Brecht: Vom armen B. B. – Analyse

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern…

Text http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/brecht01.htm oder

http://referateguru.heimat.eu/Vom-Armen-B-B.htm

Aufbau:

Brecht (1898-1956) stammte aus Augsburg, studierte ab 1917 in München Medizin und Philosophie; 1922 kam er zum ersten Mal nach Berlin. Seine Eltern waren aus dem Schwarzwald. (Die Strophen werden in Klammern ( ) gezählt.)

Das Gedicht, enstanden 1922, seit 1927 Anhang der Hauspostille, ist eine stilisierte Selbstdarstellung: „Ich, Bertolt Brecht…“ (1). Bereits dieser Name ist Fiktion, Brecht hieß Eugen Berthold Friedrich. Zuhörer sind nicht zu erkennen; der Rückgriff des Ichs auf den Autornamen Bertolt Brecht lässt auch die Möglichkeit zu, dass potenzielle Leser angesprochen werden.

In (1 und 2) charakterisiert er sich durch die Doppelung von Herkunft (schwarze Wälder) und Heimat (Städte, Asphaltstadt in 2), beides verbunden mit dem Aspekt des Sterbens (Kälte, Sterbesakrament: Einerseits sind Zeitungen, Tabak, Branntwein als „Lebensmittel“ des modernen Menschen den religiösen Sakramenten, also Heilsmitteln gleichgestellt; anderseits rücken sie als Sterbesakramente den Empfänger in die Todesnähe, vgl. die Kälte, Str. 1, und die künftigen Erdebeben, Str. 9).

In (3 bis 6) beschreibt er, wie er mit „den Leuten“ (3) umgeht, und zeigt so, was für ein Mensch er ist: Im Allgemeinen ist er freundlich, angepasst (Hut), ein freundliches Tier wie sie – der Mensch ist also prinzipiell nichts Besseres als die Tiere. In (4) bis (6) berichtet er pauschal, mit wem er im Lauf des Tages umgeht: mit Frauen vormittags (4), mit Männern gegen Abend (5), in der Morgenfrühe ist er allein (6).
(4) Er hat ein paar Frauen zur Verfügung; sorglos geht er mit ihnen um; in der Rede zu ihnen zieht er sich zurück: Typ des zynischen Frauenhelden, der auf Liebesgeflüster verzichtet.
(5) Er lebt in Gemeinschaft der Männer (wir!); „Gentlemen“ nennen die Rüpel sich; ihre Reden sind Sprüche.
(6) Am frühen Morgen ist er allein; vulgäre Sprache:  pissen, schreien; rauchen, trinken; ich schlafe beunruhigt ein.

In (7) und (8) blickt das Ich (eingebettet in ein unbestimmtes „wir“) mit zeitlicher Distanz oder Perspektivierung auf die Städte: in die Vergangenheit (7), in die Zukunft (8): die Städte und die Bewohner relativierend. Genauer: ein bloß leichtes Geschlecht, die Städte „galten“ bloß als unzerstörbar, Manhattan als Typus; der flüchtige Wind als der einzige Bleibende; das Haus wird geleert, wir sind nur Vorläufige;  es kommt nichts Nennenswertes.

Im Vorausblick (9) auf kommende „Erdbeben“ (Metapher wofür?) greift das Ich zurück auf seine Lebensweise (vgl. 4-6): auch im Untergang will er sie beibehalten; er bezieht sich erneut, wie zu Beginn seiner Rede, auf Herkunft und Heimat (Wälder, Asphaltstädte) als seine letzten Bezugspunkte. Es fällt auf: Wechsel von „daheim“ in den Städten (2) zu „verschlagen“ (9) in die Städte, was heißt: Es gibt keine Heimat für ihn. Zuversicht und fröhliches Weiterleben vor der Katastrophe.

Vgl. Marsch, Edgar: Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk. Winkler Verlag: München 1974.

Prof. Dr. Yahya Elsaghe referierte auf einem Kongress 2010 in Warschau über Brechts Gedicht: Von Eugen Brecht zum „armen B.B.“; sein Vortrag wurde so angekündigt (oder zusammengefasst): „Vom armen B.B.“ läßt sich als Paradebeispiel geglückter Autofiktion lesen: Psychoanalytisch als Modellfall eines Freudschen ‚Familienromans’, literaturgeschichtlich als Abwehr einer anxiety of influence, mentalitätsgeschichtlich als kalkulierter Teil und Ausdruck einer Strategie, sich nach den Vorgaben eines ganz bestimmten und genau bestimmbaren Persönlichkeitsmodells zu inszenieren, wie es in den Zwanzigerjahren unter die deutschen Intellektuellen gelangte. (http://www.uni-muenster.de/Germanistik/Lehrende/wagner-egelhaaf_m/ivg_kongress.html – Zu beachten ist auch die Einführung in die Vorträge über Autofiktion als neues Verfahren literarischer Selbstdarstellung.)

Form:

Das Gedicht gliedert sich in neun Strophen à vier Versen. Das Ende der zweiten Verszeile reimt sich in jeder Strophe mit der vierten (in  Strophe acht reimen sich auch die erste und die dritte). Freie Rhythmen bestimmen das Sprechen, Umgangssprache, es werden einige vulgäre Wörter verwendet.
Die 7. und 8. Strophe markieren einen Bruch: Lebensbeschreibung des B.B. wird unterbrochen; Pronomen „wir“ tritt an die Stelle des Ichs.

Analyse:

http://www.phil1.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010200/user_upload/Mitarbeiter/Will/ss2007_ps_01_vom_armen_b_b..pdf (knapp)

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/brechts-selbsterfindung-als-bertolt-1.14964685 (Fragwürdige Selbstmodellierung: Anlehnung an Villons Kleines Testament, biografische Lügen, Widerspruch zwischen Regress auf die Mutter und Machogehabe, NZZ 11.02.2012)

Vortrag:

http://www.youtube.com/watch?v=aIGoJm8DDtE

http://www.rezitator.de/gdt/607/ (Lutz Görner)

http://www.youtube.com/watch?v=74kLMkoxHSI (Risse, 1. Gedicht)

http://www.dieterrogge.de/von-diesen-staedten.php (Illustrationen)

Materialien:

http://repositories.tdl.org/ttu-ir/bitstream/handle/2346/21565/31295012156740.pdf?sequence=1 (über die Hauspostille)

http://www.uni-due.de/einladung/index.php?option=com_content&view=article&id=412%3A8-4-autobiographie&catid=45%3Akapitel-8&Itemid=53 (Kontext: Autobiographie)

Oft wird Brecht vorgeworfen, er habe sich allzu frei bei Villons Balladen bedient, einschließlich des Gedichts vom armen B.B. (siehe den Aufsatz in der NZZ, dritter Link unter Analyse). Dazu Folgendes:

http://www-zeuthen.desy.de/~naumann/talks/lit/Villon.pdf (Beispiele Villon -> Brecht)

http://hokshi-hunhebi.beepworld.de/villon.htm Kleines Testament (Villon)

http://home.arcor.de/berick/illeguan/villon1.htm Gedichte Villons

http://www.gert-pinkernell.de/villon/Villond.htm Biografie F. Villon

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43159784.html Biografie Villon

Zur Selbststilisierung Brechts als Dichter siehe https://norberto42.wordpress.com/2012/10/29/brecht-serenade-kurze-analyse/ oder das (reichlich spätpubertäre) Gedicht „Aus verblichenen Jugendbriefen„.

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