Eich: Inventur – Analyse

Günter Eich – Inventur

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech,
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
Die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
(entstanden 1945/46, gedruckt 1947)

Inventur
ist eine Bestandsaufnahme, das Wort betont die Handlung des Verzeichnens (H. Paul: Dt. Wörterbuch); es ist ein beim Wirtschaften gebrauchter Begriff. Die Inventur erlaubt den Vergleich des Lagerbestandes und der Verkaufsunterlagen mit den Bestellungen, bzw. den Vergleich von Soll und Haben zur Errichtung des Inventars (Verzeichnis des gesamten Besitzes, aller Verbindlichkeiten: K.-D. Bünting: Dt. Wörterbuch).
Wenn man den Titel ernst nimmt, kann man hier keine kindliche Perspektive der Neuorientierung erkennen (gegen Müller-Hanpft, in Rinssum). Fraglich ist auch, ob man als dominierenden Gestus den des Zeigens bestimmen kann (Neumann), wodurch der Sprecher sich des Besitzes versicherte und so die Dinge als seinen Besitz verteidigte. Das Inventarisieren ist als monologisch-schriftlicher Akt zu sehen; es ist eher ein Akt des Bilanzierens als Akt des Sichabgrenzens und Sichdefinierens (gegen H. Korte). Angesichts der Kargheit der Besitztümer und der Lebensumstände des Ichs (auf Pappe schlafen, aus einer Konservenbüchse essen) kann man in seiner Situation auch den Gefangenen erkennen, der Günter Eich nach dem Krieg war.
Vom Text der sieben Strophen her besteht das Gedicht aus drei Teilen: In der ersten und letzten Strophe zählt das unbenannte Ich Dinge auf, die zum Inventar gehören, durchweg durch das Demonstrativum „dies“ eingeleitet, einmal durch „hier“ („hier“ muss es heißen, weil das Rasierzeug im Beutel, also nicht zu sehen ist, V. 3 f.). Durch diese beiden Strophen wird ein Rahmen für den Mittelteil geschaffen. In den Strophen 2-6 werden die wichtigen Geräte genannt und in ihrer Bedeutung erklärt, die das Ich zum Leben braucht, als erstes die „Konservenbüchse“ (V. 6); mit der Aussage „den Namen geritzt“ (V. 8) ist ein Stichwort genannt, das wiederholt wird (V. 9), um das erste kostbare Schreibgerät vorzustellen, den Nagel (3. Str.). Dieser 3. entspricht die 6. Strophe, wo die Bedeutung der noch kostbareren Bleistiftmine, des zweiten Schreibgeräts, erklärt wird. Damit sind zwei Funktionen des Schreibens benannt: Bezeichnung des Eigentums (V. 5 ff.), Fixierung von Versen (V. 23 f.).
Was das Ich gegenwärtig hat, ist sein ganzer Besitz; als in der Zeit bestimmte, das Subjekt auch charakterisierende Tätigkeiten des Ichs werden das (vergangene) Ritzen (V. 7 f.), das stetige Verbergen des Nagels (V. 11 f.), das Schreiben am Tag und das Erdenken von Versen in der Nacht (V. 23 f.) genannt; Versproduktion scheint die Haupttätigkeit des Ichs zu sein. Die Erwähnung des Brotbeutels, des geheimnisvoll verschwiegenen „einiges“ und der Pappe (V. 13 ff.) dient dazu, die Unterscheidung von „tags / nachts“ (V. 18 ff.) einzuführen und damit dem Ich zu erlauben, sich als Verse produzierend vorzustellen. Dementsprechend ist das anschließend zuerst genannte Besitztum das Notizbuch (V. 25); damit setzt das Ich seine Inventur fort und führt sie zu Ende.
Ob V. 15 f. mit ironischem Unterton gesprochen werden (H. Korte) oder das Zentrum des Gedichts ausmachen (D. Hoffmann), wer will das entscheiden? [Im Unterricht ergab sich, dass diese Bemerkung nicht zum Inventarisieren passt; dass sie vielleicht den streng monologischen Charakter des Inventarisierens aufhebt und Neumanns Sicht (Charakter des Zeigens) verständlich macht. Die Frage ist: Ist dem Dichter Eich hier ein technischer Fehler unterlaufen, oder müssen wir unser strenges Verständnis der Inventur revidieren? – Laura Schameitat hat durch ihre Frage die Diskussion angestoßen.] Ich sehe zunächst die Parallele zwischen dem Nagel, den das Ich vor begehrlichen Blicken verbirgt, und dem, was es niemandem verrät, weshalb es „einiges“ mit dem Körper bewacht (V. 17 f.). Was „einiges“ ist, wissen wir schlicht nicht – genauso wie wir die Verse des inventarisierenden Ichs nicht kennen – das Gedicht „Inventur“ ist ja ein Gedicht Günter Eichs, nicht des dichtenden Ichs. So scheint es mir verdächtig, im „Zwirn“ (V. 28) eine Metapher des Textes oder der Textproduktion zu sehen (P. H. Neumann).
Jochen Vogt (Einladung zur Literaturwissenschaft, 4. Aufl. 2002, S. 141 f.) erkennt in den sieben Strophen des Gedichtes ein „Krypto-Sonett“: Wenn man je zwei Verse zu einem Langvers zusammenfasse, erhalte man die berühmten 14 Verse eines Sonetts, was vielleicht besage, „daß selbst in einer historischen Situation wie 1945, in der alle Sicherheiten, alle traditionellen Formen zerbrochen und zerstört scheinen, die Erinnerung an diese Formen und Traditionen, oder sagen wir ruhig: an die Kultur, nicht endgültig verloren ist und wieder belebt werden kann“. Die einzelnen Verse weisen jeweils zwei Hebungen auf; die Anzahl der Senkungen in der Mitte variiert; auch sind sowohl Auftakt wie der Wechsel von männlichen und weiblichen Kadenzen am Versende unregelmäßig. Ich erkenne darin (gegen J. Zenke) keinen tieferen Sinn; wir haben auch kein „Lied“ vor uns, sondern ein Gedicht aus sieben Strophen mit einer klaren Versbindung, jedoch ohne Endreim – also etwas beinahe Prosaisches, wie es einer Inventur angemessen ist. Man kann einige Stabreime erkennen (meine Mütze, V. 1, mein Mantel, V. 2 usw.); in der Verteilung der klingenden Vokale (i auf Anfang und Ende, a/o auf die Mitte) eine Ordnung zu finden (wie J. Zenke) gelingt mir nicht.
Der Bezug auf Richard Weiners Gedicht „Jean Baptiste Chardin“, dem es formal gleicht, ist von Eich bestritten worden; wenn man Weiners Gedicht (1916 auf Deutsch veröffentlicht) mit Korte als Spießbürgerkarikatur versteht, würde man selbst dann nicht von einem Plagiat sprechen, wenn Eich das ältere Gedicht gekannt hätte:

