Claudius: Die Sternseherin Lise – Analyse

M. Claudius: Die Sternseherin Lise (1803)
Text: http://hor.de/gedichte/matthias_claudius/die_sternseherin.htm
1. Durch die Überschrift wird das lyrische Ich als Mädchen oder Frau ausgewiesen. Ist die Identifizierung wichtig? Könnte ein Mann, der „kämpft“ und der Welt zugewandt ist, nicht das gleiche erkennen wie die Sternseherin Lise? (Beachte: Das Ich hört auf die Stimme des Herzens, 3. Str.!)
2. Das Ich beschreibt, was es „oft um Mitternacht“ (V. 1) tut: die Sterne betrachten. Da es im Präsens spricht, wird das beschriebene Geschehen dem Hörer gegenwärtig. – Zu wem das Ich spricht, wird nicht erkennbar; es erscheint mir aber unwahrscheinlich, dass es zu (mit) sich selbst spricht – dazu passt das in der ersten und letzten Strophe Gesagte nicht.
3. Trotz des Kreuzreims spricht das Ich ruhig, langsam; auf einen Vers mit vier Takten (Jambus) folgt einer mit dreien, wodurch eine Pause entsteht. Dieses ruhige Sprechen entspricht dem Lises Tun: der stillen, ergriffenen Betrachtung der Sterne und ihrer Pracht.
4. Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu vier Versen. Meistens sind die Endreime sinnvoll aufeinander bezogen: Das Ich schaut „um Mitternacht“ (V. 1) / wenn niemand „wacht” (V. 3). Es können auch Gegensätze miteinander verbunden sein: Die Sterne sind wie Lämmer „zerstreut” (V. 5), aber doch ordentlich „aufgereiht” (V. 7); was wie eine Unordnung aussieht („auf der Flur”, V. 6), ist in Wahrheit Ordnung („auf der Schnur”, V. 8). – Auch bei den drei letzten Strophen lassen sich diese im Endreim ausgedrückten Bezüge leicht erkennen.
5. Zum Aufbau des Gedichtes:
Zunächst (1. Strophe) beschreibt das Ich die Situation, in der es sich anschickt, die Sterne zu betrachten; es ist allein um Mitternacht noch wach.
Anschließend beschreibt es, wie es die Sterne wahrnimmt (bis 3. Strophe, V. 10) und wie es darauf ergriffen reagiert (bis V. 16); dabei ist es selber „unterm Himmelszeit” (V. 13), also in den Bereich der Sterne einbezogen.
Zum Schluss beschreibt es, wie es das Erlebte im Haus verarbeitet (5. Str.): es sinnt, bewegt von der geschauten „Herrlichkeit”, und sehnt sich nach ihr (V. 19 f.; 11). [Ich orientiere mich bei der Untersuchung des Aufbaus also am Tun des lyrischen Ichs.]
6. Das Ich lebt in der alltäglichen Welt, die es aber „um Mitternacht” (V. 1), also an der Grenze der Zeitabschnitte verlassen kann, um einer anderen Welt zu begegnen, die ihm in den Sternen erscheint.
Claudius hat viele Kontraste verwendet, um diese beiden Welten einander entgegenzusetzen: niemand wacht (V. 3) – das Ich liegt wach (V. 18); das Werk ist getan (V. 2), vollendet – an der Herrlichkeit kann es sich nicht satt sehn (V. 12; vgl. die unendliche Sehnsucht, V. 20, und …, V. 12);
alltägliche Welt, Haus (1. Str.) – weites Himmelszelt (V. 9 mit 13);
was die Leute reden (nicht ausgeführt) – was „mein Herz” sagt (V. 14);
„Schmerz und Lust” des Lebens (V. 16) – die große Herrlichkeit (V. 11, vgl. V. 15), wobei „Herrlichkeit ein altes Attribut Gottes ist (vgl. auch das Licht als göttlich, mit der Wiederholung “und funkeln” V. 9 f.).
7. Neben dem weit funkelnden Licht ist von den Sternen wichtig, dass sie als Lämmerherde (V. 5-7) erscheinen; mit dieser Metapher wird implizit der göttliche Hirt genannt, der nach den Schafen schaut („Hirt” als Bezeichnung der Könige und Gottes, vgl. AT!). Der Vergleich der Sterne mit den Perlen einer Kette (V. 7 f.) zeigt wiederum, daß sie (vom göttlichen Goldschmied) geordnet sind – daß die ambivalente Welt (Lust und Schmerz, V. 16) in Wahrheit ein Kosmos, eine schöne Ordnung Gottes ist.
Da das Ich sich nach der aufscheinenden Herlichkeit sehnt (V. 20), könnte man vermuten, daß es sich des nicht offen zutage liegenden Sinns der Welt versichern will – vielleicht spricht so der Autor zu sich selbst.

