Benn: Ein Wort (1941 e) – Analyse

Das in „Statische Gedichte“ 1948 veröffentlichte Gedicht „Ein Wort“ hält in acht Versen eine Erfahrung fest, die jeder machen kann: dass sich im sinnlosen Weltlauf plötzlich Erkenntnis und Sinn zeigen kann, um dann wieder unterzugehen. Das im letzten Vers genannte Ich ist großgeschrieben, ist also wohl nicht als lyrisches Ich, sondern als Platzhalter eines jeden Ich zu verstehen: Welt und Ich, der Pol und der Bereich der Erfahrung.

Es wird zu Beginn angedeutet, dass sich solche Epiphanie des Sinns ereignet. Vorhanden sind „ein Wort, ein Satz“ (V. 1), Sprache also, die jedoch nur eine Chiffre bietet, die sinn-los ist. Es folgt im Präsens die Beschreibung der Offenbarung, die nicht datiert, lokalisiert oder einer Person zugeordnet ist: „erkanntes Leben. jäher Sinn“ – Erkenntnis des Lebens, jäh sich zeigender Sinn, würden wir normalerweise sagen. Es wird nicht gesagt, wie es zu dieser Offenbarung kommt – und das kann man auch wohl nicht sagen: Offenbarung ereignet sich.

Im nächsten Vers wird gesagt, was diese Offenbarung bedeutet – so, wenn das Sprecher das sähe und hörte, was man sich aber nicht so vorstellen sollte: Die Sonne hält im Lauf inne, die Sphären des Himmels hören auf zu tönen: Die Welt steht still, bricht aus der Zeitordnung aus, Ewigkeit ist erfahren. Der nächste Vers zeigt die Reaktion von „allem“: „alles ballt sich zu ihm hin“ (V. 4). Zu ihm, das müsste der Sinn sein; „sich hinballen zu“ ist ein dunkler Ausdruck (Neologismus) dafür, dass alles zum Sinn strebt, wobei „ballen“ die Heftigkeit und Allgemeinheit dieser Strebung ausdrücken mag.

In der zweiten Strophe wird „beschrieben“, wie die Offenbarung im Wort [man bedenke die Gegenposition zum christlichen Gottes-Wort, das im Anfang war und Mensch wurde, vgl. Joh 1] wahrgenommen wird: als Licht, als Erleuchtung, in vier gesteigerten Bildern: Glanz – Feuer – Flammenwurf – Sternenstrich; das Glänzen als Offenbarungsmerkmal ist in der christlichen Tradition vorgegeben und spätestens seit Goethe in der Dichtung angekommen („Wie herrlich leuchtet mir die Natur, wie lacht die Sonn, wie glänzt die Flur…“: Mailied). „Flug“ (V. 5) stört die Bilderfolge, ist um der vierten Hebung willen erforderlich. Jeder Vers besteht aus vier Jamben, stark betont, der erste und dritte Vers jeder Strophe mit weiblicher Kadenz, eine kleine Pause gönnend, der zweite und vierte Vers (alles im Kreuzreim) härter männlich geschnitten.

Die drei Gedankenstriche markieren zweimal einen Übergang: von der Chiffre zum Sinn, vom Sinn zum Dunkel (V. 1 und V. 6). In V. 5 gibt der Strich zu denken, was das verstandene Wort ist: Ein Glanz… Danach wird einfach wieder der Normalzustand als eingetreten markiert: Dunkel, ungeheuer (V. 7) – Dunkel als Gegensatz des erfahrenen Lichts, wobei es nach der Erleuchtung umso dunkler ist.

Wo ist das Dunkel? „im leeren Raum um Welt und Ich“ (V. 8). Da waren früher die Sphären, da war der Ort Gottes – jetzt ist dort nur noch Dunkel.

Im Gedicht fehlen Prädikate, was eine hohe Unbestimmtheit (und damit Beliebigkeit) erzeugt – theoretisch mag man dem das ästhetische Programm der „Artistik“ Benns zuordnen (Dieter Liewerscheidt). – Zum letzten Vers vgl. die Weiterentwicklung der Formel zu „die Leere und das gezeichnete Ich“ in „Nur zwei Dinge“ (1953).

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