Benn: März. Brief nach Meran – Analyse

Die Überschrift klingt zunächst ganz sachlich, mit der datierenden Angabe „März“ und der Bezeichnung der Textsorte, „Brief“, versehen mit dem Attribut „nach Meran“. Wer wem nach Meran schreibt, bleibt unbestimmt. Es könnte sich um eine Tagebuchnotiz handeln: Im März habe ich einen Brief nach Meran geschrieben. Im Lesen erweist sich jedoch, dass das Gedicht dieser Brief ist.

„Blüht nicht zu früh“ ist die erste Bitte; sie klingt ungewöhnlich – wie kann man Pflanzen bitten, nicht zu früh zu blühen, da sie in ihrem Blühen dem eigenen Lebensprogramm und dem Klima unterworfen sind? Mit dem flehenden „ach“ (V. 1) überleitend wiederholt das nun sich nennende lyrische Ich seine Bitte und macht deutlich, was „zu früh“ heißt; zu früh wäre ein Blühen, bevor es nach Meran kommt. So bittet es die Pflanzen noch einmal und in der Wiederholung eindringlich: „blüht erst, wenn ich komme.“  (V. 1) In der nächsten Bitte („dann sprüht…“, V. 2) spricht das Ich metaphorisch von diesem Blühen: „Meer“ ist das Blütenmeer, Schaum ist der Schaum des Meeres; versprüht sie, wenn ich komme, bittet das Ich – „Meer“ bedeutet unermessliche Fülle und Weite.

„Mandeln, Forsythien, unzerspaltene Sonne“ (V. 3), das sind die Adressaten des Briefs, die gebeten werden, nicht zu früh zu blühen. Der Mandelbaum wächst in den Mittelmeerländern, eben auch in Südtirol, in Meran. In Deutschland, wo man sich den Absender denken muss, ist im März erst Vorfrühling; es können noch Schneeschauer der ersten Frühlingswärme Einhalt gebieten – da richtet sich der Blick des lyrischen Ichs nach Meran, weil im Süden der Frühling eher kommt und die Sonne wärmer scheint. Die Forsythien sind ein Ölbaumgewächs; mit ihrer gelben Blütenfülle wachsen sie auch bei uns in Deutschland. Der dritte Adressat ist die Sonne; sie taucht in der Reihe der Pflanzen unvermutet auf. Befremdlich wird ihr das Attribut „unzerspalten“ verliehen – die unzerspaltene Sonne soll blühen, lautet die Bitte. Im Zusammenhang mit der Blütenfülle des Südens könnte man die Sonne des Südens im Gegensatz zur Sonne in Deutschland als voll und die Wärme verströmend, eben „unzerspalten“ ansehen; gleichwohl bleibt die Metapher der zerspaltenen Sonne befremdlich.

Mit dem Gedankenstrich am Ende von V. 3 hält das Ich inne; dann sagt es, was die Blütenfülle bedeutet, was sie dem Tal von Meran sowie dem dorthin reisenden Ich bedeutet: „dem Tal den Schimmer und dem Ich den Traum“ (V. 4). Grammatisch schließt sich dieser Vers an die Imperative „blüht / sprüht“, vor allem an das zweite Verb an; doch man muss analog wohl ein „gebt“ oder „schenkt“ ergänzen, weil „sprüht“ ja schon eine Angabe im Akkusativ hat. Mit dem Schimmer und der Fülle werden Motive aufgerufen, die in Goethes „Mailied“ (oder „Maifest“) das Bild der Natur im Frühling bestimmen: „Wie herrlich leuchtet / Mir die Natur…“; sie sind usprünglich Attribute des Göttlichen, bei Goethe dann die Attribute der Natur. So wundert es nicht, dass Mandeln, Forsythien und Sonne dem Ich „den Traum“ schenken sollen. Welchen Traum? Das bleibt noch offen, doch muss jetzt schon an einen Traum des Glücks gedacht werden (vgl. 3. Strophe) – andernfalls würde das Ich auch nicht flehen, mit dem Blühen auf seine Ankunft zu warten.

Wenn man auf die sprachliche Form schaut, findet man die gleiche Form wie im Gedicht „Verlorenes Ich“: fünfhebiger Jambus, Wechsel von weiblichen und männlichen Kadenzen, Kreuzreim; so ist nach jedem Vers eine kleine Pause möglich. Die ersten drei Verse sind in sich auch abgeschlossen, dem vierten muss man ein Prädikat in Gedanken hinzufügen. Im dritten Vers sind zwei Silben gegenüber dem Gleichmaß zu viel; abweichend vom Takt werden „Blüht“ (V. 1), „dann (erst)“ (V. 2) und „Man(deln)“ V. 3 im Verseingang betont, wobei die beiden ersten Taktabweichungen signalisieren, wie dringend das Ich seine Bitten vorträgt. Die Sätze sind einfach gebaut, der Satz in V. 4 ist unvollständig (s.o.).

