Coetzee: Schande – Analysen

Hintergrund: Überwindung der Apartheid
Ein diktatorisches System abzulösen und zu einem rechtlich-demokratischen Zustand des Staates überzugehen ist immer schwer (Deutschland 1945; DDR 1990; Chile; Spanien nach Franco usw.), vor allem wenn das alte Regime nicht durch einen Sturz (Bürgerkrieg) beseitigt wird, sondern mehr oder weniger freiwillig zurücktritt.
Ministerpräsident de Klerk, der Nachfolger Bothas, stellte 1990 fest, dass die alte Apartheidspolitik gescheitert war. Er ließ Mandela frei, hob das Verbot von 61 politischen Organisationen auf und verpflichtete sich, über ein allgemeines Wahlrecht zu verhandeln.
Neben Nelson Mandela ist Bischof Tutu einer der wichtigsten Führer der Schwarzen gewesen; er trat immer für einen gewaltlosen Kampf der unterdrückten Mehrheit ein. 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis. Er erlebte die ersten freien Wahlen 1994, bei denen sein Freund Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde. Mandela übertrug ihm 1995 den Vorsitz der Wahrheits- und Versöhnungskommission; diese beruhte auf der Idee, dass es ohne Vergebung (nach Bekenntnis der Wahrheit) keine friedliche Zukunft für Südafrika geben könne. Die Kommission hatte die Aufgabe, Beweismaterial für die Verletzung der Menschenrechte zwischen 1960 und 1994 zu sammeln und denen zu verzeihen, die sich freiwillig zu von ihnen begangenen Grausamkeiten bekannten.
Die Adresse, auf die ich mich hier gestützt habe, ist www.dadalos-d.org/deutsch/ (auch ohne „deutsch“), der Bildungsserver der UNESCO. Dort findet man unter „Menschenrechte“ -> Apartheid und unter „Vorbilder“ -> Bischof Tutu (http://www.dadalos-d.org/deutsch/Vorbilder/Vorbilder/tutu/tutu.htm, mit vielen links, u.a zu den Ergebnissen der Wahrheits- und Versöhnungskommission). – Am einfachsten informiert man sich bei wikipedia u.a. über Rassentrennung, Apartheid usw.
(Seitenzählung nach der Ausgabe Fischer-TB 15098)

Luries Krise als Thema des Romans
In den ersten sechs Kapiteln des Buches wird deutlich, dass Lurie in einer Krise steckt: „Von Beruf ist er Wissenschaftler – oder war es, und die Wissenschaft zieht ihn von Zeit zu Zeit noch ganz in ihren Bann.“ (S. 7) Er war Professor für moderne Sprachen, ist zum außerordentlichen Professor für Kommunikationswissenschaften degradiert worden und darf noch ein Oberseminar für ein Thema seiner Wahl anbieten (8). Die oberste Prämisse seiner neuen Disziplin („Die menschliche Gemeinschaft hat die Sprache geschaffen…“) findet er „absurd“ (8). Auch mit seinem Buch über Byron kommt er nicht voran, er hat die Literaturkritik „satt“ (9). Auch seine Kraft, Frauen zu faszinieren, ist bereits vergangen (13/1 ff. und Z. 13 ff.).
Das Abenteuer mit Melanie (Kap. 2-6) ist Ausdruck der Krise eines Mannes, der oft nicht weiß, was er mit sich anfangen soll (18/2 f.). Lurie glaubt anfangs, dass er für einen Mann seines Alters „das Sexproblem recht gut im Griff“ hat (5, erster Satz des Romans!), indem er einmal pro Woche zu Soraya fährt. Aber sehr bald wird „alles anders“ (11), als die Beziehung zu Soraya gestört wird – zuvor hat er noch die Einsicht abgetan, dass er ihr Vater sein könnte (5). Bei Melanie wird dieses Missverhältnis ihm erneut bewusst (29, 37). Hinter beiden Episoden wird sein wahres Problem sichtbar: das Alter. Nach der Episode mit der Sekretärin sagt er sich: „Er sollte aufgeben…“ (16/4 f.). Melanie ist „zu jung“ (26). Der gleiche Gedanke erscheint dann noch einmal (34), und Rosalind sagt es ausdrücklich: „Du bist zu alt, um dich mit den Kindern anderer Leute einzulassen.“ (61) Wenn diese These auch diskutierbar ist und von Lurie diskutiert wird (etwa 117 f.) – als Thema ist das Alter genannt.
