Der Fuchs und der Rabe (Phaedrus – Waalkes) – Analyse

Phaedrus: Fabeln I 13 Der Fuchs und der Rabe
Wer sich darüber freut, dass er mit hinterhältigen Worten gelobt wird, wird durch seine Reue spät bestraft (Strafe zahlen).
Als ein Rabe das aus einem Fenster geraubte Stück Käse essen wollte und auf einem hohen Baum saß, sah ihn ein Fuchs und begann daraufhin so zu sprechen: „O Rabe, welchen Glanz haben deine Federn! Welch große Anmut trägst du in Gestalt und Antlitz! Wenn du eine (schöne) Stimme hättest, wäre dir kein Vogel überlegen.“ Aber als jener Dummkopf seine Stimme zeigen wollte, ließ er den Käse aus dem Mund fallen, den der listige Fuchs rasch mit gierigen Zähnen packte. Da schließlich seufzte der getäuschte Rabe über seine Dummheit.
(Diese Übersetzung stammt von e-latein. URL: http://www.latein.at)
Bei Phaedrus ist der Text nicht ganz klar; es gibt eine Variante, bei der zum Schluss noch zwei Verse angehängt sind:

Hac ré probátur, quántum ingéniúm valét;
virtúte sémper praévalét sapiéntiá.
(probo 1 beweisen – ingenium,i hier: Klugheit, List – virtus hier: „edle Einfalt“ – praevaleo 2 stärker sein)
„Wieviel Geist wert ist, wird hierdurch erkannt;
die Weisheit geht doch immer über bloße Kraft.“ (J. Irmscher)

Babrios: Der Fuchs und der Rabe
Es saß ein Rabe, ein Stück Käs im Schnabel.
Der schlaue Fuchs, der nach dem Käse gierte,
umgarnte nun den Vogel, wie ich‘s euch erzähle:
„Wie schön sind deine Flügel, Rabe, scharf dein Auge,
ansehnlich ist dein Nacken, deine Brust ist wie vom Adler,
und mit den Krallen bist du allen Tieren überlegen!
Und solch ein Vogel, der ist stumm und muckst sich nicht!“
Bei solchem Lob schwoll unsers Raben Brust,
und aus dem Maul ließ er den Käse fallen, um zu krächzen.
Das Füchslein fing ihn auf und höhnte:
„Du bist ja gar nicht stumm, hast vielmehr Stimme,
hast alles, Rabe, bloß Verstand, der fehlt dir.“
(Übersetzung von Johannes Irmscher. in: Antike Fabeln. Hrsg. und aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzt von Johannes Irmscher, 1999 = 1978)

Lessing: Der Rabe und der Fuchs Fab. Aesop. 205. Phaedrus lib. I. Fab.13
Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbarn hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.
Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!“ „Für wen siehst du mich an?“, fragte der Rabe. – „Für wen ich dich ansehe?“, erwiderte der Fuchs. „Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?“
Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. „Ich muss“, dachte er, „den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen.“ – Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!
(1759)

James Thurber: Der Fuchs und der Rabe
Der Anblick eines Raben, der auf einem Baum saß, und der Geruch des Käses, den er im Schnabel hatte, erregten die Aufmerksamkeit eines Fuchses. „Wenn du ebenso schön singst, wie du aussiehst“, sagte er, „dann bist du der beste Sänger, den ich je erspäht und gewittert habe.“ Der Fuchs hatte irgendwo gelesen – und nicht nur einmal, sondern bei den verschiedensten Dichtern – dass ein Rabe mit Käse im Schnabel sofort den Käse fallen lässt und zu singen beginnt, wenn man seine Stimme lobt. Für diesen besonderen Fall und diesen besonderen Raben traf das jedoch nicht zu.
„Man nennt dich schlau, und man nennt dich verrückt“, sagte der Rabe, nachdem er den Käse vorsichtig mit den Krallen seines rechten Fußes aus dem Schnabel genommen hatte. „Aber mir scheint, du bist zu allem Überfluss auch noch kurzsichtig. Singvögel tragen bunte Hüte und farbenprächtige Jacken und helle Westen, und von ihnen gehen zwölf aufs Dutzend. Ich dagegen trage Schwarz und bin absolut einmalig.“
„Ganz gewiss bist du einmalig“, erwiderte der Fuchs, der zwar schlau, aber weder verrückt noch kurzsichtig war. „Bei näherer Betrachtung erkenne ich in dir den berühmtesten und talentiertesten aller Vögel, und ich würde dich gar zu gern von dir erzählen hören. Leider bin ich hungrig und kann mich daher nicht länger hier aufhalten.“
„Bleib doch noch ein Weilchen“, bat der Rabe. „Ich gebe dir auch etwas von meinem Essen ab.“ Damit warf er dem listigen Fuchs den Löwenanteil vom Käse zu und fing an, von sich zu erzählen. „Ich bin der Held vieler Märchen und Sagen“, prahlte er, „und ich gelte als Vogel der Weisheit. Ich bin der Pionier der Luftfahrt, ich bin der größte Kartograph. Und was das Wichtigste ist, alle Wissenschaftler und Gelehrten, Ingenieure und Mathematiker wissen, dass meine Fluglinie die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten ist. Zwischen beliebigen zwei Punkten“, fügte er stolz hinzu.
„Oh, zweifellos zwischen allen Punkten“, sagte der Fuchs höflich. „Und vielen Dank für das Opfer, das du gebracht, indem du mir den Löwenanteil vermacht.“ Gesättigt lief er davon, während der hungrige Rabe einsam und verlassen auf dem Baum zurückblieb.
Moral: Was wir heut wissen, wussten schon Äsop und La Fontaine:
Wenn du dich selbst lobst, klingt‘s erst richtig schön.
(J. Thurber: 75 Fabeln für Zeitgenossen, Reinbek 1967, S. 106 f. – Fables for Our Time, 1940: The Fox and the Crow)

