Benn: Astern – Analyse

Um Benns kryptisches Gedicht (1936) zu verstehen, muss man sehen, dass es sich an ein Gedicht Eduard Mörikes anlehnt:

Eduard Mörike: Um Mitternacht

 

Gelassen stieg die Nacht an Land,

lehnt träumend an der Berge Wand;

ihr Auge sieht die goldne Waage nun 

der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.

Und kecker rauschen die Quellen hervor,

sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr

vom Tage,

vom heute gewesenen Tage.

 

Ich denke, Benn hat Mörikes Gedicht gekannt und Bilder der ersten Strophe in seine „Astern“ übernommen:

„die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an“ (V. 3 f.). So wird klar, was „die Waage anhalten“ bedeutet;

„der Sommer stand und lehnte“ (V. 11) ist in sich eher unverständlich, wenn man nicht Mörike im Hinterkopf hat: Die Nacht lehnt  (sich) an der Berge Wand.

 

Einige Hinweise zum Verständnis:

1. Astern sind Herbstblumen. Die Schwalben sammeln sich im Herbst, um in den Süden zu fliegen (Afrika, wenn ich mich recht erinnere). Wenn die Schwalben „Fahrt“ trinken (aufnehmen), geht der Flug los – danach wird es Winter. Auch „schwälende“ (schwelende, also glimmende, nicht mehr brennende) Tage gehören in den Herbst.

Was besagt diese Datierung, wenn die Waage [der Zeit] nur eine Stunde angehalten wird? Dann geht der Herbst vorüber, in den Winter über. Der [bereits vergehend-vergangene] Sommer schaut den Schwalben zu.

2. Am Übergang der beiden Zeiträume Sommer / Winter ist es. Was? Nicht leicht zu finden, da die Prädikate wieder fehlen und die schöne Unbestimmtheit die Leser einlädt, selbige zu beseitigen. Machen wir‘s mit Methode.

Goldene Herden, Himmel, Licht, Flor [wessen? FLOR: der Teppich ist noch nicht abgenutzt] ist noch einmal da, begegnet noch einmal, so lese ich V. 5 f.; dem kann alles man zuordnen, was „noch einmal“ da ist: „das Ersehnte…“, also Sinn, Glück, erfülltes Leben (V. 9 f.). Was wird danach sein? Nacht (V. 16), die Leere und das gezeichnete Ich (Benn: Nur zwei Dinge) – dazu gibt es ja Parallelen in Benns Gedichten (z.B. „Ein Wort“).

Zweitens „ein Vermuten“ (V. 13), was ich dem Beschwören und Bannen (V. 2) zuordnen würde: Vermuten = Glauben, religiöser Lebensvollzug, Beschwörung der Heiligen und der Götter, Bannung des Unheils durch Wallfahrt und Reliquien – all das, was Religion ausmacht: ist noch einmal kurz da. Dem Vermuten entspricht auch die Frage, was das alte Werden ausbrütet (V. 7 f.). Die Fragenden wissen es nicht, vermuten nur – der Sprecher aber weiß: Wenn das alte Werden stirbt, dann kommt einfach: Nichts.

Was ist es also? Es ist die gegenwärtige Stunde der Weltzeit, Gegenwart: letztes Innehalten vor dem Untergang. Das kann man eigentlich (als wissenschaftlich aufgeklärter Zyniker und Atheist) wissen, weil da längst Gewissheit wacht (V. 14) – aber „noch einmal“ [nur noch einmal – dreimal wird‘s betont: Das letzte Mal ist es!] ist ein Vermuten möglich, dass es gut ausgeht, während der Sprecher sich über dieses naive Vermuten erhebt und bereits auf die längst vorhandene, bald allgemeine Gewissheit vorgreift: Alles ist nichts. Alles endet in Nacht.

3. Kommen wir zum Sprecher: eine nicht greifbare Figur, die sich an niemanden wendet, aber weiß, was die Götter tun (V. 3 f.). „Die Götter“ sind so uneigentlich und metaphorisch wie möglich zu lesen, Götter gehören in den Bereich von Beschwörung und Vermuten, echte Götter gibt es nicht.

Auch ist die Situation des Sprechens nicht lokalisierbar: Wenn ein so „kluger“ Sprecher die Gegenwart deutet, gibt er nur geltende Wahrheit, Gewissheit von sich; er sagt, wie es ist.

4. Die Sprachebene, auf der der Sprecher sich bewegt, ist gehoben-gebildet: alte Beschwörung, das alte Werden, Gewissheit wacht; die Metapher „trinken“ (V. 16), der Neologismus „schwälen“ (wo habe ich bloß die Verbindung zu „schwelen“ gefunden?).

Der Sprecher spricht in der Benn-Artistik: höchst unbestimmt, die Verben fehlen; ohne Bezug auf Mörikes Gedicht sind manche Passagen kaum zu verstehen.

Jeder Vers weist drei Hebungen auf, die unregelmäßig gefüllt werden; Kreuzreim mit wechselnd weiblich/männlicher Kadenz, also quasi ein Einschnitt jeweils hinter dem 2. Vers einer Strophe, nach dem 1. und 3. Vers eine kleine Pause. Doch geht gerade Vers 3 jeder Strophe als Satz in Vers 4 über, auch wenn zweimal kein Enjambement vorliegt (V. 11, 15).

Der Sprecher hält sich also an Ordnung: die Ordnung des Sprechens – die letzte, die vor dem Untergang (und im Untergang?) bleibt: Artistik.

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