Benn: Nur zwei Dinge – Analyse

Es spricht jemand zu einem „Du“ (V. 5); vermutlich spricht ein Ich zu sich selbst, mit sich selbst, am Ende seines Lebens auf „alles“ (V. 3) zurückblickend. Dieses Gedicht (1953) wurde nicht nur von Benn geschätzt, der es 1956 in der Gedichtausgabe letzter Hand an die vorletzte Stelle, vor den „Epilog“, setzte, sondern wurde auch von den Lesern intensiv goutiert. Jürgen Schröders Analyse (in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 6: Gegenwart I, hrsg. von Walter Hinck, Stuttgart 1982, S. 20 ff.) ist die umfassendste, die ich kenne.

In den drei Strophen herrscht eine klare Logik: Zuerst entfaltet das Ich „die ewige Frage: wozu?“; in der zweiten Strophe tut es diese Frage als Kinderfrage ab (V. 5) und trägt seine Einsicht vor, welche die Frage überflüssig macht: „Du mußt.“ (V. 9) In der dritten Strophe wird das Fazit gezogen, das sich auf die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit alles Greifbaren stützt: dass es (letztlich) nur zwei Dinge gibt, „die Leere und das gezeichnete Ich“ (V. 12 f.) – also nur das gezeichnete Ich, weil man die Leere nicht als Ding ansehen kann; in der Bezeichnung „Ding“ ist das Ich abgewertet, was jedoch folgerichtig geschieht, weil es keinem anderen Ich Du ist und weil es in keiner Gemeinschaft Anerkennung finden kann.

Die Sprechweise des nicht als solches sich vorstellenden Ichs ist sowohl verkürzt wie höchst allgemein. In der 1. Strophe fehlt im ersten Hauptsatz (V. 1 f.) das Subjekt und die Personalform des Prädikats, im zweiten passivähnlichen Satz („alles blieb erlitten“, V. 3) die Angabe des Erleidenden, also das logische Subjekt. Diese Unbestimmtheit, mit welcher der Sprecher seine eigenen Erfahrungen als allgemeine präsentiert, weil eben nicht auf ein Individuum zugeschnitten, wird noch durch das indefinite „alles“ (V. 3) unterstrichen: Was wurde und blieb erlitten? Darauf ist indirekt im ersten Satz hingewiesen: dass jemand „durch so viel Formen geschritten“ (V. 1) ist, – und nun wird wieder nicht die Auswertung geboten, die logisch nahegelegt ist: dass er keine gültige Form gefunden hat. Auch ist die Funktion der Ergänzung „durch die ewige Frage“ nicht ganz klar: Wird durch das Fragen das Leiden hergestellt? Oder wird durch das vergebliche Fragen das Bleiben des Leidens erzeugt? Durch Aussparung wird Allgemeingültigkeit der Aussagen unterstellt; durch Unbestimmtheit erlaubt der Text verschiedenste Adaptionen.

So bleibt als letzte Frage zur 1. Strophe, was denn die durchschrittenen Formen sind: „Ich und Wir und Du“; das sind substantivierte Personalpronomen, womit Formen des Lebens und Zusammenlebens angedeutet werden. „Ich“ bezeichnet das (nicht weiter erklärte) Individuum, „Wir“ eine größere Gemeinschaft, vielleicht den Staat; „Du“ steht als Chiffre für eine Freundschaft oder Liebesbeziehung. Durch die Dreizahl wird rhetorisch die Vollständigkeit der Lebensformen suggeriert (vgl. meinen Aufsatz „Drei, Dreizahl, Triade – was bedeutet das Dritte?“ in http://norberto42-2.blog.de/?tag=Triade). Da alles „erlitten“ blieb (V. 3), muss man als Erfahrung des Sprechers annehmen, dass alle seine Versuche, eine gültige oder befriedigende Lebensform zu finden, gescheitert sind. Das Attribut „ewige“ kann den Rang der Frage selbst oder die Häufigkeit, mit der der Sprecher sie sich gestellt hat, bezeichnen; jedenfalls erhöht das Attribut den Rang und das Pathos der Frage, die dann im nächsten Vers als „Kinderfrage“ so recht ins Nichts gestürzt wird: Desillusionierung, Ent-täuschung als Bedingung wahrer Einsicht.