Otto Waalkes (*1948): Das Märchen vom Fuchs und dem Raben
Ein Rabe saß auf einem Baum und wollte sich gerade daran machen, ein schönes großes Stück Käse zu verzehren, das er kurz zuvor gestohlen hatte. Aber vom Duft des Käses angelockt, kam der Fuchs hinzu, stellte sich unter den Baum und überlegte, wie er dem Raben den Käse wegnehmen könne. Schließlich fiel ihm eine List ein und er rief: „Ach, Herr Rabe, entschuldigt die Störung, aber könntet ihr mir nicht ein wenig von eurem Käse abgeben?“
Der Rabe, der nicht einsehen konnte, was daran wohl listig sei, schüttelte den Kopf und behielt den Käse fest im Schnabel. Da verfiel der Fuchs auf eine noch größere List: „Herr Rabe, ich habe gehört, daß ihr so ein begnadeter Sänger sein sollt. Um ehrlich zu sein, ich kann es nicht recht glauben. Wollt ihr mir nicht eine Kostprobe eurer herrlichen Stimme geben?“
Der Rabe aber wollte nicht und schüttelte den Kopf. Doch der Fuchs ließ nicht locker. „So ist es also wahr, dass ihr nur ein schauriges Gekrächze von euch geben könnt? Dann stimmt es also gar nicht, dass ihr noch viel schöner singt, als die Nachtigallen? Dann wundert es mich allerdings nicht, dass es kaum jemanden gibt, der euch für einen bedeutenden Sänger hält.“
Dieser Provokation konnte nun selbst der Rabe nicht widerstehen. Er öffnete den Schnabel, ließ den Käse fallen und begann zu singen.
Diesen wunderbaren Gesang hörte ein Musikagent, der gerade des Weges kam. Er engagierte den Raben vom Fleck weg und heute ist dieser Rabe unter dem Namen Peter Alexander in der ganzen Welt berühmt und einer der bedeutendsten Raben überhaupt.
Und die Moral von der Geschichte: Wenn man Gold in der Kehle hat, soll man den Schnabel aufmachen. Und wenn dabei der Käse herausfällt, dann macht das gar nichts, denn der Rabe lebt heute nur noch von den allerfeinsten Käsesorten, während der Fuchs als Aushilfssänger bei den Neckar-Kosacken durch die Lande tingeln muß.
(Vgl. Gerhard Grümmer: Travestien über Fuchs und Rabe, 1993)

Analysen
Die Figur des Fuchses ist in den Fabeln des Äsop längst nicht so eindeutig der Listige oder Kluge, wie wir das normalerweise meinen. Er wird zwar bei Phaedrus „der listige Fuchs“ genannt, aber er ist nicht nur listig. Ich möchte das an einigen Beispielen vorführen:
a) Der Fuchs und der Löwe (J. Irmscher, Nr. 10 / S. 17);
Der Fuchs mit dem Blähbauch (Nr. 24 / S. 24) – hier ist der eine Fuchs sogar ziemlich dumm. In beiden Fabeln ist der Fuchs einfach eine Figur, er könnte durch jedes Tier ersetzt werden.
b) Der Fuchs und die Trauben (Nr. 15 / S. 19 f.); da betrügt er sich selbst.
Der Fuchs mit dem gestutzten Schwanz (Nr. 17 / S. 20 f.); da will er sich und andere betrügen, scheitert aber.
c) Der Fuchs und der Bock (Nr. 9 / S. 16 f.);
Der Fuchs und der Affe (Nr. 83 / S. 50 f.) – hier ist der Fuchs zwar klüger als die anderen Tiere, aber nicht weil er von sich aus klug wäre, sondern weil es zur Entlarvung einer Dummheit eine kluge Figur braucht. Es geht also nicht um den Sieg des Fuchses, sondern um die Niederlage des verkehrten Handlungsprinzips:
– sich wie der Bock leichtfertig auf etwas einlassen, ohne den Ausgang zu bedenken;
– sich wie der Affe etwas vorgaukeln lassen und nicht „die Falle“ erkennen.