Was die Kommission ihm in teils feministischer Verbohrtheit, teils kollegialer Schadensbegrenzung anbietet, ist keine Lösung seines Problems – es sind Lösungen für die Öffentlichkeit (Kap. 6). Erste Lösungen: dass Lurie selbst sich ändert, also ein anderer wird, zeigen sich in den Kap. 7 bis 12. Das erste Anzeichen ist seine Annäherung an die alte Bulldogge Katy, mit der ihn eine Schicksalsgemeinschaft verbindet: „Man hat uns sitzenlassen, was?“ (103) und von der sich beschnuppern lässt (111). Er entschließt sich, Bev im Tierheim zu helfen (Kap. 10), und gebraucht dann den Vergleich mit dem misshandelten Golden Retriever (117 f.), um sein eigenes Recht auf Begehren zu demonstrieren.
Der zweite Bereich, in dem er sich ändert oder ändern muss, ist das Verhältnis zu seiner Tochter Lucy. Urteilt er anfangs noch über sie und ihre Lebensweise, obwohl sie ihm „Zuflucht“ gewährt (87) und ihm „das Leben“ und eine ihm unbekannte Welt zeigt (93; er glaubt noch, Vater zu sein sei sein Schicksal, 113), so setzt sie nach dem Überfall ihre eigene Sicht gegen ihn durch – sie entwindet  sich ihm (127) und beansprucht das Recht, selber allein zu erzählen, was ihr geschehen ist (129); ihm entgeht nicht, dass sie bereits zweimal „mit ihm wie mit einem Kind gesprochen hat – mit einem Kind oder einem alten Mann“ (134 – hier klingt wieder das Thema „Alter“ an). Am Ende von Kap. 12 behauptet Lucy sich dann gegen ihn programmatisch: „Nicht Vaters kleines Mädchen, nicht mehr.“ (137)
Damit ist die Thematik des Romans umrissen: Wohin geht Luries Reise, wenn er es hinnimmt oder hinnehmen muss, alt zu werden?

Beobachtungen zur Zeitstruktur in Kap. 1 – 6
Im 1. Kapitel wird Lurie vorgestellt; es wird unbestimmt berichtet, was er donnerstags tut (S. 5 ff.; 10 f.), nämlich Soraya besuchen; ähnlich unbestimmt wird von seinen wissenschaftlichen Überzeugungen und seiner Arbeit als Professor berichtet (S. 8-10), wobei der Erzähler unbestimmt in Luries Vergangenheit blickt (Veröffentlichungen; Byron-Projekt, S. 9). In den beiden ersten Absätzen S. 10 berichtet der Erzähler, ohne sie zu datieren, einige bestimmte Gedanken Luries.
Datiertes Geschehen („eines Samstagsmorgens“) wird ab S. 11 erzählt, das Treffen mit Soraya am nächsten Donnerstag wird relativ datiert (S. 12); als seine Gedanken wird die Vorgeschichte seiner Treffen mit Soraya erzählt (S. 12-14), neu datiert wird der vierte Donnerstag nach dem Vorfall (S. 14). Im Bericht folgen sein Anruf nach ein paar Tagen (S. 14), ein undatierter Abend mit einer anderen Soraya (S. 15) und zwei Treffen mit der Sekretärin (S. 15 f.). Danach wird unbestimmt von seinem Ausweichen erzählt, von seinen Gedanken (S. 16); davon, dass er innerhalb weniger Tage Sorayas Telefon-Nummer gefunden hat; von einem letzten kurzen Gespräch mit Soraya (S. 16 f.).
Fazit: Als unbestimmte Vorgeschichte wird Luries glückliche Zeit der Soraya-Besuche erzählt; mit der datierten zufälligen Begegnung an einem Samstag wird die Störung dieses Verhältnisses eingeleitet (S. 11). Das datierte Geschehen mag etwa 6-8 Wochen dauern. Durch die Datierung wird die genannte Störung hervorgehoben.
Im 2. Kapitel knüpft der Erzähler mit den beiden ersten Sätzen daran an. Ohne Angabe der Dauer wird von Luries vermehrtem Lesen erzählt; mit der unverbundenen Datierung „an einem Freitagabend“ (S. 18) beginnt die Episode mit Melanie. Von diesem ersten Abend mit Melanie (mehrere Stunden) wird bis zum Ende des Kapitels erzählt (S. 25); dieser Abend, wiewohl zeitraffend erzählt, ist dem Erzähler wichtig (mehrere Stunden / 7 Seiten).
