Eichendorff: Das Marmorbild – Analyse

Die Märchennovelle ist 1818 erstmals veröffentlicht worden, acht Jahre, ehe sie mit dem „Taugenichts“ zusammen als Buch erschien. Ich beziehe mich hier auf die Ausgabe in den „Meistererzählungen der deutschen Romantik“, hrsg. von Albert Meier u.a. (München 1985, S. 277 – 312). Der Kommentar Sibylle von Steinsdorffs (S. 420 ff.) ist recht umfassend und auch solide.
Der Erzähler folgt mit seinem Blick dem Helden der Märchennovelle, Florio, der gleich zu Beginn vorgestellt wird (277). Nur einmal verlässt er ihn und wendet sich Bianka zu, als diese verlassen auf der Terrasse sitzt (301), und einmal trägt er in einem Kommentar die Geschichte Biankas vom Abend der ersten Begegnung mit Florio bis zum „gegenwärtigen“ Ritt aus der Stadt nach (311). Er ist allwissend, kennt die Gedanken und Gefühle der Figuren; einmal lässt er sich zu einem Kommentar hinreißen, als Florio seine Befreiung vom Zauber der Venus versteht und befreit ein Lied singt (311): „Es kommt nach allzu heftigen Gemütsbewegungen (…) eine stillklare Heiterkeit über die Seele…“. Einmal fällt er mir als personal erzählend auf: „Das schöne Marmorbild war ja lebend geworden…“ (292) – ich will aber nicht behaupten, das sei der einzige Beleg.
Die zeitliche Abfolge ist klar, der Erzähler folgt den Ereignissen: Am ersten Tag lernt Florio den Sänger Fortunato und die schöne Bianka kennen, der er sich nähert und die er küsst. Der fremde Ritter Donati kommt als Störender hinzu und führt sich als jemand ein, der Florio kennt. Nach einem Traum in seiner Herberge geht Florio ins Freie und bringt einem „Mädchen“ jenseits des Flusses ein Ständchen, das nicht mehr Bianka gilt; im Venusbild aus Marmor erkennt er „eine lang gesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte“ der frühesten Jugend (287); doch Grausen treibt ihn in die Herberge zurück.
Am zweiten Tag warnt Fortunato ihn vor dem Verliebtsein; doch Florio ist im Bann des Marmorbildes. Er irrt umher und findet in einem Palast, der wie versunken aussieht, die singende [aber nicht identifizierte] Venus und dann Donati, der da wie ein Toter liegt und die Venus seine Verwandte nennt. Jener vertröstet Florio auf „morgen“; auf dem Heimweg scheint ihm die Schöne noch einmal aus einem Haus nachzublicken (292).
Am dritten Tag ist Sonntag, da kann er die Schöne nicht sehen; Donati lädt ihn zur Jagd ein, was Florio jedoch ablehnt (wegen des Sonntags). Das Glockengeläut  vertreibt Donati; Florio kann in der Kirche nicht beten; er sucht und findet aber das Haus, aus dem er beobachtet wurde, jetzt leer (294).
Am vierten Tag findet er auf Einladung Fortunatos eine Villa, in der ein Fest gefeiert wird. Dort begegnet er einer verkleideten Griechin, die ihm eine Rose gibt; er sieht dann eine zweite Griechin, die genau wie die erste aussieht (und vermutlich Bianka ist). Er folgt seiner Griechin, als er sie draußen sieht, wo sie ein Lied singt. Sie entspringt, er trifft sie wieder und fragt sie nach ihrem Namen. Sie verweigert ihm diesen: „Laßt das, nehmet die Blumen des Lebens fröhlich wie sie der Augenblick gibt, und forscht nicht nach dem Wesen im Grunde, denn unten ist es freudlos und still.“ (298) Sie lädt ihn in ihr Haus ein, „unser Freund“ [Donati] werde ihn hingeleiten; er erkennt in ihr die Schöne aus dem Garten (des zweiten Tages), deren Gesicht jedoch bleich und regungslos wie das Marmorbild am Weiher ist.
In einer kleinen Gesellschaft trifft er noch Fortunato und auch Bianka, welche durch die Rose an seiner Brust erkennt, dass er ihr abhanden gekommen ist – sie hätten sich an diesem Abend mehrfach gesehen, was er aber nicht weiß. Sie weist ihn auf die Wolken und deren gefährliche Bilder hin, er ist ganz verwirrt und verlässt die Runde (301).
Nach mehreren Tagen ist Florio bei Donati, sie reiten zum Palast des Fräuleins, der „fast wie ein heidnischer Tempel erbaut“ ist (302). Venus flirtet mit Florio, ist dann mit ihm allein. Da hört er „ein altes frommes Lied, das er in seiner Kindheit oft gehört“ hat (310); als Sänger meint er Fortunato zu erkennen. Florio glaubt in den Bildern Gestalten zu erkennen, die er seit der frühen Jugend kennt; Venus klärt ihn auf, jeder glaube, sie schon einmal gesehen zu haben, „denn mein Bild dämmert und blüht wohl in allen Jugendträumen mit herauf“ (305). Die Töne des Liedes beeindrucken ihn so, dass er ein Stoßgebet zu Gott sendet, worauf ein Schlange sich in den Abgrund stürzt. Gewitter; Dame bleich; die Gestalten der steinernen Bilder an den Wänden werden lebendig… Grausen, Florio flieht und sieht draußen Fortunato singend in einem Kahn auf dem Weiher. Bald ist die Nacht wieder klar, Florio sucht Donatis Wohnung vergeblich. Die Schönheit der Venus hat in seinem Herzen eine unendliche Wehmut hinterlassen (307).
Er brütet dann den neuen Tag und die folgende Nacht hindurch, um am nächsten Morgen auf den Rat seines Dieners hin aufzubrechen.
Er trifft drei Reiter: Fortunato, den Onkel Biankas und einen Burschen; sie sehen das Zwielicht über einer Ruine, darin einen Weiher mit einem zertrümmerten Marmorbild. Fortunato soll Auskunft geben und singt ein Lied von Italia, wo Venus noch erwacht, aber von einem anderen Frauenbild besiegt wird: von der Madonna mit dem Kind. Fortunato berichtet dann von Gefährdungen und Anfechtungen in jenem Schloss und bekennt, er sei vorgestern Abend dort gewesen, habe aber nichts und niemanden gesehen, sondern nur ein altes frommes Lied gesungen, „eines von jenen ursprünglichen Liedern, die, wie Erinnerungen und Nachklänge aus einer anderen heimatlichen Welt, durch das Paradiesgärtlein unsrer Kindheit ziehen“ und an denen sich alle poetischen Menschen später erkennen (310). Das bewegt Florio so sehr, dass er vorausreitet und Gott in einem Lied für seine Befreiung dankt.
Nun erkennt er in dem Knaben Bianka, bemerkt ihre Schönheit und gesteht ihr, er sei wie neu geboren und möchte nie mehr von ihr scheiden. Sie sieht „wie ein heiteres Engelsbild auf dem tiefblauen Grunde des Morgenhimmels aus“ (312), die Lerchen schwirren, und die Glücklichen ziehen in das blühende Mailand hinunter.

