Benn: Gesänge – Analyse

In diesem Gedicht (1913 veröffentlicht) spricht jemand, der zuerst nicht selber hervortritt; er meldet sich in dem „wir“ (V. 1, V. 11) zu Wort: als einer der Leidenden, als einer der Denkenden  – als ein Mensch.

Er beginnt mit einer Klage, die sich an niemanden richten muss und zunächst rätselhaft klingt: „O daß wir unsere Ururahnen wären.“ (V. 1) Sofort darauf umschreibt er in einer Art Apposition, wen oder was er mit den Ururahnen meint: „Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.“ In einer nachgestellten Erklärung liefert er dann die Begründung seines Wunsches (V. 3 f.). Diese Erklärung ist immer noch ziemlich unverständlich und wird durch die folgende Erklärung nur ein bisschen verständlicher:

Parallel zu Vers 2 wird nun hinsichtlich des Wunsches zu sein eine Alternative zu „Klümchen Schleim“ genannt: ein Algenblatt oder ein Dünenhügel (V. 5), wobei in der folgenden Apposition die Qualität „nach unten schwer“ eine erste Erklärung liefert, wenn man sie gegen Libellenkopf und Möwenflügel abgrenzt: Libelle und Möwe gehen nach „oben“, streben nach oben  – und sie wären in der Entwicklung „zu weit“, in einer solchen Existenzform litte man schon „zu sehr“ (V. 8).

Bisher spricht der Sprecher dunkel, langsam; pro Vers hat er fünf Jamben, allerdings nicht immer im Takt betont; dazu haben jeweils der erste und dritte Vers eine weiblich Kadenz, was das Sprechen bremst, ebenso wie die Tatsache, dass nach jedem zweiten Vers ein Satz zu Ende ist. Die Verse sind im Kreuzreim sinnvoll aneinander gebunden, da bisher nur Klagen und erste Erklärungen zu hören sind. Stumm zu leben, nach unten schwer zu sein, nicht nach „oben“ zu streben, das ist bisher als Wunsch des Sprechers zu vernehmen.

In der 3. Strophe wird er deutlicher und nennt eine Reihe menschlicher Möglichkeiten (Tätigkeiten ist nicht das richtige Wort, eher Lebensäußerungen oder -vollzüge), welche er als „verächtlich“ abtut: lieben, spotten, verzweifeln, sich sehnen, hoffen. Dies alles sind Vollzüge, in denen man über das Jetzt hinaus will, die eigene Enge transzendieren will. Eine Begründung für seine Bewertung liefert der Sprecher nicht; erst im nächsten Doppelvers wird so etwas wie eine Begründung nachgetragen: Wir seien „schmerzliche durchseuchte Götter“ und gedächten dennoch „des Gottes oft“ (V. 11 f.). Der Gott, so muss man vor dem Hintergrund der beiden ersten Strophen denken, ist der obere Bereich, der Geistbereich; wir leiden als Lebende an ihm, weil wir zwischen ihn und das Unten gespannt sind. „Schmerzlich durchseucht“ sei dieser Zustand; „schmerzlich“ muss man wohl als Adverb zu „durchseucht“ lesen, das um des Taktes willen die Form eines Attributes zu „Götter“ hat. Hintergrund der Klage steht also die altgriechische Anthropologie und die ihr entsprechenden Erfahrung, dass wir Menschen zwischen Oben und Unten gespannt sind, dass wir Bürger zweier Welten sind, weder reine Lebe- noch reine Geistwesen, sondern eben Zerrissene.

In der letzten Strophe wird das utopische Gegenbild der Leidenswelt gezeichnet: weich, dunkel, schwer, so ist das pure ungeistige Dasein, meint der Sprecher (V. 13 f.), lautlos wie ein Panther; dass der Panther auch zu den höheren Lebewesen gehört, stört ihn nicht  – es kommt auf das lautlose Springen an, das der Existenz stummer Säfte (V. 4) entspricht. Der Schlussvers ist von grandioser Benn‘scher Unbestimmtheit: „Alles ist Ufer. Ewig ruft das Meer -“ Alles wird gegen den Takt betont; mit „Ufer / Meer“ wird ein Bild gezeichnet, welches nur ein Bild lautlosen Rauschens sein kann. Das Meer ruft also, indem es nichts sagt; das macht der Gedankenstrich am Ende von V. 16 deutlich. Der Schlussvers klingt wie ein Satz aus einem schlechten Schlager, wie ein Schnulze; wie ein Satz von Benn, der so „schön“ davon sprechen lässt, wie es sich am Denken und Sprechen leidet.

Auch wieso die Sterne „schneeballblütengroß“ sind, wird nicht recht deutlich; „Schneeball“ ist eine außerordentliche Größe für einen Stern, „Blüten“ passt nicht recht ins Bild und steigert so dessen Unbestimmtheit: Ist das Gebilde primär „blütengroß“, geht es primär um „Schneeballblüten“, geht es primär um eine schöne Unbestimmtheit? Groß und schwer sollen die Sterne sein, wie ein Dünenhügel (V. 6); aber auch die Schwere der schwebenden oder fernen Sterne ist uns nicht greifbar  – schwere Sterne kollidierten bald miteinander oder mit der Erde oder unserer Milchstraße. Darum geht es also nicht  – es geht nur um den Rausch der Worte, welcher dem Rauschen des Meeres entspricht und ewig ruft  – wohin? Ach, ins Unbestimmte: Sehnsucht. Und damit arbeitet der Sprecher an der Vertiefung der schönen Leiden, die er zuvor beklagt, gar verachtet hat (V. 9 f.).

Die Ekelgedichte der „Morgue“ (1912) sind jedenfalls konsequenter als die Klage in „Gesänge“; hier meldet sich schon der späte Sprachmagier Benn zu Wort.

One thought on “Benn: Gesänge – Analyse

  1. Pingback: Einführung in die Lyrik – Theorie für Schüler « norberto68

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s