Enzensberger: option auf ein grundstück – Analyse

Schon durch die konsequente Kleinschreibung aller Wörter deutet der Autor an, dass er etwas Neues will, etwas Revolutionäres. Was er will, macht sein Ich-Sprecher deutlich. Das Ich beginnt mit einer Frage: Warum war bei seiner Geburt der Wald (und damit alle Grundstücke) schon verteilt, waren die Rechte auf Land und Eigentum schon vergeben und festgeschrieben? (V. 1 f. – Damit greift Enzensberger ein Gedicht Brechts auf: Drei Paragraphen der Weimarer Verfassung, hier: Paragraph 115, Text: http://www.zum.de/Faecher/Materialien/jacob/mrlittexte.htm) Das Ich fragt also nach dem Grund der rechtlich gesicherten Ungleichheiten, denen man mit seiner Geburt unterliegt.
Darauf antwortet eine Stimme, deren Sprecher nicht benannt ist, die aber durch Kursivdruck ausgewiesen ist; die Stimme wehrt die kritische Frage ab, indem sie das Ich auf seine Wahlmöglichkeit hinweist: Affe oder Dompteur zu sein (V. 3 f.). Der Affe ist ein dressierter Affe und bekommt den Napf gefüllt, der Dompteur verfügt über ein Diktaphon und eine glitzernde Uniform. Es sind Gestalten aus dem Zirkus, was zunächst unverständlich ist. Erst von der letzten Aufforderung der Stimme wird diese Wahlmöglichkeit vielleicht klarer: „genüg deiner wahlpflicht.“ (V. 24) Nun gibt es in Deutschland keine Wahlpflicht, gab es auch 1957 bei der Veröffentlichung des Gedichtes nicht, sondern nur ein Wahlrecht; wenn dieses Wahlrecht nun Wahlpflicht genannt wird, wird es des Scheins, ein Recht zu sein, beraubt. Zugleich wird die in der ersten Äußerung angebotene Wahl auch entlarvt und wird als Pflicht, im Zirkus mitzuspielen, offenbar. Was in diesem Zirkus gespielt wird, wird in den folgenden Befehlen des Ichs deutlich.
Das Gedicht besteht aus sieben Strophen zu vier Versen; in der sprachlichen Form fallen im Wesentlichen viele Alliterationen (welt / wald, V. 1; setzen / segel, V. 18 usw.) und Gleichheit im Anlaut (diktaphon / dompteur, V. 4; kutscher / komponisten, V. 10 usw.) auf, dazu die Wiederholungen und Variation der Wünsche, des Wünschens. Von der zweiten Strophe an wird das Gespräch bzw. der Austausch zwischen dem Ich und der Stimme fortgesetzt, und zwar so, dass das Ich Wünsche äußert, denen die Stimme widerspricht bzw. welche sie zurückweist, indem sie Aufforderungen oder Befehle an das Ich richtet. Das geht so bis zur sechsten Strophe, wo die Stimme das Ich im Satz unterbricht (V. 22) und „schluss jetzt!“ ruft; in der letzten Strophe besteht das Ich jedoch auf dem Recht zu sprechen und zu wünschen, wobei es nur noch zweimal von der Stimme mit Schimpfwörtern unterbrochen wird (V. 25 ff.). Das Ich behauptet sich gegenüber der befehlenden Stimme.
Wenn man die Wünsche des Ichs überblickt, könnte man drei Listen anlegen: Was möchte das Ich tun? Und mit wem? Und wo? Es möchte in elementaren Tätigkeiten sein Leben vollziehen (sich besprechen, V. 6; rudern, V. 9; Schönes betrachten, V. 13; usw.), mit ganz verschiedenen Menschen (Ziegenhirten, Ballerinen, Korbmacher, V. 5 f. usw.), mit seinen Kindern und seinen Gästen (V. 17 ff.), dabei die ganze weite Welt von Norwegen bis Südamerika erleben (V. 9 und V. 14). Entsprechend kann man die Aufforderungen der Stimme katalogisieren: Das Ich soll sich der modernen Welt anpassen, die alte Kultur vergessen, Ruhm und Geld erwerben und die Jugend auf den Krieg vorbereiten, auch sich dem Diktat der Kontrolluhr unterwerfen und selber schießen (V. 7 ff.); dabei kommt jedoch der Genuss des Essens und Trinkens zu kurz (V. 15). Als das Ich nicht von seinen Wünschen ablässt, schlagen die Befehle in Drohungen um: „kreuzverhör, ratenzahlung, / gaskammer oder gehorsam“ (V. 23 f.). Hier wird also das Leben im Wirtschaftswunderland (Ratenzahlung) mit einer Unterdrückung, die an Hitlers Konzentrationslager erinnert (Gaskammer; vgl. „endsieg“, V. 19), und dem Funktionieren als BRD-Staatsbürger gleichgesetzt: „genüg deiner wahlpflicht.“ (V. 24) Gegen diese Wahlpflicht hat das Ich fortwährend seine Wahl gesetzt: seine Wünsche (wünsche, ziehe vor, es behagt mir, V. 5, 13, 9).
In der letzten Strophe setzt dann das Ich neu an und vollendet den Satz, in dem seine Wünsche zusammenfassend formuliert werden: Das Ich wünscht „mein leben sorgfältig auszulegen / wie eine sammlung von schönen kupferstichen / auf den kühlen fliesen im sommerhaus“ (V. 26-28). „auslegen“ heißt so viel wie entfalten, statt sich in die vorgestanzten Rollen des Wirtschaftswunders und des Militärisch-Industriellen Komplexes pressen zu lassen. Die schönen Kupferstiche, das sind die in den Strophen zuvor entfalteten Bilder des gelingenden Lebens. Der Ort dieser Auslegung (V. 26, doppelt: ausbreiten und entfalten) ist das Sommerhaus, wo es sich auf kühlen Fliesen aushalten lässt (V. 27 f.). Und vielleicht gilt diesem Sommerhaus ja auch die Option auf ein Grundstück, die den Titel des Gedichtes ausmacht und die zunächst nur in der Frage der 1. Strophe anklingt: als Wunsch, selber auch ein Stück Welt zu besitzen.

