Benn: Satzbau – Analyse

Alle haben den Himmel, die Liebe und das Grab,

damit wollen wir uns nicht befassen,

das ist für den Kulturkreis besprochen und durchgearbeitet.

Was aber neu ist, ist die Frage nach dem Satzbau

und die ist dringend:

warum drücken wir etwas aus?

 

Warum reimen wir oder zeichnen ein Mädchen

direkt oder als Spiegelbild

oder stricheln auf eine Handbreit Büttenpapier

unzählige Pflanzen, Baumkronen, Mauern,

letztere als dicke Raupen mit Schildkrötenkopf

sich unheimlich niedrig hinziehend

in bestimmter Anordnung?

 

Überwältigend unbeantwortbar!

Honoraraussicht ist es nicht,

viele verhungern darüber. Nein,

es ist ein Antrieb in der Hand,

ferngesteuert, eine Gehirnlage,

vielleicht ein verspäteter Heilbringer oder Totemtier,

auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus,

er wird vorübergehn,

aber heute ist der Satzbau

das Primäre.

 

»Die wenigen, die was davon erkannt« – (Goethe) –

wovon eigentlich?

Ich nehme an: vom Satzbau.

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V. 3: „besprochen“ (Ingeborg Harms, nach StA 1,238) statt „gesprochen“ (so in „Sämtliche Gedichte“, Klett-Cotta o.J.)

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Erste Analyse:

Das Gedicht ist 1950 entstanden. Es spricht ein lyrisches Ich (V. 26), jedoch ausgesprochen unlyrisch, in einem dozierenden Tonfall, das im Plural majestatis sein Unterfangen einem „wir“ zuschreibt (V. 2) und begründet, warum ein bestimmtes Thema von ihm bedacht oder besprochen wird. Zu wem es spricht, wird nicht klar; die Sprechweise in der 1. Strophe passt zu einem Essay oder zu einer Vorlesung. Zunächst grenzt es das eigene Thema („wir“, V. 2) von dem ab, was „alle“ haben: den Himmel, die Liebe, das Grab (V. 1), also die großen Themen menschlichen Lebens und Sterbens. Damit will es sich nicht befassen, weil diese Thematik „für den Kulturkreis [bereits hinreichend, N.T.] besprochen und durchgearbeitet“ (V. 3) ist; dazu sei also nichts Neues zu sagen. Als „neu“ stellt das Ich dagegen eine andere, nämlich seine eigene Frage dar: die „nach dem Satzbau“ (V. 4), wobei es die Fragestellung noch präzisiert: „warum drücken wir etwas aus?“ Das heißt: Warum sprechen wir überhaupt, warum bilden wir Sätze (vgl. „Satzbau“)? Eine weitere Begründung für die Fragestellung besagt, dass diese „dringend“ sei (V. 5).

Wenn man überschaut, was das Ich weiterhin sagt, fällt auf, dass die Dringlichkeit der Frage nicht mehr erklärt wird. In Str. 2 wird der Inhalt der Fragestellung weit umschrieben, in Str. 3 einiges zu dem „warum?“ gesagt und noch einmal die Bedeutung der Frage angedeutet („das Primäre“, V. 23); in der letzten Strophe schließt das Ich seine Gedanken mit einem Zitat aus Goethes Faust recht offen ab.

In der Form spricht das Ich prosaisch, nur durch den Zeilenschnitt entstehen Verse: Gedanken oder Aspekte von Gedanken werden isoliert und so hervorgehoben (vgl. V. 7 ff.); die Strophen sind unterschiedlich lang, was den Form-Charakter des Gedichtes abschwächt.

In der zweiten Strophe führt das Ich die Vielfalt aus, in der wir etwas ausdrücken (reimen, zeichnen vor allem; unzählige Pflanzen, V. 10: Vielzahl; in bestimmter Anordnung, V. 13: Hinweis auf die Form).

Zweimal hat das Ich „warum?“ gefragt, am Ende der 1. und zu Beginn der 2. Strophe; in der 3. schickt es sich an, das als Antwort vorzutragen, was es weiß – und das sind nur Vermutungen. Zunächst nämlich fasst es sein Nichtwissen in dem Satz(fragment) „Überwältigend unbeantwortbar!“ zusammen (V. 14); danach folgen drei Ansätze einer Antwort. Zunächst wird eine Erklärung mit Begründung bestritten (Honoraraussicht, V. 15 f.); dann wird auf fernsteuernde Quelle verwiesen (Gehirnlage, äußert sich als Antrieb in der Hand, V. 17 f., speziell beim Zeichnen und Stricheln, V. 7 ff., jedoch kaum beim Reimen); zum Schluss wird eine Deutung der Bedeutung versucht: Heilbringer oder Totemtier, jedoch nur „vielleicht“, V. 19). „Gehirnlage“ sollte als primäre Erklärung, Heilbringer/Totemtier als sekundäre verstanden werden; mit dem Attribut „verspätet“ ist angedeutet, dass die Zeit der Heilbringer (und Totemtiere) vorbei ist; deshalb ist evident, dass diese Wertschätzung des Formalen vorübergehen wird, weil die Zeit der Totemtiere ohnehin vergangen ist.