Beachte, dass Aspekte untersucht werden! Überlege, in welcher Reihenfolge man die Ergebnisse einander zuordnen und sie darstellen könnte! 6/95 Tn

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Beispiel: eine Schüleranalyse besprechen/überarbeiten
Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise (Analyse von V.J ., 1995)
Das Gedicht „Die Sternseherin Lise“ von Matthias Claudius besteht aus fünf Strophen zu jeweils vier Versen. Es stammt aus der Romantik um 1800. Der Takt (Rhythmus) in dem Gedicht ist Jambus, da jeweils die zweite Silbe betont wird. Das Thema des Gedichts ist die Sehn-sucht nach dem Sinn und der „Herrlichkeit” (3. Vers der 3. Strophe) des Lebens. Die Strophen enthalten jeweils einen Kreuzreim. Trotz diesem Kreuzreim wirkt das Gedicht ruhig und besonnen. Diese Ruhe ist wichtig, um die momentane unzufriedene, bedrückte Stimmung des lyrischen Ichs, welches sich durch die Überschrift mit Lise identi-fiziert, darzustellen. Die Ruhe verdeutlicht seine Ergriffenheit in Bezug auf die Sterne und seine Sehnsucht nach der Herrlichkeit, die es im Transzendenten sucht. Die Verlangsamung des Gedichts wird durch die Silbenzahl der einzelnen Verse noch verstärkt. Sie beträgt abwechselnd acht und sechs Silben, so daß dem sechssilbigen Vers ein Takt fehlt. So entsteht beim Lesen automatisch eine Pause. Das Gedicht ist im Präsens geschrieben. Dies bezieht den Leser besser in die momentane Stimmung des lyrischen Ichs ein.
In der ersten Strophe wird die Situation des lyrischen Ichs beschrieben, in der zweiten und dritten Strophe, was es sieht, näm-lich die Sterne. Die beiden letzten Strophen werden die unmittelbare Reaktion und die bedrückten Gefühle des lyrischen Ichs dargestellt. Die unmittelbare Reaktion auf das reine Betrachten der Sterne ist, daß es sich Gedanken über die Welt und “all ihr Schmerz und Lust” (4. Vers der 4. Strophe) macht und nach dem Sinn des Lebens fragt. Das “Himmelszelt” (1. Vers der 4. Strophe) steht im Kontrast zum Haus (1. Strophe). Während das “Himmelszelt” eine große Weite ausdrückt, bekommt man einen einengenden Eindruck, wenn man sich im Haus befindet und in seinem Leben an viele Regeln gebunden ist.
In der zweiten Strophe werden viele Metaphern für die Sterne ge-nannt. Sie werden zum Beispiel als „Lämmer auf der Flur” (2. Vers der 2. Strophe) und wie „Perlen an der Schnur” (4. Vers der 2. Stro-phe) beschrieben. Das lyrische Ich sehnt sich nach der Herrlichkeit und einer vollkommenen inneren Erfüllung. Dies wird in der dritten Strophe deutlich. Die drei Punkte im vierten Vers drücken aus, dass diese Sehnsucht wahrscheinlich ewig anhält. Gleichzeitig ist an dieser Stelle der Höhepunkt des Gedichts erreicht, dessen Spannung direkt zu Beginn der vierten Strophe wieder genommen wird. Daher ist zwischen der dritten und vierten Strophe ein deutlicher Einschnitt zu machen. Das lyrische Ich geht an dieser Stelle mit seinen Gedanken von seiner Bewunderung für die Sterne und das Unendliche zur realen Welt über. Die Wirklichkeit scheint ihm recht sinnlos, und es sieht sie nicht sehr positiv. Seine dadurch aufkommende Unruhe wird in der fünften Strophe besonders deutlich: “Ich werf´ mich auf mein Lager hin und liege lange wach” (1. u. 2. Vers).
Vielleicht versucht der Autor durch das Gedicht seine eigenen Gedanken auszudrücken. Dies kann aber nicht sicher gesagt werden, da der Autor nicht das lyrische Ich verkörpern muß.

Zur Gliederung des Aufsatzes:
Wo sollten noch Absätze gemacht werden?
Wie ist der Aufsatz gegliedert?
Wo könnte besser übergeleitet werden?
Gibt es Alternativen im Aufbau des Gedankengangs?
Zur Analyse des Gedichts:
Was ist sachlich fragwürdig?
Wo ist zwischen Ich / Leser klarer zu unterscheiden?
Welche Beobachtungen müssen ausgewertet werden?
Sprache des Aufsatzes:
Wo muss inhaltlich gefüllt werden?
Wo muss „Gedicht” durch genauere Bezeichnungen ersetzt werden?
Was muss näher (genauer) bestimmt werden?
Sollten nominale Phrasen durch (Neben-)Sätze ersetzt werden?Mehr...

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