Hebel: Die Bekehrung – zur Interpretation

(Text nach der Ausgabe in: Wohin mit der Religion? 1978, S. 10 f.)
1. Ich gehe vom Erzähler als der sprachlich handelnden Größe aus: Der Erzähler spricht auf zwei verschiedene Weisen: Er erzählt (Z. 1-37) und er reflektiert oder belehrt („Merke“, Z. 38 ff.). Es liegen also zwei unterschiedliche Teile vor.
Der Erzähler struktiert seine Erzählung zeitlich: In der Vorgeschichte berichtet er von dem Ur-Ereignis des Konfessionswechsels eines von zwei Brüdern, was zu Streit („taten sie sich alles Herzeleide an“, Z. 3) und Trennung der beiden (Z. 4) führt.
In dem dann mit recht unbestimmten Daten versehenen erzählten Geschehen (volkstümliches Erzählen) geht es um den Versuch des älteren Bruders, die Einheit der (theologisch) Zerstrittenen wieder herzustellen (sein Brief, Z. 5 ff.). In diesem Geschehen wird dem, was am Samstag geschehen ist, relativ (!) viel Zeit gewidmet, wodurch es hervorgehoben wird (Z. 15-28).
Die Erzählung wird durch einen Kommentar des auktorialen Erzählers unterbrochen: Da „ermahnte sie Gott, aber sie verstanden es nicht“ (Z. 22 f.). Zu fragen ist also: Wozu ermahnte sie Gott, und warum tat er das gerade an diesem Samstagabend?
Die Erzählung wird durch einen weiteren Kommentar beschlossen: Es „war nachher wieder wie vorher, höchstens ein wenig schlimmer“ (Z. 36 f.). Damit beurteilt der Erzähler, was der Leser ohnehin schon weiß: dass die Annäherung fehlgeschlagen ist. Da es zwischendurch anders war, wird man fragen müssen: Was war denn anders? Wodurch war eine Annäherung vorübergehend erreicht?
2. Wenn ich das erzählte Geschehen betrachte, kann ich die Figuren und ihre Beziehungen sowie ihre Handlungen (das Geschehen) untersuchen: Ich bestimme das Thema: Es sind Brüder, die teilweise den Befehlen ihres Vaters unterstehen. Hat das etwas zu bedeuten (im Kontext der Religion, nach Lessings Ringparabel 1781)?
3. Ich untersuche die Struktur des erzählten Geschehens: Es geht darum, dass der Urzustand („in Frieden und Liebe“, „miteinander“ leben) gestört wird; das Geschehen ist der Versuch, diesen Urzustand wieder herzustellen; der Versuch scheitert letztlich.
Phasen des Geschehens nach Eintritt der Störung:
* Annäherung durch einen Brief („schrieb“, Z. 5), aber noch kein Miteinander (sich beschimpfen, sich auf seine theologischen Vordenker berufen, Z. 10-15);
* starke Annäherung im Menschlichen: mit dem Bruder essen, mit dem Bruder gehen (Anerkennung der Qualität des kathol. Fischs und evangel. Gesangs);
[Damit wird auch klar, wozu Gott sie gerade am Samstag ermahnte.]
* Trennung dadurch, dass „jeder für sich“ weiter über die theologische Theorie nachdenkt (Z. 28 ff.). „Brief“ hier: ein Symbol der Trennung (Buchstaben, Theorie).
4. In der abschließenden Belehrung (Ist die Formel „Du sollst nicht…“ bedeutsam?) finde ich den Gegensatz: grübeln und düfteln, mit Andersdenkenden disputieren (als falsch) vs. deines Glaubens leben, das Gerade nicht krumm machen (unbestimmte Metapher: Was bedeutet sie?) [Vgl. dazu die Ausnahmegenehmigung Z. 43 f.].
5. Mir fallen paradoxe Wendungen auf: Z. 6 f. (in mehrere oder keinen Himmel kommen); Z. 31 f. (recht – nimmer unter die Augen kommen) Z. 36 f. (gleich schlimm, höchstens schlimmer); Z. 39 ff. (nicht – am wenigsten – noch weniger); sie verraten eine Distanz des Erzählers vom buchstäblichen Belehren.

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