Im 3. Kapitel setzt der Erzähler am übernächsten Morgen ein (Sonntag, S. 26); L. erforscht Melanies Adresse, holt sie ab, schläft nach dem Mittagessen mit ihr (bis S. 28). Am Motagmorgen schickt er ihr Rosen (S. 28), Dienstagabend bringt L. sie von der Uni nach Hause (S. 28 f.); am Mittwoch bespricht L. im Seminar Wordsworth (S. 29-32). Diesem Seminar wird viel Erzählzeit gewidmet (ca. 2 Stunden / 3 Seiten). L.s Besuch der Theaterprobe wird nicht datiert (S. 32-34), erfolgt vielleicht am gleichen Tag, wird relativ ausführlich erzählt (ca. 1/2 Stunde / 1,5 Seiten). Am nächsten Tag besucht Lurie Melanie zu Hause, vergewaltigt sie beinahe (S. 34 f.). Am Freitag erscheint Melanie nicht zur Klausur; Lurie mogelt (S. 36); die nächste Woche wird beinahe übersprungen zum folgenden Sonntag, wo Melanie nachts um Aufnahme bittet (S. 36); am Montagmorgen sprechen die beiden miteinander, was relativ ausführlich erzählt wird (S. 36-38 / 10 Minuten); es folgt ein kurzes Gespräch am Mittag des gleichen Tages (S. 38 f.).
Fazit der Untersuchung des 3. Kapitels: Das Seminar, die Theaterprobe und das Gespräch am Montagmorgen sind mit den zugehörenden Gedanken dem Erzähler wichtig, der Beischlaf (zweimal) wird jeweils nur kurz abgehandelt. Bisher kennt Lurie Melanie zweieinhalb Wochen.
Im 4. Kapitel wird undatiert erzählt, wie Lurie mit Melanie schläft und spricht (S. 40 f.), wie ein junger Mann ihn am Nachmittag dieses Tages beschimpft und ihm droht (S. 41 f.) und wie in der Nacht sein Auto demoliert wird. Dem Seminar am folgenden Montag widmet der Erzähler fünf Seiten (für 2 Stunden), es ist ihm also wichtig (S. 42-47); es wird dann noch eine kurze Begegnung an der Ampel erwähnt (S. 47 f.).  Dauer des erzählten Geschehens: etwa eine Woche.
Am nächsten Montag (5. Kapitel) erscheint Melanie nicht zur Prüfung, meldet sich stattdessen ab; Mr. Isaacs ruft an (S. 49 f.). Nach Erwähnung der Seminare (Mi/Fr) wird erzählt, wie Isaacs Lurie aufsucht (S. 51 f.). Am nächsten Vormittag erhält L. die Anzeige und stellt sich vor, wie diese zustande gekommen ist (S. 52-54); am Nachmittag telefoniert er mit Hakim (S. 54-56). Danach wird unbestimmt erzählt, wie L.  sich in der Uni verhält (S. 57), was er (undatiert) mit seinem Anwalt bespricht (S. 57 f.) und was mit seiner Ex-Frau Rosalind (S. 58-61). Am nächsten Tag informiert R. ihn über einen Zeitungsartikel (S. 61 f.). Das Geschehen könnte sich etwa in zwei Wochen abspielen.
Die Verhandlung (nicht datiert) wird sehr breit erzählt (S. 63-75), dann erscheint undatiert (aber wohl bald danach) der Artikel in der Studentenzeitung (S. 75 f.); L. telefoniert mit Mathabane (S. 76-78). Das im 6. Kapitel erzählte Geschehen könnte eine weitere Woche gedauert haben.
In Kap. 5 und 6 sind dem Erzähler die Anzeige, die darauf bezogenen Gespräche und die Verhandlung wichtig. Damit wird die Schuld Luries und ihre mögliche Beurteilung (und öffentliche Darstellung) als Hauptthema präsentiert.

Was leistet die Untersuchung der Zeitstruktur?
Sie schärft nicht nur unseren Blick für die Dauer der Ereignisse, sondern vor allem dafür, welches Geschehen der Erzähler hervorhebt, indem er ihm Zeit schenkt.
Diese Untersuchung muss durch eine Untersuchung der Seminarthemen, der Gesprächsinhalte usw. ergänzt werden, vor allem auch durch eine Prüfung von Luries Gedanken (wiederholt: er sollte… – aber er tut etwas anderes).
