Brecht: Der Radwechsel – Interpretation

Interpretation im Rahmen der „Buckower Elegien“ 1953
Gemäß der methodischen Einsicht, dass etwas nur in einem Rahmen verstanden werden kann, sollte man die Buckower Elegien als Kontext des Gedichtes „Der Radwechsel“ heranziehen. Ich stütze mich vor allem auf die Ausführungen Jan Knopfs in seinem Brecht-Handbuch 1984 (Lyrik, Prosa, Schriften; S. 191 ff.) und auf das letzte Kapitel von Franz N. Mennemeiers Buch „Bertolt Brechts Lyrik“, 1982, S. 201 ff.
Mennemeier weist darauf hin, welche Bedeutung Elegien nicht nur im Spätwerk Brechts besitzen; auch „An die Nachgeborenen“ sei eine Elegie. Bereits in der Antike ist Elegie ein doppeldeutiger Begriff: ein Gedicht beliebigen Inhalts in der Form des Distichons (Hexameter und Pentameter), nach dem Inhalt ein Klagegedicht im Ton wehmütiger Resignation (Schülerduden Literatur). Das Distichon ist auch die Form des Epigramms, womit ursprünglich eine Inschrift auf Denkmälern bezeichnet wurde, welche die Bedeutung des Gebäudes erläuterte; allgemeiner bezeichnet „Epigramm“ die Gattung in Form des Distichons, in welchem einem Sachverhalt eine geistreiche oder überraschende Sinndeutung gegeben wird. Inwiefern die Buckower Elegien elegisch sind, wird zu prüfen sein; epigrammatisch knapp sind sie jedenfalls.
Nach seinem erzwungenen Exil, in der neuen Heimat DDR, hatte Brecht 1950 schon ganz anders als in den Buckower Elegien gedichtet, etwa „Neue Zeiten“ in den „Kinderliedern“:
Es stand ein Werk am Havelstrand
Da war der Herr der Fabrikant.
Die Havel fließet immer noch
So manches am Strand ist anders jedoch.
Das Werk ist volkeseigen.
Der Fabrikant muß schweigen. (…)
Ähnlich liest sich „Die Erziehung der Hirse“ aus dem gleichen Jahr; das ist Politlyrik, in der der Sozialismus gesiegt hat und die Welt im sozialistischen Teil in Ordnung ist. In den Buckower Elegien ist die Welt nicht mehr ganz in Ordnung.
1952 hatte Brecht in Buckow ein Anwesen an einem See gekauft und neben dem Gästehaus ein kleines Haus als Arbeitsraum ausbauen lassen
(Bild des Hauses: http://www.literaturlandschaften.de/pages/orte/buckow.htm
Zur Biografie: http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/BrechtBertolt/
http://www.educat.hu-berlin.de/schulen/avh/langlebenslauf.html
Lebenslauf mit vielen Links: http://www.tomshardware.de/lexikon/Bertolt_Brecht).

Die Buckower Elegien hängen mit der Lage Brechts und der DDR nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 zusammen; Brecht sah die Lage so, dass die Unruhen als Aufstand unzufriedener Arbeiter angefangen hatten, jedoch faschistisch unterwandert bzw. vom Westen ausgenutzt wurden, wobei auch die alten Nazis aus der DDR sich wieder erhoben hätten. Er billigte also den Einsatz der sowjetischen Panzer, sah jedoch auch die Entfernung der Regierung von der eigenen Arbeiterbevölkerung. Die Klage Brechts in den in Buckow entstandenen Elegien gelte also einmal der Tatsache, dass die Vergangenheit in der Gegenwart noch weiterwirkt, dass der Fortschritt nicht radikal erfolgt ist; subjektiv beklage der Dichter seine Distanz von der Aufbauarbeit am Sozialismus. Seine Arbeit sei nicht produktiv, sondern bloß reflexiv, meint Jan Knopf (a.a.O., S. 202). Sie stellten also eine Bestandsaufnahme dar – den wahrgenommenen Zustand wollte der Dichter so schnell wie möglich vergangen wissen.
Zum gleichen Ergebnis kommt Franz Mennemeier aus der Untersuchung des Aufbaus der Gedichte. Er stellt eine dreiteilige „rational-durchhellte Aussagestruktur der Gedichte, die dem Syllogismus verwandt ist“ (S. 208), fest; es gehe also nicht um Resignation und Weltschmerz, sondern um Konzentration des Denkens. Beide Aussagen, die zur Elegie und die zum Aufbau, werden zu prüfen sein, und zwar an der Gesamtheit der Elegien (wobei man aus praktischen Gründen sich auf einige beschränken wird).
Text der Buckower Elegien:
http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/WS_0708/ws0708_ps_02_buckower_elegien.pdf

