Eich: Bestellung – Analyse

Günter Eichs Gedicht „Bestellung“ (1964) ist im Netz nicht greifbar; ich finde es in Conrady: Das Buch der Gedichte, 2006 (Neuausgabe), S. 466:
„Fünf Gänge,
sag es den hölzernen Mädchen,
für den Pfennig unter der Zunge,,
und die Teller gewärmt…“
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu 4, 6 und erneut 4 Versen. Ehe ich kurz etwas zur Analyse sage, möchte ich zwei schwierige Bilder klären.
Es wird eine Bestellung aufgegeben oder aufzugeben aufgetragen, und zwar bei „den hölzernen Mädchen“ (V. 2). Wer oder was damit gemeint sein kann, ist ziemlich schleierhaft. Mir ist eine Idee gekommen, als mir einfiel, dass Eich beim WDR gearbeitet hat, also in Köln. In Köln gibt es die Kirche St. Ursula; dort sollen die Gebeine der heiligen Märtyrerin Ursula und ihrer 11.000 Begleiterinnen (Jungfrauen) zu sehen sein – jedenfalls gibt es entsprechende Reliquiare. Und nun kommt die Verbindung zustande:
„Die späteren Funde der vielen tausend Gebeine (auf dem einst römischen Friedhof) machten das Stift zum Ziel einer Wallfahrt. Die Reliquien wurden weit verbreitet. Es kamen reiche Mittel zum Bau einer neuen Kirche zusammen. Als Reliquienbehälter dienten hölzerne Mädchenbüsten. Durch eine Öffnung waren die Reliquien zu sehen. Heute existieren von den etwa 12.000 Ursulareliquien noch ca. 3.000.
Eine sogenannte Goldene Kammer beherbergt in der Kirche wie ein begehbarer Schrein die Unzahl an ursulanischen Reliquien. In den Schränken stehen 111 Reliquienbüsten vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, die meisten aus der Spätgotik. Die Kammer konnte damals sicher den Eindruck der Zahl von 11.000 Märtyrerinnen glaubhaft unterstreichen.
In der Goldenen Kammer sind die Knochen aus dem römischen Gräberfeld zu mosaikartigen Ornamenten zusammengefügt.“ (http://www.pixelmovie.de/html/st__ursula.html)
Die zweite, weniger rätselhafte Einzelheit ist der Pfennig unter der Zunge (V. 3); „Laut Überlieferung brachte der Fährmann Charon in der griechischen Mythologie die Toten nur dann über den Unterweltfluss Acheron, wenn sich ein Obolus unter der Zunge des Toten befand. Damit war der Obolus das Eintrittsgeld in das Reich der Toten.“
(http://www.tu-chemnitz.de/phil/leo/rahmen.php?seite=r_wirtsch/steffen_geld.php) Die gleiche Angabe findet man bei Ranke-Graves: Griechische Mythologie. Quellen und Deutung, Bd. 1 (1960), Nr. 31.a (S. 105 f.): Den Geistern, die zum Tartaros hinabsteigen, wird von frommen Verwandten eine Münze unter die Zunge gelegt; so können sie den geizigen Fährmann Charon bezahlen, der sie dann in seinem Kahn über den Styx fährt. – Aus dem Obolus, der kleinsten griechischen Münze, hat Eich einen „Pfennig“ gemacht.