Im Kreuzreim sind bedeutsame Aussagen auch im Klang aneinander gebunden: durch viele Formen geschritten / alles blieb erlitten (V. 1 / 3); den gleichen Kontrast bietet das zweite Reimpaar: Ich und Wir und Du (Lebensformen, die mit Hoffnungen  verbunden sind) / ewige Frage: wozu? (erfahren wurde nur Sinnlosigkeit, V. 2 / 4).

Die Technik kunstvoller Verbindung bedeutsamer Aussagen wird auch in den folgenden Strophen erkennbar. Ich will als Beispiel die Reime der 2. Strophe nennen: die Frage „wozu?“ als Kinderfrage / kontrastierend die resignierende Einsicht: „ertrage“ (V. 5 / 7); dazu steht dann in Parenthese und wieder als Ternar (oder Triole) „Sinn, Sucht, Sage“ (V. 8), womit in hinreichender Unbestimmtheit der Rang der folgenden Einsicht umschrieben ist; grammatisch unklar ist freilich, was nun Sinn, Sucht oder Sage sein kann: Ist es das „Du mußt.“? Ist es das Fernbestimmende? Ist es gar das, was zu ertragen ist [grammatisch unmöglich, aber in der Nähe zu „ertrage“ nahegelegt]? Durch die bloße Aufzählung vieler (drei: „aller“), durch Alliteration zusätzlich verknüpfter Möglichkeiten wird jede einzelne vergleichgültigt: Die letzte Einsicht mag man Sinn nennen, was schon in der 1. Strophe negiert worden ist, oder „Sucht“ (was wörtlich genommen keinen Sinn ergibt – vielleicht muss man in Analogie zu „Sage“ die Sucht als „das Gesuchte“ und Sage als „das [Erdachte und] Gesagte“ verstehen) – die Bezeichnung ist gleichgültig; im Reim von „bewußt / du mußt“ (V. 6 / 9) wird die Einsicht und ihre Formel miteinander verknüpft.

„Du mußt.“ (V. 9) Das ist die letzte Antwort auf die Frage „wozu?“ (V. 4). Begründet wird die Gültigkeit der Antwort nicht; es wird nur ihr Aufkommen beschrieben: „Dir wurde erst spät bewußt…“ (V. 6). Dieses Bewusstsein kann nur dann beanspruchen, richtig zu sein, wenn es die Konsequenz des Scheiterns aller anderen Lösungen ist.

Vom Sprecher wird zur Begründung seiner Einsicht nur das Attribut „fernbestimmtes“ angeführt, womit er auf eine bestimmende Autorität zurückgreift, die er aber wiederum nicht benennt, die aber durch das Attribut „fern“ in einen hohen Rang und gleichzeitig in erhabene Teilnahmslosigkeit gesetzt wird. Als Leser mag man an „das Schicksal“ oder ähnliche Größen denken, jedenfalls an etwas sowohl die Formen des Lebens (V. 2) wie die Formen des Sprechens und Denkens (V. 8) Transzendierendes:

Selbst wenn Gott tot ist, gibt es da noch etwas Höheres.

Was ist dieses Transzendierende, das in den 50er Jahren von Karl Jaspers so genannte „Umgreifende“? Es ist die Artistik der Sprache, die im Gedicht Benns schön „gemacht“ ist und doch voll zauberhafter Macht sein soll, wie Benn in seinem viel beachteten Vortrag „Probleme der Lyrik“ 1951 ausgeführt hat (vgl. Dieter Liewerscheidt: Gottfried Benns Lyrik. Eine kritische Einführung, München 1980, S. 44 ff.). Schröder weist auf den weichen d-Laut in diesem Gedicht hin, auf die Dreifach-Reihungen (V. 2, V. 8, V. 10), auf den zuspitzenden Doppelpunkt, das Enjambement jeweils in den Schlussversen, die Wiederholung des Satzkerns „es gibt nur“ (V. 7, V. 12), die rhythmische Variation des dreihebigen Verses; das alles sind Mittel eines klingenden eindringlichen Sprechens, was den Leser einlädt, sich selbst in der so schön unbestimmten Weltklage wiederzufinden.

