Brecht: Das Lied vom Wasserrad – Analyse

Von den Großen dieser Erde…

Text

http://www.kulturstruktur.net/phanomene-langer-dauer-das-zusammenspiel-von-wasser-und-rad/

http://www.gemeindeschulen.be/cms/files/balladen_01-07.pdf (letzter Text: Lied vom Wasserrad)

Dieses Gedicht Brechts ist das erste in der Gedichtsammlung „Hundert Gedichte“ (1951) und durch diese Position von Brecht ausgezeichnet. Es stammt aus dem Stück „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und Reich gesellt sich gern. Ein Greuelmärchen“, das 1934 fertig und 1938 erstmals veröffentlicht wurde; dort heißt das Gedicht „Die Ballade vom Wasserrad“. Gesungen wird sie in Szene 8 vom Freudenmädchen Nanna, als ihr erster Geliebter, Herr de Guzman, abgeführt wird, was sie völlig kalt lässt: „Gestern verurteilte uns der Vizekönig, heute tut es Herr Iberin. Heute ist es die Oberin von San Barabas, die uns die Gäule wegnimmt: warum soll es morgen nicht wieder Herr de Guzman sein?“ Danach singt sie „Die Ballade vom Wasserrad“; doch ist hier der Refrain der 3. Strophe noch gleich dem der beiden anderen Strophen – es wird eben nur Nannas Weltsicht vorgetragen. Daneben gibt es das Lied der aufständischen Pächter, das dreimal im Stück gesungen wird, darunter ganz zum Schluss, als die Pächter hingerichtet werden sollen und noch unter ihren Kappen das „Sichellied“ singen:
„Bauer, steht auf!
Nimm deinen Lauf!
Laß es dich nicht verdrießen
Du wirst doch sterben müssen.
Niemand kann Hilf dir geben
Mußt selber dich erheben.
Nimm deinen Lauf!
Bauer, steht auf!“
Dieses Lied bildet also im Stück ein Gegengewicht gegen alle Lieder von Figuren, die sich dem Schicksal der Unterdrückung fügen. 1951, als das Lied vom Wasserrad völlig isoliert in einer Gedichtsammlung steht, muss Brecht den Refrain der 3. Strophe ändern, um es von der Rollensicht Nannas zu lösen und seiner eigenen Sicht anzunähern bzw. die Sichtweisen der fügsamen Nanna und der aufständischen Pächter miteinander zu verbinden. [Carl Pietzcker: Die Lyrik des jungen Brecht, 1974, erkennt an dieser Veränderung allerdings eine Änderung der politisch-ideologischen Position Brechts, der zum entschiedenen Marxisten und Kämpfer für eine Veränderung der Welt geworden sei; vgl. dort S. 68 ff.: Skizze der Entwicklung Brechts!]

