Theodor Storm: Im Herbste – Analyse

Dieses Gedicht Theodor Storms (1852 entstanden und auch veröffentlicht, also kaum biografisch zu deuten) ist von seinem politischen Gedicht „Im Herbste 1850“ zu unterscheiden. – In einer herbstlichen Situation, die nicht als angenehm empfunden wird („Es rauscht, die gelben Blätter fliegen“, V. 1 und dann V. 3 f.), stehen (oder gehen) der Sprecher und seine Frau zusammen – vielleicht stehen die beiden aber auch am Fenster und schauen hinaus, vielleicht spielt das Geschehen am Morgen (vgl. V. 9 f.); das unangenehme Wetter macht die Frau frösteln, sie schauert und kuschelt sich an ihren Mann (V. 3 f.). Der Mann ist der Sprecher, der seine Frau mit „du“ anspricht (V. 3 ff. beschreibend, V. 17 ff. fragend); vermutlich trägt er seine Gedanken in einem inneren Monolog vor – wozu sollte er seiner Frau auch mitteilen, was sie tut („Du legst die Hand an meine Stirne…“, V. 13 f.)?
Der Mann nimmt also zusammen mit seiner Frau, die sich an ihn drückt, das herbstliche Naturgeschehen wahr; dabei wird er gewahr, dass seine Frau älter geworden ist, dass also „auch“ sie (V. 8, später V. 17: er) herbstliche Züge trägt: „heimlich“ und scheinbar „im Vorübergehen“ ist sie bzw. ihr „geliebtes Haupt“ von der zerstörenden Herbst-Kraft berührt und verwandelt worden („Was nun von Halm zu Halme wandelt…“, V. 5 ff.). Darauf antwortet er mit einem „Doch“ (V. 9) – er scheint das Altern der Frau als eine Frage zu empfinden, ob mit der nicht näher beschriebenen Veränderung des Aussehens (V. 8) sich auch am Verhältnis der beiden etwas ändern könnte – das ist das Thema des Gedichts: Was ist mit der Liebe, wenn wir beide in den Herbst des Lebens kommen? Mit der adversativen Partikel „doch“ leitet der Sprecher also seine Antwort ein; dem herbstlichen Naturgeschehen setzt er die Versicherung entgegen, dass „uns“ beiden der Sommer, also der Abschied des Sommers und damit auch der verwandelnde Herbst, das Naturgesetz des Vergehens und der Veränderung, nichts angeht (V. 11 f.). Schön ist die Bezeichnung der Spinnweben als „zarte Fäden“ (V. 9); mit dem Attribut „zart“ wird die Übertragung auf die zarten Bindungen der Liebe möglich – die einen Fäden reißen im Herbst, die anderen nicht.
Die zweite Hälfte des Gedichtes gleicht der ersten; sie wird durch eine Aktion der Frau eingeleitet („Du legst die Hand an meine Stirne…“, V. 13). Nun wird beschrieben, wie die Frau ihrerseits ihren Mann prüfend anschaut (d.h. wie der Sprecher wahrnimmt, dass sie ihn anschaut). Das Satzadjektiv „prüfend“ (V. 14) eröffnet die Frage, welche der Mann bedenkt (V. 17 ff.); ihr Blick wird von ihm als „gar zu melancholisch“ (V. 16) empfunden, ihr Blick in der Metapher „Licht“ in Parallele zum Licht des Herbstes (vgl. V. 2: falber Schein) gesetzt. Er weiß nicht, was sie denkt; er unterstellt ihre Frage, dass auch sie ihn als eine vom „Herbst“ verwandelte Figur sieht (V. 17 ff.), dass also der Zauber seiner Jugend (Duft, Schimmer – Attribute des Sommers, V. 17) verschwunden ist, von dem sie „einst“ (V. 18) als Mädchen so „gefangen“ war, dass sie ihre Mädchenfreiheit zugunsten der ehelichen Bindung aufgegeben hat (Kontrast: gefangen – frei). Wie also wird seine Frau darauf reagieren, dass sie ihn vermutlich als gealtert und verändert erkennt? Ihm bleibt nur eines: Er bittet sie, nicht ob seiner Herbstlichkeit zu schaudern (V. 21). Mit dieser Bitte greift er ihr Schaudern ob des herbstlichen Wetters auf (V. 3), vor dem sie bei ihm Zuflucht gesucht hat; und er greift seine Versicherung auf, dass die Herbst-Veränderungen der Frau die beiden nicht betreffen (V. 11 f.). Beides gibt ihm den Mut, seine Frau zu bitten: „O schaudre nicht!