Die Fabel von der Lerche (Äsop, Babrios, Gellert, Langbehn) – Text, Analyse

An der Fabel von der Haubenlerche und ihren Jungen auf dem Feld möchte ich zeigen, wie man mit Fabeln umgeht, wenn man sie in ihrem Bestand bewahrt, wenn man sie also nicht benutzt, um unter Ausbeutung ihrer Bekanntheit etwas Neues daraus zu machen.

In der Fassung von Sebastian Brant (1501) lautet Äsops Text so:
Über die Verläßlichkeit von Freunden
Eine Haubenlerche hatte ihr Nest in einem Getreidefeld, das vor der Zeit reif wurde. So fürchtete sie, dass es abgeerntet werden würde, bevor ihre Küken flügge waren. Jedesmal, bevor sie auf Nahrungssuche ging, trug sie ihren Küken auf, ihr von allen ungewöhnlichen Vorkommnissen genau zu berichten. Der Besitzer des Feldes aber befahl seinem Sohn, die Freunde zum Mähen des Feldes herbeizubitten. Als die Haubenlerche dies hörte, beruhigte sie ihre Küken, es sei noch nichts zu befürchten. Als die Freunde am nächsten Tag ausblieben, befahl der Besitzer seinem Sohn, die Verwandten zu bitten. Wieder beruhigte die Mutter ihre Küken. Als die Verwandten nicht kamen, sagte der Besitzer schließlich zu seinem Sohn: „Morgen wollen wir beide selbst zur Sichel greifen und die Ernte mit eigener Hand einbringen.“ Als die Mutter dies von ihren Küken erfuhr, sagte sie: „Jetzt ist es an der Zeit wegzuziehen.“ – Kommentar: Was man selbst tun kann, soll man selbst tun und nicht von anderen erwarten.
Aesopus; Steinhöwel, Heinrich; Brant, Sebastian: Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant. (http://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/esop.html, S. 270)
Die Moral am Schluss dürfte von Sebastian Brant stammen, der mit seinem „Aesopus“ ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben hat.
Der Aufbau der Erzählung ist ganz einfach: Am Anfang wird die Ausgangssituation beschrieben (bis „berichten“): Dem Reifezustand des Feldes entspricht die Sorge der Lerche; ihr Auftrag an die Küken, ihr ungewöhnliche Vorkommnisse zu berichten, schafft den Anknüpfungspunkt für das erzählte Geschehen.
Ganz untypisch ist dann das dreigliedrige Schema des Geschehens mit der Variation im Plan des Bauern, wer arbeiten soll: die Verwandten, die Freunde, er selbst mit seinem Sohn. Wieso die Lerche ihre Küken zunächst beruhigt und mit ihnen schließlich aufbrechen will, wird nicht erklärt – da ist also noch Material, welches später gestaltet werden kann.
Es gibt auch eine Spannung zwischen dem Text und der angehängten Moral: Im Text geht es darum, was man von dem zu halten hat, was die Leute als ihr Vorhaben ankündigen: Während die jungen Lerchen alles wörtlich glauben, weiß die alte Lerche, wann es wirklich ernst wird; in der Moral geht es aber um die Mahnung, sich nicht auf andere zu verlassen, sondern Aufgaben selbst anzupacken, damit etwas geschieht.

