wie das Köhlerkind als Henker ihm den Kopf abschlägt. Das Kinderlied stammt aus „Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder“, gesammelt von Achim von Arnim und Clemens Brentano; der erste Band ist 1805 erschienen, der zweite und dritte (mit einem Anhang von Kinderliedern) 1808[1]. Zumindest heute gibt es eine Variante, in welcher die Aufforderung fehlt, das „Kikelchen“ totzuschlagen[2]; man wird annehmen dürfen, dass Heine „Des Knaben Wunderhorn gekannt hat. Dieses Lied wird vom König – in Wirklichkeit von Heine, der König Karl I. ist gut 150 Jahre vor dem Erscheinen von „Des Knaben Wunderhorn“ hingerichtet worden – folgendermaßen abgewandelt, wobei aus dem toten Hühnchen ein totes Kätzchen wird, dem dann erfreute Mäuschen zugeordnet werden:
„Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Es blöken im Stalle die Schafe –
Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh –
Schlafe, mein Henkerchen, schlafe!“
Das „neue“ Lied wird vom König fragmentarisch vorgetragen. Worauf läuft die Abwandlung des Kinderliedes hinaus? Das neue Lied gipfelt in dem Vers: „Das Kätzchen ist tot, die Mäuschen sind froh -“ (V. 17 und 35, der erste Halbvers auch V. 9 und 32, dort in einer anderen Fassung); über die Erwähnung vom Tod des Kätzchens wird das Kinderlied mit dem Ausblick auf den künftigen Tod des Königs verbunden (V. 17 ff. und v.a. V. 31 f., wo nach der Enthauptung des Königs die Parallele „Das Kätzchen ist gestorben“ steht – siehe unten!). Der letzte Vers der neuen Fassung ist überhaupt erst in der Kombination des Kinderlieds mit der Vorausschau des Königs möglich.
Im Lied des Königs wird auch klar, warum das Kind ein Köhlerkind sein muss – in der Logik des Dichters, nicht des Erzählers: Der König spricht vom „Köhlerglauben“, womit er einen Begriff aufklärerischer Polemik gegen die Religion gebraucht, die damit als veraltet diffamiert wird; zu diesem Glauben passen die Köhlerhütte und das Köhlerkind, das vom alten Köhlerglauben befreit ist. Karl I. blickt anachronistisch, also mit dem Weltbild des Dichters Heine von 1847, auf den verschwundenen Köhlerglauben (Präteritum „verschwand“, V. 13) zurück; mit dem Glauben an Gott, so stellt der König fest, verschwand auch der Glaube an die Legitimität des von Gottes Gnaden regierenden Königs, des Königtums allgemein (V. 14-16).
Die vierte und fünfte Strophe, eingeschoben in das Lied, stellen  sozusagen die Theorie dar, warum es mit dem Königtum zu Ende geht. Die vorhin erklärte Darstellung vom Untergang des Köhlerglaubens wird durch das Wort „eiapopeia“ (V. 15) aus dem Kinderlied aufgelockert und als ein banaler Vorgang klassifiziert, der eben mal „eiapopeia“ erzählt werden kann. Das Ende des Gottes und des Königsglaubens wird im Chiasmus (V. 15 f.) verbunden. Es folgt in V. 17 der genannte Vers aus dem Kinderlied, wobei der Tod des Kätzchens dem Ende des Königs entspricht; erstmals wird auch gesagt, dass die Mäuschen darüber froh sind – die Mäuschen als die von der Katze Gejagten, wobei der Leser gleich die Analogie zu den von den Königen beherrschten Menschen weiterdenken kann. Dass die Analogie gewollt ist, zeigt hinter dem Gedankenstrich der Gedankensprung im nächsten Vers: „Wir müssen zu Schanden werden“ (V. 18); das Modalverb „müssen“ zeigt die historische Notwendigkeit des Vorgangs auf: der Gott im Himmel, der König auf Erden, wieder im Chiasmus verbunden (V. 19 f.); wieder wird durch „eiapopeia“ (V. 19) der Untergang der alten Sonnen Gott und König verniedlicht, verharmlost, als belanglos abgetan. Der König selbst stellt in einer Rückschau diese Entwicklung fest, ohne sein Los zu beklagen, auch wenn sein Gemüt bedrückt ist (V. 21).
