Eich: Abgelegene Gehöfte – Analyse

Es gibt den Text und eine Deutung des Gedichts: http://www.uni-protokolle.de/foren/viewt/93069,0.html, fertigen wir also eine weitere an.

Ich möchte in diesem Gedicht drei Ebenen erkennen: einmal das Ambiente abgelegener Gehöfte, welches dem Gedicht jetzt den Titel geben muss (Hühner und Enten, Talgrund, Spinnen, Spitz); zweitens die Existenz der Großen oder der großen Namen in dieser Umgebung (V. 7 f. und V. 11 f.); drittens die Existenz von Vers und Gedicht ebendort (V. 13 ff.).
Die ländliche Umgebung ist wenig bemerkenswert; sie wird allerdings in auffallenden Alliterationen beschrieben: Hühner – Hof; Bauern – beten; Wiesen – Weide; Spinnen – Spitz; Bettler – verbellt; hinzu kommt der Binnenreim „Bauern / Mauern“ (V. 3 f.). Die Gehöfte liegen im Rübenland (V. 11); das ist nicht die märkische, auch nicht eine rheinische Landschaft  – Rübenland ist die Gegenwelt zur Welt. In dieser Landschaft geht es also normal zu, etwas schmuddelig, geht das Leben weiter: Auf dem Hof ist Schmutz, die Bauern beten, der Putz bröckelt (1. Strophe).
Wie hängt damit die zweite Dimension zusammen? „Die Weide birgt Alexander, / Cäsarn der Brennesselstein.“ (V. 7 f.) Aber wieso bergen einfachste Elemente (Weide, Stein) die großen Feldherren? Wenn man ins Wörterbuch schaut, heißt bergen: 1. retten, in Sicherheit bringen; 2. (schützend) verbergen, verstecken; 3. enthalten, in sich tragen – dabei gehören die 2. und 3. Bedeutung der gehobenen Sprechweise an. Wenn man V. 11 f. als Parallele zu V. 7 f. liest, bekommt man als Parallele zu „bergen“: am Leben bleiben (V. 11. f.), von den großen Namen der Welt gesagt.
Das ist so weit klar, so weit unverständlich. Wir müssen deshalb der Partikel „auch“ (V. 9) Beachtung schenken, mit der das Ortsadverbial „wo…, im Rübenland“ modifiziert wird: Auch dort blieben die großen Namen am Leben, also auch anderswo, in der großen weiten Welt. Sie blieben am Leben – warum sollten sie jedoch nicht am Leben bleiben? Diese Frage lässt sich m. E. nur beantworten, wenn man die Entstehungszeit des Gedichtes beachtet: Es ist 1948 veröffentlicht worden, also wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem 60.000.000 Menschen „umkamen“, vornehm ausgedrückt. Die großen Namen sind aber nicht einfach Namen der Großen, Namen wie Goethe oder Einstein, sondern Namen von „Feldherren“, also von denen, die das kriegsmäßige Schlachten denken und durchführen (lassen bzw. ließen). Dass deren Namen drei Jahre nach einem so schrecklichen Krieg noch am Leben sind, sogar bei den abgelegenen Gehöften, das ist ein Zeichen bemerkenswerter Unfähigkeit, aus eigenen Erfahrungen zu lernen. [Wenn man liest: Die Namen sind in den Dingen selbst enthalten, würde man in V. 7 f. so etwas wie eine resignierende Aussage hören, dass sich Kriege und Schlachten nicht vermeiden lassen, dass es sie von Natur aus gibt.]
In der vierten Strophe geht es ohne Verbindung weiter in die dritte Dimension, mit dem Pfeifen der Ratten und dem Schweben des Verses. Was bedeutet das Pfeifen der Ratten? Und was bedeutet es bei diesen abgelegenen Gehöften, wo die großen Namen immer noch leben? „Sie stoßen Töne aus: meist für uns Menschen unhörbar im Ultraschallbereich. Aber beim Kampf pfeifen sie, klappern mit den Zähnen, kreischen. Jungtiere pfeifen mitunter auch hörbar nach ihrer Mutter. Beim Spiel wird gepfiffen und gefiept. Sie klappern mit den Zähnen um Angst oder Aggression zu zeigen. Wenn sie im Kampf unterlegen sind, stoßen sie einen hörbaren lauten Ruf aus.“ (http://www.diebrain.de/ra-verha.html) Zu den Ratten gehört also ihr Pfeifen. – Bei Heine: „Die Wanderratten“, ist das Pfeifen das Signal ihrer bedrohlichen Anwesenheit. Ratten leben vom Abfall und warten auf neue Tote (Borchert: „Nachts schlafen die Ratten doch“). Auch die Ratten sind bei den abgelegenen Gehöften noch da! Das ist folgerichtig, wenn die großen Namen noch nicht ausgestorben sind; im Pfeifen der Ratten sind die erste und die zweite Dimension zugleich präsent: abgelegene Gehöfte, Überdauern der Kriegsherren.
Im zweiten Vers der letzten Strophe behauptet der Sprecher, ein Vers schwebe im „Schmetterlingslicht“ (V. 14); das ist nun eine Gegenwelt zur Rattenwelt – wobei unklar ist, wieso bei den abgelegenen Gehöften ein Vers zu vernehmen ist. Im Vers wird ein Gedanke oder eine Impression artikuliert; diese Realität ist inmitten der abgelegenen Gehöfte zu finden, sie steht im Licht eines anderen Tieres, des Schmetterlings, des leichthin Schwebenden und Gaukelnden. Im dritten Vers bemerkt der Sprecher: „die Säfte der Welt treiben schneller“ (V. 15); ob das mit dem schwebenden Vers zusammenhängt, bleibt ungesagt. Im letzten Vers werden dann Rauch und Gedicht zusammengebunden in einen Eindruck: dass sie aufsteigen. Seltsamerweise steigt jedoch das Gedicht nicht „wie Rauch“ auf, sodass das sinnlich Gegebene den Ansatz des Vergleichs ergäbe (vgl. Brecht: Der Rauch), sondern das feurige Gedicht bildet den Ansatz des Vergleichs. Das Attribut „feurig“ stellt eine Verbindung von Rauch und Gedicht her: Feuer ist die „Ursache“ des Rauchs, Feuer ist ein Qualität des Gedichts. Gegenüber dem schwebenden Vers (V. 14) ist das Gedicht etwas, was in Bewegung ist, was sich von den abgelegenen Gehöften entfernt – so möchte ich den letzten Vers lesen. Vielleicht erklärt sich daraus, dass die Säfte der Welt angesichts der lyrischen Realität schneller treiben? (V. 15) Ansonsten wäre dies nur eine einfache Metonymie der Jahreszeit: Frühling.

