Heym: Die Tote im Wasser – Analyse

DIE TOTE IM WASSER

Die Masten ragen an dem grauen Wall
Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,
So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot
Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.

Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut,        5
Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt
Wie eine weiße Haut im Strom und reibt
Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.

Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,
So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.             10
Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz
Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.

Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht
Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.
Die toten Augen starren groß und blind                15
Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.

Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.
– Der Wasserratten Fährte, die bemannen
Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,
Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.           20

Die Tote segelt froh hinaus, gerissen
Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt
Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.
Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.

Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun                25
Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,
Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,
Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.
(August 1910)

Zum Verständnis des Gedichts
Hinweise zum Verständnis des Gedichtes findet man unter folgenden Adressen:
http://www.erlangerliste.de/express/expres3.html
virtuelleschuledeutsch.at/literatur3/ ex_verfall_vtfg.htm
www.schinka.de/d11-heym-u-ophelia.php3
Zu solchen Adressen kommt man über google usw. unter „Georg Heym: Die Tote im Wasser.“ Mit den Adressen findet man also Material, aber noch nicht den Weg zum Verständnis des Gedichtes.
Einen für normale Leser komplizierten Weg bekommt man beim ausgezeichneten link der uni-erlangen gebahnt, den Weg über die Geschichte des Wasserleichen-Motivs; das ist ein Weg für fortgeschrittene Leser. Welchen Weg kann der einfache Leser einschlagen, der wenig von Heym kennt und noch weniger von der Geschichte des genannten Motivs?
Spontan lässt man sich wohl von dem leiten, was man beim Lesen eines Gedichtes empfindet, was einem dazu einfällt. Damit man bei diesem Versuch nicht ins Spinnen verfällt – aber warum darf man nicht spinnen? -, sollte man das eigene Verständnis „am Text“ überprüfen. Wie aber macht man das?
Mein Vorschlag beruht auf der Einsicht, dass Gedichte zu den fiktionalen Texten gehören; das heißt, der Autor legt sie einem gedachten Sprecher in den Mund, der nicht mit ihm selber identisch ist. Für Heyms Gedicht heißt das: Der Autor kann das Gedicht über mehrere Tage an seinem Schreibtisch geschrieben haben; aber der fiktive Sprecher steht im Hafen und nimmt in der Morgenfrühe einen Vorgang wahr, der vielleicht dreißig Minuten dauert. Mein Vorschlag lautet: Wir sollten uns zunächst an diesen Sprecher halten und zu verstehen suchen, was er wahrnimmt und wie er spricht: wie er also das sagt, was er wahrnimmt. Erst später, wenn man diesem Sprecher zugehört hat, seine Äußerung auch laut nachzuvollziehen versucht hat, kann man sich auch mit der Arbeit des Dichters und der Geschichte des Motivs befassen.