Wie funktioniert nun die Fabel des Phaedrus? Was steht zur Debatte?
Zur Debatte steht, ob ein Rabe glauben darf, er sei ein besonders schöner Vogel und könne vielleicht besonders gut singen; noch genauer gesagt: ob ein Rabe jemandem glauben darf, der ihm sagt, er sei ein besonders prächtiger Vogel und könne vielleicht besonders schön singen – und ob er diesem Glauben gemäß dann leben und handeln soll.
Darauf gibt es eine klare Antwort: Nein! Wenn ein Rabe nach diesem Irrglauben lebt, verliert er den Käse aus dem Schnabel; er wird also für seine Dummheit bestraft. Der Fuchs bekommt zwar mit seiner List den Käse; aber es ist doch so, dass nicht der Fuchs belohnt, sondern eben der dumme Rabe bestraft wird. Der Käse ist sozusagen ein Abfallprodukt – dann kann es auch der Fuchs bekommen.
Dieses Verständnis kann man nicht nur am Vor-Spruch (Promythion) des Autors erkennen, sondern auch testen, indem man bestimmte Elemente einfach auslässt oder durch andere ersetzt und dann prüft, welche Elemente man nicht ersetzen kann. Ersetzen kann man also den Käse durch anderes Fressbares; den hohen Baum kann man gegen eine Stange austauschen, und so könnte man auch den Fuchs durch eine andere schmeichelnde Figur austauschen. Aber man braucht den Raben als Typus, wo die Erfahrung und die eigene Erwartung großer Schönheit besonders deutlich auseinanderklaffen, wo also die Schmeichelei für jeden mit gesundem Menschenverstand erkennbar ist – nur eben nicht für eitle Raben.

Die gleichnamige Fabel des Babrios, auf Griechisch geschrieben, ist gut 50 Jahre jünger und jetzt vielleicht 1900 Jahre alt. Sie weicht nur geringfügig von der des Phaedrus ab; Babrios kannte also die andere Fabel, oder beide Autoren stützen sich auf eine gemeinsame Quelle. Hier sieht man übrigens wie antike Literatur funktioniert hat: Es ging nicht darum, etwas besonders Originelles zu schreiben, sondern man stand in der Tradition und gab diese, geringfügig verändert, weiter.
Was ist also bei Babrios anders? Es wird ausdrücklich erwähnt,
– dass der Fuchs den Raben umgarnt;
– dass es mehrere Vorzüge des Raben gibt;
– dass des Raben Brust schwoll (vor stolz);
– dass der Fuchs ihn zum Schluss verspottet und den Fehler offenlegt, statt dass der Rabe seinen Fehler selbst einsieht. Man könnte noch ein paar Kleinigkeiten aufzählen, aber die sind wirklich nicht wichtig.
Es bleibt dabei: Der Rabe wird bestraft, weil er gegen den gesunden Rabenverstand angenommen hat, er könne als besondere Schönheit nach Gestalt und Stimme durchgehen.

Diese Pointe der Fabel hat sich in vielen Bearbeitungen durch die Jahrhunderte durchgehalten, bis hin zu Jean de La Fontaine im 17. Jahrhundert, der die alten Fabeln und auch manche andere in Verse gefasst hat. – Hierzu Walter Freinbichler: XXX lateinische Fabeln,, S. 39 ff.:
http://www.braumueller.at/shop/catalog/images/material/fabeln.pdf?osCsid=1313aead5badbd8d6b9ae46e35e500b5