Eines der Ergebnisse ist, dass Luries Verhältnis zu Melanie sich in der Literatur seiner Seminare spiegelt, aber später auch in seinem Byron-Projekt und der Vergewaltigung seiner Tochter durch die Schwarzen. Die Arbeit an der Byron-Oper spiegelt die Krise seines Lebens und ihre „Bewältigung“.

„Schande“ – Zeitstruktur und Verlauf des Geschehen
Vorgeschichte Luries (donnerstags…), S. 5 ff.
Beginn des Geschehens: eines Samstagsmorgens (S. 11): Störung des Normalen, weil Soraya als Mensch identifiziert wird (ca. 6-8 Wochen)
Erste große Störung „an einem Freitagabend“ (18): Lurie lernt Melanie kennen, der erste Abend (bis 25), mit M geschlafen (Sonntag, 26 f.), Seminar (Mittwoch, 29-32), … Probleme  (ca. 2 Wochen, bis 39)
Störung: Beischlaf, Drohungen (Sonntag, 40-42), Seminar (Montag, 42-47),
Begegnung an der Ampel (ca. 1 Woche)
Probleme: M versäumt Prüfung, Tel. Isaacs, Besuch Isaacs (Montag, 49 ff.)
Anzeige (Dienstag), Gespräche darüber, Zeitungsartikel (bis 62, etwa 2 Wochen)
Verhandlung (63-75, ca. zwei Stunden?), Artikel, Tel. Mathabane (bis 78, 1 Woche)
Neuer Anfang: Reise zur Farm, auf der Farm seiner Tochter… (bis 89, 1 Tag)
Wintermorgen; Markt (Samstag); Besuch bei Bev; Heimfahrt   (bis 98, 1 Tag)
Samstagnachmittag: Gespräch mit L, Annäherung an die Hunde (bis 104)
Sonntag; Lurie hilft Bev bei den Tieren, befasst sich am Abend mit Byron (bis 114)
Mittwoch: Gespräch mit Lucy über das Recht zu begehren (bis 119)
Neue Störung: der Überfall (gleicher Mi) (bis 125)
Gespräch mit Lucy darüber (bis 129)
im Krankenhaus, zu Shaw, Traum: Lucy braucht Hilfe; Gespräch mit Lucy am nächsten Morgen (bis 138)
gegen 11, Verzweiflung Luries, Heimfahrt, Verhör (Protokoll); Telefon repariert, Problematisierung des Überfalls (bis 146)
Fr: Petrus kommt zurück, Gespräch mit ihm; Sa: mit P auf dem Markt, Lurie hilft P (bis 156) – die Tage vergehen; Lucys Zustand bessert sich nicht, Lurie ist u.a. mit Byron befasst (bis 159, insgesamt ca. 3 Wochen)
Zwischenstation:  (Mi) zum Fest bei P eingeladen, Mitleid mit den Schafen; Lucy war beim Arzt (bis 163); (Do) Lurie will die Schafe retten; (Sa) Festvorbereitung, Fest, Lurie entdeckt Pollux, sie gehen weg, Streit zu Hause (So) L hilft Petrus, spricht mit ihm über Pollux (bis 181)
an einem Nachmittag: Gespräch mit Bev in der Klinik L lebt neben Lucy her, kommt nicht voran (bis 184)
Neuorientierung: i.W. summarisch von seiner Arbeit in der Tierklinik erzählt, L wird zum Hunde-Mann  (Wochen, bis 191)
(So) Gespräch mit Bev über Melanie, küsst Bevs Finger (Mo) Nachmittag: Verabredung mit Bev, sie schlafen miteinander  (bis 196)
Gespräch L.s mit P; bei der Polizei wg. Auto; Lucy erzählt von der Vergewaltigung, distanziert sich von L (Briefe statt Gspräch) (bis 210)
Bev tröstet ihn („heute“), Byron findet Worte (bis 212)
Schluss in Kapstadt: zu Isaacs, in die Schule, Einladung: Abendessen: Vergebung gibt es nicht (bis 227); zum eig. Haus (nach knapp 3 Monaten), Einbruch erkannt am Abend zur Uni, trifft seinen Nachfolger; E. Winter im Laden (bis 234)
Einsicht: Arbeit im eig. Haus an „Byron“, findet Banjo – das lehrt ihn, dass das Komische ihn ruft (Wochen, bis 243)
Telefonat mit Rosalind, Gedanken an Melanie; im Theater, belästigt, von Ryan in seine Schranken gewiesen; schläft mit Hure – Einsicht (bis 254)
Telefonate mit Lucy, Bev deutet „Entwicklungen“ an, Fahrt zur Farm: „Ich bin schwanger.“ L erfährt, dass Pollux da ist.