Mit dem pointiert betonten „Ich“ beginnt die zweite Strophe; es stellt sich vor und erklärt auch seine Bitte, mit einem elegischen Unterton. Das erste Attribut klingt fremd: „kaum verzweigt“ sei das Ich (V. 5), sagt es [verzweigen: sich in viele Zweige gabeln] recht unverständlich. Parallel wird eine zweite Bestimmung genannt: „im Tiefen unverbunden“ (V. 5); nimmt man die beiden negierenden Bestimmungen zusammen, wird man sie als Metaphern der Einsamkeit oder Isolierung verstehen. Im älteren Gedicht „Verlorenes Ich“ (1943) wird im Rückblick von einer Zeit des erlebten Glücks gesprochen, dass sich damals alle „den Hirten und dem Lamm [Gottes] verzweigten“ (V. 27), wenn das Blut aus dem Kelch sie rein machte; „sich verzweigen“ heißt dort so viel wie „sich verbinden“, und zwar im oder mit dem Grund des allgemeinen Seins. Jetzt stellt das Ich nur klagend fest, dass es unverzweigt und unverbunden ist; es setzt dann seine Klage fort: „ohne Wesen, doch auch ohne Schein“ (V. 6). „ohne Wesen“ ist so viel wie „bloßer Schatten“, lese ich; es steht jedenfalls nicht im Gegensatz zu „bloßer Schein“, der ja auch abgestritten wird. Zweimal steht am Versanfang das betonte Pronomen „ich“ – und weil dann vor der nächsten Silbe die unbetonte Silbe des Jambus fehlt, wird man nach dem betonten „ich“ eine kleine Pause einlegen.

Es folgen zwei weitere Bestimmung: dass es von Trauerstunden überfallen wird, meistens, was bei einem wesenlosen Wesen nicht verwundert, und dass es auch schon seinen Namen „überwunden“ hat. Diese ungewöhnliche Metapher kann man zunächst nicht verstehen; sie wird durch die folgende Einschränkung erklärt: Das Ich hat den eigenen Namen schon vergessen (V. 8), „nur manchmal fällt er ihm noch flüchtig ein“ (V. 9) – wobei Vergessen doch etwas anderes als Überwinden ist und die Trauer (V. 7) nach meinem Empfinden nicht recht dazu passt, den eigenen Namen zu vergessen. In dieser zweiten Strophe ist der V. 8, gemessen am Reimschema, überzählig, was dem Bekenntnis vom Überwinden des Namens ein besonderes Gewicht verleiht. Neben den beiden stark betonten „Ich“-Nennungen in V. 5 und 6 ist  „mei-“ in „meistens etwas weniger betont, alle am Versanfang; „meistens“ steht in einer leichten Spannung zu „manchmal“ (V. 7 / 9). Die reimenden Verse in dieser Strophe passen vom Sinn gut zueinander: im Tiefen unverbunden / Überfall von Trauerstunden; ohne Wesen und Schein / der Name fällt nur noch flüchtig ein.

Mit dem betonten „So“ in V. 10 wird ein Schluss-Strich angedeutet oder gezeichnet: „hin und her“ ist jedoch unklar, völlig unbestimmt: zwischen Namen überwinden und vergessen? oder zwischen Trauerstunden und dem Frühling in Meran? Der Gedankenstrich lässt im Lesen innehalten (V. 10); die zweite Bitte aus V. 1 wird wörtlich wiederholt, ins gegenwärtige Denken eingeschoben, wie man am folgenden V. 11 sieht: Dort wird das „so“ aufgegriffen: „ich suche so und finde keinen Rat“; das passt am besten zu einem Hin und Her zwischen Trauer und Überwindungen, wobei jedoch nach der Konnotation „überwinden“ eigentlich positiv besetzt ist, also auf ein Finden schließen ließe, was die Aussage in V. 11 etwas rätselhaft oder unscharf gedacht erscheinen lässt. Im abschließenden dass-Satz (V. 12 f.) wird wohl die Folge dessen genannt, dass das lyrische Ich die Frühlingsblüte in Meran erlebte (der dass-Satz schließt also gramnmatisch an die Bitte in V. 10 an): Einmal naht noch das Glück; dieses Glück wird dreifach benannt, nicht nur „Glück“, sondern auch „das fromme Reich“ (Inversion) und „Glück der abgeschlossenen Erfüllung“ (V. 12 f.), wobei das Attribut vom Bezugswort getrennt ist. Dem Glück eignet ein beinahe religiös-göttlicher Zug. Doch indem das Ich nur das Nahen dieses Glücks, nicht jedoch seine Ankunft oder Dauer erwartet, liegt auch in der Hoffnung auf den Frühling in Meran eine tiefe Resignation.