Nach diesen Erklärungen vorab kann ich etwas zum Verständnis des Gedichtes sagen und auch meine Deutung der hölzernen Mädchen rechtfertigen. Derjenige, der aufgefordert war, den hölzernen Mädchen etwas zu sagen (V. 1-4), spricht offenbar danach zu diesen, macht ihnen einen Vorwurf und fordert sie auf, das Essen zu bringen:
„Ihr habt uns hingehalten
mit Fasanen und Stör,
Burgunder und Bouillabaise.
Tragt endlich die Speise auf,
die es nicht gibt,
und entkorkt die Wunder.“ (V. 5-10)
Der Vorwurf, „uns“ Gäste hingehalten zu haben, erstaunt einen; denn die dort monierten Speisen gelten als Delikatesse. Erst wenn man die drei folgenden Verse liest, versteht man den Vorwurf: Es wird um die Speise gebeten, „die es nicht gibt“, und darum, die Wunder (wie eine Weinflasche) zu entkorken. Zu der Speise, die es nicht gibt, fällt mir „Faust I“ ein, Fausts Einwand gegen Mephistos Angebot:
„Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt…“ (V. 1678 ff.)
Faust sucht so etwas wie eine überirdische Speise, die es nicht gibt (vgl. V. 301); demgemäß verlangt der Sprecher der Gäste, ihnen solche Speise und „Wunder“ zu präsentieren (V. 8-10). Die entkorkten Wunder gehören eindeutig in den Bereich des Essens und sind damit das Getränk, welches die Speisen begleitet, die es nicht gibt, gehören also in den überirdischen Bereich der „wahren“ Wunder. Andere Wunder „gibt es immer wieder“, wie Katja Ebstein seit 1970 zu singen weiß (http://www.ecgermany.de/archiv/DV1970.htm) und wie es inzwischen beinahe sprichwörtlich geworden ist. Und wenn Zarah Leander im Zweiten Weltkrieg und danach zu singen wusste: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen…“, so war das auch ein anderes Wunder – das im Kino reproduzierbare Wunder der Liebe.
Nehmen wir die letzte Strophe hinzu:
„Dann wollen wir gern
die Mäuler öffnen
und was wir schuldig sind
zahlen.“ (V. 11-14)
„Wir“ wollen also den Obolus für Charon, den man im Tod zu entrichten hat, „gern“ zahlen, wenn wir dafür eine entsprechende Gegenleistung bekommen, sagt der Sprecher: überirdische Speise und Wunder als Gegenleistung für den Preis des Lebens, zu zahlen bei den hölzernen Mädchen als den Lieferanten der Gegenleistung. In diesem Kontext scheinen die hölzernen Mädchen, die Behälter der Reliquien der Jungfrauen in Köln als Repräsentaten christlichen Glaubens, aufgefordert zu sein, die verheißenen Gaben Gottes zu liefern – auf dass die Empfänger gern aus dem Leben scheiden, gern diesen Preis des Lebens für die himmlische Herrlichkeit zahlen.
In der Aufforderung, „endlich“ die bestellte Speise zu liefern, schwingt Enttäuschung mit: Bisher ist diese eben nicht geliefert worden, hat es zwar Delikatessen gegeben, aber die genügen den Gästen nicht. In dieser Lesart ist das Gedicht Ausdruck eines Ungenügens am Leben, auch am guten Leben reicher Leute, weil man mehr erwartet hat: Speise, die es nicht gibt, und Wunder zu trinken; die christlichen Sakramente liefern offenbar diese Speisen und Getränke nicht, wiewohl sie doch Leib und Blut des Herrn zum Genießen darbieten wollen. Aber die Gäste scheinen damit nicht zufrieden zu sein – die Sakramente werden nicht einmal erwähnt; erwähnt werden nur Genüsse des Lebens: Und sie reichen nicht, wenn man den letzten Preis zu zahlen hat; sie sind diesen Preis offenbar nicht wert. Der Pfennig scheint zunächst als Gegenwert für das gewünschte Fünf-Gang-Menü etwas wenig zu sein; aber wenn man ihn als den Charon-Pfennig erkennt, weiß man den Wert zu schätzen.
Der erste Sprecher tritt nicht außerhalb seines Sprechens in Erscheinung (V. 1-4); er richtet sich an einen ebenso unbekannten Adressaten. Wenn man die in der 2. Strophe angesprochenen „Ihr“ als die hölzernen Mädchen identifiziert, wird man im dort Sprechenden den zum Bestellen Aufgeforderten erkennen. Die einzelnen Verse sind zu Beginn in sich geschlossene Sinneinheiten (V. 1-4, andeutungsweise auch V. 8 und 10); ansonsten geht der Satz jeweils über die Versenden hinaus. An der Sprache des zweiten Sprechers fällt mir der schnodderige Ton am Ende auf: „die Mäuler öffnen“ (V. 12); dem Sprecher kommt es angesichts des Todes nicht mehr darauf an, die Etikette zu wahren.

Parallel zu Eichs Gedicht könnte man C. F. Meyer: Fülle, lesen:
„Genug ist nicht genug! Gepriesen werde / Der Herbst…
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!“
Mit dem Überfluss, dem Überströmen (perisséuo und verwandte Wörter) ist eine zentrale Verheißung des Christentums thematisiert (Mt 5,20; 13,12 usw.; Röm 3,7; 5,15 usw.); der Hinweis darauf soll hier genügen.

In der Auswahl der Eich-Gedichte stimmt der neue Conrady mit dem alten (1987) weithin überein; nur „Ende eines Sommers“ ist neu und ersetzt zwei kleine Gedichte. Die Klett-Anthologie der Gedichte (1985) bringt neun andere Gedichte des Autors – bei Eich scheint man sich nicht einig zu sein, was denn nun als gültig anzusehen sei.

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