Brecht: Lied über die guten Leute – kritische Analyse

Die guten Leute erkennt man daran…

Text: http://www.oocities.org/wellesley/garden/6745/Brecht27_39.html

Das Gedicht ist um 1939 entstanden (Kommentar von Edgar Marsch, 1974) und erst 1958 in „Hundert Gedichte“ (5. Auflage) veröffentlicht worden; von der Entstehungszeit her gehört es in den Kampf, den Brecht im Exil literarisch gegen die Hitlerei führte. Zu Lebzeiten Brechts ist es nicht in die „Hundert Gedichte“ (1951) aufgenommen worden, wenn ich Marschs Kommentar zum lyrischen Werk Brechts (a.a.O., S. 301) richtig verstehe; dazu werde ich später noch etwas sagen. Es besteht aus sieben Strophen von 5 bis 8 Versen, die weder Reim noch Metrum aufweisen; nur durch den Zeilenschnitt sowie durch Wortspiele, Querverweise und Wiederholungen ist es als Gedicht kenntlich.

Die erste und die letzte Strophe beginnen mit der Phrase „Die guten Leute“; sie rahmen so thematisch die Äußerungen des Sprechers ein; dieser ist nicht genannt. Er wendet sich lehrhaft an eine wir-Gruppe, der potenziell alle angehören; er erklärt, woran man die guten Leute erkennt, wer sie sind und was sie tun – und dabei in Einem, was „wir“ mit ihnen zu tun haben. Dieser Gruppe „wir“ stehen eben die guten Leute gegenüber. Aber sie stehen uns nicht nur gegenüber: Das ist ein Kerngedanke des Sprechers.
Das möchte ich erklären, indem ich von Strophe 1 ausgehe:
„Die guten Leute erkennt man daran
Daß sie besser werden
Wenn man sie erkennt.“
Wir haben hier nicht nur das Wortspiel mit dem Verb „erkennen“ vor uns, sondern auch die scheinbar paradoxe Aussage, dass die guten Leute besser werden, wenn man sie erkennt – daran soll man sie erkennen. Die Paradoxie besteht darin, dass zuerst scheinbar ein Merkmal genannt wird (etwa: Den Kolibri erkennt man daran…), was sich aber als Nicht-Merkmal erweist: „Wenn man sie erkennt“ (V. 3) – also in einem Prozess, nicht in einem Augenblick; denn die guten Leute „werden besser“, wenn man sie erkennt – was ja nur besagt, dass wir sie vorher eben nicht erkannt haben und im Akt des Erkennens auch uns ändern. Vereinfacht gesagt, meint der Sprecher: Wenn man einen „richtig“ kennenlernt und merkt, dass er besser ist, als zunächst angenommen, dann ist er ein guter Mann (oder eine gute Frau, aber nicht: ein guter Mensch). Er weist also Qualitäten auf, die nicht ins Auge springen; er spielt sich nicht in den Vordergrund. In Str. 3 sagt der Sprecher deutlich, dass die guten Leute „höchstens kenntlicher geworden“ sind, wenn man sie nach einiger Zeit wieder trifft; sie verändern sich also, aber auch wir verändern uns im Erkennen; unsere Erkenntnis wächst. Die guten Leute sind also solche, die sich ändern und Veränderung bei uns bewirken.
Gleich in Str. 1 sagt der Sprecher noch, wie die guten Leute Veränderung bewirken:
„… Die guten Leute
Laden ein, sie zu verbessern, denn
Wovon wird einer klüger? Indem er zuhört
Und indem man ihm etwas sagt.“ (V. 3-6)
Das ist eine erstaunliche Aussage; erwarten würde man, was in Str. 2 gesagt wird, dass die guten Leute nämlich (uns) andere verbessern; sie laden jedoch ein, „sie zu verbessern“ (V. 4). Das scheint der vorhergehenden Aussage zu widersprechen, dass sie besser werden, wenn man sie erkennt (V. 1-3). Es könnte jedoch auch sein, dass sie gerade dadurch selber besser werden, dass sie uns einladen, sie zu verbessern. Die oben genannte Veränderung ist damit erhellt: Es geht um eine Verbesserung der Menschen, und zwar nicht der schlechten, sondern der guten Leute. Paradox!
In Strophe 2 kommt die gegenläufige Aussage, dass sie gleichzeitig aber den verbessern, „der sie ansieht“ (V. 2); das steht noch in der Logik dessen, was der Sprecher bisher gesagt hat. Er fährt fort: „…und den / Sie ansehen“ (V. 2 f.); das passt nicht in die bisherige Logik der Veränderung – und auch das, was dann folgt, passt nicht: Sie nützen uns dadurch, „daß wir wissen, diese leben und verändern die Welt“ (V. 5 f.). Warum passt das nicht? Weil es die Logik der Beziehungen zwischen den guten Leuten und uns zerstört; diese Logik werde ich noch erklären. Es schiebt nämlich die guten Leute in eine Position der Heroen, die undialektisch über der dumpfen Masse stehen; die heroische Position wird auch in Str. 7, V. 4 f. beschrieben und ist dort genauso kitschig wie der zweite Teil von Str. 2. Ich meine, wir hätten hier die Erklärung dafür, dass Brecht das Gedicht nicht selber veröffentlicht hat – es ist noch unfertig, es ist noch nicht hinreichend reflektiert und gestrafft.
