Enzensberger: weiterung – Analyse

Dieses Gedicht, 1964 veröffentlicht, knüpft an Teil III von Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ an, und zwar an die erste und letzte Strophe dieses Teils; die beiden mittleren Strophen dieses Teils gelten dem, was „wir“ in der Zeit des Dritten Reichs erlebten und wussten. Dem steht eine doppelte Bitte an die Nachgeborenen gegenüber: unserer mit Nachsicht zu gedenken, weil „unsere“ Schwächen eben auch der finsteren Zeit geschuldet sind, in der „wir“ leben mussten (in der Flut – der braunen Flut, mit Assoziation an die Sintflut, Gen 9) und der die Nachgeborenen entronnen sein werden:
„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
in der wir untergegangen sind
gedenkt
wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
auch der finsteren Zeit
der ihr entronnen seid.
(…)
Ihr aber, wenn es so weit sein wird
dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
gedenkt unsrer
mit Nachsicht.“
An die beiden ersten und die beiden letzten Verse dieses Teils knüpft Enzensbergers Sprecher also direkt an; er kennt aber nur noch ein „wir“, kein „ihr“. Er fragt und stellt so die Zuversicht in Brechts Gedicht in Frage:
„wer soll da noch auftauchen aus der flut,
wenn wir darin untergehen?“ (V. 1 f.)
Zur Begründung dieser ersten Frage hält er lapidar fest:
„noch ein paar fortschritte,
und wir werden weitersehen.“ (V. 3 f.)
In dieser Begründung steckt die pauschale These: Jeder weitere Fortschritt ist in Wahrheit ein Schritt in den Abgrund; diese implizierte These wird aber nicht mehr begründet – sie kann auch nicht begründet werden, dazu ist sie zu pauschal, was man damals „kulturkritisch“ nannte und was im Letzten die Kulturkritik des 18. Jahrhunderts fortsetzt, nur eben ohne Begründung oder Theorie, einfach gefühlsmäßig Zustimmung heischend.
„wer soll da unsrer gedenken
mit nachsicht?“ (V. 5 f.)
Auch diese Frage stellt Die Brecht‘sche Bitte in Frage und provoziert die saloppe Antwort
„das wird sich finden…“ (V. 7 f.).
Die Formel „wenn es erst soweit [!] ist“ (V. 8, richtig: „so weit“) wird dann spielerisch im zweiten Teil des Gedichts, das aus sieben Zweizeilern und zwei Einzeilern besteht, aufgegriffen; es werden Formeln mit der Vokabel „weiter“ variiert, die in dem schnodderigen „weiter nichts“ (V. 13) münden und die den Titel „weiterung“ erklären – als sei es belanglos, dass die Nachgeborenen nicht gerettet werden. Aber wer ist der Sprecher oder wohin gehört der Sprecher, wenn er ungeniert so spricht? Vertritt er seine eigenen Meinung oder spricht er im Geist des von ihm angeklagten Fortschritts?
Im dritten Teil wird das „weiter nichts“ entfaltet:
„keine nachgeborenen
keine nachsicht“ (V. 15)
Mit diesen parallel gebauten Versen wird die Konsequenz dessen aufgezeigt, dass der Fortschritt keine Nachgeborenen mehr zulässt: Es wird keine Nachsicht mit uns geben, die wir dem Fortschritt verfallen waren und darin umgekommen sind; es gibt niemand mehr, der Nachsicht haben könnte. Das ist überaus kritisch gemeint, wird dann aber im letzten Vers scheinbar wieder heruntergespielt: „nichts weiter“ (V. 16). Aber diese harmlos Formel ist auch eine radikale Drohung: Dann kommt nichts mehr.
Aber, so würde ich fragen: Brauchen wir denn Nachsicht, wenn keine Nachgeborenen unsere Zeit und unser Handeln kritisch sehen werden?
Meine zweite Frage: Antwort der Sprecher (1964) mit seinem Zynismus nicht bloß auf unseren Zynismus, mit dem wir einfach „weiter so“ agieren?
Meine dritte Frage wäre, ob unsere Zeit schlimmer als die braune Flut ist – und in welcher Hinsicht? Und wie will man den Maßstab des Schlimmeren festlegen? Ein bisschen Argumentation könnte nicht schaden, finde ich; ohne eine solche wirkt das Gedicht Enzensbergers nur wie ein Spiel mit einem Gedicht Brechts, das dieser in wahrlich „finsteren Zeiten“ geschrieben hat

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