Paul Gerhardt: Abendlied – Analyse

Der Hausvater spricht am Abend ein Gebet: Das „Abendlied“ ist eine feste lyrische Form (http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Lyrische_Form). Was er sagt, ist aber nicht leicht zu verstehen; ich werde daher den Hintergrund seiner Äußerungen und den Aufbau des Gedichtes kurz analysieren.

Das Gedicht steht in der christlichen Tradition; ich schlage vor, als unmittelbaren Kontext eine Stelle aus dem Römerbrief zu lesen (Röm 13,11-14). Dort legt Paulus kurz die christliche Hoffnung auf baldige Erlösung aus und verbindet sie mit allgemein gehaltenen Mahnungen an die Römer, wie Erlöste zu leben. – Am Anfang seines Briefeschreibens hatte Paulus noch erwartet, die meisten Christen würden erleben, wie der Herr Jesus Christus vom Himmel kommt, um die Seinen zu erretten (1 The 4,13 ff.): die sogenannte Naherwartung des mit der Auferweckung Jesu eingeleiteten Weltendes. Diese Naherwartung hat sich nicht erfüllt, ist in Röm 13 aber noch als zeitliche Erwartung spürbar; „denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden“ (13,11). In der späteren Kirche ist diese zeitliche Erwartung aufgegeben worden; sie wurde aufgespalten in eine innerliche Erlösung jetzt und eine (wiederum aufgespaltene) spätere Rettung, sei es nach dem eigenen Tod, sei es mit dem Ende der Welt; in dieser Situation der gespaltenen Heilserwartung befindet sich der Hausvater, der das Abendlied spricht.
Aus dem Römerbrief sind schon Nacht und Tag als Metaphern vorgegeben: Nacht als Gegenwart, Tag als Zeit des vollen Heils; die Mahnung geht dahin, vom Schlaf aufzustehen und sich für den Tag zu rüsten: die Waffen des Lichtes anzulegen, den Herrn Jesus Christus als neues Gewand anzuziehen.

Der Sprecher beginnt mit der vagen Datierung „nun“ (V. 1), da die Lebewesen ruhen und die ganze Welt schläft (V. 1-3); in dieser Situation spricht er zu (mit) sich selbst und fordert seine „Sinnen“ auf, das zu tun („zu beginnen“), was Gott gefällt (V. 4-6) – mit Paulus zu sprechen: vom Schlaf aufzustehen. Mit einer rhetorischen Frage an die Sonne (V. 7) wird beschrieben, dass die Nacht da ist (V. 7-9); der verschwundenen Sonne wird dann die andere Sonne, „mein Jesus“ (V. 11), gegenübergestellt; diese Sonne scheint „in meinem Herzen“ (V. 12). Der „irdischen“ Welt und ihrer Finsternis wird die Herzenswelt, der das Ich und Jesus angehören, als gegenwärtige Welt des Lichtes gegenübergestellt.
In den vier folgenden Strophen wird die gegenwärtige Nachtwelt (Jammertal, V. 18; Elend, V. 29) mit der Welt des künftigen Heils konfrontiert, die nach dem eigenen Tod (V. 17 f.; V. 30 f.) beginnen wird (futurische Aussagen): Ich werde wie ein Stern stehen (3. Str.), Christus wird mich neu bekleiden (4. Str.), ich werde vom Elend und der Sünde frei sein (5. Str., vgl. Röm 1 und 2); V. 35 f.), ich werde zur ewigen Ruhe gebettet sein (6. Str. – die eschatologische Hoffnung ist hier kaum zu spüren).
Danach wendet der Beter sich an Gott, den Vater (7. Str.: Gott als Wächter Israels, vgl. Ps. 121,4; damit verwandt, wenn auch nicht genannt: Gott als Hirte, vgl. Ps. 23), bzw. an Jesus selbst (8. Str.); die Bitten werden im Hinblick auf den bald kommenden (leiblichen) Schlaf ausgesprochen, der offensichtlich als Bedrohung erlebt wird (7. Str.) und auch als kurzer Tod galt:
„Tod ist ein langer Schlaf; Schlaf ist ein kurzer Tod;
Die Not, die lindert der, und jener tilgt die Not.“ (Fr. von Logau: Tod und Schlaf)
Die Bitte an Gott ist wie die Bitte an Jesus allgemein gehalten: Sie mögen (Imperative) den Menschen vor allem Schaden oder vor dem ewigen Höllenfeuer (Satan, V. 46) retten. In der 8. Strophe wird Jesus im Bild einer Klucke gesehen, die ihre Küken („dein Küchlein“, V. 45) beschützt, so wie Gott der Wächter Israels ist.
In der letzten Strophe wendet der Hausvater sich an die Hausgenossen („Auch euch, ihr meine Lieben“, V. 49) und schließt sie in seine Segenbitte ein. Die goldenen Waffen sind die Waffen des Lichts (V. 53; Röm 13,12); „seiner Helden Schar“ ist unbestimmt – beim Protestanten Paul Gerhardt würde ich an die Erzengel Gottes denken, bei einem katholischen Dichter kämen eher die Heiligen in Frage.

Es gibt, wie gesagt, eine breite Tradition des Abendliedes (vgl. auch http://www.medport.de/lexikon/index.php/Abendlied oder http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied bzw. http://gedichte.xbib.de/_Abendlied_gedicht.htm, allgemeiner https://de.wikipedia.org/wiki/Lied); Matthias Claudius hat Paul Gerhardts „Abendlied“ (1647) mit einem Zitat des Anfangs von Str. 3 aufgegriffen und 1778 neu ausgearbeitet (http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.biblio&ds=134&start=0) – den Text von Gerhardts Gedicht und einen Kommentar von 1830 findet man dort auch mit einem Link. – Bis zu Kellers „Abendlied“ (1879) ist noch ein weiter Weg!

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