Bachmann: Nebelland – Analyse

„Nebelland“, aus Ingeborg Bachmanns zweitem Gedichtband „Anrufung des großen Bären“, 1956

Es spricht ein lyrisches Ich, vielleicht als Mann zu denken, von seiner Geliebten. In den ersten drei Strophen, die alle mit dem Vers „Im Winter ist meine Geliebte“ beginnen, sagt er, wo sie im Winter ist: unter den Tieren des Waldes, ein Baum unter Bäumen, unter den Fischen und stumm. Die Geliebte wird in drei Bildern als fremd charakterisiert, als nicht menschlich „und stumm“, ein Fisch unter Fischen (3. Str.).

Wenn man diese drei Strophen als Einheit nimmt, sieht man, wie fremd die Geliebte dem liebenden Ich ist: Das Ich kann nicht bei ihr bleiben, muss vor Morgen zurück (V. 3 f.); die Geliebte lädt statt des Ichs „die glückverlassenen Krähen“ zu sich ein (V. 9 ff.); das Ich steht am Ufer, während die Geliebte sich im Wasser tummelt.

Die Trennung von der Geliebten wird als Zwang erlebt: Ich muss zurück (V. 3), der Wind jagt mich heim (V. 14); Schollen, also andere Fische vertreiben mich (V. 20). Die ganze Distanz wird „im Winter“ ausgedrückt: Es ist offensichtlich Winter, wenn das Ich auch nicht die Jahreszeit datiert, sondern über das Sein der Geliebten im Winter allgemein gültige Aussagen macht (Im Winter ist sie immer …).

Attribute des Winters findet man in den ersten beiden Strophen: Das Ich ist von Schnee bedeckt (Schneekragen, V. 6), wird von brüchigem Eis getroffen (V. 5-7), das Abendkleid der Geliebten ist mit Reif besetzt. Winter ist es, Kälte herrscht. Vielleicht ist in den beiden ersten Strophen auch die Situation am Ende der Nacht, vor Morgen erwähnt: Vor Morgen muss das Ich zurück, kann nicht bleiben (auch wenn es vorher offenbar mit der Geliebten zusammen war); wenn es dämmert (vor Morgen?), hebt der Wind ihr Kleid, und statt dass das Ich davon etwas hätte, wird es heimgejagt.

Die unglücklich einseitige Bindung des Ichs kommt in der 3. Strophe so zum Ausdruck, dass es dem Wasser (also dem Lebenselement der Geliebten) hörig ist, aber keine Zugang zu ihm findet: am Ufer stehend (V. 19). Die Bewegungen der Geliebten sind ein Vorführung (wie sie taucht und sich wendet), aber führen zu nichts, wiewohl sie anlocken: Das Ich wird vertrieben.

Mir fällt auf, dass das klagende Ich nichts vom inneren Erleben der Geliebten zu sagen weiß; es spricht nur von dem, was sie Befremdliches tut, und von seinem eigenen Leiden. – Man muss in der Füchsin oder den Krähen, im Wind und in den Schollen keine konkreten Größen sehen: Im Bildbereich sind es die Mächte um die Geliebte herum, die den Zugang zu ihr erschweren, verweigern, beenden. Der Winter, das ist die Kälte zwischen den beiden, die vom Ich einseitig der Geliebten zugeschrieben wird.

In der vierten Strophe wird eine einzelne Situation, die aber bereits öfter eingetreten ist (wieder, V. 22), beschrieben: Ein Raubvogel ist in der Luft über dem Ich; sein Jagdruf „trifft“ das Ich, sodass es zu Boden stürzt; diese Situation wird ohne Verbindung von einer anderen abgelöst, in der „sie“ auftaucht, was nach dem Bisherigen nur die Geliebte sein kann. Sie rupft die Hühner. Welche das sind, wird nicht gesagt – in der Fortsetzung der Jagdszene müssten es die vom Raubvogel geschlagenen Hühner sein, die jetzt gerupft werden, womit der Raubvogel die Geliebte verkörperte; sie wirft dem Ich ein weißes Schlüsselbein zu, also nichts von der Beute, nur einen kümmerlichen Rest ohne Nährwert (kein halbes Hähnchen!). Wie das Ich den Knochen um den Hals nimmt, bleibt für mich unklar (V.27); es geht dann fort „durch den bitteren Flaum“, was im Bild die weichen Federn der gerupften Hühner sein müssten – bitter sind sie, weil es nichts zu essen gab. Die Geliebte hat nichts gegeben, nur einen wertlosen Knochen zugeworfen (V. 26)!