Nächsten Morgen: Gespräch mit Petrus, dieser will Lucy heiraten, schützt Pollux;
Gespräch mit Lucy: die ist einverstanden, bereit zum „Neuanfang“ – „wie ein Hund“ (bis 266)
Nächster Morgen: Lurie überfällt Pollux, Lucy rettet diesen; Reflexion: Er kann sich nicht mehr ändern, nur „Teresa“ könnte das; Gespräch mit Bev (bis 273)
Lurie kauft Auto, mietet sich ein, Tierklinik wird sein Zuhause, er arbeitet mitten unter den Hunden an der Oper (Wochen?, bis 275)
Finale: L arbeitet an „Byron“, sein Lieblingshund interessiert sich dafür (bis 279);
L hilft Lucy samstags auf dem Markt, spricht mit ihr über das Kind (Wochen);
L sieht an einem Wochentag Lucy arbeiten: eine junge Frau, schön; sie lädt ihn als Gast zum Tee: ein neuer Anfang (bis 283)
(So) L arbeitet mit Bev in der Tierklinik, gibt seinen Lieblingshund auf (bis 285).

Luries Oper als thematischer Faden
An dem thematischen Faden von Luries Oper kann man die Entwicklung des gescheiterten Professors verfolgen, weil sie sich in der Arbeit an diesem Werk vollendet.
Zunächst wird nur von Luries Plänen berichtet, eine Oper zu schreiben. Als er zu Beginn vom Erzähler vorgestellt wird, indem dieser seine Situation vor der Affaire mit Melanie beschreibt und auch seine Vorgeschichte berichtet, werden Luries erste gescheiterte Versuche erwähnt, ein weiteres Werk der Literaturkritik zu schreiben; jetzt aber möchte er „eigentlich Musik schreiben: Byron in Italien. Gedanken über die Liebe zwischen den Geschlechtern in der Form einer Kammeroper“ (S. 9). – Hier deutet sich bereits das Scheitern des Literaturwissenschaftlers an, aber auch die Tatsache, dass sich Luries Lebensthema der Liebe zwischen den Geschlechtern in der Oper spiegeln wird. Im Gespräch mit Lucy erläutert er dann, was hinter diesem Plan steckt: „Man möchte etwas hinterlassen.“ (S. 84) Die Musik werde er sich „ausleihen“; als Instrumente sind Violine, Cello, Oboe oder Fagott vorgesehen.
Nachdem nun Lurie seinen Posten an der Uni wegen seiner Affäre verloren hat und er durch den Überfall auf Lucy und ihre Farm noch tiefer gesunken ist („Schande“, S. 141), nachdem er „zum Einsiedler geworden“ (S.157) ist, der altert, nachdem er beim Überfall auch seine Literatur verloren hat (S. 158), stellt er sich die Frage: „Kann er nicht mittlerweile einen Byron erfinden, der Byron gerecht wird, und auch eine Teresa?“ (S. 158) In seinem Kopf formen sich einige Takte (S. 158; er sieht auch die Stimmen sich wie Schlangen aneinander vorbei winden, S. 158, vgl. S. 7!), aber er kommt nicht voran (S. 184). Er sieht Byron auch einmal parallel dem erzählten Geschehen als Vergewaltiger (S. 208, vgl. bereits S. 46), was aber weiter zu nichts führt. Ein Intermezzo – auch wenn Byron vor einem Skandal nach Italien geflohen ist (S. 23), ebenfalls parallel zu Luries Fahrt zur Farm.
Eine innere Lösung seiner Lebenskrise bringt ihm seine Entscheidung, sich der toten Hunde anzunehmen; er ist „zum Hunde-Mann geworden“ (S. 190) und rettet „die Ehre (!) von Tierleichen, weil kein anderer blöd genug ist, es zu tun“ (S. 191). Auch „die Byron-Sache“ zählt er zu den Dingen, die andere tun könnten – sie gehört zu einem anderen „Konzept von der Welt“ (S. 190), als er sich in der Hunde-Arbeit verschrieben hat („und was bedeuten Ehre und Schande überhaupt für Hunde?“, S. 190). – Diese Stelle ist bedeutsam, weil hier in Luries Denken das Thema „Schande“ (mit dem Gegenthema „Ehre“) mit seinem neuen Lebenskonzept Hunde-Mann verbunden wird und dieser Verbindung entspricht, dass er die Oper aufgibt; er löst sich von ihr.