„Dies ist mein Tisch,
Dies meine Hausschuh,
Dies ist mein Glas,
Dies ist mein Kännchen.

Dies meine Etagere,
Dies ist meine Pfeife,
Dose für Zucker,
Großvaters Erbstück. […]

Täglich um elfe
Frühstücken wir.
Abends um achte
Deckt man zu Tisch.

Esse am liebsten
Spargel mit Sauce,
Wildpret auf Pfeffer,
Erdbeer mit Creme.

Und die Charlotte
Liebt ihre Austern,
Hühnchen auf Schwammerln,
Hummerragout.

Gut ist‘s zu Hause,
Sehr gut zu Hause,
Dies meine Ecke,
Dies meine Hausschuh.

Glattes Email
Glanzüberquillt,
Dies ist mein Weib.
Dies ist mein Bild.“

Definiert das Ich sich über die Dinge und ihre Nutzung als Subjekt, wie H. Korte meint? Nimmt es also eine „Neukonstituierung“ vor? Ich denke, es macht Inventur, und das ist „Bestandsaufnahme“ (D. Hoffmann), und stellt sich über den Gebrauchswert der Dinge auch selbst als diese Gebrauchenden dar. Ob Eich selber damit eine Bestandsaufnahme gemacht und von vorn angefangen hat, wie Wolfgang Weyrauch es 1949 als Aufgabe der Kahlschlagliteratur gefordert hat, kann ich nicht entscheiden.
Zum Vergleich könnte man (neben Hans Bender: Heimkehr; Hans Erich Nossack: Vorspruch und Frage; Theo Pirker: Die Geißel) Horst Lommer: Der Spuk ist aus (Epochen der deutschen Lyrik 1900-1960, S. 327 f.), heranziehen – pathetisch rechnet dort der Sprecher mit den Naziverbrechern ab, schwört bei den ewigen Sternen, klagt an und ruft die Überlebenden auf, endlich aufzuwachen.

(Die von mir genannten Autoren sind aus der Sekundärliteratur bekannt:
http://www.lehrer-online.de/lyrik1945-1960.php)