In einer Kurzfassung kann man festhalten, dass der Sprecher einen Hafen in der Dunkelheit als einen Ort des Verfalls, des Todes wahrnimmt, wohin der Abfall einer Stadt durch die Kanalisation geleitet wird; nur die wiederkehrende Flut belebt ein wenig das Wasser. In diesen Schmutz hinein wird eine Frauenleiche geschwemmt, als Teil des Abfalls der Stadt, mit fett glänzendem Hals, bleiweißem Gesicht, in einem Tanzkleid. Im Wind erscheint dieses „wie ein weißes Schiff“; vergeblich starrt sie zum Himmel und den gerade rosa leuchtenden Wolken – Himmel und Licht erreichen sie nicht.
Bewegung kommt in das Geschehen durch eine Schar Ratten, welche das genannte Schiff bemannen – ein zweideutiger Vorgang, das das „Schiff“ eine Frauenleiche ist. Sie verdecken das Weiß des Kleides und machen die Leiche damit zu einem auch farblich angepassten Teil des Hafens; der Wind zerrt an der Leiche, die Ratten fressen sich voll; ihr Nagen scheint der Sprecher als ein Dröhnen zu hören – zum Rattenschiff und -fraß ist die Frau geworden. Als sie ins Meer treibt, salutiert Neptun; er begrüßt einen neuen Untertan seines Wrack-Reiches, in das die Leichenreste sinken. Letzte „Ruhe“ finden sie im Arm feister Kraken; man könnte sich andere Ruheplätze für junge Frauen denken.
Sprachliche Feinheiten habe ich hier nicht berücksichtigt, etwa die sinntragenden Reime V. 9/12: Abfall in dicker Schicht / weiß das Leichengesicht; oder V. 10/11: Kot aus den Röhren ganz / Hals in fettem Glanz. Nicht berücksichtigt habe ich die Einführung der Metapher „Schiff“ über den Vergleich in V. 13 f., nicht berücktigt die Synkopen „dumpf“ (V. 5) und „Staub“ (V. 9). Die Fokussierung des Blicks vom Hafen auf das erscheinende Stück Weiß, Alliterationen und Enjambements, all das kann man der Wahrnehmung zuordnen, wie eine Leiche als Teil des Abfalls zum bloßen Objekt von Wind und Ratten wird, wie sie aus der Menschenwelt heraus in eine Tiergemeinschaft gestoßen wird, zuletzt ein Nichts in der tiefen See, dem der Himmel verschlossen bleibt und keine ewige Ruhe im religiösen Sinn geschenkt wird.
Wenn es richtig ist, vom (fiktiven) Sprecher und seinem sprachlichen Handeln auszugehen, ergibt sich, dass bestimmte Verfahren deplatziert sind:
1. Verfehlt ist, von der Verwendung einzelner Worte auszugehen, ob man sie nun Signalwörter nennt oder nicht. So ist es unsinnig, in der Farbe Rosa einen „Kontrast“ zum Dunkel des Anfangs zu sehen und deshalb zu meinen, mit der Leiche tauche eine „positive“ Größe auf; hier muss man die ganze Äußerung beachten: Die Leiche starrt vergeblich „zum Himmel, der voll rosa Wolken steht“ (V. 16). Dieser rosa Himmel (was immer er sein mag) bleibt der Leiche gerade verschlossen!
Das gilt ebenso für die Wendung „im Arm… auszuruhn“ (V. 28), wobei manche an den Arm einer Mutter denken; im Text steht, die junge Frau ruhe im Arm der feisten Kraken aus – das ist sicher nicht der ideale Ruheplatz für junge Frauen.
2. Verfehlt ist die Annahme, der Sprecher verwende Farben und wolle dadurch Stimmungen erzeugen. Richtig ist, dass der Sprecher etwas sieht und hört; der Hafen  liegt also in einer Atmosphäre des Verfalls und des Todes – der Sprecher nimmt  nur eine Situation wahr; er empfindet selbst die Stimmung dieser Situation, will aber nicht beim Hörer (ebenso eine fiktionale Größe!) und erst recht nicht beim Leser eine Stimmung erzeugen – der Leser steht dem Autor gegenüber, nur der wählt vielleicht bestimmte Wörter aus; aber der Autor ist nicht der Sprecher!
3. Sinnlos ist es, mit dem Sprecher über das zu streiten, was er wahrnimmt, also ob das Wasser tot sein kann oder nicht oder ob tote Augen starren können (V. 15 f.); wenn der Sprecher das sagt, können wir allenfalls zu verstehen suchen, was er damit meint. Dabei muss man genau lesen: Das Wasser stiert tot zu den Speichern (V. 3 f.); hier könnte das Wasser „tot“ sein (was hieße das?) oder das Stieren (was hieße das?). Was heißt: Blinde große Augen starren zu einem Himmel voll rosa Wolken?
Genau lesen muss man: Nicht das Tanzkleid ist „in fettem Glanz“, sondern der Hals; „weiß“ ist nicht dasselbe wie „bleiweiß“ – bleiweiß erinnert an das Blei als Gift ; das weißt du nicht? Ja, dann schau im Lexikon nach. Nicht die Leiche wird mit einem Schiff verglichen, auch nicht das Kleid, sondern  der Vorgang, wie das Kleid sich im Wind aufbläht (V. 13 f.). Erst recht wird hier nicht die Leiche zum Schiff!
4. Wir dürfen nicht Opfer unserer eigenen Verstehenstechniken werden: Wenn  w i r  etwa V. 1-10 als „ersten Teil“ abtrennen, dürfen wir nicht vergessen, dass das Gedicht eine Einheit ist. Sicher beschreibt der Sprecher zuerst die Umgebung als einen Platz des Todes und des Kotes – aber an diesen Platz wird die Leiche geschwemmt; damit zählt sie genauso zum Abfall der Stadt wie Obst und Papier. Der Sprecher schaut also auf den Hafen, da fällt sein Blick auf etwas Weißes, das dahinein gespült wird. Dieser Vorgang bekommt eine Bedeutung, weil er auf die Wahrnehmung des Hafens folgt!
Wenn man das Gedicht vom Sprecher aus verstanden hat, also gewissermaßen textimmanent: vom Sprechen des textimmanenten Sprechers aus, kann man sich der Frage zuwenden, wie Georg Heym Gedichte und auch dieses bestimmte gemacht hat: wie er Farben verwendet, Kontraste einsetzt, das Thema „Stadt“ behandelt usw.