Die erzählerische Ausarbeitung findet man in folgender Fassung von Äsops Fabel:
Die Lerche
Tief im Kornfelde versteckt, hatte eine Lerche ihr Nest gebaut. Da ging eines Tages der Bauer sein Feld entlang, musterte die Ähren und sagte vor sich hin: »Das Korn ist reif. Ich muss meine Freunde bitten, dass sie mir helfen, es zu schneiden!«
Diese Worte hörten vier junge Lerchen, welche im Nest lagen. Oh, wie erschraken sie! »Mutter, Mutter!« schrien sie, »wir müssen sterben! Das Feld soll gemäht werden, und wir können noch nicht fliegen.« »Beruhigt euch«, antwortete die alte Lerche, »noch ist keine Gefahr! Solange der Mann von der Hilfe seiner Freunde spricht, kann er die Arbeit nicht dringend finden.« Aber von diesem Tage an mussten die kleinen Lerchen fleißig das Fliegen üben.
Und siehe, da kam der Bauer wieder sein Feld besehen. Schon war das Getreide an machen Stellen überreif, sodass die Körner aus den Hülsen fielen. »Nun kann ich nicht länger warten«, seufzte der Bauer, »noch heute muss ich Knechte dingen und sie an die Arbeit schicken.«
Da rief die Lerchenmutter eiligst ihren Kindern zu: »Meine Kinder, meine Kinder, macht euch bereit! Wir müssen noch heute das Nest verlassen, denn jetzt hat er es aufgegeben, auf seine Freunde zu bauen, jetzt will er die Arbeit selbst in die Hand nehmen. Und das ist schlimm für uns!«
Diese Fassung steht im Netz als Äsopfabel, ohne dass eine Quelle angegeben würde: http://www.fabelnundanderes.at/html/fabeln2asopfabeln_2.html; die Fabeln sind dort alphabetisch geordnet, man muss also bis „Die Lerche“ vordringen. Man merkt hier einmal die Ausweitung der erzählerischen Momente, etwa in der Verwendung der wörtlichen Rede; gleichzeitig werden die Besuche des Bauern auf zwei reduziert, womit der Kontrast zwischen dem leichtfertigen und seinem ernsthaften Planen deutlicher wird. Die Lerche hat es auch übernommen, ihren Kindern die Bedeutung der Gedanken des Bauern zu erklären. Wann ist ernsthaft damit zu rechnen, dass etwas geschieht? Wenn jemand die Arbeit selbst in die Hand nimmt.
Diese für Kinder etwas ausgeschmückte Fassung ist der Text des Babrios, der die Äsopische Fabel in Verse gefasst hatte. Unter dem Titel „Die Haubenlerche während der Ernte“ steht diese Fabel in der Sammlung „Antike Fabeln. Herausgegeben und … übersetzt von Johannes Irmscher“, Berlin 1999, S. 285 (Babrios: Die Haubenlerche während der Ernte – dort richtig beim ersten Durchgang „Freunde“ > „Nachbarn“). Die beiden entscheidenden Sätze der Lerche lauten dort: „Wer nämlich auf die Freunde rechnet, hat es noch nicht eilig.“ und „Jetzt mäht er nämlich selber und verlässt sich nicht mehr auf die Freunde.“ Der letzte Satz in der Kinderfassung („Und das ist schlimm für uns.“) passt nicht recht zum Fabel-Geschehen (und fehlt auch bei Babrios), sondern ist eine Konzession an den Typus der Tiergeschichte, genau wie der Satz vom Fliegenüben (Stil: Die Lehrerin erzählt persönlich…).

