Benn: Reisen; Ein Schatten an der Mauer – Kontext von „Nur zwei Dinge“ (Analyse)

Was „das gezeichnete Ich“ ist und wieso es gezeichnet ist, ist eine nach der Lektüre des Gedichtes „Nur zwei Dinge“ weithin offene Frage. Hier soll versucht werden, die Richtung zu bestimmen, in der die Antwort zu finden ist; zu diesem Zweck sollen zwei dem genannten Gedicht ähnliche des gleichen Autors bedacht werden.

Das Gedicht „Reisen“ (oder http://www.lyrik-anthologie.de/lyrik/benn_reisen.htm) ist 1950, also kurz vor „Nur zwei Dinge“ entstanden. Ich übergehe hier viele Aspekte der Gedichtanalyse und versuche im Wesentlichen, die letzte Strophe als Parallele zur letzten Strophe von „Nur zwei Dinge“ zu lesen. Wir haben einen Ich-Sprecher, der sich mit dem Ausruf „ach“ zu Wort meldet (V. 13), nachdem er rhetorisch eine mit „Sie“ angesprochene Figur gefragt, ob diese wirklich an eine Art Erlösung durchs Reisen glaube. Es ist also eine Meinung der Figur „Sie“ umschrieben, die sich mit dem befasst, was Zürich, Habana und ähnliche Städte mit ihren Straßen zu bieten haben: Tiefe (V. 2), „Wunder und Weihen“ (V. 3), und zwar „immer“ (V. 4); „ewiges Manna“ für die „Wüstennot“ (V. 7 f.). Durch die biblische Metapher von der Wüstennot wird die erhoffte Gabe als Rettung oder Erlösung umschrieben. Dem setzt das Ich sein Wissen (seine Erfahrung) entgegen, dass einen auch dort „die Leere“ anfällt (vgl. „Nur zwei Dinge“, V. 12), dass also die Wüstennot bestehen bleibt, dass die Hoffnung getrogen hat.

Darauf antwortet das Ich mit der Klage von der Vergeblichkeit des Fahrens (bzw. Reisens, V. 13); an die Klage schließt es seine Alterseinsicht (vgl. „Spät erst“, V. 14) an, im Wortspiel mit „fahren“ verbunden: sich erfahren. Die beiden Sätze sind nicht miteinander verbunden; doch durch die Logik des Wortspiels scheint „sich erfahren“ eine Folge des vergeblichen Fahrens nach draußen, in die Städte, zu sein. Was ist das Ergebnis dieses Erfahrens? Es wird durch den Doppelpunkt am Ende von V. 14 angeschlossen und als Infinitivsatz ohne Subjekt präsentiert:

„bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich.“ (V. 15 f.)

Nach der Klage über die Vergeblichkeit des Fahrens muss diese Wendung wohl als Rat oder „Lösung“ verstanden werden, da „bleiben“ ja auch das Gegenteil zu „fahren“ ist. Geraten wird also dazu, nicht zu fahren, sondern (wo? bei sich? zu Hause?) zu bleiben und stille zu bewahren (statt sich in das Getümmel der großen Straßen dieser Welt zu stürzen) das sich umgrenzende Ich. Dieses Ich ist also eines, das sich nicht in die Städte und Straßen verströmt, aus sich herausgeht, sondern sich davon abgrenzt, sich umgrenzt, bei sich bleibt. Bewahren steht im Gegensatz zu „sich verströmen“ oder „sich verlieren“ im Glitzer und Lichtglanz der großen Städte. Das bewahrte Ich stellt mehr dar als die Leere, die einen in den Städten anfällt (V. 11 f.). Dieses sich umgrenzende Ich ist die gleiche Größe wie das gezeichnete Ich, das der Leere gegenübersteht.

Vielleicht sollte ich zum Schluss noch auf die Doppeldeutigkeit des Verses  14 („Spät erst erfahren Sie sich“) hinweisen. „erfahren“ kann zunächst in der normalen Bedeutung gebraucht sein, dann wäre das Reflexivpronomen „sich“ im Akkusativ zu lesen und wäre damit Gegenstand der Erfahrung. Man kann „erfahren“ aber im Anschluss an „das Fahren“ auch als das durch Fahren erworbene Wissen ansehen, also das Verb als „er-fahren“ lesen; dann wäre „sich“ im Dativ zu lesen und bezeichnete den Nutznießer dieses Fahrens, während als Inhalt der Ratschlag in dem anschließenden Infinitivsatz fungierte. Beide Möglichkeiten muss ich gelten lassen; diese Unsicherheit beeinträchtigt aber nicht die klärende Bestimmung, welche das gezeichnete Ich als sich umgrenzendes Ich erfährt.

Das Gedicht „Ein Schatten an der Mauer“ (ebenfalls 1950, in „Gedichte“, Klett 1985, S. 216) könnte wiederum als Kommentar zu „Reisen“ bzw. der Wendung „stille bewahren / das sich umgrenzende Ich“ gelesen werden, und zwar die dritte Strophe:

„stumm liegen, / die eigenen Felder sehn, / das ganze Rittergut…“ (V. 10 ff.).

Hier wäre das Bewahren als Liegen und Sehen vorgestellt, und zwar als Sehen des Eigenen (die eigenen Felder, das ganze Rittergut); hervorgehoben wird dabei der Mohn, auf dem man (beim Sehen) lange verweilen soll, „weil er den Sommer trug“ (V. 16). Man könnte noch auf den Sommer näher eingehen und auf die Schlussfrage, wo er hin ist (V. 17).

Ich möchte den wiederum (im Monolog?) im Infinitiv erteilten Rat („stumm liegen…“) in den Zusammenhang stellen: Er ist die Fortsetzung der Bitte (oder des Rats): „Verwehre / doch neuen Eindrücken / den drängenden Charakter -“ (V. 7-9), der sich an die Frage in V. 7 anschließt, welche wiederum die Bewertungen der 1. Strophe aufgreift: Das sei genügend Erde, genügend Teilnahme am Himmelsspiel, wenn man den sich bewegenden Schatten wahrnimmt. Hier steht also am Anfang eine „kleine“ Erfahrung, an die sich Frage und Ratschlag anschließen – diese sind dann parallel zum Schluss des Gedichts „Reisen“ zu lesen. – In der Frankfurter Anthologie, Bd. 1, 1976, gibt es einen Kommentar von W. Rasch („Zweifelhafte Altersweisheit“, S. 120 ff.) zum Gedicht „Ein Schatten an der Mauer“.

** Zur Methode: Zuerst habe ich „Nur zwei Dinge“ analysiert; einen Monat später habe ich die Parallelen zur Wendung von der Leere und dem gezeichneten Ich untersucht. Man könnte die zweite Untersuchung in die erste einarbeiten und müsste dabei beachten, dass die anderen Gedichte älter als „Nur zwei Dinge“ sind.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s