Man beginnt am besten mit dem Motto, welches von Brecht selbst an seine Stelle gerückt worden ist:
Ginge da ein Wind
Könnte ich ein Segel stellen.
Wäre da kein Segel
Machte ich eines aus Stecken und Plane.
(dazu Jan Knopf, a.a.O., S. 203)
Der Ich-Sprecher macht zwei Aussagen im Modus der Irrealität (Konjunktiv II), was er tun könnte und würde (V. 2 und 4); beide bindet er an eine Bedingung, ebenfalls im Konjunktiv II. Die beiden Sätze sind also streng parallel aufgebaut, wozu auch die Zweitstellung des unbestimmt verweisenden „da“ in V. 1 und 3 beiträgt.
Unbestimmt ist auch, zu wem das Ich spricht, ob es also zu einem oder mehreren anderen oder für sich selbst spricht. Aus V. 1 f. kann man die Situation erschließen, dass (unausgesprochen) der Wunsch besteht, mit einem Boot voranzukommen; dieser Wunsch bleibt unerfüllt, während das Ich erklärt, wieso der Wunsch unerfüllt bleibt. In dieser Nichterfüllung sind eine Nichtaktion des Ichs und die Nichtgegebenheit der elementaren Bedingung des Vorankommens miteinander verbunden: Es geht kein Wind, also stellt das Ich kein Segel auf; denn das zu tun wäre bei Windstille sinnlos.
Im zweiten Satz wird deutlich, dass die Windstille der entscheidende Grund des Stillstands ist; denn das Ich bekräftigt seine Bereitschaft, bei frischem Wind selber für Bewegung zu sorgen, indem es ankündigt, dass es notfalls ein Behelfssegel basteln würde (V. 4) – wenn denn da ein Wind ginge; der zweite Satz steht also logisch „unter“ dem ersten bzw. unter der in V. 1 genannten Irrealität der Bedingung – als Konjunktion könnte „und“ die beiden Hauptsatzprädikate „könnte“ und „machte“ verbinden (bzw. der konditionale Anschluss könnte heißen: „und wenn dann…“).
Wer das Ich ist, wird nicht gesagt; das Motto ist ein Klage darüber, dass kein (frischer) Wind weht, dass man also nicht vorankommt, und Entschuldigung für die scheinbare Untätigkeit des Ichs: Es kann nichts Adäquates tun, damit es vorangeht.
In dieser geläufigen metaphorischen Verwendung von „vorangehen“ ist der Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung gegeben. Da die Gedichte „Buckower Elegien“ heißen, wird man im Ich den Mann aus Buckow, also Brecht selbst, sehen dürfen. Ob man mit Jan Knopf im Anschluss an Horaz „Segel setzen“ als Metapher fürs Dichten lesen darf? Jedenfalls scheint mir Knopfs Auswertung (S. 203), Brecht rechtfertige seine (Buckower) Lyrik im traditionell betrachtenden Stil durch das Motto, fragwürdig zu sein; das Ich im Motto tut überhaupt nichts; es setzt auch keine Hilfssegel, sondern rechtfertigt nur seine Untätigkeit bzw. Hilfslosigkeit angesichts der objektiv gegebenen Umstände. – Das wäre als Klage nach den am 17. Juni deutlich gewordenen Problemen verständlich und braucht nicht zusätzlich auf die Art des Dichtens bezogen zu werden.
Den elegischen Charakter der Buckower Elegien beleuchtet am deutlichsten das Gedicht „Böser Morgen“ (F. Mennemeier); es enthält ebenfalls (anders als zum Beispiel „Der Rauch“ oder „Rudern, Gespräche“) explizit eine Ich-Position. Welche Gedichte man mit „Der Radwechsel“ zusammenstellt, entscheidet auch darüber, wie man das Gedicht liest. Ich lese es von der Form her, also von der Position des Ichs gegenüber einem Anderen, und sehe darin verstärkt die Selbstreflexion Brechts, die aber nur ein Aspekt der Buckower Elegien ist.