Eine neue Wendung erhielt die alte Fabel erst durch Lessing, der sich ausdrücklich auf Phaedrus bezogen hat.
Auch hier schmeichelt der Fuchs dem Raben und bittet diesen um etwas zu essen, sozusagen um eine milde Gabe des großen Gottes Zeus, was den Raben in die Position des Adlers brächte. Aber die Pointe der Fabel ist eine andere, und der Rabe in seiner Eitelkeit ist nur Werkzeug einer höheren Gerechtigkeit: Bestraft wird hier der Fuchs gerade durch die Gabe, die er sich erschmeichelt hat; und damit das klappt, muss die Gabe (diesmal ein Stück Fleisch) vergiftet sein – als Giftköder für die Nachbarskatzen ausgelegt.
In seinem Nachwort macht der Sprecher, vielleicht der Autor selbst, deutlich, wozu diese Änderungen gut sind: „Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!“ Der Autor wendet sich also nicht gegen die Leichtgläubigen, sondern gegen „die Schmeichler“. Aber die verdammten Schmeichler, das sind nicht die Charmeure, die bei schönen Frauen Süßholz raspeln, sondern das sind Menschen in der Umgebung der Fürsten – vielleicht Bürgerliche im Dienst oder jedenfalls am Hof der Fürsten, die so deren eitlen Betrieb aufrechterhalten. Dass dem so ist, werden wir noch an einer anderen Fabel Lessings (Der Tanzbär) sehen.
Lessing kannte also die alte Fabel; Lessing war voller Abneigung gegen den höfischen Betrieb; und so konnte er über das Stichwort „schmeicheln“ aus der alten Fabel eine Waffe gegen die Höflinge seiner Zeit schmieden, indem er den Ablauf und die Pointe der alten Fabel leicht veränderte. Hier ist die Fabel also erkennbar eine Waffe im politischen Streit, wie sie es vielleicht teilweise auch zu Zeiten des Äsop gewesen ist.

Im 20. Jahrhundert wird das zu Ende geführt, was bereits bei Lessing zu sehen war (z.B.: „Der Wolf und das Schaf“): Die Autoren setzen die Fabeltradiution in ihren Texten als bekannt voraus und variieren die alten Texte spielerisch. Das sieht man zum Beispiel schön an der Fabel Thurbers:
– Der Fuchs hat die alten Fabeln von Fuchs und Rabe gelesen und vertraut darauf, dass er mit Scheichelei den Käse bekommt; genauer, er vertraut auf die Moral der alten Fabel! Darin wird er jedoch enttäuscht;
– der Rabe stellt sich nun selber als etwas Besonderes vor: wenn auch nicht schön, so doch edel und einmalig;
– der Fuchs bittet nur indirekt um den Käse und stimmt dem Raben in dessen Selbstlob zu – so nötigt er den Raben, den Fuchs zum Bleiben zu bitten und ihm zum Dank fürs Zuhören den Käse zu geben;
– dieses Stück Käse wird nun vom Erzähler wie vom Fuchs als „der Löwenanteil“ bezeichnet – das war jedoch der Anteil, den der Löwe in anderen Fabeln bekam, indem er als der Stärkste den anderen ihre Anteile wegnahm; hier ist jedoch kein Löwe und es wird nichts weggenommen, also kann es im strengen Sinn keinen Löwenanteil geben: Der Erzähler spielt mit Begriffen der Fabeltradition;
– im Selbstlob wird der Rabe modernisiert: Kartograph, Pionier der Luftfahrt usw., und dann kommt noch die mathematische Definition einer Strecke zu Bezeichnung der Flugbahn des Raben, was natürlich Unfug ist oder eben lustig: ein Spiel.

Bei Otto Waalkes wird die alte Fabel einmal genutzt, um Peter Alexander als Sänger zu diffamieren: Er singt bloß wie ein Rabe, nur durch Zufall, nämlich die Protektion eines Agenten ist er etwas geworden. Zweitens nutzt Waalkes die Fabel, um seinen Witz an ihr zu schleifen:
– Die Listen des Fuchses sind nicht listig;
– die Provokation ist keine Provokation, sondern die alte List;
– der eigentlich bestrafte Rabe hat mit dem Singen Erfolg;
– die Redewendungen „den Schnabel aufmachen“ und „Käse von sich geben“ werden im wörtlichen Sinn verwendet;
– der Erfolg wird mit der Möglichkeit, viele Käsesorten (Anspielung!) zu genießen, erklärt;
– die Neckar-Kosacken sind analog den Don Kosaken-Chören erfunden.
Insgesamt also eine witzige und böse Fabel (böse gegen Peter Alexander), deren Witz man nur würdigen kann, wenn man die alte Fabel einigermaßen kennt.