Die fünfte Strophe wird mit einer Bewertung eingeleitet: „Treulos ist meine Geliebte“ (V. 29), was durch ihre gelegentlichen Besuche in der Stadt erklärt wird: Auf hohen Schuhen geht sie, also attraktiv, „küsst“ die Cocktailgläser (sogar tief auf den Mund) und sagt „Worte für alle“ (V. 34), aber eben nicht die vertrauten Worte der Liebenden, das Liebesgeflüster mit den persönlichen Kosenamen: „Doch diese Sprache verstehe ich nicht.“ (V. 35) Es ist ja nicht die Sprache der Liebenden; das lyrische Ich definiert sich so als beispielhaft liebend, die Geliebte jedoch als „treulos“. Den ersten Satz hat es noch kommentiert: „ich weiß“ (V, 30); es zieht jedoch keine Konsequenz aus diesem Wissen, wie man doch eigentlich erwarten sollte: Sie ist treulos, also trennen wir uns. Das Ich trennt sich nicht, sondern klagt nur über die Unerreichbarkeit der Geliebten, über sein Nichtgenährtwerden, über ihre vermeintliche Treulosigkeit – „vermeintlich“ sage ich, weil sie sich ja nicht einem anderen zuwendet,  sondern „nur“ die „Worte für alle“ spricht.

In der Sprache der Theorie würde ich dieses Verhältnis so umschreiben: Das Ich leidet daran, dass grenzenlose Nähe zur Geliebten nicht möglich ist, dass Identität nicht erfahren wird, dass Kommunikation im Allgemeinen verbleibt: die dreifache Enttäuschung der Liebe, die Dieter Wyss umschrieben hat (Lieben als Lernprozess).

In der letzten Strophe, die nur aus zwei Versen besteht, fasst das Ich seine Enttäuschung in der Metapher vom Nebelland zusammen: „Nebelland hab ich gesehen“ (V. 36). Im Nebelland sieht man nichts, die Figuren verschwimmen nach wenigen Metern: „Seltsam, im Nebel zu wandern: Leben ist Einsamsein…“ (Hermann Hesse: Im Nebel, 1906). Vielleicht hat die Bachmann auf Hesses Gedicht zurückgegriffen; aber die Metapher Nebel ist so geläufig, dass man keine Anleihe unterstellen muss. Im Gedicht „Ihr Worte“ aus dem gleichen Jahr 1956 sagt das Ich: „Es hellt nicht auf.“ (V. 5) Auch dieses Ich ist im Nebelland.

Im letzten Vers wird die Nebelmetapher weitergesponnen: Nebelherz, eigentlich ein Bildbruch. Nebelherz ist das Herz derer aus dem Nebelland. Ein solches Herz hat die Geliebte, ein solches hat das Ich „gegessen“: in sich aufgenommen. Damit muss es nun wohl leben – und es beklagt seine Situation, die Situation aller Liebenden: dass bei aller Vertrautheit die Geliebte fremd bleibt.

Zur Sprache des Gedichtes ist nicht viel zu sagen: Ein Metrum gibt es nicht, Reime gibt es nicht. Mit etwas gutem Willen könnte man drei betonte Silben pro Vers feststellen. Der Zeilenschnitt gibt mir keinen Anlass zu tiefsinnigen Spekulationen – wer solche nebst vielen allgemein gültigen, also nicht sagenden Phrasen lesen will, sollte auf Madlen Jannaschks Aufsatz zurückgreifen (http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/95686.html): ein Bild der methodischen Hilflosigkeit und des allgemeinen Redens, weil sie nichts Konkretes zu sagen hat.

In den Naturmetaphern wird die Fremdheit beklagt, wie in den Wesen der Natur die vermeintliche Liebe erlebt wird („Erklär mir, Liebe“, ebenfalls 1956): Alles liebt sich, nur ich arme Gehirnsau muss denken, dein Herz hat anderswo zu tun. Alles ist Leiden, Leiden an der Unerfülltheit der großen Sehnsucht. Dieter Wyss sagt, die Liebe beginne, wenn man beschließe, trotz dieser Enttäuschung zusammen zu bleiben: Aus dem Naturprozess des blinden Sichverliebens werde dann ein „Kulturprozeß, der bewußte Arbeit der Beteiligten verlangt“. Das lyrische Ich klagt lieber darüber, dass es leidet.

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