In der 1. Strophe kommt eine wir-Gruppe zu Wort, die berichtet oder aus der berichtet wird, was „uns“ die Heldenlieder melden: dass „die Großen dieser Erde“ aufsteigen und niedergehen „wie Gestirne“ (zweimal dieser Vergleich, V. 3 f.). Gesprochen wird im Trochäus, zügig über die Versenden in V. 1 und 3 hinweg, weil der Reim erst „Heldenlieder“ und „nieder“ aneinander bindet und hinter V. 4 die erste große Pause fordert. Den Großen als Helden sind wir als Hörer ihrer Lieder gegenübergestellt, dem Aufstieg der Großen ihr Niedergang; betont werden „auf“ und „nieder“ in V. 3 f.; da sie sich „wie Gestirne“ bewegen, wie wiederholt (V. 3, dann V. 4) wird, erscheint der Wechsel in ihrem Geschick als ein ewiges Gesetz.
Im zweiten Teil der 1. Strophe nimmt der Sprecher im Sinn der wir-Gruppe zu dieser Meldung der Heldenlieder Stellung. Dabei stellt er dem, wie die Meldung „klingt“ (V. 5: tröstlich – „klingt“ wird abweichend vom Metrum betont und so hervorgehoben), die Bedeutung dieser Meldung „für uns“ (V. 6) gegenüber: „ziemlich gleich“, was bedeutet: gleichgültig. Er erklärt sogleich, warum der Wechsel von Aufstieg und Fall der Großen den Kleinen gleichgültig ist, die Änderung also nichts bedeutet: Die Kleinen müssen die Großen „nähren“ (V. 6); mit dem Modaladverb „leider“ wird scheinbar Bedauern wegen der Irrelevanz der Meldung ausgedrückt, in Wahrheit eine ironische Distanz gegenüber den Heldenliedern eingenommen. Im Schlussvers wird in einer rhetorischen Frage diese Distanz noch einmal begründet: „wer trägt die Spesen?“ (V. 8), wer bezahlt also die Kosten von Aufstieg und Fall? „wer“ wird wieder abweichend vom Metrum betont, die Antwort „wir“ wird so provoziert. Im Paarreim der zweiten Strophenhälfte sind vor allem die beiden letzten Verse sinnvoll aneinander gebunden: Da wir immer die Spesen zahlen, ist die Veränderung für uns immer gleichgültig, sie existiert für uns nicht. „gewesen“ deutet als Perfektform einen  Rückblick auf viele Erfahrungen mit dem, wovon die Heldenlieder berichten, an und bezeugt so eine Distanz gegenüber dem Inhalt der Heldenlieder, also dem Lobpreis der Großen. – Im zweiten Teil der ersten Strophe ändert sich die Zahl der Silben pro Vers: An die Stelle des vierhebigen Trochäus aus der ersten Hälfte treten zwei Fünf- und zwei Sechsheber, die nun durch Paarreim verbunden sind und deshalb (und wegen des zweimaligen Zusammenfalls von Vers- und Satzende, V. 5 und V. 7) etwas ruhiger gesprochen werden; muss man diesem Wechsel im Rhythmus noch einen tieferen Sinn zuerkennen?
Im Refrain wird der Widerspruch zwischen dem Zweck der Heldenlieder und ihrer Bedeutung für die Kleinen im Bild des Rades, das aus der Überschrift als Wasserrad zu identifizieren ist, zusammengefasst und in den Modalformen „freilich – aber“ (V. 9 / 11) ausgelegt: Mit „freilich“ wird den Heldenliedern zugestanden, dass ihre Botschaft wahr ist, weil das Rad sich ja beständig dreht; mit „aber“ wird eingeleitet, was diese Wahrheit für die Kleinen bedeutet, die hier im Bild als Wasser dem Rad des Aufsteigens und Niedergangs der Großen als treibende Kraft zugeordnet sind. Im Kreuzreim sind die Verse einander sinnvoll zugeordnet: Wahrheit und Bedeutung der Heldenlieder (immer weiter / heißt das leider, V. 9 / 11); die Zustände des nicht oben Bleibens und des ewigen Antreibens entsprechen einander (V. 10 / 12), „oben – unten“ (V. 10 / 11) sind die Stellen, welche die beiden Orte in der Klassengesellschaft bezeichnen. Das im Zeilenschnitt hervorgehobene „nur“ (V. 12) zeigt, wie deprimierend diese Bedeutung, ewig antreiben zu müssen, für „das Wasser“ ist.
In der Literatur findet man den Hinweis darauf, dass das Rad ursprünglich das Rad der Fortuna ist, welches hier von Brecht zum Wasserrad umgewandelt werde – den Zweck der Umwandlung habe ich oben erklärt: Verbindung des Geschicks der Großen und der Kleinen. Das Glücksrad (dazu http://www.musik-gymn.de/carmina/fortuna.html; http://images.zeno.org/Goetzinger-1885/I/big/rda00050.jpg;
http://www.zeno.org/Zeno/0/Suche?q=Glücksrad&k=Bibliothek) ist (seit dem 12. Jahrhundert) vor allem im Barock das Symbol des steigenden und fallenden Glücks. Eine schöne Abbildung und den zugehörigen Text der carmina burana findet man z.B. unter http://members.eunet.at/e_pernkopf/fortuna1.htm.