Thematisch scheint mir wichtig,
1. dass die Frau Venus hier als Verführerin und Archetyp auftritt und die Liebe zur reinen Bianka zerstört; ihr siegreiches Gegenbild ist die Madonna, im Lied Fortuantos besungen; die gute Frau ist also in die mythische Madonna und die irdische Bianka aufgeteilt, während die bös-heidnische beide in der Venus vereint sind. Wieso Bianka eine gute Frau ist, wäre noch zu untersuchen. Den Frauen Bianka-Madonna und Venus sind die Männer Fortunato und Donati zugeordnet;
2. dass das Grausen Florios als gutes natürliches Gefühl ihn anleitet, den Todesmächten zu entfliehen; dem Grausen entsprechen die Todes- und Heidentumssignale, die von Donati und Venus ausgehen;
3. dass die Musik als Tanzmusik die in uns schlummernden Lieder erwecken kann (295), in Fortunato ihren Kunst-Meister und in Florio auch einen Sänger hat und dass Fortunatos frommes Lied den Zauber der Venus bricht und Florio in den Stand setzt zu beten;
4. dass die Mädchen und Frauen dem Mann Florio als Bilder erscheinen, wobei nicht nur das belebte Marmorbild gemeint ist, sondern auch das in der Imagination ruhende Bild der Geliebten und das Bild der Madonna, aber auch die vielen Gestalten auf den Festen: „Florio stand noch still geblendet, selber wie ein anmutiges Bild, zwischen den schönen schweifenden Bildern.“ (295) – so auf dem Fest, wo er die beiden Griechinnen sieht.

Frau von Steinsdorff hat kenntnisreich die Quellen von Eichendorffs Novelle dargestellt; eine ist der griechische Mythos von Pygmalion, der sich in eine Statue der Aphrodite verliebt, welche von der Göttin zum Leben erweckt wird (http://de.wikipedia.org/wiki/Pygmalion). Ferner gibt es die Tannhäuser-Sage von dem fahrenden Sänger, der sich in Elisabeth verliebte, aber von Klingsor in den Venusberg schicken ließ (http://www.elvenqueen.de/sagen/ge-tannhaeuser.htm).
Dann gibt es noch weitere Quellen Eichendorffs, die sich dem gelehrten Forschen erschließen – kann man bei von Steinsdorff nachlesen.

Hilfreiche Links:
http://www.referate10.com/referate/Literatur/1/Das-Marmorbild-reon.php
http://www.textmachina.uzh.ch/ds/documents/document2792.doc
http://www.unca.edu/postscript/postscript13/ps13.3.pdf
http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/eichendorff/marmorbild_heimboeckel.pdf
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Marmorbild
zur Epoche Romantik: http://www.lehrer-online.de/dyn/bin/294222-294235-1-projektbeschreibung_romantik2.pdf

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