„Der Radwechsel“
Dieses klassisch gewordene Gedicht weist die von Mennemeier genannte Dreiteilung auf: Das Ich beschreibt eine Situation (V. 1 f.); es stellt sich eine Frage zu seiner Verfassung, eben dem ungeduldigen Zusehen (V. 5 f. – ausgespart ist hier die Wahrnehmung der eigenen Ungeduld); es erklärt durch zwei Sätze, wieso ihm diese eigene Verfassung unverständlich ist (V. 3 f.).
Wenn man Jan Knopfs Hinweis, dass es richtig „Straßenhang“ statt „Straßenrand“ heißen muss (a.a.O., S. 197), beachtet, erkennt man in den parallel gebauten ersten beiden Sätzen eine Situation, in der zwischen Ich und Fahrer eine Differenz besteht: Der eine arbeitet, der andere tut nichts (schaut zu, wie man in V. 5 liest); der Fahrer wechselt ein Rad („das Rad“ – welches, wird nicht gesagt; es muss wohl ein defektes, also das defekte sein). Die Fahrt mit dem Auto ist unterbrochen, das ist die Situation, welche die Ungeduld des Ichs „erklärt“; die Reparatur, welche ein anderer vornimmt (über die Beziehung des Ichs zum Fahrer wird nichts gesagt), geschieht dem Ich nicht schnell genug. Warum es bei der Reparatur nicht mit anpackt, wird auch nicht gesagt.
Dass eine Fahrtunterbrechung Reisende ungeduldig macht, ist normal; denn sie wollen ja ein Ziel erreichen und verspäten sich durch die Unterbrechung. In der Selbstwahrnehmung erstaunt das Ich über seine Ungeduld, was gegenüber dem Normalfall erstaunlich ist, weil ungeduldig zu werden normal ist (s.o.). Das Ich liefert jedoch eine Erklärung für seine erstaunte Frage (V. 5 f.) nach der eigenen Ungeduld: „Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“ Es hat also kein Ziel, das es erreichen möchte, obwohl es darauf hin unterwegs ist; es will also nicht dahin, wohin es kommen wird. Die vorhergehende Aussage, streng parallel gebaut, aber gemäß der Sachlogik der zweiten folgend, muss eigens bedacht werden: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.“ (V. 3) Das ist als Erklärung einer Ungeduld nur zu verstehen, wenn man für den negierten Zustand (gern da sein, wo ich herkomme) einen Zusatz macht: Ich war gern da und hätte die Zeit, die ich jetzt verliere, also noch da sein können, wo ich herkomme. Dann wäre die Fahrt nur ein Mittel, um von dem einen Ort zum anderen zu kommen, wobei beide Orte als solche geschätzt wären; dem ist aber für das Ich nicht so. Also kann es sich seine Ungeduld beim wartenden Zusehen nicht erklären.
Aufgrund dieser Lektüre kann man in zwei Richtungen weiterdenken: Man kann über die beiden Orte nachdenken, wo das Ich herkommt und hinfährt, und fragen, warum es dort nicht gern ist; dann wird man den Orten bestimmte politische Konstellationen zuordnen (Exil oder Faschismus / real bestehender Sozialismus in der DDR in den nächsten Jahrzehnten). Man könnte aber auch fragen, ob das Ich mit seiner erstaunten Frage, auf die es hier keine Antwort gibt, nicht die geläufige Bedeutung des Fahrens umwertet: Fahren wäre dann vom Ich nicht als pures Mittel (Instrument) verstanden, sondern bekäme einen Eigenwert als Prozess des Vorankommens, der Fortbewegung (des Fortschritts); dann wäre Fahrtunterbrechung immer etwas, was negativ zu bewerten ist, also mit Ungeduld erfüllen muss. Das würde dem Ich in der Reflexion darüber klar, welche Bedeutung Herkunfts- und Zielort haben: Sie hätten keinen Wert in sich, sondern wären nur Stationen auf dem Weg; sie wären Orte, in die man beim Vorankommen kommt, ohne doch in ihnen bleiben zu wollen – weil es letztlich nur darum geht voranzukommen, nicht aber realiter irgendwo anzukommen.

Dieses Verständnis passt meines Erachtens gut zu dem des Mottos; was dort in der Windstille erlebt wird, wird hier beim Radwechsel erfahren: Stillstand im gesellschaftlichen Prozess des Voranschreitens (in der DDR), des Fortschritts. Und das Ich sieht es und tut nichts, weil es vermutlich nichts tun kann – das ist ein Grund zu klagen.
Methodisch möchte ich betonen, dass man möglichst wenig deuten soll – und schon gar nicht so, wie Harald Weinrich (in: Gedichte und Interpretationen. Bd. 6: Gegenwart I, hrsg. von Walter Hinck, Reclam 1982, S. 30 ff.) es macht: Er erklärt zu dem in den (isolierten!) Versen 3 und 4 bezeugten „nicht gern sein“: „Ich kann mir wenige Lösungen dieses Rätsels denken, die überzeugender wären als die Antwort: das Exil.“ Das ist methodisch fragwürdig, weil Weinrich nicht mehr fragt, in welchem Kontext V. 3 f. hier steht: Erklärung zur erstaunten Frage von V. 5 f. (s. oben!). Nur als Erklärung der Ungeduld (in der Sicht des Ichs) kann man die beiden Verse verstehen, alles andere ist Spekulation, was hier ein besseres Wort für Spinnen ist.

J. Knopf noch einmal (1996): http://www.luise-berlin.de/Lesezei/Blz96_09/text05.htm
Über die Buckower Elegien: http://72.14.221.104/search?q=cache:2Vfu3F9ladsJ:brecht.german.or.kr/jungbo.net/Hwizard/contents/jahrbuecher/1/08buckow.doc+Brecht+%22Die+Ballade+vom+Wasserrad%22&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=26
die Linksammlung der FU Berlin: http://www.ub.fu-berlin.de/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/multi_ab/brecht.html
Das ergiebige Suchwort (Internet) ist „Buckower Elegien“, nicht „Der Radwechsel“!

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