In den beiden folgenden Strophen betrachte ich im Wesentlichen nur noch, wie das Thema aus der ersten Strophe differenziert wird; die formalen Beobachtungen sind i.W. die gleichen wie bei der 1. Strophe. Die 2. Strophe beginnt also mit der Klage des ich-Sprechers, der sich hier erstmals als solcher zu Wort meldet (V. 7): „Ach“ (V. 1, in V. 6 wiederholt). In dieser Strophe wird entfaltet, was die Großen der Erde für Leute sind – gegenüber den Kleinen: „Herren“ (V. 1), Mit diesem Stichwort klingt der Gegensatz von Herr und Knecht an, den Hegel formuliert, Marx weitergedacht und Brecht in vielen Dramen behandelt hat („Herr Puntila und sein Knecht Matti“, siehe dort!). Mit dem Zahlwort „viele“ (V. 1) wird indirekt das Bild von Aufstieg und Fall der Großen aus der 1. Str. wirder aufgenommen. Was es heißt, Herren zu dienen, wird jetzt im Bild der vier Tiere gezeigt: Herren sind Tiger, Hyänen, Adler und Schweine; nur der Adler darf als majestätitischer Raubvogel, aber eben doch Raubvogel gelten; die anderen sind eher einfache Räuber – oder einfach  Schweine. Räuber sind sie allesamt, weil „wir“ sie nährten (V. 4, greift V. 5 der 1. Str. auf). Vielleicht sind die Tiernamen in Erinnerung an die Wappentiere adeliger Häuser gewählt worden, nur dass der Adler dort oft „Aar“ heißt; Unterschiede zwischen Herren mag es gegeben haben, doch der Sprecher relativiert sie mit der Erinnerung an das Wesen von Herrschaft: „der Stiefel glich dem Stiefel immer“ (V. 6), und weil damit immer getreten wird (V. 7), sind Unterschiede (V. 5) eben doch belanglos; „Stiefel“ könnte metonymische Bezeichnung der militärischen Macht sein, welche notfalls gegen das eigene Volk eingesetzt wird. Nach der zweimaligen Klage tritt der Sprecher bescheiden mit einer „Meinung“ (V. 7 f.) vor, in der er die Konsequenz aus der Einsicht in das Wesen von Herrschaft zieht, ganz im Sinn von Karl Marx: „daß wir keine anderen Herren brauchen, sondern keine!“ Hier wird die Idee der Revolution und der klassenlosen Gesellschaft als Heilungsrezept gegen Herrschaft angedeutet. – Neben den beiden betonten Klagen („ach“) fällt auf, dass „uns“ außerhalb des Metrums betont und dadurch quasi auf einen ganzen Takt gedehnt wird; ebenfalls wird das letzte Wort emphatisch betont („keine“, V. 8). – Der Refrain bleibt gleich, auch wenn sich vom Sprecher die Möglichkeit einer Änderung erwogen worden ist. Erst der dritte Refrain wird dann so verändert, dass er der Hoffnung auf Befreiung folgt.
In der dritten Strophe wird beschrieben, wie die Herren gegeneinander eingestellt sind: sich bekämpfend, beschimpfend (V. 1-6); im Zeilenschnitt wird „blutig“ hervorgehoben, was in Alliteration mit „Beute“ verbunden ist. In dieser Strophe wird also das Agieren der Herren beschrieben, was sie „unaufhörlich“ betreiben (deshalb im Präsens); in der 2. Strophe wird eher vom Geschick der Ausgebeuteten berichtet (Präteritum), in der 1. Strophe der Inhalt der Heldenlieder beschrieben und dessen Bedeutung für die Kleinen erklärt (Präsens). Am Ende der 3. Strophe wird konditional genannt, wann die Herren sich einig sind: „wenn wir sie nicht mehr ernähren wollen“ (V. 7). Diese Möglichkeit, die in der 2. Strophe als Meinung des ich-Sprechers vorgebracht wurde und nun in ihrer Konsequenz andeutungsweise gedacht wird [es wird ja keine Theorie oder Anleitung zur Revolution geboten!], wird im Refrain in ihrer Bedeutung erklärt („dann“, V. 9) und freudig begrüßt („endlich“, V. 11): „Das heitre Spiel“ (V. 10) des sich drehenden Rades, wie der Sprecher distanziert, weil scheinbar vom Leiden der Kleinen nicht berührt sagt, hört dann auf: Dem „immer weiter“-Spiel (1., 2. Str.) steht das „nicht mehr weiter“ (V. 9) entgegen; die letzten drei Verse des Refrains sind also verändert, weil es die alte Teilung oben-unten dann nicht mehr gibt, wenn das Wasser nicht mehr das Rad, sondern „seine eigne Sach‘ betreibt“ (V. 12). Im Adverbial „mit befreiter Stärke“ (V. 11 f.) ist die Revolution antizipiert.
Der letzten Refrain ist sozusagen als Hauptsatz („wenn – dann“) erneut an den Entschluss, die Knechtschaft aufzukündigen (V. 7), angeschlossen; die Konjunktion  „wenn“ und damit der genannte Entschluss wird dann erneut vorgebracht (V. 11 f.). Das zweimalige „wenn“ zeigt, dass diese Möglichkeit in der Zukunft liegt, also erst gedacht und erhofft („endlich“, V. 11) wird. „Dann“ (V. 10), so wird abweichend vom Metrum betont, dann ist das nur für die Herren heitere Spiel des Rades mit der scheinbar ewigen Teilung von Ober- und Unterschicht zu Ende.
Vgl. auch Carl Pietzckers Analyse in: Geschichte im Gedicht. Texte und Interpretationen. Hrsg. von Walter Hinck, 1979, S. 206 ff. Er schreibt zur Fassung der „Ballade“ von 1938: „Ihr Sprecher verhält sich zu einem Bild von der Geschichte, das ihm und seinen Zuhörern in ‚Heldenliedern’ angeboten wird, gleichzeitig aber zu seiner eigenen Situation, die auch die seiner Zuhörer ist; so setzt er die Erfahrung der Unterdrückten gegen vorgegebene Ideologie, löst diese auf und gelangt dabei zu einem neuen Geschichtsverständnis. Geschichtsdarstellung ist hier Kritik an bisheriger Geschichtsdarstellung und zugleich schrittweise wachsende und schließlich zum Handeln drängende Erkenntnis einer Geschichte, die verändert werden muß. Der Sprecher führt seinen Zuhörern diese Erkenntnis als gemeinsamen Lernprozess vor. Der Leser kann dies als Modell nehmen, als Modell des Verhaltens in der Geschichte und zu ihr.“ (S. 207)