Die Fassung, die ich am längsten kenne und sehr schätze, stammt von Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769); der war nicht nur Professor für Moral, Poesie und Rhetorik, sondern hat auch „Fabeln und Erzählungen“ veröffentlicht (1746-1748), wodurch er berühmt wurde:
Die Lerche im Kornfeld
In einem großen Kornfeld hatte eine Lerche ihr Nest gebaut, mitten unter die schwankenden, grünen Halme. Als das Korn höher und höher wuchs und eines Tages die Ähren gelb und dick wurden, begann sich die Lerche um ihre Jungen zu sorgen. „Wir werden von hier fortziehen müssen“, dachte sie, „bevor die Schnitter kommen, mein Nest zerstören und meine Jungen töten.“
Jeden Morgen, wenn die Lerche auf der Suche nach Futter ihr Nest verlassen musste, befahl sie daher ihren Jungen, genau aufzupassen und ihr am Abend zu erzählen, was sie gehört hätten.
Eines Tages, als die Lerche wieder fortgeflogen war, kam der Bauer und sagte: „Es ist Zeit, dass wir mit der Ernte beginnen. Ich will zu meinen Nachbarn gehen und sie bitten, mir bei der Arbeit zu helfen.“
Die kleinen Vögel im Nest erschraken, und als ihre Mutter heimkam, zwitscherten sie aufgeregt und erzählten ihr, was der Bauer gesagt hatte. Aber die Lerche beruhigte ihre Kinder. „Noch brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte sie, „wenn er auf seine Nachbarn wartet, wird es lange dauern, bis dieses Korn geschnitten wird.“
Am nächsten Tag kam der Bauer wieder auf das Feld und sagte: „Das Korn ist schon ganz reif, wir müssen es in die Scheune bringen. Sohn, geh sofort zu allen Verwandten und bitte sie, uns bei der Ernte zu helfen.“
„Aber jetzt müssen wir bestimmt fortziehen“, zwitscherten die Jungen wieder aufgeregt. „Keineswegs! Seid ohne Sorge!“ antwortete die Lerche. „Seine Verwandten müssen auf ihren eigenen Feldern arbeiten. Noch können wir in unserem alten Nest bleiben.“
Am dritten Tag kam der Bauer wieder und sah, wie sich die Halme unter der Last der reifen Ähren beugten. „Wir dürfen nicht länger warten“, rief er. „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an. Morgen wollen wir beginnen.“
„Nun müssen wir gehen“, rief die Lerche, als die Kinder erzählten, was sie gehört hatten. „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“
Die Pointe ist der letzte Satz – welch ein Satz: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ Das ist Weisheit – eine Sentenz, die beinahe überspielt, dass mittels ihrer der Streit zwischen der Lerche und ihren Jungen entschieden wird, und die Fabel ein bisschen in die Nähe einer Parabel rückt.
Nachdem die Ausgangssituation in den beiden ersten Absätzen beschrieben worden ist, setzt das erzählte Geschehen mit dem ein, was „eines Tages“ geschah (wie bei Babrios); dem folgt das Geschehen des nächsten Tages, bereits verkürzt erzählt, und des dritten Tages. Die erzählerischen Elemente sind wieder schön ausgebaut: mittels der wörtlichen Rede, mit Erwähnung vom Erschrecken der Jungen und ihrer Beruhigung durch die Mutter. Ganz klar ist vom Erzähler die Pointe erfasst: Die Lerche weiß etwas, die Lerche erklärt es den Unwissenden: ihren Jungen; diese repräsentieren im Text die Leser. Aber auch die Lerche repräsentiert den Leser; denn der weiß das eigentlich auch, was die Lerche weiß.
Beim Leser wird also das Wissen, das er hat, in ein explizites Wissen, ein bewusstes Wissen überführt; in diesem Vorgang liegt denn auch so etwas wie eine Mahnung, die der Leser an sich selbst richtet: Nur was du selber anpackst, kann verwirklicht werden. – Vor diesem Hintergrund fällt jedoch die Aufforderung „Sohn, geh sofort auf den Markt und wirb Erntearbeiter an“ störend auf; die arbeiten ja nur für Bezahlung, aber immerhin arbeiten sie. Die entlöhnten Garbenbinder und Schnitter stammen aus der Version des Babrios; Gellert hätte besser auf sie verzichtet. Die wahre Einsicht steht im letzten Satz: „Wenn ein Mann seine Arbeit in die eigenen Hände nimmt, statt sich auf andere zu verlassen, so besteht die Möglichkeit, dass die Arbeit getan wird.“ Und das gilt natürlich auch für Frauen – aber dass die arbeiten, wurde anscheinend entweder nicht beachtet oder 1750 als selbstverständlich vorausgesetzt.

Eine typische Form der Bearbeitung alter Fabeln führt dann August Friedrich Ernst Langbein (1757-1835) vor; er setzt die bereits gegebene Fabel in Verse, ein Verfahren, das viele vor ihm (Babrios, Phädrus oder La Fontaine) praktiziert haben:

Die Wachtel und ihre Kinder

Hoch wallte das goldne Weizenfeld
und baute der Wachtel ein Wohngezelt.
Sie flog einst in Nahrungsgeschäften aus
und kam erst am‘ Abend wieder nach Haus.
Da rief der Kindlein zitternde Schar:
„Ach, Mutter, wir schweben in großer Gefahr!
Der Herr des Feldes, der furchtbare Mann,
ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:
Der Weizen ist reif, die Mahd muß geschehn;
geh, bitte die Nachbarn, ihn morgen zu mähn.“
„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,
nicht flugs sind die Nachbarn zum Dienste bereit.“