Nach der Hunde-Arbeit spricht er einmal mit Bev; in ihre Beziehung ist eine größere Wahrheit eingekehrt („aufgehört vorzugeben…“, S. 211). Da schaut der Erzähler unvermittelt in Luries Kopf, wo Byron zu singen beginnt: Byron hat (wie Lurie?) begriffen, „daß das Leben kostbar ist“ (S. 211). Byron wird singen: „Sunt lacrimae rerum…“, also ein Zitat aus Vergil: „Hier gibt es Tränen für unser Unglück, und Teilnahme findet das Los Sterblicher.“ (S. 211 und Anm. S. 287).
Danach beginnt dann seine wirkliche Arbeit an der Oper, wovon an mehreren Stellen erzählt wird (S. 234 ff.; 271; 274 f.; 276 ff.). Gegenüber seinem ursprünglichen Plan tritt nun eine alternde Teresa auf, die ihrem verschwundenen Byron nachtrauert und der Lurie seine Stimme leihen muss (S. 236 ff.). Er braucht nun die Musik nicht mehr zu „entleihen“ (stehlen), sondern findet seine eigene Musik (S. 239 vs. S. 84); er steht im Bann der Arbeit an diesem Werk (S. 240, vgl. S. 277 vs. S. 9, 84 u.ö.); statt der klassischen Instrumente setzt er ein Spielzeug-Banjo Lucys ein (S. 239 f. vs. S. 84). Er hat jetzt eingesehen: „Nicht das Erotische ruft nach ihm, auch nicht das Elegische, sondern das Komische.“ (S. 240) Diese Einsicht muss man als Fazit seiner Wandlung, seines Lebensweges begreifen. Man könnte sagen, dass er gescheitert ist; man könnte sagen, dass er sich mit dem menschlichen Geschick abgefunden hat; er ist zufrieden, wenn „irgendwo aus dem Chaos von Klängen eine einzige authentische Note der ewigen Sehnsucht aufsteigen wird“ (S. 277).
Als Pointe wird erzählt, dass der Hund, dem seine Zuneigung gilt und der bald darauf sterben wird, vom Klang des Banjos fasziniert ist (S. 278). Da kommt ihm die Idee, den Hund in seinem Stück auftreten zu lassen, „seine eigene Klage zwischen den Strophen der liebeskranken Teresa gen Himmel heulen zu lassen“ (S. 279); denn in einem Werk, das nie aufgeführt werden wird, ist alles erlaubt.
Fazit: Die Klage der verlassenen Menschen verbindet sich mit der der sterbenden Hunde in einem Werk jenseits der Kunst, „und Teilnahme findet das Los Sterblicher.“

Coetzee: Schande – thematische Fäden, verwoben zum Text:
1. Lurie verführt Melanie (Schuldfrage):
– sein eigenes Bewusstsein
– Spiegelung in der romantischen Literatur, später in der Oper
– Verhandlung vor der Kammer (-> Rosalinds Sicht)
– Spiegelung: Verurteilung durch Isaacs (Besuch)
– Ryans Urteile
– In Lucys Vergewaltigung spiegelt sich die Verführung Melanies.
2. Lurie altert:
– Sex (Soraya, Melanie, Bev, die Dirne – Rückblick auf Rosalind)
– Verhältnis Vater-Tochter
– Hunde-Mann
– Arbeit an der Oper (oben ausgearbeitet)
3. Hunde
– Luries Annäherung an die Hunde
– Aktion der Vergewaltiger: wie Hunde
– Hunde-Mann: Lurie an Stelle von Petrus
4. Petrus als Figur des Aufstiegs der Schwarzen nach dem Ende der Apartheid
– arbeitet zunächst für Lucy
– lässt die Vergewaltigung Lucys zu
– baut sich ein Haus, nimmt zweite Frau, lässt sich von Lurie helfen
– übernimmt teilweise Lucys Land, später vermutlich mit der Frau den Rest
5. Lucy
– als Farmerin, Nachbarin
– als Tochter, die sich vom Vater löst
– als Frau in Südafrika.

