Heine: Liebste, sollst mir … – Analyse

Dieses Gedicht des jungen Heinrich Heine, ohne Überschrift, stammt aus dem Zyklus „Lyrisches Intermezzo“. Ein Intermezzo wird zwischen zwei Hauptstücken gespielt; das Intermezzo als ein lyrisches, als Gedichtsammlung, zwischen welchen Hauptstücken soll es stehen? Die Frage bleibt offen.
Das Gedicht beginnt mit der Anrede „Liebste“, also der vertrauten Anrede an die Freundin, die Braut, die Gattin. Was vom gängigen Superlativ „liebste“ in diesem Fall zu halten ist, wird sich zeigen. Die „Liebste“ – das Wort trägt den Hauptakzent des Verses – wird gebeten oder aufgefordert, etwas heute zu sagen; eine kleine Pause am Versende gibt dem Leser Zeit zum Nachdenken. Man könnte erwarten, dass sie sagen soll, wie sehr sie ihren Liebsten liebt oder was dergleichen verliebte Fragen mehr sind. Gemäß dieser Erwartung lautet die Frage (V. 2), beinahe vollständig formuliert: „Bist du nicht ein Traumgebild?“ Das betonte Wort „Traum“ verstehe ich hier so, dass die Metapher für eine wunderbare, traumhaft schöne Frau steht. Eine solche Frage kann man aber nicht an die Liebste richten; den Inhalt der Frage kann man nur als Bekenntnis sprechen: Du bist wunderbar.
Die durch die unmögliche Frage erzeugte Irritation wird in den beiden nächsten Versen verstärkt; durch eine indirekte Frage wird nämlich das „Traumgebild“ näher bestimmt. Dabei wird durch mehrere Stilbrüche das erste Verständnis von „Traumgebild“ in Frage gestellt: Die Worte „schwül“ (statt „heiß“ oder „warm“) und „Hirn“ statt „Haupt“ oder „Geist“ passen nicht in die traditionelle Lyrik. Das Hirn des Dichters, wobei „Dichters“ betont ist, kommt als Ursprung des Traumgebildes in Frage; der Dichter ist der Typus des Dichters, der Lyriker – das lyrische Ich spricht hier ganz unlyrisch (s. „schwül“, „Hirn“) vom „Dichter“: Heines Gedicht ist hier gebrochen; ironisch wird über Dichter gedichtet. Heines Gedicht ist im Kreuzreim abgefasst, vier Trochäen machen ein recht bestimmtes Sprechen möglich; die männliche Kadenz am Ende jedes zweiten Verses bringt, dem Kreuzreim entsprechend, eine Pause mit sich.
Das Ich macht sich in der zweiten Strophe daran, selbst seine Frage zu beantworten: „Aber nein…“, wobei „nein“ betont ist; es liegt also, wie schon bei der Frage (V. 2) von mir vermutet wurde, kein Gespräch zwischen dem Ich und der Liebsten vor, sondern nur ein vom Ich gespieltes oder erdachtes Gespräch. In den folgenden Versen der 2. Strophe wird die Verneinung begründet. Das Ich spricht nun, ganz im Stil traditioneller und damit auch abgegriffener Liebeslyrik mit den gereimten Verkleinerungsformen (Diminutiven) „Mündchen/Kindchen“, ähnlichen Attributen des Mädchens (V. 7) und der Metapher „Zauberlicht“ der Augen (wie bei „Traumgebild“: der bezaubernde und verzaubernde Blick), dies alles hervorgehoben durch das dreimal betonte „solch“ und zusammengefasst im demonstrativen „das“, von der Liebsten und antwortet auf seine Frage von Strophe 1: Das erschafft der Dichter nicht; das muss wohl heißen, dass ein Dichter (betont) das nicht erschaffen kann. Wieso er das nicht kann, wird hier nicht gesagt; ich denke mir beim Lesen, dass er als Wortproduzent nicht den Reiz des sinnlich Wahrnehmbaren erzeugen kann.