Damit ist die Gelegenheit gegeben, etwas zu „Aussage“ und Wirkungspotenzial des erfolgreichen Gedichtes in der Nachkriegszeit anzumerken. Nach dem so genannten „Zusammenbruch“ des Dritten Reiches fragte man sich: Wie war dieses Reich möglich? Und man wurde gefragt: Hast du mitgemacht? Da passte es gut, wenn die Form des Wir auch als gescheiterte Form abgetan wird; und es passte noch besser, dass der Befehl „Du mußt“ (selber unbestimmt!) als eine fernbestimmte Größe eingeführt wird (vgl. dazu das Gedicht Martin Simons: Der Befehl, 1940, in: Epochen deutscher Lyrik, hrsg. von Walter Killy, Bd. 9, S. 307), womit die Fragen nach den Möglichkeiten des Abwägens, Erörterns, Verantwortens überflüssig werden. Das verantwortliche Individuum ist keine Größe, die im Gedicht auftaucht, und auch die Wir-Gruppe sei als Form überholt und darum nicht weiter zu beachten, denkt der Sprecher. Ob Gottfried Benn so gedacht hat? Vermutlich haben viele Leser so gefühlt, weil die Sprechweise des Sprechers so eindringlich-gefühlig-unbestimmt ist.

In der dritten Strophe wird die Konsequenz aus den beiden Sentenzen von V. 4 und V. 9 gezogen. Fernbestimmt ist der Befehl, weil alles Nahe vergänglich ist (V. 10 f.), also nichts, worauf man sich stützen könnte; den nicht benannten Zusammenhang von „Rosen, Schnee, Meere“ mag man „Natur“ nennen, deren Verbleichen parallel dem Scheitern der menschlichen Lebensformen steht (1. Strophe); dann würde die Einsicht in den fernbestimmten Befehl von zwei Einsichten vom Scheitern zweier vormals tragender Größen gerahmt. V. 11 ist grammatisch nicht eindeutig: Sind die beiden Prädikate bloße Aufzählung und führen logisch die ob-Aufzählung fort, oder ist „verblich“ der Hauptsatz, also der Formulierung „ist verblichen“ gleichwertig?

Die Schlussaussage („es gibt nur zwei Dinge“, V. 12) widerspricht logisch der Parallele in V. 7 („es gibt nur eines“); aber das macht nichts, da der Sprecher nur zu sich selber spricht und mehr zum Fühlen als zum Denken einlädt. Wenn von den letztlich nur verbleibenden zwei Dingen, Leere und Ich, die Leere (also die Welt als leer, als gescheitert-vergängliches Nichts, vgl. 1. und 3. Strophe) als Halt ausfällt, bleibt nur eines übrig: das gezeichnete Ich. Was ist das gezeichnete Ich? Wieso ist es und von wem gezeichnet? Karl-Dieter Bünting (Deutsches Wörterbuch, 1996) umschreibt „gezeichnet“ so: durch ein Ereignis sichtbar verändert, beeindruckt („von den Strapazen gezeichnet“); im Wörterbuch von Hermann Paul (10. A., 2002) wird „zeichnen“, bezogen auf Menschen, in einer Sonderbedeutung umschrieben: „Vom Menschen, die an ihrem Körper etwas besonders Merkwürdiges haben, sagt man, daß sie Gott gezeichnet habe, gleichbedeutend ‚stigmatisieren‘.“ (mit Verweis auf „Kainszeichen“) Im Universalwörterbuch von Duden (2. A., 1989) wird als übertragene Bedeutung von „zeichnen“ genannt: Wer von einer Krankheit gezeichnet ist, bei dem hat sie deutliche Spuren hinterlassen. Im Gedicht ist nicht an ein Körper-Zeichen zu denken, sondern an die deutlichen (seelischen) Spuren, die infolge des fernbestimmten Auftrags das leidende (bzw. alles erlitten habende, V. 3) Ich markieren: „Du mußt.“ Dieser Auftrag, so erkennt oder rät der Sprecher sich selber, muss ertragen werden (V. 7, Imperativ Sing.), wodurch sich dann die Zeichnung des Ichs ergibt, wenn sie nicht schon Zeichen der erlittenen Leiden ist.

