Aufbau von Fabeln: ein Schema?

Jeder weiß, was eine Fabel ist: „eine Erzählung, in der Tiere reden und die eine Moral enthält“ (Schöne Fabeln des Alterums. Ausgewählt und übertragen von Horst Gasse, 1955, S. 5) Ein bisschen schlauer ist schon, was Johannes Irmscher in der Einleitung seiner großen Sammlung „Antike Fabeln“, 1999 (erstmals 1978), S. V schreibt: „eine kurzgefaßte Erzählung in Prosa und mitunter auch in Versform, die eine allgemeingültige Wahrheit mit der ausgesprochenen Absicht der Belehrung sinnfällig zu machen sucht“; darin treten dann gelegentlich Götter, häufiger Menschen aus dem Alltag, selten Pflanzen und Steine, regelmäßig aber mit menschlichen Zügen ausgestattete Tiere handelnd auf. – Ich möchte mit Ihnen an einem Beispiel prüfen, ob das alles stimmt:

Der Fischer mit der Flöte
Ein Fischer, der Flöte blasen konnte, nahm seine Flöte und seine Netze und ging zum Meer. Er stellte sich auf einen Felsvorsprung und spielte zunächst ein Lied. Denn er glaubte, dass die Fische von selbst aus dem Wasser springen würden, um den lieblichen Klang zu hören. Aber obwohl er sich sehr anstrengte, hatte er keinen Erfolg. Er warf seine Flöte weg, nahm das Netz, schleuderte es in das Wasser hinab und fing viele Fische. Dann warf er sie aus dem Netz heraus auf den Strand, und als er sie zappeln sah, sagte er: »Ach, ihr elendesten Geschöpfe, als ich Flöte blies, wolltet ihr nicht tanzen, jetzt aber, wo ich damit aufgehört habe, tut ihr es.«
Anmerkung: Dieselbe Fabel lässt Herodot von Halikarnassos (*485 v.Chr.,† 425 v.Chr.) den siegreichen Perserkönig Kyros erzählen. (I, I4I, I-3 und 4 Anfang)
(http://www.fabelnundanderes.at/html/derrabeuasopfabeln_1.html)

Wenn Sie sorgfältig gelesen haben, dann sehen Sie:
1. Es sprechen (primär) keine Tiere und es gibt keine Moral. (gegen Gasse)
2. Es tritt zwar mit dem Fischer ein Mensch aus dem Alltag auf, aber eine Absicht zur Belehrung kann ich nicht erkennen; er tut etwas völlig Sinnloses: mit gefangenen Fischen reden, statt sie zu verarbeiten oder verkaufen. (zu Irmscher)
Vielmehr finde ich hier ein Wortspiel mit einer witzigen Umkehr des Normalen:
die Flöte blasen / nicht tanzen
die Flöte nicht blasen / zu tanzen beginnen,
wobei das Zappeln der armen Fische metaphorisch als Tanzen begriffen wird.

Bei Irmscher ist dann eine aus dem Zwang der Erwartung irgendwann angehängte Moral zu finden: „Für Leute, die etwas zu unpassender Zeit machen, schickt sich diese Fabel.“ (S. 18) – Das ist natürlich Unsinn: Der Fischer hat nichts falsch gemacht, und auch die Fische tun nichts zur unpassenden Zeit; hier herrscht einfach Freude am witzigen Wortspiel; aber weil ein Fabel vermeintlich eine Lehre haben muss, wird eben eine – unpassende! – erfunden. Die Erwartung, das Denkschema „Fabel“ erzeugt eine „Lehre“!

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