Gyllensten: Kains Memoiren

Am 23. September 2003 habe ich, wie man bei google findet, einen Artikel über Lars Gyllensten: „Kains Memoiren“ (Suhrkamp 1968) in meinem untergegangenen Blog 20six.norberto42 geschrieben. Ich habe zu diesem Buch, das ich 1970 zum ersten Mal gelesen (damals kostete ein Buch mit festem Einband in der Bibliothek Suhrkamp noch 6,80 DM) und später, als es trotz der geringen Auflage von 4000 nicht verkäuflich war und verscherbelt wurde, noch öfter zum Verschenken gekauft habe, eine eigenartige Beziehung – es war zu der Zeit meine Lektüre, als ich die für mich so erhellenden Bücher von Peter L. Berger („Einladung zur Soziologie“) und Felix Schottlaender („Die Mutter als Schicksal“) gelesen habe, die zu meiner intellektuellen und seelischen Befreiung beigetragen haben; in „Kains Memoiren“ mischen sich Beschreibungen vom ägyptischen Rand des Römischen Reichs und seines Untergangs mit Reflexionen des einarmigen Schreibers, mit den Gedanken der Kainiter und den Einsichten des Erzählers zu einem wild-bösen lebendigen Gemenge:
„So darf man im großen und ganzen wohl behaupten, daß reiche Menschen besser sind als arme – aus dem einfachen Grunde, weil niemand jemals auf die Idee gekommen wäre, überhaupt von besseren oder schlechteren Menschen zu sprechen, wenn er nicht Zeit hätte, über diese Frage nachzudenken, und zu diesem Zweck Worte wie ‚gut‘, ‚besser‘ und ‚würdiger‘ erfunden hätte – was zweifelsohne dazu beigetragen hat, eine bessere Ordnung und menschenwürdigere Daseinsverhältnisse zu schaffen. Im Zusammenhang mit solchen wichtigen Fragen über bessere und schlechtere Menschen – weil es einen gewissen Überschuß an Zeit und Vornehmheit erforderte, überhaupt auf das Wort ‚schlechter‘ und alle seine Synonyma zu kommen und gar Gelegenheit zu finden, sie auf Freunde, Bekannte und Fremde anzuwenden.“ [Statt „Worte“ müsste es m.E. „Wörter“ heißen; die Form „erfordere“ habe ich durch „erforderte“ ersetzt. N.T.]
Wenn man die alte Kirchengeschichte ein bisschen kennt, wird man von den Namen der Völkerschaften und Gruppierungen nicht verwirrt, – aber ein bisschen Verwirrung schadet nichts, weil das Buch einen in die richtige Richtung zur großen Gnosis weisen kann.
In meinem Exemplar von 1970 habe ich viel mit Kugelschreiber angestrichen – eine üble Angewohnheit damals, die ich inzwischen abgelegt habe; die Anstreichungen mögen für meine nicht existierenden Biografen von Wert sein. Aber ich besitze ein weiteres Exemplar, noch ganz sauber, und vielleicht, vielleicht verschenke ich es einmal; ich weiß nur noch nicht, wem.

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