Jürgen Schröder (a.a.O., S. 23 ff.) erkennt in seiner Analyse der Formel vom gezeichneten Ich eine „Christus-Typologie“: Der Gezeichnete sei ein Auserwählter, was Schröder durch Rückgriff auf die Johannes-Apokalypse (19, 11 ff.) begründet, welche der Pfarrerssohn Benn gekannt habe; Benn habe sich damit über die Masse der Unwissenden erhoben, das ursprüngliche Modell des Erlösers ins Sprachlich-Artistische gewendet und aus dem Ertragen aller Irrtümer die Bedingung der Erhöhung gemacht – die geschichtliche Welt sei als „Leere“ derealisiert, politische Irrtümer und auch schwerste moralische Verfehlungen zählen nicht mehr: Wenn das nach 1945 für die Deutschen keine Frohe Botschaft war! Ich verstehe nicht genug von Benn, um Schröders Deutung beurteilen zu können. Mir fällt analog Jakobs Kampf mit Gott ein (Gen 32, 23 ff.), den er siegreich und gesegnet bestand, doch anschließend hinkte er an seiner Hüfte – so könnte auch der Kampf mit dem fernbestimmenden Auftraggeber das durch Einsicht gesegnete Ich zeichnen. Heroisch ist die Anweisung allemal, die Leiden fernbestimmt zu ertragen und sich so als gezeichnet, und d.h. auch vor den dummen Uneinsichtigen ausgezeichnet zu fühlen.

Werfen wir einen letzten Blick auf die Form, auf die 3. Strophe: Im vorletzten Vers würde ich vier Hebung erkennen (gibt, zwei, Din-, Lee-); wenn man aber „zwei“ nicht betont, sind es wieder nur drei. Im letzten Vers erkenne ich eher zwei Hebungen, „zeich-“ und „Ich“, wenn man nicht künstlich das „und“ betonen will. Man kann aber auch so sagen: In V. 12 f. stehen vor dem Doppelpunkt und hinter dem Doppelpunkt drei Hebungen, im Enjambement wird „die Leere“ mit in den Schlussvers genommen.

Die Lautbindung im Reim ist wieder perfekt: von Rosen bis Meere / das ist die Leere (V. 10 /12); und alles dieses verblich / dagegen steht nur das Ich (V. 11 / 13).

Wir haben ein sprachlich gefeiltes, schön klingendes Gedicht vor uns. „Sein Thema ist Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Einsamkeit.“ (Hermann Korte: Lyrik von 1945 bis zur Gegenwart, München 1996, S. 53) Die Einsamkeit ist zu ertragen, weil sie zu ertragen ist: ein Schuss Heroismus ist dabei. Die Resignation des sprechenden Alten hat mich in der Zeit meiner späten Pubertät fasziniert, ähnlich wie Hermann Hesses Gedicht „Im Nebel“. Benns Gedicht hat viele Deutsche fasziniert, vermutlich aus verschiedensten Gründen; denn es ist von größter Unbestimmtheit, jeder kann genügend Leerstellen mit seinem Seelenschutt füllen. In den beiden Lektürehilfen, die Adelheid Petruschke zur deutschen Lyrik nach 1945 bei Klett veröffentlicht hat, fehlt das Gedicht; aber bei Korte und auch bei Dieter Hoffmann (Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945, 1998) ist es berücksichtigt. Wenn man von der deutschen Lyrik nach 1945 spricht, gehört es einfach zum Kanon, auch wenn Benns Zeit heute vorüber zu sein scheint: was alles erblühte, verblich.             (30. Juni 2006)

Vgl. auch die Kommentare D. Liewerscheidts (Gottfried Benns Lyrik, 1980, S. 63 ff.) und Jürgen Schröders (in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 6: Gegenwart I, hrsg. von Walter Hinck, 1982, S. 20 ff.)

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