Eich: Ende eines Sommers – Analyse

Zu Eichs Gedicht (1955) gibt es mehrere Interpretationen, zunächst die Rudolf Hartungs in Hilde Domins „Doppelinterpretationen“ (1966 und 1969, S. 49 ff.); Eva-Maria Kabisch führt es als Beispiel vor, wie man Gedichte von einer zentralen Metapher und einem Schlüsselwort interpretieren kann (1987); W. Freund zählt es zu den bedeutenden deutschen Gedichten, die zu interpretieren lohnt (Winfried Freund: Deutsche Lyrik, 2. Aufl. 1994, S. 163 ff.). Im www findet man den Text in historischen Zusammenhängen (http://deutsch.pi-noe.ac.at/literatur3/ly_natur_vtfg.htm über moderne Naturlyrik, oder in einer  WDR-Sendung über „Die Stunde Null – Die Künste nach 1945. Folge 4: Literatur nach 1945“, von Jutta Duhm-Heitzmann).

„Ende eines Sommers“, die Überschrift, ordnet das Gedicht den Herbstgedichten zu; das Thema „Herbst“, auch wenn es dankenswerterweise in unserem Arbeitsbuch „Gedichte“ (Klett 1985, S. 327) nicht ausgewiesen ist, ist ein intensiv bearbeitetes Gedichtmotiv. In Alexander von Bormanns Anthologie „Die Erde will freies Geleit. Deutsche Naturlyrik aus sechs Jahrhunderten“ (1984) ist es mit den Themen „September“ (dazu gehört zeitlich Eichs Gedicht), Herbst und evtl. „Die gestundete Zeit wird sichtbar – Lieder von der Vergänglichkeit“ dreifach vertreten. A. von Bormann ordnet Eichs Gedicht übrigens dem Motiv „Und die Vollkommenheit ist ohne Klage – Herbst“ zu, während es nach seinem Tenor eher den Liedern von der Vergänglichkeit angehört, meine ich. Das Gedicht lädt dazu ein, es mit anderen Herbstgedichten zu vergleichen.
„Ende eines Sommers“ ist nicht das Ende des Sommers; der Autor, der die Überschrift gesetzt hat, weiß, dass weitere Sommer folgen werden, auch wenn er jetzt den Blick auf (s)ein Ende lenkt. Ein lyrisches Ich (V. 5) äußert sich monologisch; niemand ist zu sehen, der ihm zuhörte oder gar antwortete. Es beginnt emphatisch mit einem Ausruf: „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“ (V. 1) Das ist eine Art rhetorischer Frage; niemand möchte es, denkt das Ich dabei. Aber welchen Trost spenden Bäume, und warum braucht man („wer“ zielt auf alle, zumindest alle Trostbedürftigen) ihn? Nach V. 1 ist die Strophe zu Ende; man hat Zeit, über die beiden genannten Fragen nachzudenken.
Wem diese Frage absonderlich erscheint, möge Folgendes bedenken: „Der Baum ist ein Ursymbol. (…) Er spielt oft eine wesentliche Rolle in Märchen und Sagen, in Musik und Dichtung, in Volksbräuchen und Mythen. Immer wieder wurden ihm vielerlei Bedeutungen untergeschoben.“ (http://www.uni-koblenz.de/~odsbcg/baeume97/bkunst.htm) Nehmen wir ein Beispiel aus der Dichtung, in zeitlicher Nähe zu Eich, ein Gedicht Brechts:
„Ihr großen Bäume in den Niederungen
Mit mildem Licht von Wolken in den Kronen
Die finstern Wurzeln tief in sich verschlungen
So steht ihr da…“
Der Hinweis auf ein solches Gedicht kann nicht die genaue Lektüre Eichs ersetzen, im Gegenteil, er soll zunächst nur das Baum-Motiv als Motiv der Dichtung aufweisen und damit dann zur genauen, unterscheidenden Lektüre der Gedichte einladen.
