Heym: Der Krieg – Analyse

Unsere Arbeit an diesem Gedicht steht in folgenden Zusammenhängen:
1. Lyrik des Expressionismus kennen lernen (als Beispiel dafür, wie sich in der Literatur die Krise der bürgerlichen Welt um 1900 zeigt);
2. die Methode der Gedichtanalyse reflektieren und einüben;
3. sich wissenschaftlich mit einem Problem („Wie ist Heyms Gedicht zu verstehen?“) befassen: seine Aussagen belegen, sich mit der Fach-iteratur auseinander setzen.
Ich biete euch zwei Möglichkeiten an: Entweder schreibt ihr in Kenntnis der vorliegenden Literatur eine neue Analyse, oder ihr setzt euch mit der Interpretation Antonia Schmitts auseinander.
Für den zweiten Fall ergibt sich als erster Teil der Aufgabe, die Interpretation Antonia Schmitts kurz vorzustellen (in ihren methodischen Annahmen und/oder in inhaltlichen „Thesen“, evtl. in einer Miniskizze ihres Gedankengangs – nicht in einer „Nacherzählung“!).
Man kann einmal die innere Logik vom Schmitts Interpretation prüfen (ob z.B. eine „Warnung“ vor dem Krieg mit dem Verständnis des Krieges als mythische Größe oder gar als Strafgericht sich verträgt), danach auch in der Auseinandersetzung mit ihr die entscheidenden methodischen Fragen erörtern und am Beispiel beantworten:
* Ist der Autor und seine Intention, der Sprecher und sein sprachliches Handeln oder „der Krieg“ (als inhaltlich dominierende Größe) der letzte Bezugspunkt meines Verstehens?
* Sind die Äußerungen des Sprechers vorgreifend vom Ersten Weltkrieg her oder allgemein von Kriegs- und Unglücksmetaphern und -erfahrungen her zu verstehen?
Liegen also in den „Bildern“ und ihren Farben „bloße“ Bilder oder Bilder eines konkreten Geschehens vor? Das bedeutet für die letzte Strophe: Ist die Anspielung auf Gomorrah religiös gemeint?
* Wie passen die Bilder zusammen?
* Was bedeutet es, dass „der Krieg“ wie eine Person (und als was für eine) auftritt?
* Was tragen Satzbau, Rhythmus, Reime zum Verständnis bei?
* Was tragen rhetorische Mittel (wie Wiederholung usw.) zum Verständnis bei?
* Wie ist das Gedicht aufgebaut, und was trägt die Kenntnis des Aufbaus zum Verständnis bei?
* Wie unterscheidet sich das Verständnis von 1912 möglicherweise von dem von 1920 oder 1947 oder 2003? Hat ein Verständnis Vorrang? Und ergibt sich aus dieser Frage eine Antwort auf die erste methodische Frage? [Wie hängen diese Fragen alle überhaupt zusammen?]
* Bei sorgfältiger Lektüre merkt man, dass es zwei Versionen des Textes gibt: Haben wir die Möglichkeit, den „richtigen“ Text zu bestimmen?
Mein Tipp: „Habt Freude an der Arbeit!“

Heym: „Der Krieg“ – Aufbau
Das Gedicht ist nicht in 11 Strophen aufgebaut – das ist seine Form.
Beim Aufbau muss man andere Aspekte beachten; in diesem Gedicht sind es verschiedene Aspekte, die herangezogen werden können:
1. die Tageszeit, in der das berichtete Geschehen sich abspielt:
Dämmerung (Str. 1) – Abend (Str. 2-4) – Nacht (ab Str. 5);
2. die Aktivitäten des Krieges, von denen berichtet wird:
Er ist aufgestanden (Str. 1) – Das (oder das Zerdrücken des Mondes?) hat Folgen, die unter das Subjekt „es“ gefasst werden (Str. 2 f.) –
Der Krieg beginnt zu handeln: zu tanzen (Str. 4), auszutreten (Str. 5), über der Mauer stehen (Str. 6), das Feuer jagen (Str. 7) usw.
3. die Farben und ihre Dominanz, nach der Schilderung des Sprechers: Schwarz mit Dämmerung, Dunkel, Nacht (Str. 1-7); Rot für das Feuer (Str. 7 ff.); Blau (Str. 6 – das ist aber gegenüber der Fassung in 10 Strophen keine Verbesserung, finde ich); Gelb (Str. 9 f.); Str. 11: Dunkel / Brand / Pech / Feuer, also Rot / Schwarz;
4. nach der Hitze des Geschehens: Frost und Eis /(Str. 2 f.); Feuer und Hitze (ab Str. 6); Kälte und Hitze zusammen (Str. 11);
5. nach dem Grad des Wissens der Menschen (bis Str. 3 – ab Str. 4);
6. nach dem Grad der Mächtigkeit des Krieges (so Saskia), die berichtet wird: Str. 1-3; Str. 4-9; Str. 10 f.).
Es kommt darauf an, Aspekte des Sprechens oder des berichteten Geschehens zu finden, bei denen man eine Veränderung feststellen kann.
Hinweise auf die Selbstzerstörung des Menschen, die seit dem 19. Jh. bekannt ist:
1. Prüfe, inwiefern „die Romantik“ mit ihren utopischen Gegenentwürfen auf der Einsicht beruht, dass etwas kaputt gegangen ist.
2. Bei Martini (Die deutsche Lyrik, II, S. 425 ff.) gibt es eine Reihe von Hinweisen, welche ein Verständnis des Gedichts in einem größeren Kontext vorschlagen:
a) im Rahmen des von Nietzsche erkannten Nihilismus, den man aus der Parabel vom tollen Menschen („Gott ist tot.“) kennen sollte; zum tieferen Verständnis sollte man den Anfang von „Der Wille zur Macht“ kennen. Dass auch heute krampfhaft neue „Werte“ gesucht werden, obwohl man eigentlich weiß, dass sie nicht existieren, zeigen die Container in Köln, das verlogene und gedopte Heldentum der Tour, die Versuche des Star-search usw.
b) der Versuch, diese Leere und das Sein zum Tod (Heidegger) durch eigene Entschiedenheit zu überwinden: der italienische Futurismus; M. Heidegger in den 20-er Jahren; Carl Schmitt: Freund und Feind als die politischen Grundkategorien; der Nationalsozialismus (wie der italienische Faschismus) als Idee eines entschiedenen Lebens und Gehorchens: dem Führer folgen, sein Leben verschwenden…
In diesen Kontexten kann „der Krieg“ als mythische Größe gelten, die mit allem „Vordergründigen“ aufräumt. Mythisch ist diese Größe, wenn der Krieg zwar von Menschen gemacht wird, aber dem Willen und Eingreifen des Einzelnen entzogen ist und eine Eigendynamik entfaltet, wie wir sie aus der Geschichte (Globalisierung) oder aus den Institutionen kennen, die ja – von Menschen gemacht – ein Eigenleben führen.

Heyms Gedicht „Der Krieg“ existiert in mindestens zwei Versionen; neben der „normalen“ (elf Strophen) gibt es ein Fassung in zehn Strophen, etwa in van Rinsum: Interpretationen. Lyrik, 1986, S. 240 f.
Dieser Text weicht auch sonst gelegentlich von der anderen Fassung ab. Frage: Woher kommt der zehnstrophige Text? van Rinsum geben keine Quelle an, nennen nur den Nachlassband „Umbra vitae“, 1912.

Vielleicht ist es hilfreich, parallel zum Gedicht Bilder Ludwig Weidners anszuschauen.

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