Hoffmannswaldau: Die Welt – zur Analyse

1. Eine profunde Analyse bietet Urs Herzog: „Weiter schauen“. Zu Hoffmannswaldaus Die Welt. In: Gedichte und Interpretationen, Bd. 1, hrsg. von Volker Meid. RUB 7890, S. 357 ff.
2. Gegenüber Herzog möchte ich für die ersten acht Verse eine andere innere Gliederung vorschlagen; ich möchte V. 1-4 (als quasi erste Strophe) als Einheit unter dem Aspekt Welt-„Licht“ sehen.
a) „Glänzen“ ist ein leuchtendes Strahlen, ein Lichtphänomen (V. 1); das gilt auch von „Schein“ und Blitz“ (V. 3 f.). Es bleibt also zu untersuchen, was „Pracht“ (V. 2) ist.
b) Im KLUGE geht die Erklärung insgesamt eher in die Richtung, dass am Anfang der Bedeutung ein zustimmender Lärm gestanden hat. Pfeifers „Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ differenziert diese Erklärung: Die Bedeutung „Lärm“ habe sich nur bis ins 16. Jh. erhalten und sei dann durch die neue Bedeutung „Prunk, Glanz“ ersetzt worden (was auch KLUGE andeutet, wenn auch ohne Datierung). Wir hätten also mit „Pracht“ eine Doppelung zu „Glänzen“, aber kein neues Attribut der Welt vor uns.
c) Die vier Attribute in V. 5-8 (Feld, Spital, Sklavenhaus, Grab) gehören insofern zusammen, als sie sichtbare Größen darstellen, die metaphorisch „die Welt“ bedeuten.
d) Zum „Licht“ möchte ich darauf hinweisen, dass nicht nur Gott als das wahre Licht im Barock bekannt ist (Gryphius: Morgen Sonnet), sondern auch die philosophische Tradition mit der Licht-Metaphorik und -Metaphysik noch bestanden hat („Licht“ im Histor. Wb. der Philosophie, Bd. 5: Platons Sonnen- und Höhlengleichnis…).
Fazit: Vers 1-4 und 5-8 sind jeweils als Einheit zu lesen.
3. Das Gedicht „Die Welt“ steht auch unter dem philosophisch-mystischen Imperativ, wie er im Epigramm „Zufall und Wesen“ bei Angelus Silesius ausgesprochen wird:
„Mensch, werde wesentlich; denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“
Mit den Leitbegriffen „Zufall / Wesen“ werden die philosophischen Begriffe „Substanz / Akzidenz“ aufgegriffen. „Was ist die Welt…?“ als Eingangsfrage leitet also eine religiös-philosophische Meditation ein; auch das angedeutete Lebens-Bild der Seefahrt („in diesen Port gelangen“, V. 15) hat eine gute Tradition in der Stoa (Epiktet: Der Ruf des Steuermanns, in: Handbüchlein der Moral, RUB 8788, S. 13/15).
4. Das Schema „Abkehr vom Unwesentlichen / Hinwendung zum Wesentlichen“ bestimmt auch heute die Berichte vieler Menschen von der großen Umkehr (metanoeite – kehret um…, Mk 1,15) in ihrem Leben. So hat etwa Arabella Kiesbauer („Mein afrikanisches Herz“, 2007) berichtet, wie sie sich von den Vordergründigkeiten des Boulevard-Fernsehens abgewandt und sich auf die Suche nach den Spuren ihres verstorbenen Vaters gemacht hat, wie sie dabei ihre afrikanische Seele entdeckte und frei wurde, selber ein Kind zu bekommen (ich halte mich an die Besprechung von Johann Schloemann: Schreibt das nicht auf!, SZ 29. Sept. 007, Beilage S. I).
5. Für einen Gedichtvergleich bietet sich vielleicht H. von Hofmannsthal: Was ist die Welt? (1890) an. Wer den Lobpreis des Glänzens sucht, sollte Goethe: Mailied, lesen.

http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/literatur/hofmannswaldau/hofmannswaldau_welt.html
http://www.teachsam.de/deutsch/d_ubausteine/aut_ub/hofmw_ub/hofmw_txt_2_ub_3.htm
http://www.lyrikschadchen.de/html/body_ebenbild_unsers_lebens.html
hartmanns-zeitreise.de/Bianka/Interpretation.doc
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_litgesch/barock/litge_barock_centermap.html (das Gedicht im Rahmen der Barocklyrik)
www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/Trabert/Merkblatt_Lyrikinterpretation2.doc (nur Vers- und Strophenformen!)

 

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