Mörike: Septembermorgen – Analyse

Ein kleines Gedicht legt Mörike vor (1827 entstanden), es besteht nur aus zwei Sätzen. Nirgendwo wird ein Sprecher benannt, doch ist er mit seinen Erwartungen zu bemerken. An einem Septembermorgen (Titel) steht er am Waldrand (?) „im Nebel“ (V. 1); er weiß, dass diese neblige Welt noch so ist, wie er sie wahrnimmt (V. 1 f.), und er erwartet, dass sie sich bald (V. 3 ff.) ändern und in ihrer Schönheit zeigen wird. Diese Differenz zwischen Wahrnehmen und Erwartung bestimmt das Gedicht, also die Äußerung des Sprechers; er spricht ein „du“ (V. 3) an, womit er sich vermutlich selbst meint, und wäre damit indirekt doch als lyrisches Ich präsent.
Die Nebel-Situation wird nicht als verwirrend, sondern als Ruhe wahrgenommen; Welt, im Stabreim als „Wald und Wiesen“ vorgestellt (V. 1 f.), wird personifiziert: Sie träumen. Das Ich spricht im Jambus ganz ruhig, es betont am Versanfang „Nebel“, ganz leicht am Ende auch „Welt“ (V. 1). Durch die Anfangsbetonung fällt die Satzmelodie leicht und sanft ab; das Gleiche gilt für den Vers 2, sogar verstärkt, weil dort außerhalb des Taktes das erste Wort „Noch“ stark hervorgehoben wird, weil auch „träumen“ einen kleinen Akzent bekommt und zwischen den beiden Silben „noch / träu-“ eine den Takt füllende Pause eingelegt werden muss.
Dem betonten „Noch“ (V. 2) entspricht in der Spitzenstellung in V. 3 das gleichermaßen betonte „Bald“ – die Spannung zwischen diesen beiden Wörtern, zwischen Wahrnehmung und Erwartung, macht den Reiz des Gedichtes aus. Was wird bald geschehen? Der Nebel wird fallen; das Ich sieht darin metaphorisch den Schleier fallen (V. 3), als ob die Welt eine junge Frau wäre, die sich dem liebenden Blick bald offen, „unverstellt“ (V. 4) zeigte. Die Schönheit der Welt, das wird der blaue Himmel und das warme Gold der Herbstfarben sein (V. 5 f.). Diesen Übergang hebt der Sprecher hervor, indem er „Schleier / unverstellt“ (V. 3 f.) betont. Der Schleier „verstellt“ den Blick auf den Welt (das Bild passt nicht ganz), die Welt erscheint unter dem Schleier nur in Weißgrau, also „gedämpft“ (V. 5), weil ihre warmen Farben nicht zu sehen sind.
„Herbstkräftig“, mit diesem neuen (Neologismus) und außerhalb des Taktes betonten Wort charakterisiert der Sprecher die sich zeigende Welt; es bezeichnet den Gegensatz von „gedämpft“. „Warmes Gold“ (V. 6) sieht und fühlt man zugleich (Synästhesie). Ein kleines Rätsel gibt „fließen“ (V. 6 – die Welt kann ja nicht fließen) auf; gemeint muss wohl sein, dass das warme Gold über die Welt dahinfließt. Ab V. 3 wird vom erwarteten Schönen schneller gesprochen; eigentlich ist es eine Satzreihe, die zweimal an den gleichen Satzkern „Bald siehst du“ angeschlossen sein muss; dieser ist aber beim zweiten Mal ausgelassen, was das Sprechen beschleunigt. Die drei Reimwörter „fällt / verstellt / Welt“ können am Versende das Tempo nur minimal bremsen. Zur Ruhe kommt das Ich erst mit dem letzten Wort „fließen“, weil damit das noch unbeantwortete Reimwort „Wiesen“ seine Erfüllung findet und die letzte Silbe (weibliche Kadenz, wie bei „Wiesen“, V. 2, am Ende des ersten Teils) nachklingt. Hier liegt das Herbstliche in der Spannung zwischen dem Kräftigen und dem Fließen (V. 5, 6), jedoch erst erwartet: im Übergang: Die noch ruhende Natur wird aufstehen und sich in ihrer Schönheit zeigen.

Diese Analyse ist schon älter; sie soll als solche erhalten bleiben, zumal da ich mit der großen Analyse von mpg-trier nicht konkurrieren kann. Es gibt inzwischen einiges, was ich nachtragen möchte:

Analysen

http://mpg-trier.de/d7/read/moerike_septembermorgen.pdf (große Analyse, sehr ausführlich)

http://www.lyrikmond.de/interpretationen.php

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=Uq-61uZ_IPc (O. I. Wieröd, noch nicht optimal)

http://media1.roadkast.com/sprechbude/septembermorgen_moerike_maasch.mp3 (Chr. Maasch, gut)

http://www.rezitator.de/gdt/425/ (Lutz Görner, gut)

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=12341&edit=0

http://www.youtube.com/watch?v=qqR4qk5bVlc

http://www.youtube.com/watch?v=arguNgc5Ams (störende Pausen)

http://www.youtube.com/watch?v=I1JYhF9ZPAU (na, ja)

http://www.youtube.com/watch?v=p4esAi5RhkQ (Gedichte der württembergischen Romantik)

http://www.youtube.com/watch?v=0dV5BpcAyzI (Chor)

Sonstiges

http://stagione4.wordpress.com/tag/rilke-herbst-morike-gedichte-nebel-septembermorgen/ (Herbstgedichte)

http://myweb.dal.ca/waue/Trans/Moerike-Septembermorgen.html (engl. Übersetzung)

http://www.lehrer-online.de/342791.php (in einer U-Reihe „Spiel mit Lyrik“)

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