Im nächsten Vers des Gedichtes von G. Eich folgt ein weiterer Ruf, ohne dass er sprachlich mit dem ersten verbunden wäre; das einzige Bindewort im Gedicht ist „während“ in V. 4, womit V. 3 / 4 einander zeitlich zugeordnet werden. Alle anderen Äußerungen stehen unverbunden nebeneinander; das Ich überlässt sich seinen Assoziationen, es verfertigt keinen Gedankengang. [Zu diesem Thema wäre der Auszug aus Eichs Vortrag „Literatur und Wirklichkeit“ heranzuziehen, der in den „Doppelinterpretationen“ Eichs verweigerte eigene Interpretation ersetzt, dort S. 47 f.] Als Leser verbinde ich die beiden Rufe und nehme den zweiten als Erklärung des ersten: Der Trost der Bäume besteht darin, dass sie am Sterben teilhaben (V. 2) bzw. dass das Ich diese Botschaft von ihnen erhält. Trostbedürftig ist das Ich demgemäß, weil es weiß, dass es sterben wird. Das ist vielleicht der Gedanke eines alternden Ichs, vielleicht auch der eines Menschen, der willkürliche Zerstörungen und die Schmerzen vorzeitiger Trennungen erlebt hat; das Gedicht ist immerhin zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht worden, in dem rund 60 Millionen Menschen umkamen: Auch die Bäume haben am Sterben teil, obwohl sie fest zu stehen scheinen; wir sind als solche, die sterben, nicht allein.
Vielleicht präzisiert das Ich seinen Eindruck von der Sterbnis-Teilhabe in den nächsten Versen, vielleicht springt es auch einfach von „Bäume“ zu deren Früchten (V. 3 f.). Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich; das ist das, was man am Ende des Sommers wahrnehmen kann. Ist dieses Erntebringen das, worin sich die Sterblichkeit der Bäume zeigt? Das Verb „sich färben“ signalisiert Veränderung; es wird in V. 9 wieder aufgenommen. Ob das Ich sich draußen in einem Garten aufhält oder „ortlos“ sein Wissen bedenkt, wissen wir noch nicht; die Aussage, die das Ich zeitlich dem V. 3 zuordnet, dass nämlich unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht, gibt dazu auch keine Auskunft. Es kann sein, dass das Ich eine Brücke über einen Fluss sieht, damit „das Fließen“ der Zeit im Bild verbindet und so V. 4 äußert; es könnte aber auch sein, dass aus der Metapher der fließenden Zeit bildlich der Brückenbogen herausgesponnen worden ist. Dass die Zeit „rauscht“, besagt, dass ihr Vergehen wegen ihres schnellen Fließens deutlich zu vernehmen ist, während man Pfirsich und Pflaume betrachtet oder bedenkt – die Früchte in der Alliteration miteinander verbunden. Ob man dem auch noch Vogelzug, Verzweiflung usw. einschließlich des Pfennigs unter dem Stichwort „Spirans im Anlaut“ zuordnen kann, wie Freund es vorschlägt? Am Ende dieses Sommers wird jedenfalls die Zeit als vorbeirauschend erfahren, während die Bäume Früchte bringen.
Es beginnt eine neue Strophe, wo sich zeigt, dass der Trost der Bäume nicht trägt [oder wird einfach die Trostsuche fortgesetzt?], vielleicht deshalb, weil an ihren Früchten überdeutlich das Rauschen der Zeit vernommen worden ist: „Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an.“ (V. 5) Das mag Beschreibung eines geistigen Vorgangs sein, aber auch Äußerung eines Vorsatzes – ich will es einmal mit dem Vogelzug versuchen; das lyrische Ich spricht asyndetisch, einen Satz nach dem anderen, jeweils in einem Vers (mit der einzigen Ausnahme von V. 7). Der Vogelzug fasziniert die Menschen seit langem, wenn er inzwischen auch weitgehend erforscht ist. An einem Gedicht Georg Trakls („Verfall“, 1913 veröffentlicht) möchte ich zeigen, für was der Vogelflug stehen kann:

„Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten. (…)“

Wie in V. 1 / 2 und in V. 10 / 11 liegt es bei Eich nahe, auch diesmal im folgenden V. 6 die Erklärung dafür zu suchen, was der Vogelflug (V. 5) dem lyrischen Ich bedeutet: „Er mißt seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.“ Oben war expliziert worden, dass das lyrische Ich an seiner Vergänglichkeit leidet (V. 1 f.); jetzt wird erklärt, warum das Ich gerade dem Vogelzug seine Verzweiflung anvertraut (wie es das macht, bleibt ungesagt): Es ist dessen Gelassenheit gegenüber dem eigenen Vergehen, der eigenen Begrenztheit („seinen Teil von Ewigkeit“: seine Lebensdauer – anders kann Ewigkeit nicht geteilt werden, wenn sie überhaupt geteilt werden kann), die das Ich einlädt, sich dem Vogelzug anzuvertrauen. Jedenfalls hat der Trost der Bäume nicht ausgereicht [anders als bei Ina Seidel:

„Unsterblich duften die Linden –
Was bangst du nur?
Du wirst vergehn und deiner Füße Spur
Wird bald kein Auge mehr im Staube finden.
Doch blau und leuchtend wird der Sommer stehn…“].

Es folgt das einzige Enjambement des Gedichtes: „Seine Strecken“ (V. 7); damit ist angedeutet, dass besagter Teil der Ewigkeit noch einmal aufgeteilt ist in Strecken. Ob man hier von der Verräumlichung der Zeit sprechen soll (Freund)? Oder ist die Strecke einfach die Dauer, die die Vögel brauchen, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen? Diese Strecken „werden sichtbar im Blattwerk“ (V. 8); ich denke mir, dass das Ich zwischen den Ästen und Blättern hindurchsieht (damit wäre auch seine Position klar – wäre es auch möglich, V. 8 synonym „am Blattwerk“ zu lesen: am Blattwerk, das sich ebenfalls verfärbt unter dem Zwang des Vogelflugs?) und bemerkt, wie der Vogelzug sozusagen stückweise vorankommt. Dass die Strecken „als dunkler Zwang“ sichtbar werden, ist eine Metabasis, die zunächst völlig rätselhaft ist, vor allem auch deshalb, weil nicht gesagt wird, wer oder was wodurch Zwang auf wen oder was ausübt. Es gibt zwei Möglichkeit, dieses Rästsel zu lösen: Entweder sieht man, dass die Fortbewegung selbst einem unbekannten, also dunklen Zwang unterliegt, weil sie so regelmäßig und gleichmäßig ist, oder man sieht den Zwang im nächsten Vers erläutert, dass im Maß der Bewegung die Früchte reifen (vgl. „färben“ in V. 9 und 3), sozusagen unter dem Zwang des Vogelzugs. Beide Möglichkeiten des Verstehens bleiben für mich dunkel; der Vogelzug antwortet nicht – vielleicht entspricht das seiner Gelassenheit.
Die nächste Strophe beginnt überraschend mit einer Forderung, einem Rat oder einer Einsicht des lyrischen Ichs: „Es heißt Geduld haben.“ (V. 10) Geduld muss man haben, wenn man auf etwas wartet; wenn das Erwartete später als erwartet geschieht.
Was erwartet das Ich also, da es sich doch offenbar vor seinem Tod fürchtet? Im nächsten Vers wird die Antwort geliefert: „Bald wird die Vogelschrift entsiegelt…“ (V. 11). Hier muss man einen Bildbruch (Katachrese) feststellen, ohne dem großen Meister Eich zu nahe zu treten: Nur ein Buch oder eine Schriftrolle (ein Brief) kann versiegelt sein und entsiegelt werden – da nützt auch der Hinweis auf die Apokalypse und das Brechen der sieben Siegel nichts (Kabisch); eine Schrift kann dagegen nur entschlüsselt, dechiffriert werden. Entschlüsselt werden kann das, was vorher „dunkel“ (V. 8) war; erwartet würde dann, dass die „Schrift“ des Vogelzugs verstanden würde.