Die Frage ist, ob es bei diesen thematischen Fäden einen roten Faden gibt, wie ich meinte, oder nicht. Daniel Guerrero (Grundkurs D 13, 2005/06) sieht das Motiv des Romans in einer Suche, die ihr Ziel erst durch ihr Fehlschlagen offenbart; diese Entwicklung offenbare sich in verschiedenen Rollen Luries. Wenn ich ihn richtig verstehe, möchte er so auf einen roten Faden verzichten – Recht hat er insofern, als in meiner Formulierung der Sex als manifestes Problem Luries nicht unmittelbar auftaucht; aber immerhin ist es in den Figuren Byron und Teresa gespiegelt. Auch kommen die Hunde darin vor, am ehesten fehlt noch Lucy. Im Geflecht der Fäden ist die Arbeit an der Oper am ehesten der rote Faden.

Es ist schwer, im Netz etwas Vernünftiges zum Titel des Buches ‚+Oper‘ zu finden; die alten Rezensionen der großen Zeitungen bei perlentaucher resp. buecher.de sind futsch. Es gibt nur eine größere Analyse:
http://www.uni-koeln.de/zentral/senioren/altersbilder/ursula_collas.htm

Erörterung des zentralen Kapitels D dieser Arbeit
Einführung in die verschiedenen Ebenen
in Ursula Collas‘ Aufsatz über J.M. Coetzee: Schande (uni-koeln usw. im www, s.o.)
1. Das Thema ist nicht, wie Frau Collas sagt, „Macht und Ohnmacht“ (Z. 1), weil das nur Antonyme sind, die zwei Zustände bezeichnen; allenfalls wäre es der von ihr (in Z. 2 f.) angedeutete Prozess des Übergangs Luries von einem Ausgangszustand der Macht in den der Ohnmacht, also ein Geschehen.
Etwas Ähnliches haben wir im Begriff der Krise formuliert – nur dass der Zielpunkt der Entwicklung von Ursula Collas falsch bestimmt wird. Sie zeigt nämlich als Ziel, dass Lurie dem Bild eines „besseren Menschen“ sich annähere, „das seine Tochter für sich und auch für ihren Vater für erstrebenswert hält“ (Z. 9 f.).
Abgesehen davon, dass er schon ein bisschen peinlich ist, wenn Frau Collas die Belegstelle ihres zentralen Argumentes nicht findet (Sonja Lumovici hat sie gefunden: 92/17 f.), abgesehen also von diesem Schlenker gibt die Stelle nicht das her, was Frau Collas damit belegen möchte:
a) Lucy nimmt zu diesem „Bild“ als angeblichem Ziel ihrer gemeinsamen Entwicklung überhaupt nicht Stellung (und sie ist auch kein besserer Mensch geworden).
b) Lury beansprucht für sich, durch die Begegnung mit vielen Frauen zu einem „besseren Menschen“ geworden zu sein [es also nicht erst nach den Affairen werden zu müssen!]. Das Ziel der Entwicklung entgleitet den Händen der Frau Collas; es bleibt nur die These von der Polarität Macht / Ohnmacht zurück.
2. Also bleibt nur die zweite These zur Begründung der ersten übrig, dass der Name David ein (biblisches) Programm sei und dass der David Lurie „seinen Kampf gegen den ‚Goliath‘ Luzifer in sich“ schließlich gewinne (Z. 11 f.).
Diese These lässt sich aus zwei Gründen nicht halten:
a) Dass der Name „David“ ein Programm sei, ist rein spekulativ behauptet; es gibt nirgendwo im Umfeld einen Namen aus der Davidsgeschichte (etwa den Name einer Davidstochter für Lucy oder den einer guten Frau, die sich opfert, für Bev). An der Identifizierung Luries als David hängt aber die Metapher vom Kampf gegen Goliath, als der Luzifer identifziert wird, welchen Lurie in sich trage.
b) Auch für die Identifizierung Luzifers als „Goliath“ gibt es keinen Anhaltspunkt; hier schweift die Phantasie Ursula Collas‘ lediglich ins Weite (und Fromme).
