Benn: Requiem – Analyse

Beginnen wir mit der Überschrift „Requiem“: Ein Requiem ist eine (katholische) Totenmesse; das Wort selbst ist der Beginn eines (lateinischen) Gebetes: „Requiem aeternam dona eis, Domine… (Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen).“ Was im Gedicht beschrieben wird, soll also die moderne Form des christlichen Requiems sein. „Das lyrische Ich ist keine empfindsame, teilnehmende Stimme, sondern ein unempfindlicher, zynischer Beobachter der Gegenständlichkeit der Körper, die auf ihre Materialität reduziert werden.“ (Datei unter dem Link http://www.chiaradeluca.com/Gottfried_Benn.doc.pdf: „Benns Expressionismus“, S. 19)

Der Ich-Sprecher (V. 11), wahrlich kein „lyrisches“ Ich, sondern jemand, der Leichen seziert (V. 1-3), beschreibt, was er da sieht und was er darin erblickt. Es muss also kein Hörer anwesend sein, ist aber auch kein Protokoll einer Sektion – dazu passen die 2. und 3. Strophe nicht. Einmal sieht der Sprecher also die Leichen im Bild einer geschlechtlichen Vereinigung („Auf jedem Tische zwei. Männer und Weiber kreuzweis“, V. 1 f.; nah und nackt, V. 2; Brust an Brust, V. 7; dereinst „hurten“ sie sich richtig, V. 11); dem entspricht, dass die Fülle der ausgeweideten Inneren wie eine letzte Geburt erscheint (V. 4, V. 9, V. 12), obwohl es nur ein „Rest“ ist, der in Särge kommt – Entsorgung als das Gegenteil der benannten Geburt, sinnloses Paradox. Es ist ein pures „es“ (V. 12), nichts Menschliches mehr.

Dass dieses Ereignis „Requiem“ überschrieben ist, erstaunt zunächst; doch wird die religiöse Sicht des Menschen zweimal aufgegriffen. Einmal werden die Leichen mit den Worten des Apostels Paulus als „Gottes Tempel“ (1 Kor 6,19) genannt; doch zugleich sind sie das genaue Gegenteil, „des Teufels Stall“ (V. 6), weil sie sich dem Huren verschrieben haben; was jedoch unter dem Stichwort „lieben“ als höchste Seligkeit geglaubt wird, ist dem Sprecher etwas, von dem er nur „Qual“ erwartet (vgl. das Modalwort „dennoch“, das Nähe und Nacktheit mit der Freiheit von Qual verbindet, V. 2). Was diese Leichen-Lieberei als letzte Wahrheit des menschlichen Lebens offenbart und bedeutet, sagt der Sprecher: Dass die Menschen auf Fleischabfälle reduziert sind, besagt, dass sie „Golgatha und Sündenfall“ begrinsen, also jede Hoffnung auf Erlösung aus dem verfallenen Leben aufgeben – selber aufgegeben haben und den Betrachter aufzugeben nötigen.

Der Sprecher hält sich an gleichwohl an ein formales Schema (vier Strophen, meistens fünfhebiger Jambus, die ersten und dritten Verse mit weiblicher Kadenz, also mit einer kleinen Pause am Ende gesprochen); die Reime binden durchweg Verse sinnvoll aneinander, etwa „Neugeburten“ (V. 9) als Ergebnis dessen, dass sie sich „hurten“ (V. 11). In der ersten Strophe und zu Beginn der beiden folgenden spricht er stenogrammartig, ohne Prädikat, als schriebe er das Protokoll der Sektion; das erfordert wiederum ein unterbrochenes Sprechen. In den Alliterationen „nah, nackt“ (V. 2), „Brust an Brust“ (V. 7) und vor allem „von Hirn bis Hoden“ (V. 5) wird die Fülle des Gesehenen betont, ebenso in der Aufzählung Mann, Kind, Weib oder Bein, Brust, Haar (V. 10). Alles liegt da in Näpfen, alles auf eines Kübels Boden, alles wie aus einem Mutterleib – das letzte „es“ (V. 12).

Neben einer Analyse von Joachim Dyck (Es gibt keine Hoffnung jenseits des Nichts. In: Interpretationen. Gedichte von Gottfried Benn. Hrsg. von Harald Steinhagen. Reclam 1997, S. 13 ff.) sind folgende Links greibar („Benn: Morgue“ ist das ergiebige Suchwort):
http://www.chiaradeluca.com/Gottfried_Benn.doc.pdf (S. 17 ff., schon vorher S. 3 ff.)
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/ (Benn im Kontext, auch Bilder)
http://www.lehrer.uni-karlsruhe.de/~za874/homepage/expressionismus.htm (Expressionismus)
http://www.lektueretipp.de/html/epochen_4.html (Expressionismus, 1. und 2.)
http://www.geocities.com/hoefig_de/LKD12/gedichtanalyse_gbenn.htm (Link funktioniert nicht mehr)
http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/autoren/benn/index.htm (Benn im Hamburger Bildungsserver)
http://www.literon.de/kafka/uebers/ (Zeitgeschichte um 1910, am Leitfaden Kafka)
http://www.dhm.de/lemo/html/1912/ (ähnlich: ausführlicher, aber neutral; man kann die Jahreszahl verändern)
http://www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/471106-Schroeder.pdf (Jürgen Schröder: Der Ruhm hat keine weißen Flügel, 2006, über Benns Gedichte)
Zwei Protokolle aus dem Hauptseminar von Prof. Albert Meier aus dem WS 06/07 über den Zyklus „Morgue“; es gibt auch eine Vorlesung Prof. Meiers als Datei, die ich aber leider nicht öffnen kann.

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