In den beiden ersten Strophen des Liedes sagt der König dem Kind, wer es ist und was es in Zukunft tun wird, verbunden mit den Versen aus dem genannten Kinderlied. Die Idylle des Kinderliedes wird durch das Adjektiv „furchtbar“ gebrochen, der Schrecken der Enthauptung wird durch das Kinderlied mit seinem „eiapopeia“ (s.o.) gemildert. Der König erkennt an der Stirn des Kindes „das Zeichen“ (V. 7), wobei er nicht sagt, was für ein Zeichen[3] es ist – er scheint es zu kennen, wiederholt sich (in V. 10), und in der Verbindung von Beilschwingen (V. 11) und „mein Henker“ (V. 24) wird klar, was das Zeichen sagt: ‚Das ist der Henker des Königs.‘ Wenn dieser nun ein Zeichen trägt, so ist er damit schicksalhaft in seine Aufgabe geschickt, also auch gerechtfertigt (wie in V. 18 ff., s.o.). Anaphorisch wird das Kind „du“ angesprochen (V. 7, 10, 11); so wird das Kind mit seiner künftigen Aufgabe als Mann verbunden.
Im Hinweis auf die Eichen, welche jetzt schon zittern (V. 12), wird das Symbol der Eiche als des wesentlich „deutschen“ Baumes berührt; hier deutet der König also die Hoffnung Heines an, dass die Hinrichtung des englischen Königs auch die deutschen Eichen-Fürsten erzittern lässt.
In der ersten Strophe nach den beiden Theorie-Strophen, insgesamt also der sechsten, spricht der König von seiner Befindlichkeit zum Köhlerkind: In der Parallele von Mut und Herz, deren Kraft schwindet (V. 21), greift der König auf die entscheidende Aussage vor, die seinen Tod ankündigt: „Ich weiß es, du bist mein Henker.“ (V.24) Parallel zu V. 17 erklärt der König die eigenartig ambivalente Stimmung seines Gesangs, der in einem Todesgesang und Wiegenlied ist (V. 25), was er durch die beiden „eiapopeia“ (V. 23 und 26) wieder bestätigt; er beschreibt dem Kind, wie es als Mann den König auf die Hinrichtung vorbereitet (V. 26 ff.), wobei das im Nacken klirrende Eisen mich an die Guillotine als die Hinrichtungsmaschine der Französischen Revolution denken lässt – früher wurden Könige einfach mit dem Schwert geköpft, da klirrte kein Eisen. In der folgenden Strophe, eingerahmt durch die Verse des Kinderliedes (V. 29 und 32), stellt der König vor dem Bericht von der Enthauptung fest: „Du hast das Reich erworben“ (Perfekt, V. 30); damit erklärt er, warum die Mäuschen froh sind, wie er in der neuen erzählenden Formulierung („Das Kätzchen ist gestorben“, V. 32, statt sonst „ist tot“) die Parallele von Tier- und Menschenwelt aufnimmt, womit er die Erzählung vom Königsmord zum Kinderlied herabstuft.
In der letzten Strophe hat der König von sich nichts mehr zu sagen, da er ja seine Enthauptung erzählt hat; er bleibt im Bildbereich des Kinderliedes (V. 33 ff.) und wünscht abschließend dem Kind, seinem Henker, liebevoll als „mein Henkerchen“ angesprochen (V. 36), einen guten Schlaf. Das Kind kann gut schlafen, mit gutem Gewissen als sanftem Ruhekissen, weil die Enthauptung des Königs in der Logik der Geschichte liegt, wie Karl I. selbst erkannt hat.
Dass Heine mit diesem Gedicht zu den revolutionären Stimmungen und Bestrebungen seiner Zeit Stellung nimmt, ergibt sich aus der anachronistischen Sicht Karls I. auf den verschwundenen Köhlerglauben und aus dem Hinweis auf die (deutschen) Eichen: Könige darf man ruhig enthaupten; wenn sie ein Fünckchen Verstand haben, sehen sie wie Karl I., dass dies der Logik der Geschichte entspricht und dass kein Henker deswegen ein schlechtes Gewissen haben muss. Mit seiner Montagetechnik hat Heine ein ‚modernes‘ Gedicht geschrieben, in dem in der ironischen Brechung des Kinderliedes ein einstmals enthaupteter König sich zu den politischen Fragen des Vormärz als echter Republikaner äußert.

