Achim von Arnim: Der tolle Invalide auf dem Fort Ratonneau – zur Analyse

Diese Novelle steht in den „Meistererzählungen der deutschen Romantik“ (dtv 2147, S. 258-276). Der Kommentar von Walter Schmitz dort (S. 412 ff.) erklärt zwar nicht alle schwierigen Stellen (Was ist ein Piekschlitten, S. 259?), deutet aber die symbolisch überladene Erzählung völlig einleuchtend. Der Artikel im KLL von Ernst Ribbat ist deutlich verhaltener. Bei Schmitz wird auch skizziert, auf welche Vorlage Achim von Arnim sich gestützt hat – das soll hier aber nicht beachtet werden.

Es ist die Geschichte einer seltenen Liebe, wie Graf Dürande die Lebensgeschichte Rosalies richtig kommentiert; es ist eine Erzählung, in der gezeigt wird: „Liebe treibt den Teufel aus.“ (letzte Zeile, S. 276) Das macht den lehrhaft-legendenartigen Charakter der Erzählung aus. Dieser Teufel ist durch den Fluch einer bösen Mutter in das Leben und dann in die Ehe Rosalies eingebrochen und auf Francoeur weitergeleitet worden; in der physischen Realität entspricht ihm eine Kopfverletzung, aus der Francoeur einen Knochensplitter quasi ausschwitzt (S. 274 f.). Der entsprechende innere Kampf wird durch Rosalies unerschrockenes Zugehen auf ihren Mann ausgelöst (S. 274).
Das leitende Motiv ist das Feuer; zuerst brennt Dürandes Bein, als er von einem neuen Feuerwerk phantasiert (S. 258). Durch den Schürzenbrand wird Rosalie ihm verbunden (S. 259), und er beauftragt ihren Mann, ein schönes Feuerwerk vorzubereiten (S. 264). Das veranstaltet dieser dann auch, allerdings ganz anders, als Dürande gemeint hat, wobei die fliehende Rosalie nebenher auch noch durch das Licht des Feuerwerks gerettet wird. Das Motiv wird auch in vielen Nebenbemerkungen sichtbar: Dürandes Einbildungskraft wird entflammt (S. 258); die Mutter erscheint, als ob eine Flamme aus ihrem Hals brenne, sie hat schwarz flammende Augen (S. 261); und Francoeur packt seine neue Aufgabe mit funkelnder Begeisterung an (S. 264), um nur einige der Stellen zu nennen. Er ist aber auch ein Teufelskerl…
Zugleich ist es eine Geschichte von Frankreich und Deutschland; sie hat im Siebenjährigen Krieg begonnen – Rosalie ist eine geborene Lilie, und das Lilienbanner weht zum Schluss wieder über den Fort, nachdem Francoeur (ein sprechender Name) von der Liebe „besiegt“ worden ist und das Teufelsbanner von einem gottgesandten Wirbelwind entfernt worden ist. Der Friede erscheint zuerst in der Familie, und die beiden Tauben mit den grünen Blättern sind mehr als deutliche Friedensboten (S. 275).
Selbst die böse Mutter hat bereut und ist zum Schluss erlöst worden, wie man später hört (S. 276): Gnade löst den Fluch der Sünde…

Der Erzähler blickt auf ein Geschehen „damals“ im Siebenjährigen Krieg zurück (S. 258); er kennt die Gedanken Dürandes, den er wohlwollend als „der gute alte Kommandant von Marseille“ vorstellt (S. 258). Mit Kommentaren hält er sich zurück („Ein solches Feuer hat großen Reiz“, S. 258; „Nach solche Tage läßt sich in einem Menschenleben selten noch etwas erleben…“, S. 276).
Die Vorgeschichte umfasst das Geschehen, das mit der Ernennung Francoeurs zum Kommandanten des Forts endet (S. 265); es dauert etwa einen Tag. Zunächst wird Dürande mit seinen Feuerwerksgedanken und seinem Hausbrand vorgestellt; ihn rettet Frau Rosalie, die wiederum von Dürandes Helfern gerettet wird. Das ist der Anlass, dass Rosalie ihren Brief abgeben und ihre Lebens- und Liebesgeschichte erzählen und Dürande um Hilfe bitten kann (bis S. 263).
Danach beginnt der Kammerdiener Basset eine Rolle zu spielen, nachdem er zuvor den Brand verschlafen hat; er hört Dürandes Selbstgespräch und beschließt, mittels eines Paters den Teufel aus Francoeur auszutreiben (S. 263 f.). Damit ist das Thema ex negativo gesetzt; denn Bassets Versuch sowie sein Verrat von Rosalies Geständnis setzen später den Teufel erst recht frei (ab S. 266). Am folgenden Morgen kommt Francoeur mit seinen Leuten, wird herzlich aufgenommen und in sein neues Amt eingewiesen, nicht ohne den alten Kameraden Basset zum nächsten Sonntag ins Fort einzuladen (S. 264 f.). Dann kann das eigentlich unerhörte Geschehen beginnen: dass Francoeur unter die Gewalt des Teufels gerät, welcher allein durch die Liebe Rosalies ausgetrieben wird.
Das verrückte Geschehen dauert drei Tage (S. 272); am nächsten Morgen vollbringt Rosalie todesmutig ihren Gang zu ihrem Mann.
Nach dem Kommentar zu Beginn des letzten Absatzes (S. 276) fasst der Erzähler das glückliche Geschehen vieler Jahre kurz zusammen, um zum Schluss seine Verse von der Kraft der Gnade und der Liebe anzuhängen.

Diese mit Symbolen der Romantik überladene Erzählung trägt ihre Botschaft zu aufdringlich vor, als dass sie heute jemand bewegen könnte, finde ich.

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