Drauf flog sie des folgenden Tages aus
und kam erst am Abend wieder nach Haus.
Da rief der Kindlein zitternde Schar:
„Ach, Mutter, wir schweben in neuer Gefahr !
Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,
ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:
Uns ließen die treulosen Nachbarn im Stich;
geh ringsum zu unsern Verwandten und sprich:
Wollt ihr meinen Vater recht wohlgemut sehn,
so helfet ihm morgen sein Weizenfeld mähn!“
„Oh“, sagte die Wachtel, „dann hat es noch Zeit,
nicht flugs ist Verwandtschaft zur Hilfe bereit.“

Drauf flog sie des folgenden Tages aus
und kam erst am Abend wieder nach Haus.
Da rief der Kindlein zitternde Schar
„Ach, Mutter, wir schweben in höchster Gefahr.
Der Herr dieses Feldes, der furchtbare Mann,
ging heut mit dem Sohn hier vorbei und begann:
Uns ließen auch unsre Verwandten im Stich;
ich rechne nun einzig auf dich und auf mich.
Wir wollen, wenn morgen die Hähne krähn,
selbander uns rüsten, den Weizen zu mähn.“
„Ja“, sagte die Wachtel, „nun ist’s an der Zeit!
Macht schnell euch, ihr Kinder, zum Abzug bereit!
Wer Nachbarn und Vettern die Hilfe vertraut,
dem wird nur ein Schloß in die Lüfte gebaut;
doch unter dem Streben der eigenen Hand
erblüht ihm des Werkes vollendeter Stand.“

Die Wachtel entfloh mit den Kleinen geschwind,
und über die Stoppeln ging tags drauf der Wind.

Es gibt den Text minimal variiert auch in Paul Alverdes: Das Hausbuch der Fabeln (1990, S. 126 f.). Ein altes Reprint gibt es unter http://bib1lp1.rz.tu-bs.de/ (dort: 4. Folge, Nr. 33 – man kann sich auch von http://www.digibib.tu-bs.de aus dorthin durchklicken): Hermann, Johann von: Fabelschatz. Eine Sammlung von 208 der schönsten und besten Fabeln für die Jugend, gewählt und zusammengetragen von Joh[ann von] Hermann. Mit 8 colorierten Bildern. R. Lechner, Wien [1859]
Langbein minimiert die Ausgangssituation auf zwei Verse und betont den Charakter der Erzählung, indem er dem Schluss noch zwei Verse vom Fortgang des Geschehens anhängt. Ansonsten findet man bei ihm ein recht starres Schema, weil im Rahmen der Dreiteilung sechs Verse beinahe wörtlich wiederholt werden (mit kleinen Variationen, z.B. große, neue, höchste Gefahr); die Rede des Bauern greift vom zweiten Mal an den vorhergehenden Misserfolg auf und benennt dann das neue Handlungsprinzip. Die Antwort der Wachtelmutter ist die beiden ersten Male fast gleich; beim dritten Mal wird die erklärende „Moral“ in vier Versen entfaltet, ohne dass durch die Entfaltung gegenüber Gellerts Fassung etwas gewonnen würde – im Gegenteil, die Prägnanz der Gellert‘schen Lerche ist unerreicht, wenn Langbein auch auf die störenden Landarbeiter verzichtet. Dafür ist Langbeins Fassung dem klassischen Typus Fabel am nächsten: Bei ihm ist die handelnde Wachtelmutter die Hauptfigur; sie entscheidet richtig und wird durch die Rettung der Sippe belohnt; anderntags fuhr über die Stoppeln nämlich der Wind. – Im Spiel von Wiederholung und Variation gewinnt eine Variation von selbst erhöhte Aufmerksamkeit.

In gewisser Weise zeigen die Verarbeitungen der alten Fabel Äsops nicht nur die Freude an der erzählerischen Finesse, sondern auch an der Klärung der Pointe von Äsops Geschichte, Freude auch am Versuch, die brillante Formulierung der Einsicht zu finden.

Noch zwei Adressen über Fabeln, die ich nebenher gefunden habe, ohne dass damit unbedingt die besten benannt würden:
http://www.referate10.com/referate/Geschichte/10/DIE-FABEL-reon.php
http://www.arikah.net/enzyklopadie/Fabel
Wenn man Fabeln erforscht, macht man Entdeckungen – unter anderem die, wie unsicher der Textbestand bei Äsop und allen seinen alten Kollegen ist.

One thought on “Die Fabel von der Lerche (Äsop, Babrios, Gellert, Langbehn) – Text, Analyse

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