“ Also: Erschrick nicht über meine Veränderung (auch wenn du wegen des Herbstwetters schauerst, V. 3) – und dann wörtlich wiederholt die Versicherung, die er ihr gegeben hat: „Es ist der Sommer nur, der scheidet; Was geht denn uns der Sommer an!“ (V. 23 f.) Der Mann gesteht ein, dass tatsächlich bei ihm oder an ihm „der schönste Sonnenschein“ verrann (wieder die Lichtmetaphorik, vgl. Schein, V. 2; Licht, V. 16; Schimmer, V.17, als Index der Jahres- und Lebenszeit); doch wird mit dem adverbialen „unmerklich“ (V. 21, parallel zu „heimlich“, V. 7) die Bedeutung dieser Veränderung möglicherweise ein wenig heruntergespielt – in Wirklichkeit verschwindet Wesentliches oft auch nur unmerklich.
Hier kann man sehen bzw. hören, wie die Semantik der Reime vom Sprecher genutzt wird, seine Bitte eindringlich vorzutragen: Der schönste Sonnenschein verrann / doch was geht uns der Sommer an (V. 22 / 24: sein „Dennoch!“). In jeder Strophe reimen sich der zweite und der vierte Vers als Paarreim, und zwar durchweg sinnvoll: Am Himmel steht ein falber Schein / Du drückst dich in deines Mannes Arm hinein (V. 2 / 4: Wetter / Reaktion der Frau); du schaust mir prüfend ins Gesicht / es zeigt sich „gar zu melancholisch Licht“ (V. 14 / 16: der skeptische Blick der Frau). Diese Sinn-Entsprechung kann man für alle Reimpaare zeigen. Durch die Reimform werden quasi pro Strophe zwei Langzeilen erzeugt, wird also das Sprechen tendenziell beschleunigt (vier Enjambements, V. 3, 7, 15, 19); aber weil im jambischen Takt der erste und dritte Vers jeder Strophe eine weibliche Kadenz aufweisen, wird dort wiederum das Tempo ein wenig gebremst – in dieser Spannung wird man das Gedicht eher ruhig sprechen, weil es ja eine Reflexion darstellt. In V. 1, 18 und 21 wird auch innerhalb des Verses wegen des Satzbaus noch einmal innegehalten.
Betonen wird man die Wörter, welche das herbstliche Geschehen (rauscht, V. 1; falber Schein, V. 2) und die körperliche Reaktion darauf (schauerst, V. 3) bezeichnen; weiter geht es um die Antwort, die das Paar auf seine herbstlichen Veränderungen (heimlich, V. 7, dein, V. 8; Sommer, V. 11; hier, V. 21; schönste, V. 22) geben will oder soll (uns, Sommer, V. 12; schaudre nicht, V. 21; uns, Sommer, V. 24). Die rhetorische Frage („Was geht denn uns der Sommer an?“) als Ausruf lässt nur die eine Antwort zu: „Nichts geht er uns an.“ Wir stehen in unserer Verbundenheit über den Gesetzen der alles verändernden Zeit.
Das Gedicht ist eine Momentaufnahme zu Beginn des Alterns, wo unmerklich eingetretene Veränderungen (V. 7, 21) erstmals wahrgenommen werden. Dem begegnet der Sprecher in einem inneren Monolog mit der Versicherung und der Bitte, dass die Liebe davon nicht berührt werde.

Diese Analyse ist schon mehrere Jahre alt, ich ergänze sie nur um zwei Links zu soliden Textausgaben:

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/herbst1.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Im+Herbste

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