Die Form des Gedichtes ist einfach: Vier Strophen zu vier Versen, jeweils drei Hebungen (mit unregelmäßiger Füllung); Kreuzreim mit dem klassischen Wechsel von weiblicher und männlicher Kadenz, wodurch ein Zug ins Sprechen kommt, der gleichwohl nach jedem Vers eine kleinste Pause möglich macht. Die Verse sind teilweise semantische Einheiten (V. 3, 4 usw.), teilweise ergeben sie erst zu zweien einen Satz (V. 1 f., V. 5 f. usw.). Ist die Versstruktur die des Steigers, so weichen dreimal die ersten Wörter eines Verses von dieser Regel ab: „Cäsarn“ ist auf der ersten Silbe betont, einen Akzent tragen auch „auch-“ (V. 9), was sinnkonstitutiv ist (s.o.), und analog „Rauch“ (V. 16). Von den Reimen sind am ehesten noch V. 14 / 16 bemerkenswert, da sie die poetische Wirklichkeit von Vers und Gedicht aneinander binden; die anderen Reime besagen teilweise nicht viel, teilweise binden sie die Gegebenheiten der Gehöfte (Enten treten, Bauern beten) oder der großen Namen (Mäander / Alexander, als griechische Größen) mehr oder weniger geschickt aneinander. Der Sprecher tritt nicht Erscheinung; er ist nur als wahrnehmende und sprechende Funktion vorhanden; die Metapher vom Schmetterlingslicht (V. 15) ist die einzige Neuheit in diesem Gedicht: ein Licht von gebrechlicher Leichtigkeit.

Das Gedicht ist also ein Gedicht von einer Nach-Kriegszeit, wo selbst auf dem platten Land die großen Krieger noch fortleben, aber sich doch als Gegenwirklichkeit auch Poesie zeigt.

Zu G. Eich: http://www.literatur-live.de/strand/work/rmg_sek/gerhardt2.htm (Situation nach 1945); vgl. auch das vorangehend analysierte Gedicht: Bestellung

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