Vorlage zum Kinderlied
„Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder“, gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Brentano[4], enthält das Gedicht „Wiegenlied“, die Quelle des Kinderliedes, das Heine für sein Gedicht „Karl I.“ abgewandelt hat. Es steht im Anhang „Kinderlieder“ zum dritten Teil der Sammlung (1808):

Wiegenlied

Eio popeio, was rasselt im Stroh?
Die Gänslein gehn barfuß
Und haben keine Schuh;
Der Schuster hats Leder,
Kein Leisten dazu,
Kann er den Gänslein
Auch machen kein Schuh.
Eio popeio, schlags Kikelchen tot,
Legt mir keine Eier
Und frißt mir mein Brot;
Rupfen wir ihm dann
Die Federchen aus,
Machen dem Kindlein
Ein Bettlein daraus.
Eio popeio, das ist eine Not,
Wer schenkt mir ein Heller
Zu Zucker und Brot?
Verkauf ich mein Bettlein
Und leg mich aufs Stroh,
Sticht mich keine Feder
Und beißt mich kein Floh.
Eio popeio.

Das vorangehende Gedicht „Eia popeia et cetera“ hat eine Reihe Eingangsverse mit „Eia“, etwa „Eia im Sause“, „Eia wiwi“, in der 6. Strophe dann „Eia popei“. Das dem „Wiegenlied“ folgende Gedicht „Walte Gott Vater“ beginnt mit dem Vers „Eia popeia!“ und endet mit „Ei eia popeia.“.

In einer neuen Sammlung von Kinderliedern[5] ist der Text abgewandelt:
„Eiapopeia, was raschelt im Stroh?
Das sind die lieben Gänslein, die hab‘n keine Schuh.
Der Schuster hat‘s Leder, kein‘ Leisten dazu,
drum kann er den Gänslein auch machen kein‘ Schuh.
Eia popeia, das ist eine Not!
Wer schenkt mir einen Helle zu Butter und Brot?
Verkauf ich mein Bettchen und leg mich auf Stroh,
da sticht mich kein‘ Feder und beißt mich kein Floh.“

Anmerkungen:
[1] Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Brentano (Ausgabe im Winkler Verlag: München 1957, S. 833).
[2] Das große Buch der Kinderlieder. Hrsg. von Roswitha Weixelbaumer. Verlag Carl Ueberreuter: Wien – München – Heidelberg 1983, S. 54.
[3] Im AT erhält Kain von Gott „ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde“ (Gen 4,15). Es gibt in der Bibel auch Zeichen, an denen man die Zukunft erkennt; sie stehen in der Nähe von Wundern (s. Stichworte „Zeichen“ und „Zeichendeuter“ im BHH).
Brauchbare Einsichten liefert der Art. „Vorzeichen“ im „Wörterbuch der deutschen Volkskunde“, 3. Auflage neu bearbeitet von Richard Beitl. Alfred Kröner Verlag: Stuttgart 1974; für Zeichen in Märchen s. Artikel „Wahrzeichen“ (in: Scherf, Walter: Lexikon der Zaubermärchen. Kröner 1982).
[4] Ausgabe im Winkler Verlag: München 1957, S. 833; die beiden anderen Gedichte S. 832 f.
[5] Das große Buch der Kinderlieder. Herausgegeben von Roswitha Weixelbaumer. Verlag Carl Ueberreuter: Wien – München – Heidelberg 1983, S. 54.
(Das alte Kinderlied wurde von meiner Tochter Eva Tholen identifiziert.)

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