Benn: Außenminister – Analyse

Benns Gedichte haben derzeit keine Konjunktur; in dem Klett-Band „Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (1985) stehen noch zehn Gedichte Benns aus der Nachkriegszeit neben 11 aus der Zeit vorher; in neueren Arbeitsbüchern für die Sek II (TTS oder „Deutsch in der Oberstufe“) ist Benn gerade mal mit ein oder zwei expressionistischen Gedichten vertreten. Umso mehr erstaunt es, dass er einer der namentlich genannten Dichter der Nachkriegslyrik in Deutschland (für das Zentralabitur NRW 2009/10) ist. Ich habe einige dieser Gedichte bereits für das Zentralabitur NRW 2007 (und 2008) analysiert (www.bloghof.net/norberto42, dort unter „Gedichte“), dort auch „expressionistische Lyrik“ (unter „Lyrik“) und jetzt eben einige weitere hier im wwwl.logos.kulando.de („Gedichte nach 1900“).

In alten Arbeitsbüchern findet man ihn noch systematisch bedacht, z.B. in Adelheid Petruschke: Stundenblätter. Lyrik von der Klassik bis zur Moderne, 1984, S. 83 ff.

Wenn sich bereits in der Romantik ein Sprechen in Chiffren zeigt und Heine Sprachnot bescheinigt wird (A. Petruschke, a.a.O., S. 63 ff.; vgl. auch Karin Eckermann: Moderne Lyrik und Realität, 1976, S. 38 ff. und S. 47 ff.),

so steigert sich die romantische Chiffre sich zur absoluten Chiffre, wofür u.a. Benn als Zeuge benannt wird (A. Petruschke, a.a.O., S. 92 ff.). Dabei muss man bedenken, dass Benn zwischen seiner expressionistischen Phase und (sowie auch in) der Spätzeit durchaus ein sprachmagisches Dichten betrieben hat; ich erinnere an Gedichte wie etwa „Verse“, „Gedichte“, „Mittelmeerisch“ und „Die Form“. Insgesamt möchte ich eher meinen, dass Benn weniger an Sprachnot als an Ekel vor dem schalen Leben gelitten hat. Er konnte schon sagen, was er sagen wollte, aber es gibt nicht so viel zu sagen die anderen sagen noch weniger.

Nach diesen Vorbemerkungen möchte ich kurz ein paar analytische Bemerkungen zum Gedicht „Außenminister“ (1952) machen. Der Text wird ohne Verseinteilung in http://www.mysnip.de/forum-archiv/thema/13843/542083/Au%DFenminister.html zitiert; erwähnt wird das Gedicht in einer Untersuchung über den Ehrbegriff (www.uni-trier.de/~ehmann/ehre.pdf, Anm. 33).

In acht Strophen, die zwischen zwei und zehn Verse enthalten, wird um zwei Zitate aus der Berichterstattung der Presse („Iswolski lachte.“, V. 7; „Die Außenminister…“, 7. Str.) sowie um je ein Zitat aus Platon (3. Str.) und Keynes ( 4. Str.) einmal kritisch beschrieben, wie man so im politischen Betrieb lebt (1. – 4. Str.); dann wird kritisiert, das die verkehrte Politik zu unseren Lasten geht (5. und 6. Str.); zum Schluss wird einmal die am Gewinn orientierte, jedoch politisch-ideologisch überhöhte Wirtschaftsweise scheinbar verteidigt (7. Str.), ehe zum Schluss die floskelhafte Sprache der Kommunikees im Zitat verspottet wird.

In den beiden ersten Strophen wird die Verlogenheit des politischen Agierens beschrieben und nebenher kritisiert, jedoch auch „gerechtfertigt“: dass durch das übertriebene Händeschüttelns Wittes der Friede für Russland günstiger wurde. Interessant ist die Kritik in der 3. und 4. Strophe: Der Betrieb vor dem Parlament

– ist wie ein enortmes Labor organisiert, das Treiben hat Methode;

– lässt „Charakter“ der Akteure durchfühlen, der ihnen ironisch „ganz bestimmt“ zuerkannt wird, als „ihr moralischer Sex-Appeal“ (3. Str.). Im folgenden Platon-Zitat wird m.E. die Kritik relaitiviert; denn wenn der Staat nach Platon „ein Seiendes unter Seienden“ ist, warum sollten die Politiker dann besser sein als andere Menschen? Die Funktion des Zitats wird aber nicht vom Sprecher markiert, der kaum zu erkennen ist („allerdings“ in der 4. Str.; rhetorische Fragen in der 5. und 7. Str.;  „zu unseren Lasten“, 6. Str. – er steht als Betrachter in Distanz zum Geschehen). In der 4. Str. wird dann eine typische Politikerkarriere nach oben beschrieben; von dort geht man „auf seine Güter“ und genießt die Früchte miserabler Politik – aber das wird nicht mehr gesagt, das muss man sich denken. Die Sprache im ganzen Gedicht ist prosaisch, wie die Politik in sich wie in der Berichterstattung ja auch sehr prosaisch ist.

Ganz nett ist die im Sozialismus wie Kapitalismus (damals, 1952,  im Kalten Krieg massiv verfeindet und sich militärisch bedrohend) gleichermaßen praktiziert Verarbeitung von Trauben zu Sekt beschrieben und danach das Trinken gerechtfertigt (4. Vers in der 7. Str.) – im Osten gab es den berühmten Krimsekt. Kritik an an solcher Produktion wird als unmögliche Kritik an den „Kelten“ abgetan, die den Traubenanbau von Marseille ins Zentrum Frankreichs brachten; „damit würde man ja jeden zeitlichen Verlauf / und die ganze Kulturausbreitung verdammen“ (7. Str., V. 8 f.). Ja, das würde man (vielleicht!)- aber wäre es deswegen falsch?

So wundert es micht nicht, dass die Außenminister „zu einem vorläufigen Ergebnis“ bei ihrer Konferenz kamen; andere Ergebnisse gibt es in der Politik offenbar nicht, auch wenn der Ölfragen wegen ein Araber im Burnus dabei ist. Burnus hin, Hadschi Halef Omar her – in der Poltik gibt es nur vorläufige Ergebnisse, und das reicht, solange der Saft nicht ausgeht, nicht der zum Sekt verarbeitete Rebensaft („lieber mal eine Flöte zu viel“, 2. Str.) und nicht das Öl.

Vgl. zu Benn allgemein http://www.reinhard-doehl.de/teils8.htm! Hier, im Gedicht „Außenminister“, ist Benn also nicht vor der Wirklichkeit ins zauberhafte Sprechen geflohen; aber solche Kritik des politischen Betriebs gibt es außerhalb von Gedichten viel schärfer, tiefgehender und witziger.

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