Auf zwei Gedichte Benns möchte ich im Zusammenhang von „März. Brief nach Meran“ (1952) hinweisen: „Letzter Frühling“ (1955 veröffentlicht), mit der Wendung „Alles überwunden.“ (V.5) und dem Zielpunkt im „Juni mit den Rosen“ (V. 8); das zweite ist „Einsamer nie –“ (1936 veröffentlicht), wo die „Erfüllungsstunde“ im August, im Sommer also beschrieben wird und das Ich sich von dem dort erlebten Glück absetzt, abgrenzt, wobei sich es vergewissert, dass es „dem Gegenglück, dem Geist“ dient (V. 12). Man wird also vorsichtig sein müssen, wenn man den Autor Benn in direkte Beziehung zu seinen diversen lyrischen Ichs setzt: Es gibt kein einheitliches Bild, keine einheitliches Empfinden gegenüber Frühling und Sommer.

Zum Datum „März“ – ein kleiner Lyrik-Exkurs

Am Niederrhein spricht man von „Mezzbisse“ (s-Laut weich gesprochen!); damit bezeichnet man im wechselhaften Märzwetter kalte Regen- oder Schneeschauer; ich denke dabei an Georg Brittings Gedicht „Hinterm Zaun“:

„Die mageren Frühlingsbäume

Schütteln sich schnaubend im Wind…

Der Schnee beflaumt ihre Äste

Mit dünnem, krausem Haar…“

Für derartiges Wetter wird in Goethes Gedicht „Ein zärtlich jugendlicher Kummer“, das ich liebe, ausdrücklich der März genannt:

„Ein zärtlich jugendlicher Kummer

Führt mich ins öde Feld…

Kaum riss der März das Schneegewand

Dem Winter von den hagern Seiten,

(…) da geht er ohne Säumen,

Die Seele voll von Ernteträumen,

Und sät und hofft.“

Vgl. Goethe: Vorfrühling (dazu http://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/475185/)

In Alexander von Bormanns Anthologie deutscher Naturlyrik („Die Erde will freies Geleit“, 1984, findet man weitere Gedichte:

Goethe: März;

Detlev von Liliencron: Märztag;

Georg Heym: April;

Theodor Storm: April – da ist schon mehr Frühling;

Hebbel: Vorfrühling;

Hugo von Hofmannsthal: Vorfrühling;

Peter Huchel: Vorfrühling;

Ina Seidel: Im Vorfrühling;

allgemein wird man sagen können, dass dem März in Deutschland der Vorfrühling zuzuordnen ist.

Phänologie des Frühlings (wikipedia: Phänologie):

Vorfrühling

Der Vorfrühling beginnt meist Ende Februar oder Anfang März. Er wird angezeigt durch die erste Blüte von Haselnuss, Schneeglöckchen, Schwarzerle und Salweide, die Vollblüte des Winterjasmins, in den Alpen den Austrieb des Bergahorn. Sobald die überschüssige Winterfeuchtigkeit von den Böden verschwunden ist, beginnt die landwirtschaftliche Tätigkeit, die mit der Aussaat des Sommergetreides endet.

Erstfrühling

Der darauffolgende Erstfrühling äußert sich durch die Blüte von Forsythie, Stachel- und Johannisbeere, später von Kirsche, Pflaume und Birne, von Schlehdorn und Ahorn. Das Sommergetreide geht auf, Dauergrünland ergrünt. Blätter treiben zunächst Rosskastanie und Birke, etwa eine Woche später auch Rotbuche, Linde und Ahorn. Die Bauern beginnen mit der Aussaat von Kartoffeln und Futterrüben.

Vollfrühling

Der Vollfrühling ist durch die Blüte von Apfel und Flieder, später auch der Himbeere gekennzeichnet. Die Stiel-Eichen treiben Blätter. Auf den Feldern gehen Futterrüben, Kartoffeln und Wintergetreide auf.

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