Wenn man sich die Charakterisierung Luzifers durch Lurie (S. 44-46) anschaut, finden wir z.B., dass der auch für sich selbst Gefahren heraufbeschwört (wie Lurie), dass er ein wahnsinniges Herz besitzt und dass es ihm egal ist, ob er Gutes oder Böses tut (S. 45 – das ist bei Lurie nur in Grenzen der Fall; er weiß immerhin, dass er aufhören „sollte“, 26/1, und das ist auch bei uns nur in Grenzen der Fall – Lurie ist da nicht schlimmer als ich [früher, bitte!]); entscheidend ist die Charakterisierung, dass Luzifer nicht einer von uns ist (46/5, bis Z. 9) – damit ist eine Identifzierung des inneren Lurie als Luzifer m.E. unmöglich. – Der Hinweis auf die Schlange (7/15) wird ausdrücklich auf das Temperament in der sexuellen Begegnung bezogen und auch Soraya zugetraut – auch hier ist die Weiterführung zu Ungnade und Luzifer (Z. 14 ff.) pure Phantasie. (Auch das Schlangennest, 51/28, ist pure Metapher – Frau Collas hat die Stelle aber nicht bemerkt.)
Lurie spiegelt sich allerdings in dieser Gestalt Luzifer, aber er spiegelt sich eben auch in anderen Gestalten seiner literarischen Untersuchungen (S. 29 ff.); man darf nicht eine dieser Gestalten derart herausheben.
3. Die dritte These, dass die Vergewaltigung Lucys der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist, halte ich für falsch (vgl. unser Schema des Geschehens); sie betrifft zwar Lurie, den Protagonisten des Romans, aber primär Lucy; außerdem ist „Schande“, was von Frau Collas hierfür reserviert wird, eine Qualität, die Lurie zunächst für sich in Anspruch nimmt (112/11), aber zentral auch auf die Hunde ausweitet (190 f.!). Wir haben die Stellen untersucht (nebst Analoga wie „Schmach“, 133/31); die religiöse Deutung der „Ungnade“ (Z. 13) ist nicht erforderlich – im Gegenteil, die Religion der Familie Isaacs kommt in ihrer Verlogenheit schlecht weg, vgl. Kap. 19!
4. Bleibt als letztes zentrales Thema (Z. 31 – wie kann es deren zwei geben? Man wird also dieses Thema dem „richtig“ zentralen zuordnen müssen?) die These, dass das Altern Luries von Bedeutung ist; damit hätten wir die Bezeichnung eines Prozesses, und wir haben eine These, die mit unserer Einsicht von der Krise des alternden Mannes zusammenpasst. Lury lernt alt zu werden, das ist alles, das ist genug.
** Frau Collas entfaltet diese Einführung in verschiedenen „Ebenen“, wie wir das auch gemacht haben; Daniel hat von „Rollen“ Luries gesprochen, ich von Erzählfäden.
** Interessant ist in ihrem Aufsatz der Teil F, die Alterstopoi (S. 12 f.). Dabei kann ich Frau Collas nicht ganz folgen; denn zweifellos gibt es Altersklage und Altersspott, aber kein Alterslob, was mit den beiden ersten die klassischen Alterstopoi ausmacht (lasse ich mich belehren, ohne es nachzuprüfen); eigentlich weiß Frau Collas das auch, und sie bemäntelt ihre Einsicht dann so, dass sie die (zweifellos errungene) Altersweiheit Luries hervorhebt, „die mit einem gewissen Alterslob gleichgesetzt werden könnte“ (S. 13). Nein, das kann sie nicht; hier pfuscht Frau Collas, hier will sie ihr literarisches Wissen von den Alterstopoi bestätigt finden. Der Umschlag der Oper ins Komische – eine zentrale Einsicht Luries (S. 240) – und die ebenso elementare Entscheidung der Fürsorge für die vollkommen überfüssigen Hunde (S. 190 f.) – ebenso zentral – sind nicht als Alterslob zu verstehen.
Fazit: Frau Collas sieht zu viel von dem, was sie sehen möchte (Bibel, Alterstopoi); das lässt sich nur durch recht lasche Rückgriffe auf den Text begründen. Trotzdem ist ihre Arbeit noch mit das Vernünftigste, was man im www findet – die Norm sind kurze Stücke aus oberflächlichen Besprechungen, mit denen zum Kauf von Coetzees Büchern geworben wird. Frau Collas‘ Aufsatz regt immerhin dazu an, das eigene Verständnis in der Auseinandersetzung mit ihr zu schärfen und so zu vertiefen.

Nachträglich: http://www.hamburger-bildungsserver.de/welcome.phtml?unten=/faecher/deutsch/weltliteratur/coetzee/ 
http://www.ireneks.de/hp1/studium/pdf/Referat%20Soz%20Gesamt.pdf

Complete review des Romans Disgrace (Schande): http://www.complete-review.com/reviews/coetzeej/disgrace.htm

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