Alles über Raben: http://www.puk.de/4MAN/raben/programm.htm
http://www.hekaya.de/ausallerwelt.phtml/fabel (Fabeln aus aller Welt)
http://www.braumueller.at/ (der Aufsatz Freinbichlers, s.o.!)
http://www.latein-online.net/index.php?section=vulpes (Phaedrus, Kurzfassung!)
http://www.uni-bonn.de/~hschneid/fabel_hirtfestschrift_fin.pdf (zu Lessing: Fuchs/Rabe)
http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_IV/Germanistik/
(Fabeln in der Neuzeit, mit Poetologie)
http://www.interrete.de/latein/Fabeln/links.htm (Links zu „Fabel“)

Phaedrus, Fabulae 1, 13: Vulpes et corvus

Qui se laudari gaudet verbis subdolis,
Sere dat poenam turpes poenitentia.
Cum corvus caseum de fenestra raptum
comesse vellet celsa in arbore residens,
5 vulpes hunc vidit, deinde sic coepit loqui:
„O corve, qui nitor est tuarum pennarum!
Quantum decoris corpore et vultu geris!
Si vocem haberes nulla ales prior foret.“
At ille stultus dum vult vocem ostendere
10 emisit ore caseum, quem celeriter dolosa
vulpes avidis dentibus rapuit. Tum demum
ingemuit deceptus stupor corvi.

Klassenarbeit (Klausur), Kl. 11

Aufgabenstellung:
Untersuchen Sie, wie Otto Waalkes die Fabel von Phädrus abwandelt.

In der Fabel des Phädrus geht es darum, ob man auf schmeichlerisches (falsches) Lob Wert legen und ihm glauben soll; der Rabe, der dies tut, wird mit dem Verlust des Käsestücks bestraft. Damit ist die Frage negativ entschieden.
Waalckes „Märchen“ nimmt im ersten Teil diese Fabel leicht abgewandelt auf, bis zum Verlust des Käses (Z. 1-18, ähnlich V. 1-12). Statt dass nun berichtet wird, wie der Fuchs den Käse auffängt (V. 12 f.), folgt eine andere Fortsetzung, die den Raben als Gewinner zeigt (Z. 19 ff.).
Wie Waalkes die Fabel abwandelt, sieht man an folgenden Einzelheiten:
* In der Überschrift wird der Text „Märchen“ genannt. Wo finden sich märchenhafte Elemente?
* Es wird berichtet, dass der Fuchs überlegt und dass ihm eine List einfällt (Z. 3-5);
auch der Rabe kennt den Fuchs als listig (Z. 7). Rabe und Fuchs treten also als „zitierte“, bekannte Fabelfiguren auf! Da die List des Fuchses keine ist, kann man hier ein ironisches Spiel mit der Fabeltradition erkennen.
* Die noch größere List des Fuchses in seinem zweiten Versuch ist quasi ein Zitat der alten Schmeichelei, sie bleibt hier wirkungslos.
* Die ironisch so genannte Provokation ist die reine Wahrheit; damit ist die märchenhafte (!) Dreizahl der Versuche abgeschlossen, der dritte Versuch gelingt.
* Durch den Verlust des Käsestücks ist der Rabe eigentlich bestraft, aber damit endet Waalckes „Märchen“ eben nicht:
* Den ironisch so genannten „wunderbaren Gesang“ (Z. 19) des Raben hört ein
* Musikagent, womit eine wichtigtuerische Figur unserer Gegenwart ins Spiel kommt.
* Der Rabe wird mit dem Sänger Peter Alexander identifiziert, wodurch dieser dann als Rabe, also als ein erfolgreicher elender Krächzer bloßgestellt wird.
* In der sogenannten „Moral“ (Z. 22 ff.) werden bildhafte Redensarten zitiert,
wobei „Käse“ in einem doppelten Sinn verwendet wird;
* spielerisch wird der Käse in den Genussmöglichkeiten des reichen Herrn Alexander aufgegriffen,
* während der Fuchs genau so spielerisch zu den nicht existenten Neckar-Kosacken verbannt und damit bestraft wird, obwohl er doch nichts falsch gemacht hat – außer dass er drei Versuche brauchte, um an den Käse zu kommen, und daran ist eigentlich auch nur die erzählerische Logik des Märchens schuld!

Wenn ein Schüler an einer (!) Stelle den ironisch-spielerischen Umgang mit der Tradition nachgewiesen o d e r die Kritik an Peter Alexander als Rabensänger erkannt haben, habe ich die Klausur als „ausreichend“ bewertet.
Diese Note ist auch dann gerechtfertigt, wenn klar zwischen der Übernahme der Vorlage (bis Z. 18, inklusive ausdrücklicher Bemerkung der Dreizahl) und der neuen Fortführung (ab Z. 18) unterschieden wird. – Bloße „Analyse“ nach dem Schema der klassischen Fabel oder eine Nacherzählung wird dem Text nicht gerecht: mangelhaft.

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