Analyse

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/WS_0708/ws0708_ps_01_wasserrad.pdf

http://sammelpunkt.philo.at:8080/archive/00000079/01/brecht1.htm (Christof  Subik, etwa ab Anm. 50)

http://www.ddr-hoerspiele.net/2-lp/helene-weigel-liest-brecht.html (Paul Rilla über die Lyrik Brechts insgesamt)

„Das Wasserbild des Taoteking bei Brecht“ (http://brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/12wasser.doc) und meine Analyse der Legende von der Entstehung des Buches Taoteking…

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-ballade-vom-wasserrad.html (Fritz Stavenhagen, mit Text)

http://www.youtube.com/watch?v=Qad4AaY2zoA (Hans Eisler)

http://www.youtube.com/watch?v=wgQ9Mz50hyo (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=xmAgMHbyegY (Gina Pietsch)

http://www.youtube.com/watch?v=PhEXyxJWUlw (Oliver Lenz, na ja)

Rezeption

http://www.kirche-im-aufbruch.ekd.de/downloads/Literaturgottesdienst_Bertolt_Brecht.pdf

http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2011/07/glueck-gedreht/

Nachbemerkung zum „Rad“
In der Analyse meines Schülers Hurley las ich, mit dem Rad könne auch „das Rad der Zeit“ gemeint sein. Dem möchte ich vorsichtig widersprechen:
1. Es gibt im Deutschen die Redewendung „das Rad der Geschichte zurückdrehen“, auch die Redewendung „die Zeit zurückdrehen“.
2. Es gibt eine Romanserie „Das Rad der Zeit“ von Robert Jordan – bisher 28 Bände (Fantasy), sagt man im www.
3. Es gibt einen Film „Das Rad der Zeit“ von Werner Herzog (2004, mit dem Dalai Lama).
Wenn sich unter dem Einfluss von Romanserie und Film die Redewendung vom Rad der Zeit einbürgern sollte, darf man sie doch nicht unkontrolliert als mögliche Bedeutung für das Rad in Brechts Gedicht unterstellen; das wäre anachronistisch. Spätere Generationen, die nicht mehr so genau zwischen 1951 (bzw. 1934) und 2004 unterscheiden können, werden vielleicht einfach über meine Bedenken hinweggehen – ihr solltet sie zumindest zur Kenntnis nehmen.

