Bachmann: Alle Tage – Analyse

Das Gedicht (1957) ist eine Art Beschreibung oder Erklärung dessen, was „Alle Tage“ geschieht. Das erste Stichwort ist „der Krieg“, mit bestimmtem Artikel, als ob schon von ihm die Rede gewesen wäre oder als wenn es nur einen gäbe; dieser einzige Krieg wird, so sagt der anonyme Sprecher folgerichtig, nur noch fortgesetzt, nicht mehr erklärt (V. 1 f.) – das wäre dann ja ein neuer Krieg, ein zweiter oder dritter. Im nächsten Satz, durch Zeilenschnitt den Kontrast betonend, wird der erste Satz umschrieben: „Das Unerhörte“, nämlich der Krieg / „ist alltäglich geworden.“ (V. 2 f.) Das ist die Situation, in der man lebt, sagt der Sprecher.

Es folgt eine Beschreibung wichtiger Elemente des Krieges: der Held, der Schwache, die Uniform, die Auszeichnung. Diese Elemente werden nun anders bestimmt, als sie normalerweise im Krieg, in einem ordentlichen Krieg, bestimmt sind: Der Held stürzt sich nicht ins Getümmel, sondern „bleibt den Kämpfen fern“ (V. 4); der Schwache dagegen steht in den Feuerzonen des neuen Krieges (V. 3-5); nicht die Tapferkeit oder der Wagemut, sondern die Geduld ist höchste Tugend (Metapher: Uniform des Tages), den höchsten Orden gibt es für die Hoffnung (V. 7 f.). Es gelten in diesem Krieg also andere Maßstäbe – oder es gelten Maßstäbe, die nicht die des Krieges sind, sagt der Sprecher. Damit könnte angedeutet sein, dass die neue Front außerhalb von allem Kriegsgeschehen verläuft, dass die wahren Kämpfe eben im Alltag ausgetragen werden, alle Tage, und dass dieser alltägliche Kampf für eine bessere Welt einfach fortgesetzt wird, fortgesetzt werden muss.

Ist also klar geworden, wo „heute“ der wirkliche Kampf stattfindet, so kann der Sprecher in den beiden folgenden Strophen über die Gelegenheiten oder Gründe sprechen, wofür die neue Auszeichnung verliehen wird. In der zweiten Strophe wird vom Nicht-Krieg oder vom beendeten Krieg als der Zeit gesprochen, wenn der neue Orden verliehen werden kann; in der dritten Strophe werden Taten benannt, für die er verliehen wird – allesamt unmilitärische, antimilitärische Taten: Flucht von den Fahnen, Tapferkeit vor dem Freund (statt: dem Feind); Verrat unwürdiger Geheimnisse, nämlich militärischer Geheimnisse, die Nichtachtung jeglichen Befehls. Wenn so gehandelt wird, brechen Disziplin und Organisation zusammen; wenn so gehandelt wird, ist kein Krieg mehr möglich.

Man muss das Gedicht vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verstehen: Der Zweite Weltkrieg war erst einige Jahre vorbei, der Kalte Krieg zwischen Ost und West war an seine Stelle getreten und auch schon ganz heiß geworden (1953 Waffenstillstand im Koreakrieg, Unruhen in den ehemaligen Kolonien, Umsturz in China, Kämpfe in Indochina). In dieser Situation erklärt der Sprecher, dass der wirkliche Kampf anderswo stattfindet – nicht auf Schlachtfeldern, sondern im Alltag, wo sich nicht Feinde bekämpfen, sondern Menschen bewähren.

In der Form ist das Gedicht anspruchslos; in der 1. Strophen dominieren die Stichwörter des Krieges, mit denen dann unmerklich der neue Krieg definiert wird. Die zweite Strophe hat die Struktur: „Er (der Stern der Hoffnung) wird verliehen, wenn…“ (dreimal „wenn“), die dritte Strophe analog: „Er wird verliehen für…“ (dreimal „für“). Ansonsten kommt der Sprecher mit dem Zeilenschnitt aus, um bestimmte Wörter hervorzuheben (V. 2, 3, 4, 7, 19).

[Nachtrag 09/2008: Der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen, das ist die neue Auszeichnung – die Wendung erinnert an den Davidsstern, den die Juden seit 1940 in Deutschland auf der linken Brust tragen mussten; wenn dieses Zeichen der Ausgrenzung zum Stern der Hoffnung geworden ist, haben sich die Verhältnisse total verändert: Es gibt keine Verfolgung mehr! Ich lese heute „Stern der Hoffnung“ von „Stern“ her, nicht von Hoffnung, und lese „Stern“ nicht mehr als Metapher, sondern als reale Formbezeichnung, während „Hoffnung“ statt Schmach oder Verzweiflung die neue Qualität des Sterns ist. Das ist wirklich etwas Unerhörtes (V. 2), wenn solches wirklich wird.]

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