Zum Rest von Str. 3 werde ich gleich etwas sagen; zunächst müssen wir uns der eigenartigen Äußerung „Überwältigend unbeantwortbar!“ (V. 14) noch einmal zuwenden. Warum sagt das Ich nicht nur: „Die Frage ist nicht beantwortbar“? Was bringt Adverbial „überwältigend“ zusätzlich?  Ich möchte diesen verkürzten Satz so lesen: „Dass die Frage nicht beantwortet werden kann [= unbeantwortbar], ist überwältigend.“ Diese Lesart ist eher als die zweite zu wählen: „Die Frage ist überwältigend und unbeantwortbar.“ Gegen die zweite Lesart spricht, dass hinter „überwältigend“ kein Komma steht, welches durch „und“ ersetzt werden könnte; ganz sicher ist die von mir gewählte Lesart aber nicht. Dass wir fortwährend etwas ausdrücken, immerzu Symbole bilden, ist unerklärlich – und das ist überwältigend, weil wir uns in unserem Wesen als Ausdrückende nicht fassen können. Wir stehen vor dem großen Geheimnis, so wie die Menschen früher vor GOTT gestanden haben: überwältigt von seinem Geheimnis. Beide Elemente von V. 14 weisen in die Richtung, in der früher GOTT gefunden wurde.

In V. 20 setzt das Ich nun zu einer überraschenden Bewertung an, wobei noch zu klären sein wird, was dort bewertet wird: „auf Kosten des Inhalts ein formaler Priapismus“ (V. 20), und dann die zweite Bewertung: „er wird vorübergehn“. Wer wird vorübergehen? Der Priapismus, also die krankhafte Dauererektion (Benn: „Das Wort ist der Phallus des Geistes.“). In V. 20 wird der Inhalt (der Himmel, die Liebe, das Grab, V. 1) dem Formalen gegenübergestellt, wobei das Verhältnis von Inhalt und Form einseitig zugunsten der Form entschieden ist. Was ist also derart als formaler Priapismus bewertet? Es ist das (kann nur das sein), was die von fern angetriebene Hand hervorbringt: die Äußerung, die Kunst, in der ein „Inhalt“ in einer bestimmten überstrukturierten „Form“ dargestellt wird – der Unterschied zwischen Dichtung und normaler Äußerung ist ja der, dass ein Gedicht in der Form überaus stark strukturiert ist. Hier wird also das, was Benn selber als Möglichkeit der Dichtung gepriesen hat, widerrufen, vgl. „Ein Wort“, 1941; oder „Gedichte“, ebenfalls 1941, V. 7 f.:

„es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte

die Dinge mystisch bannen durch das Wort.“

Dass in diesem älteren Konzept von Dichtung neben dem Ich noch die Welt besteht und erst beide zusammen vom leeren Raum umgeben sind [Ein Wort, V. 8], fällt gegenüber den späteren Gedichten auf (vgl. „Nur zwei Dinge“); im „Satzbau“ wird das frühere Konzept Benns negiert – sowohl im Gedanken wie in der einfachen Form des prosaischen Sprechens, siehe oben. Die krankhafte Störung, der formale Priapismus, wird vorübergehen, sagt das Ich; dagegen wird dann überraschend wieder der anfangs (V. 4 f.) hervorgehobenen Frage nach dem Satzbau ein Primat zuerkannt (V. 22 f.). Genau gelesen wird jetzt aber nicht von der Frage nach dem Satzbau, sondern nur vom Satzbau gesprochen: Der sei heute „das Primäre“ (V. 23).

Es wäre möglich, „der Satzbau“ als Verkürzung der oben (V. 4 ff.) intensiv besprochenen „Frage nach dem Satzbau“ zu lesen; es ist jedoch auch möglich, „der Satzbau“ (im Anschluss an V. 20 f. in meiner Lesart) wörtlich zu nehmen. Dann wären die beiden Verse so zu verstehen: Die formalen Bemühungen, die Ergebnisse der Kunstproduktion also stehen heute (noch) im Vordergrund – doch Ich stelle diesen Satzbau in Frage: Warum drücken wir überhaupt auf derart kranke Weise etwas aus?