Die dialektische Sicht auf die guten Leute lässt erkennen, dass sie uns verbessern,
– indem wir ihnen etwas sagen sollen oder dürfen (Str. 1),
– indem wir am Haus, das sie sind, mitbauen (Str. 4),
– indem wir ihre Fehler erkennen und verbessern (Str. 6 – ein nicht verarbeiteter Widerspruch zu Str. 2!),
– indem ihre Lösungen noch Aufgaben enthalten (Str. 7).
Das Verhältnis von uns zu den guten Leuten ist also nicht so, dass sie „über“ uns ständen – das wäre noch das alte feudale oder imperiale Verhältnis, was Brecht entschieden bekämpft (und in Str. 2 und 7 noch nicht beseitigt hat). In Wahrheit ist das Verhältnis von Gegenseitigkeit bestimmt: Wir sehen sie (Str. 1), sie sehen uns (an, Str. 7); wir geben ihnen etwas (Str. 4), sie schenken uns etwas (Str. 5); sie verbessern uns, indem wir sie verbessern (Str. 1 und Str. 6 f.).
Die guten Leute „sind an etwas interessiert, was außer ihnen liegt“ (Str. 6, V. 7 f.); gerade deshalb und nur deshalb verdienen sie unser Interesse (Str. 6, V. 5), aber nicht deshalb, weil oder wie sie sich ihr Brot verdienen: Das erste müssen wir auch, vom zweiten sagt der Sprecher nichts. Auch hier sieht man wieder ein Wortspiel mit dem Verb „verdienen“, was aber gedanklich noch nicht geklärt ist (Str. 6).
Den wahren Zusammenhang zwischen den guten Leuten und uns ahnt man in Str. 7, in den beiden letzten Versen des Gedichtes:
„Wiewohl wir ihnen nicht recht sind, wie wir sind
Sind sie doch einverstanden mit uns.“ (V. 6 f.)
Hier stehen sie beinahe in der Position Gottes, der richtend über den Geschöpfen steht und sie dennoch bejaht oder liebt; das wäre Edelkitsch oder stalinistischer (oder religiöser) Personenkult, wenn man es im Sinn der vorhergehenden Verse 4 f. liest; es lässt sich jedoch auch so lesen, dass „die guten Leute“ der bessere „Teil“ in oder von uns selbst sind. Das hieße dann, dass wir mit uns und dem, was wir sind und erreicht haben, nicht einfach zufrieden sein können – und dass wir uns doch bejahen dürfen. Die guten Leute sind wir dann selbst als die, die wir sein oder noch werden könnten.
Das steht natürlich so nicht in den 7 Strophen; es ist jedoch eine Möglichkeit, dieses unfertige Gedicht in einem humanen Sinn zu Ende zu bringen, indem man den Edelkitsch eliminiert. Die guten Leute verändern sich (Str. 3) und verändern die Welt (Str. 2), indem sie uns verbessern (Str. 2), weil wir uns verändern: also nicht stehen bleiben. Das wusste übrigens bereits der Mystiker Angelus Silesius in der Zeit des Barocks:
„Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn!
Man muss aus einem Licht fort in das andere gehn.“
Was der Mystiker dann in einer dialektischen Beziehung von Seelenfunke und Licht, von Seele und Gott gedacht hat, lässt uns der Dialektiker Brecht als Beziehung von uns und den guten Leuten begreifen. Deshalb ist auch das Bild in Str. 6 falsch bzw. missverständlich: dass die guten Leute „einen Stein an die falsche Stelle legen“ (V. 2); das hört sich an, als ob sie es absichtlich täten, um uns Deppen vorsichtig zu belehren, was sie nur in der Position absoluter Überlegenheit tun könnten. Richtig ist die Formel in Str. 7, dass „alle ihre Lösungen“ noch Aufgaben enthalten (V. 3). In dem Sinn könnte man das Bild in Str. 6 ändern: „Wenn sie einen Stein legen, sehen wir, was eine Fluchtlinie ist.“ Und dann können wir begreifen, dass auch der von ihnen gelegte Stein noch nicht genau in der Fluchtlinie liegt.
Zum Schluss noch ein Wort zum Zeilenschnitt: Gut und überraschend ist der Übergang V. 2/3 und V. 5/6 in Str. 1; V. 2/3 in Str. 4. Viele Versenden stimmen mit Satzenden überein (V. 1-3 in Str. 7), manche sind recht willkürlich gesetzt (V. 1 und 2 in Str. 2).

Es ist ein großes Gedicht, finde ich, auch wenn es noch nicht fertig ist; es verdient, dass wir uns in seine Gedanken hineindenken, gerade auch als Lehrer, aber auch als Schüler: Lehrer können wir nur sein, wenn wir auch Schüler sind; Schüler könnt ihr nur sein, wenn ihr nicht nur Schüler seid!

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