Das Ich erklärt dann selbst in der 3. Strophe, wieso der Dichter ein solch schönes Mädchen nicht erschafft; er erschafft nur schlimme Fabeltiere, von denen vier Arten aufgezählt werden, die dann – analog dem betonten „solch“ von Strophe 2 – als „schlimme“ Tiere zusammengefasst werden. Hier irritiert, dass einmal das gleiche Pro-nomen „solch“ wie bei der Beschreibung der Geliebten verwendet wird und dass zweitens dem Dichter die schlimmen Tiere als Gegenstand zugeschrieben werden; dabei gibt es doch viele Liebesgedichte mit dem höchsten Frauenlob – warum also diese unverständliche Erklärung?
„Aber“, der Anfang der 4. Strophe, der dem der 2. gleicht, bietet die Aufklärung der verworrenen Situation, indem die Möglichkeiten dichterischer Schaffenskraft begrenzt werden (V. 16): Etwas so Schlimmes wie dieses Weib kann kein Dichter erschaffen; das könnte sich kein Dichter im Traum (vgl. V. 2) vorstellen. In einfach reihender Aufzählung werden nun die Qualitäten der Liebsten genannt, auf Grund derer das Ich dem Dichter die Schaffensmöglichkeit abgesprochen hat: Tücke und holdes Angesicht, das passt durchaus nicht zusammen. In V. 15 wird der Widerspruch endgültig aufgeklärt: Es sind falsche fromme Blicke, „falsch“ und „fromm“, in Alliteration verbunden (ebenso wie „dich /deine“ in V. 13), Tücke und Holdheit verbindend, die passend sich unsauber reimen. Das wohl männliche Ich macht der Liebsten den schlimmen Vorwurf, dass sie falsch ist, und bekennt dabei, dass sie zauberhaft schön ist; die Anrede „Liebste“ wird nicht zurückgenommen.
In diesen Spannungen zeigt sich die Ambivalenz realer Liebesbeziehungen; im Gedicht Heines wird der übliche einfache Hymnus der Liebeslyrik auf die schöne Frau zerstört – in Form eines Gedichtes. Was der Dichter nicht fassen kann, reimt sich im Gedicht: Ironie. Dem Dichter wird bescheinigt, die Falschheit einer so schönen Frau nicht fassen zu können – in Form eines Gedichtes. Es liegt ein ironisches Spiel mit der Liebesdichtung vor; das Ich erklärt im Gedicht Heines, ein Dichter könne die genannten Spannungen nicht aussagen, weil seine Vorstellungskraft nur für das einfach Schlimme: schlimme Fabeltiere (V. 11), reiche, aber nicht für das unerträglich Schlimme einer schönen geliebten Frau.
Dass das Gedicht von Heine durchdacht ist, zeigt eine Betrachtung seines Aufbaus. Jeweils zwei Strophen bilden eine Einheit, wobei die jeweils erste von den Möglichkeiten und die zweite von der Unfähigkeit des Dichters ausgeht (genau: das Ich geht davon aus). Das zweite Strophenpaar weist entsprechend mit dem „Aber“ (V. 13) und dem gleich wiederholten Schluss (V. 16) eine strenge Parallele zur ersten Strophe auf. Eine Reihe von Reimpaaren bindet Verse gleichen Sinns aneinander, etwa V. 2/4, V. 6/8 (das Traumhafte als Bereich des Dichters) oder V. 9/11 (Tiere) und V. 13/15 (Falschheit). In der Beschreibung der Frau werden einfache, klischeeartige Wörter verwendet (Mündchen, lieb, süß usw.); der Gedankengang, in dem sich das lyrische Ich zur Erkenntnis der unermesslichen Falschheit durchringt, ist dagegen durchaus ungewöhnlich und neuartig: der junge Heine.

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