„Priapismus“ ist eine eigentümliche Bewertung des lyrischen Ichs; die Frage ist aber bereits von Nietzsche gestellt worden (Die Fröhliche Wissenschaft, Nr. 354) und im 20. Jahrhundert intensiv von Ernst Cassirer (Mensch als animal symbolicum), J. Huizinga (homo ludens) oder Hans Jonas (Homo pictor und die Freiheit des Bildens), aber auch schon in der Antike bedacht worden (vgl. etwa die Stichwörter „Kunst“ und „Schönheit“ in: Platon. Lexikon der Namen und Begriffe). In den letzten Jahren hat sich Klaus Sachs-Hombach mit dem Thema befasst; mehrere Aufsätze sind im www greifbar.

Die letzte Strophe besteht aus einem Faust-Zitat und einer das Thema aufgreifenden Paraphrase dazu: „Die wenigen, die was davon erkannt“ (V. 24, als Zitat Goethes ausgewiesen); das ist „Faust“ (V. 590), und zwar eine Äußerung Fausts im nächtlichen Dialog mit Wagner; Faust grenzt hier sein Wissen als neu oder ungewöhnlich gegen das der normalen Forscher ab:

„Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?

Die wenigen, die was davon erkannt, (…)

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.“ (V. 589 ff.)

Unklar ist, worauf das Ich mit dem Goethe-Zitat hinauswill: Genügt es ihm, seine Fragestellung als die der Wenigen, also als herausragend zu qualifizieren? Und dabei das in diesem Vers, aber nicht im Zusammenhang des „Faust“ (vgl. V. 534 ff.) unbestimmte „was“ inhaltlich mit seinem Thema zu besetzen? Oder will es sich damit in die Nähe der potenziell gefährdeten Wissenden stellen? Mir scheint, dass die erste Möglichkeit dem Abschluss des Gedichtes gemäß ist: ein kleiner Scherz: Goethe (resp. Faust) und Ich, wir wissen, auf welches Erkennen es ankommt: „ich nehme an: vom Satzbau.“ (V. 26) Hier braucht nicht mehr erörtert zu werden, ob vom Satzbau oder von der Frage nach dem Satzbau die Rede ist; mit dem Anschluss an Goethes „Faust“ (das deutsche Drama schlechthin, ein Meisterwerk des „Dichterfürsten“ Goethe) wird mit einem ironischen Schlenker das Thema in inhaltlich offener Weise abgeschlossen; dass wir letztlich nichts wissen, macht die Tragödie der Gelehrten Wagner und Faust aus, mit dem Unterschied, dass Wagner das Scheitern des Wissensbemühungen nicht erkennt, während Faust daran verzweifelt und im Teufelspakt den Ausweg sucht.

** Das ist eine Analyse, die ohne Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur angefertigt worden ist. Leicht greifbar ist eine Analyse von Ingeborg Harms (Gedichte von Gottfried Benn, hrsg. von Harald Steinhagen. Reclam 1997, S. 177 ff.), die man noch heranziehen kann. Ingeborg Harms kommentiert eher einzelne Wörter, etwa: Kulturkreis, besprechen, durcharbeiten, ausdrücken, zeichnen, Satzbau (kommt da – mir völlig unverständlich – auf die Handschrift zu sprechen), warum, Heilbringer, Totemtier, Priapus, Goethe; die Verse 21-23 werden überhaupt nicht bedacht, zu wenig der Zusammenhang der Äußerungen beachtet, doch weist sie häufig auf Nietzsche als Bezugsgröße hin.

** In einer Lehrveranstaltung der Uni Düsseldorf steht „Satzbau“ als ein Beispiel neben anderen für Gedichte über Dichtung (http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ2/lehre/wise_01/kai_kur/01_10_22/01_10_22m.htm).

Man muss damit rechnen, dass das sprechende Ich nicht die Auffassung Gottfried Benns vertritt:

Benn hat das Gedicht „Satzbau“ geschrieben,

in dem ein Ich einen Vortrag über die Frage hält,

warum wir etwas ausdrücken, also zum Beispiel dichten;

das gelehrte Ich kann die Frage nicht beantworten

und schließt mit einem unpassenden Goethe-Zitat.

Wenn man Benns eigene Meinung zu diesem Zeitpunkt erforschen will, sollte man im Vortrag „Probleme der Lyrik“ (1951) die Passage lesen, wo Benn den „Vorgang beim Entstehen eines Gedichts“ beschreibt (erklärt?).

Es wäre also zu erwägen, dass der Dichter Benn in „Satzbau“ einen „Gelehrten“ beim Versuch scheitern lässt, die Frage nach dem Ursprung oder Grund von Dichtung zu erklären; das wäre sozusagen eine ironische Lesart des Gedichts.

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