Zur Interpretation
Man könnte das Gedicht in den Zusammenhang des Gesamtwerks von Günter Eich stellen; das kenne ich jedoch nicht hinreichend. Beziehen wir es daher „nur“ auf die Epoche und die historische Situation, in der es entstanden ist. Dabei müssen wir uns von den Wertungen des Krieges und des Dritten Reiches frei machen, die uns heute geläufig sind, und versuchen, in die Situation (und ihre Vorgeschichte) zu schauen.
Das Dritte Reich war zunächst ein deutsches Reich großer Worte und großer Hoffnungen gewesen: Anstand sollte gelten, Treue und Ehre geachtet werden, der Arbeiter sollte nicht unter dem Bonzen stehen… Und Deutschland sollte groß werden, sollte die Welt beherrschen, das Abendland vor der roten Seuche des Bolschewismus retten, die ganzen liberalen Schwätzer hinwegfegen… Man sollte wieder etwas haben, an das man glauben und für das man kämpfen konnte usw. Dieses Dritte Reich hatte militärisch große Erfolge gefeiert, hatte Europa erobert (und ausgeplündert), hatte alle Oppositionellen verhaftet und zusammen mit Juden und Kommunisten ins KZ gebracht und war dann in einem Feuersturm ohnegleichen besiegt worden – es gab Ruinen und Tote und Krüppel, Vertriebene und Witwen und ganz viel Elend und Hunger. Und es gab die Besatzungsmächte und die Kriegsgefangenen.
Einer von denen, so ergibt sich auch aus dem Text des Gedichtes, nicht nur aus Eichs Biografie, macht „Inventur“. Was macht er? Schauen wir, was er nicht macht: Er schaut nicht enttäuscht (wie die alten Nazis), voller Rachefühle (wie der Sprecher bei Horst Lommer: Der Spuk ist aus) oder bitter (wie Paul Celan) zurück; er schaut nicht nach vorn (wie der Sprecher in Horst Lommers Gedicht); er schaut nicht nach oben, zu den höheren Mächten oder dem richtenden Gott (etwa Reinhold Schneider in seinen Gedichten); er schaut auch nicht zur Seite, nach der Familie, den Freunden und Nachbarn (vermutlich weiß er im Augenblick auch nichts von ihnen) – er schaut bei seiner Inventur nur auf das, was ihm geblieben ist, was er hat. Dabei zeigt sich, dass ihm neben den einfachsten Mitteln des Überlebens die Lust und die Möglichkeit zu schreiben geblieben ist; im Rückbezug auf sich und seine eigensten Möglichkeiten zeigt sich so die Fähigkeit, im Schreiben Abstand zu gewinnen, also nachzudenken, zu reflektieren.
Solches Inventarisieren ist Sache eines Moments – der Moment nach dem Ende des Dritten Reichs, die Basis des Neuanfangs; nach der Inventur wird man planen können, wie es weitergeht, was man unternehmen kann, mit wem man sich zusammentun muss. Je nachdem wird man sich auch rechtfertigen müssen für das, was man getan oder nicht getan hat; man wird seine Familie aufsuchen, vielleicht in seiner Kirche einen Rückhalt suchen… das alles kommt später; Inventur macht man in dem einen Moment des Übergangs.
Dem entspricht auch die einfache Sprache des Mannes, der sich auf seine Mittel besinnt. Viel weiter geht schon der Blick des Sprechers in Paul Fleming: An sich (z.B. http://www.biblioforum.de/forum/read.php?f=2&i=2&t=2); der bleibt als echter Stoiker auch später auf sich gestellt. Davon ist in Eichs „Inventur“ nicht die Rede; wie es nach der Inventur weitergeht, wird sich zeigen. Das ist eine Frage, die am nächsten Tag erst zu bedenken ist.

Eine weitere Analyse bzw. Interpretation zu Eich: Inventur (im Vergleich zu einem Gedicht von G. Brinkmann) findet man unter http://www.keinverlag.de/texte.php?text=17375.

Noch einige interessante Links zu Günter Eich:
http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/vieregg_eich_1997/vieregg_eich_1997.pdf (Eichs Verstrickung ins Dritte Reich) und http://www.welt.de/welt_print/article1005655/Es_ist_ein_Stueck_von_ihnen.html
http://www.wienerzeitung.at/Desktopdefault.aspx?TabID=3946&Alias=wzo&lexikon=Auto&letter=A&cob=267593 (Würdigung zum 100. Geburtstag)
www.suhrkamp.de/autoren/pdf_biographie.cfm?autor=1064 (Biografie bei Suhrkamp)

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Nachtrag 2008:
„Inventur“ wird von vielen als ein poetologisches Gedicht gelesen. Was ist das?
Im SS 2006 wurde eine Veranstaltung über poetologische Lyrik an der Uni Tübingen so angekündigt: „Poetologische Lyrik oder Metalyrik, d.h. Gedichte, die auf sich selbst bzw. die ihnen zugrunde liegenden ästhetisch-poetischen Konzepte und Verfahren Bezug nehmen, machen einen wichtigen Bestandteil der Lyrik aus. Immer schon haben sich Autoren über ihre Darstellungsprinzipien und ihre Rolle als Dichter auch in dichterischer Form geäußert. Gegenüber dramatischen und narrativen Texten sind lyrische Texte hierfür ein bevorzugtes Medium, weil sie es aufgrund ihrer stark verdichteten Struktur erlauben, ein poetologisches Programm besonders überzeugend oder suggestiv zu präsentieren, indem sie z.B. das, was sie als Aufgabe der Dichtung thematisieren, zugleich in der poetischen Form verwirklichen (oder auch relativieren, unterlaufen usw.).“
Zu Eich: Inventur, kann man Gerhard Kaisers Analyse (Günter Eich: Inventur. Poetologie am Nullpunkt) beim Freiburger Dokumentenserver (http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2233/) als pdf-Datei herunterladen.

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