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Simone Kindler, Ophelia – Der Wandel vom Frauenbild und Bildmotiv, Berlin: Reimer Verlag, 2004, ISBN 3-496-01316-8, 255 Seiten, 49 Euro

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Ein weißes Schiff – ein Motiv (zu Heym: Die Tote im Wasser)
Ein weißes Schiff fährt aufs offene Meer hinaus – was verbinden wir mit diesem Bild? Wenn man google, die ersten 20 Nennungen zu „weißes Schiff“ untersucht, dominiert Freddy Quinns alter Schlager das Bild vom weißen Schiff mit dem Refrain: „Fährt ein weißes Schiff nach Honkong, hab‘ ich Sehnsucht nach der Ferne…“ Ähnlich wirbt die Insel Usedom um einen Besuch: Man kann im Sand Platz nehmen, „um für eine kleine Ewigkeit aufs Meer zu schauen und zu sehen, wie der Horizont ein weißes Schiff verschluckt. Ist es nicht schön?“
Ein anderer Aspekt, der Abschied, zeigt sich in einem Lied von Nena:
„Da war ein Schiff, ein weißes Schiff
Das fuhr hinaus zum Horizont
Nur dieses Schiff war da (…)
Ich weiß nur daß
Darauf die warn
Die noch immer von mir gehn…“
Als letzten Beleg für das abfahrende weiße Schiff habe ich eine Stelle aus Tolkien: Der Herr der Ringe, gefunden: „Wer wird ein weißes Schiff sehen, wie es den letzten Strand verläßt; mit weißen Gestalten in seinem kalten Leib, die klagen wie die Möwen?“ Das ist „die letzte Arche“, die in den Untergang fährt.
Einmal gibt es das ankommende Schiff. In Alexander Grins Buch „Purpursegel“ (1923) verkündet ein Märchenerzähler dem Mädchen Assol: »Ein weißes Schiff unter riesigen, leuchtenden Purpursegeln wird die Wellen durchschneiden und geradewegs auf dich zukommen.« An Bord sei ein Prinz, der sie durch seine große Liebe aus ihrem bescheidenen Leben erlöse.
Das sind Belege aus dem Jahr 2007; sie zeigen, was „wir“ mit dem Bild vom weißen Schiff verbinden: dominierend die glückliche Ausfahrt, aber einmal auch die Ausfahrt des Totenschiffs. Das muss man bedenken, wenn man in Heyms Gedicht das Bild vom weißen Schiff findet: Das Kleid (mit der Leiche darin) wird „wie ein weißes Schiff“ (V. 14) bemannt (V. 19 f.), seine Segel blähen sich im Wind (V. 13 f.); es treibt stolz davon (V. 19): „Die Tote segelt froh hinaus…“ (V. 21), jedoch zerfressen von den Ratten, in die Tiefe sinkend, um dort wie ein Braut „im Arm der feisten Kraken auszuruhn“ (V. 28). Das alles wird von der Leiche gesagt, die im Müll und Kot der Stadtnacht herangeschwemmt wird, als der neue Morgen kommt. Die Leiche im Müll als weißes Schiff, ausgespuckt von der Stadtnacht, das ist die große Hoffnung: Nahrung der Ratten, Braut der feisten Kraken.
Das Bild vom weißen Schiff und die Bemerkung, es treibe stolz von dannen (V. 19) bzw. die Tote segele froh hinaus (V. 21), stehen im Widerspruch zu dem traurigen Ende einer jungen Frau, die zum Tanz gegangen war. Man kann diese Spannung als eine objektive Ironie verstehen: dass der Sprecher das also einfach so wahrnimmt; man könnte auch einen Zynismus oder eine subjektive Ironie des Sprechers erkennen wollen. Dieser zynische Stil (zynische Betrachtung der Welt) ist typisch für expressionistische Gedichte.

2 thoughts on “Heym: Die Tote im Wasser – Analyse

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