So schön die Option auf ein Grundstück auch ist – man könnte fragen, welche Leute in der Aufzählung fehlen und welche Tätigkeiten nicht erwähnt sind. „mit kutschern und komponisten“ (V. 10) möchte das Ich Calvados trinken; aber es fehlen die Krankenschwestern und Hausfrauen, die Rechtsanwälte und Fliesenleger. Erwähnt werden nur Repräsentanten der Kunst und des einfachen naturnahen Lebens, was auch für die gewünschten Tätigkeiten gilt. Planen, putzen, organisieren, kontrollieren, informieren, das alles ist des Teufels, scheint es. Man muss sich den einfachen Duktus der Kritik Enzensbergers bewusst machen: Auch mit Schriftstellern möchte das Ich nicht sprechen.
Als Gegengedicht könnte man Schillers Gedicht „Die Teilung der Erde“ heranziehen. Da ist die Welt bereits auf die einzelnen Berufe aufgeteilt, der Poet ist zu spät gekommen:
„Ach! da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn!“ (V. 15 f.)
Der Dichter hat über der Sehnsucht nach des Himmels Harmonie die Aufteilung der Welt verpasst; so tröstet Zeus ihn zum Schluss:
„Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll dir offen sein.“ (V. 31 f.)
Enzensbergers „Ich“ ist mit dem Himmel der Dichter nicht zufrieden; aber es spricht ja auch nicht als Poet, sondern als Bürger, freilich auf poetische Weise.

Wenn man „option auf ein grundstück“ (1957) verstanden hat, kann man in diesen Zusammenhang politischer Kritik auch die zeitgleichen Gedichte „Bildzeitung“ oder „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ einordnen (Analyse des zweiten Gedichts in bloghof.net/norberto42, dort unter „Gedichte“). Auch der Vergleich mit Brechts „Drei Paragraphen der Weimarer Verfassung“, mit dem Akzent auf „Paragraph 115“, wäre eine schöne Aufgabe.

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