P.S. Nachdem ich meinen Senf aufs Rad geschmiert hatte (nur mit Rückgriff auf Duden: Redewendungen, und die Suchmaschinen im www.), habe ich mich noch einmal kundig zu machen versucht. Dabei ist Folgendes herausgekommen:
1. Im Grimm’schen Wörterbuch steht unter 3. das Rad des Fuhrwerks, bildlich und sprichwörtlich:
a) Rad des Glücks (viele Belege),
b) davon: Rad der Schickung, des Verhängnisses,
c) Sonnenwagen auf Rädern,
d) Rad der Zeit (so wörtlich bei Schiller), der Stunden,
e) Redensarten…
f) Redensart: an das Rad kommen.
2. Im DWDS steht als Bedeutung
d) /ohne Pl.; nur mit abhängigem Gen./ geh.
/dient als Sinnbild des Veränderlichen, Beweglichen/ Bedenkt, wie schnell des Glückes Rad sich dreht Schiller Wallenst. Tod IV 7; das R. des Schicksals, Lebens, der Zeit; das R. der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen; Manchmal möchte man glauben: Nicht die Klügsten, sondern die Dümmsten drehen am Rad der Geschichte Bredel Heerstraßen 387
3. Im Wortschatz der Uni Leipzig steht unter den Redewendungen zu „Rad“: das Rad der Geschichte nicht anhalten (und: nicht zurückdrehen)
4. Fazit: Es gab im Deutschen auch schon vor den Fantasy-Romanen R. Jordans und dem Film W. Herzogs das Bild vom Rad der Zeit; ich kannte es indirekt aus einem Gedicht (Tucholsky, Augen in der Großstadt: „Kein Mensch dreht die Zeit zurück“), wo aber eben das Wort „Rad“ fehlt.
P.P.S. Alle drei Wörterbücher sind im Netz zugänglich!

P.S. Phasen im lyrischen Schaffen Brechts

Carl Pietzcker erkennt (idealtypisch) vier Phasen im lyrischen Schaffen Brechts:

  1. Das Bemühen des Menschen geht im Kreis, er kann sein Ziel in der schlecht eingerichteten Welt nicht erreichen; er rennt hektisch im Kreis oder resigniert. Beispiel: Von der Freundlichkeit der Welt (Hauspostille) Innerhalb dieser Phase huldigt Brecht zuerst einem anarchischen Nihilismus (Apfelböck oder die Lilie auf dem Felde); dann ertönt sein Abgesang auf das bürgerliche Individuum (Vom ertrunkenen Mädchen), worauf und woraus eine vitalistische Abkehr von der Gesellschaft (Vom Schwimmen in Seen und Flüssen) folgt.
  2. Die Gedichte kreisen immer noch in sich selbst, doch Situation und Leiden sind als soziale erkannt; das sprechende Subjekt steht auf der Seite der Unterdrückten, es weist auf den künftigen Fall der Mächtigen hin: Einzelne Momente der Situation, nicht aber diese selbst sind veränderlich. Beispiel: Der ‚AUS NICHTS WIRD NICHTS’-Song
  3. Die geschlossene Situation wird immer noch im Bild des Kreises gedeutet, aber sie erscheint als ganze als veränderungsbedürftig. Die Unterdrückten heben ihre Situation klar von der der Unterdrücker ab. Beispiel: Die Ballade vom Wasserrad (Die Rundköpfe und die Spitzköpfe)
  4. In der letzten, der dialektischen Phase wird die Kreisbewegung gesprengt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wiederholen sich nicht mehr im Kreislauf, sondern gliedern die fortschreitende Geschichte. Das Subjekt kann die frühere Negation der Geschichte in einen Schritt in die Zukunft verwandeln. Beispiel: Die Ballade vom Wasserrad (in: Hundert Gedichte, mit Änderung des letzten Refrains.

Pietzcker bezieht sich mit dieser Gliederung auf Georges Poulet: Metamorphosen des Kreises in der Dichtung, Frankfurt/M. 1966, und auf die ideologische Entwicklung Brechts, der er dann die künstlerische zuordnet (bzw. er deutet die künstlerische Entwicklung ideologisch): Die Lyrik des jungen Brecht, 1974, S. 68 ff. – Ob Pietzcker die stramm marxistische Position seiner Habilitationsschrift heute noch teilt, darf bezweifelt werden; wenn ich es richtig sehe, deutet er (wie auch Brechts Lyrik) heute die in Literatur feststellbaren Ambivalenzen primär mit den Mitteln der Psychoanalyse. Vgl. http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3472/pdf/Pietzcker_Die_Autobiographie_aus_psychoanalytischer_Sicht.pdf

http://www.litpsych.uni-freiburg.de/wp/

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9778

http://www.aerzteblatt.de/archiv/97676/Psychoanalytische-Literaturinterpretationen-Die-Rettung-des-Autors-in-der-Literatur

2 thoughts on “Brecht: Das Lied vom Wasserrad – Analyse

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