Auch das passt nicht ganz, weil der Vogelzug bereits als gelassen erkannt war (V. 6); die Metapher „Schrift“ drückt dagegen ein Mehr gegenüber der Gelassenheit aus, dessen Verständnis vom lyrischen Ich erwartet, erhofft wird. In dieser Hoffnung erweist sich das lyrische Ich vielleicht doch als „alt“, dem eigenen Tod nahe und deshalb begierig, die Schrift zu verstehen? Es folgt die letzte Äußerung des Ichs, dass unter der Zunge der Pfennig (bereits) zu schmecken ist. Ich ergänze „bereits“, weil in diesem Bild der eigene Tod vom (den Pfennig bereits schmeckenden) lyrischen Ich vorweggenommen wird: „Wenn die Geister zum Tartaros hinabsteigen, (…) erhalten sie von frommen Verwandten eine Münze. Diese wird ihnen unter die Zunge gelegt: So können sie Charon, den Geizigen, bezahlen, der sie dann in seinem Nachen über den Styx [Grenzfluss der Unterwelt, N.T.] führt. (…) Geldlose Geister müssen ewig an dem diesseitigen Ufer des Flusses warten,“ doch könne sie sich auch in die Unterwelt reinmogeln. (R. von Ranke-Graves: Griechische Mythologie, Bd. 1, 1960, S. 105 f. – Dieses Buch ist für das Verständnis griechischer Mythen eigentlich unentbehrlich; wenn ich nicht irre, hat Albert Vigoleis Thelen während seines Mallorcaaufenthaltes daran mitgearbeitet, ohne dass er genannt würde. – Also: Merkt euch den Titel!) Mit diesem Hinweis auf den Charon-Mythos wird klar, dass das Ich seinen eigenen Tod bereits vorwegnimmt, wenn es den Pfennig unter der Zunge schmeckt.
Unklar ist jetzt nur noch, wie die beiden Aussagen in V. 11 / 12 zusammenhängen. An dieser Stelle möchte ich auf Günter Eichs Selbstverständnis verweisen, wie er es in seinem Vortrag „Literatur und Wirklichkeit“ geäußert hat: Er schreibe Gedichte, um sich in der Wirklichkeit zu orientieren; erst durch das Schreiben „erlangen für mich die Dinge Wirklichkeit“. Er suche eine Sprache, „in der das Wort und das Ding zusammenfallen“, er sei aber im Erlernen (Finden) dieser Sprache noch nicht über das Dingwort hinausgekommen; in den Bereich des Zeitworts sei er noch nicht vorgedrungen – und wir können ergänzen, dass ihm auch die Konjunktionen noch fehlen, was es uns erschwert, ihn zu verstehen. – Da V. 11 und 12 zwei Teilsätze eines Satzes sind, kann man sie als gleichwertig ansehen; man könnte auch den zweiten als Begründung für den ersten nehmen: dass dies „bald“ geschieht, weil jetzt bereits der Pfennig zu schmecken ist, der Vorgeschmack des Todes da ist.
Fragen wir noch einmal nach dem Zusammenhang der letzten Strophe mit den vorhergehenden: Zunächst sieht das lyrische Ich dem Sterben verzweifelt entgegen; zum Schluss ermahnt es sich dagegen zur Geduld angesichts der Entsiegelung der Vogelschrift. Das ist ein Widerspruch, dem wir dreifach begegnen können: 1. Wir können annehmen, wir hätten die Metapher von der Entsiegelung nicht verstanden [Hartung sieht in V. 11 eine Hoffnung ausgedrückt, die jedoch eine bittere sei – er löst den Widerspruch also auch nicht auf, a.a.O., S. 51]; 2. wir können einfach den logischen Widerspruch konstatieren und mit Eichs Sprachtheorie entschuldigen; 3. wir können den Widerspruch in die Psyche des lyrischen Ich verlegen und diesem bescheinigen, dass seine Haltung gegenüber dem drohenden Tod ambivalent ist. Eines können wir jedoch nicht, nämlich uns mit Winfried Freund ans Fabulieren geben: „Der Tod befreit den einzelnen von seinem Dasein (…) und läßt ihn einmünden in die Zeit, die war, ist und sein wird.“ (a.a.O., S. 168) Das ist quasi eine religiöse Überhöhung der Ambivalenz – aber davon steht bei Eich nun wirklich nichts.

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